Wenn Geld alles und das Resultat nichts ist

Schweizer Hochschulen und Bildungsfunktionäre schlagen Alarm. Die Turbulenzen mit der EU würden Forschungssubventionen und Universitäten bedrohen. Ist der Aufschrei gerechtfertigt? Und was bringen die hoch dotierten Forschungsprograme der Europäischen Union wirklich?

Die Politik gefährdet den Forschungsplatz Schweiz – das ist seit Monaten der Tenor, wenn sich Hochschulvertreter oder Wissenschaftler zu den Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU zu Wort melden. Die zwei Schulpräsidenten Joël Mesot von der ETH Zürich und Martin Vetterli von der ETH Lausanne wandten sich vorige Woche zusammen mit Gian-Luca Bona, dem Direktor der zur ETH-Gruppe gehörenden Empa, warnend ans Publikum: Ein Nein zum Rahmenvertrag mit der EU könnte dem Forschungs- und Bildungsstandort Schweiz schaden. Ähnliche Appelle gab es schon von vielen Forschern, Innovationsmanagern und Hochschullehrern. Michael Hengartner etwa, Rektor der Universität Zürich, ruft als Präsident der Organisation Swissuniversities auch im Namen der Gesamtheit der Schweizer Hochschulen nach ungehindertem Zugang zu den europäischen Programmen.

Im vergangenen Jahr war ihnen die Selbstbestimmungsinitiative ein Dorn im Auge, heute dominiert die Befürchtung, die hiesigen Schulen, Institute und Unternehmen könnten künftig teilweise aus der europäischen Forschungskooperation ausgeschlossen werden, sollte das Rahmenabkommen Schweiz–EU nicht zustande kommen. An der ETH Zürich etwa gelten gegen 5000 Forschungsprojekte als abhängig von der Kooperation mit der EU, und eine anhaltende Unsicherheit sieht man als Gift für den Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz.

Was ist davon zu halten? Die europäische Forschungszusammenarbeit wird zwar nicht in den bilateralen Verträgen EU–Schweiz der ersten Serie geregelt, die vom Rahmenvertrag direkt betroffen sind und durch ein Nein eventuell gefährdet wären. Aber es ist ja schon passiert, dass verärgerte EU-Kommissare rasch mal quer über den Tisch schlugen und Vergeltung übten. Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 verbannten sie die Schweiz kurzerhand von einem Teil des achten EU-Forschungsrahmenprogramms «Horizon 2020», das von 2014 bis 2020 läuft und aus Sicht des Bundes «das derzeit grösste Forschungs- und Innovationsförderungsinstrument der Welt» ist. Die EU öffnete die Tür erst Anfang 2017 wieder vollständig, als klar wurde, dass die Umsetzung der Initiative so schwach ist, dass sie die Personenfreizügigkeit nicht einschränkt.

Es geht um rund 80 Milliarden Euro

Wieder salonfähig geworden, suchen die Schweizer nun bis 2020 den Rückstand im Hereinholen von Aufträgen und Geld so weit als möglich wettzumachen. Es geht bei «Horizon 2020» um ein Gesamtvolumen von rund 80 Milliarden Euro, und die Schweiz möchte sich ein Stück von gut 3 Prozent davon abschneiden. Unter dem Titel «Wissenschaftsexzellenz» (24,4 Milliarden Euro) soll das Rahmenprogramm die Grundlagen- und Pionierforschung stärken, wozu auch die prestigeträchtige individuelle Personenförderung ERC mit hochdotierten Stipendien zählt. Es ist fast so etwas wie ein Orden, wenn Assistenzprofessoren sagen können, sie hätten das ERC-Label, also Geld von Brüssel.

Der zweite Schwerpunkt (17 Milliarden Euro) gilt Investitionen in Forschung und Entwicklung, um eine «führende Industrie» auf die Beine zu stellen, und spricht damit Unternehmen an. Der dritte Teil (29,7 Milliarden Euro) soll gesellschaftliche und politische Prioritäten der Strategie «Europa 2020» unterstützen, etwa Gesundheit, Ernährung, Landwirtschaft, Fischerei, Energie, Verkehr, Umwelt inklusive Klimaschutz oder die Förderung «integrativer Gesellschaften» – da eröffnet sich ein grosses Spielfeld für die Politik. Von den gegen 100 000 Projektbeteiligungen entfallen je rund 12 Prozent auf Deutschland und Grossbritannien. Die Schweiz ist unter den assoziierten Ländern jenes mit den meisten Projektbeteiligungen, vor Norwegen und Israel.

Um noch mehr Geld geht es bald einmal im neunten Rahmenprogramm «Horizon Europe», rund 100 Milliarden Euro sollen zwischen 2021 und 2027 für Forschung und Innovation verteilt werden. Also, dranbleiben, nichts verpassen, sagen sich Schweizer Forschungsverwalter, aber sie müssen zittern um ihre künftige Stellung. Zurzeit sind die zugehörigen Gesetze in der EU noch nicht klar, da der Austritt der Wissenssupermacht Grossbritannien irgendwie bewältigt werden muss. Laut Angaben der Bundesverwaltung sind die Möglichkeiten der Schweiz im Moment schwierig abschätzbar. Es kann sein, dass das Gewicht des Landes nicht mehr am Bruttoinlandprodukt bemessen wird wie bisher, sondern geringer ausfallen wird. Es kann auch sein, dass die Schweiz zusammen mit Grossbritannien in eine weniger günstig gestellte Kategorie mit schlechteren Zugangsmöglichkeiten eingeteilt wird.

Sollte der Zugang zu den EU-Programmen enger werden – verlöre die Schweiz damit einen Teil ihrer Existenzgrundlage? Nein, bei nüchternem Abwägen muss man sagen: Daraus ergäbe sich für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort auch die Chance zur Stärkung der Innovationskraft und Konkurrenzfähigkeit, weil das Land dann nicht einfach dem gleichen Weg folgt, den die anderen gehen.

Wie fahrlässig, werden viele einwenden, gerade durchs Mitmachen werde man stark, hart genug habe man ja seinerzeit um den Zugang zum EU-Forschungsraum gekämpft. Das erste Rahmenprogramm der damaligen EG begann 1984. Die Schweiz schloss 1986 ein Rahmenabkommen über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit ab, was ab 1987 Hochschulen und Unternehmen die Teilnahme an Projekten der Forschungsrahmenprogramme ermöglichte. 2004 erfolgte die Assoziierung der Schweiz an das System, und seither hat das Land mehr Geld aus den EU-Fördertöpfen geholt, als es hineingegeben hat. Netto flossen also mehr Förderbeiträge an Projekte in die Schweiz, als der Bund Pflichtbeiträge an die EU bezahlte. Im sechsten Rahmenprogramm (2003–2006, Gesamtvolumen knapp 18 Milliarden Euro) holte die Schweiz bei Pflichtbeiträgen von 775 Millionen Franken ein Plus von knapp 20 Millionen heraus. Im siebten Rahmenprogramm (2007–2013, Gesamtvolumen gut 50 Milliarden Euro) machte man bei Bundesbeiträgen von knapp 2,5 Milliarden Franken einen «Gewinn» von gut 230 Millionen Franken. Und hätte im laufenden Programm «Horizon 2020» der zweijährige Halbausschluss 2014 bis 2016 nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht, sähe diese ähnlich lukrativ aus.

Die Fähigkeit, möglichst viele Fördergelder aus dem zentralen Topf zu holen, gilt als Zeichen der Stärke, dafür gibt es in der Sprache der Forschungspolitiker sogar eine spezielle Messgrösse: den Wettbewerbsfähigkeits-Indikator (WFI). Dieser gibt Auskunft «über die Fähigkeit der Forschenden eines Landes, kompetitiv vergebene Forschungsmittel zugesprochen zu erhalten». In der Bundesverwaltung ist man zuversichtlich, bis 2020 auf einen hohen WFI-Stand zu kommen. Was läuft da für ein Spiel ab? Wenn Wettbewerbsfähigkeit darin besteht, möglichst viele Fördergelder anzuziehen, wenn der Input bereits als Erfolg zählt, dann ist man im Reich der Bürokratie angekommen. Das ist offenbar die Realität in der Forschungs- und Innovationspolitik. Tatsächlich wird in den europäischen Programmen – auch in den ähnlich gelagerten Nationalfondsprogrammen der Schweiz – kaum untersucht, was am Schluss herauskommt. In Evaluationen schaut man nicht gross auf Resultate in Form von neuen Produkten, neuen Verfahren und Erkenntnissen oder gesparten Kosten und Ressourcen.

Beliebter sind Verheissungen nach dem Muster, «Horizon Europe» werde das Bruttoinlandprodukt jährlich um 0,08 bis 0,19 Prozent erhöhen und bis zu 100 000 Arbeitsplätze schaffen – das ist schwierig überprüfbar. Immerhin sticht aber doch ins Auge, dass nach gut dreissig Jahren europäischer Forschungskoordination immer noch die amerikanischen und britischen Spitzenuniversitäten die kontinentaleuropäischen Hochschulen auf Weltranglisten in den Schatten stellen – mit Ausnahme der ETH, die sich meistens unter den Top Ten hält.

Die Verfechter der Fördersysteme beteuern, ihre ausgeklügelten Verfahren und Kontrollen seien ja gerade auf das Vorstossen an die Spitze ausgerichtet. Hoch seien die Ansprüche an die Antragsteller, an die Gutachter und an die Rechenschaftsablage. Aber genau das macht das europäische System so schwerfällig und unflexibel, dass der Geist des Forschens, der Antrieb zur Suche nach Neuem, zu einem guten Teil verlorengeht. Viel Energie und Zeit werden darauf verwendet, den Geldgebern zu gefallen. Universitäten beschäftigen Spezialisten, um Fördermöglichkeiten maximal auszunützen, unzählige junge Wissenschaftler in den Instituten verschwenden wesentliche Teile ihrer Zeit auf die Forschungsbürokratie und das Formulieren von Anträgen. Wenn ein Projekt zwanzig Bewerbungen anzieht, machen neunzehn Interessenten ihre Arbeit vergebens.

Ausserhalb der Komfortzone

Das sei ja gerade die Stärke der Programme, dass jeweils die Besten zum Zuge kämen, halten die Forschungsfunktionäre dagegen. Aber das Problem geht viel tiefer: Ein geschlossener Kreis von Wissenschaftlern, Verwaltungsleuten und Politikern vereinbart kartellmässig unter sich, was unter guter Wissenschaft und förderungswürdiger Forschung und Innovation zu verstehen ist. Das vom Staat kommende Geld wird dann entsprechend verteilt. Das Programm «Horizon 2020» ist eine 80-Milliarden-Veranstaltung, die von der geförderten Branche selber verwaltet und durch die Politik und zunehmend durch Nichtregierungsorganisationen begleitet wird.

Hoheitliche Kommissionen entscheiden über die inhaltliche Ausrichtung der Programme, planen und steuern die Entwicklung von Forschung und Innovation. Projektanträge müssen ins Planungsraster passen. «Horizon 2020» und noch ausgeprägter das Nachfolgeprogramm «Horizon Europe» sollen laut EU dazu beitragen, «die Ziele Europas» zu verwirklichen. Und mit Blick auf Industrie und gesellschaftliche Herausforderungen hält sie fest, sie werde «verstärkt einen Top-down-Ansatz verfolgen», was mehr zentrale Planung bedeuten wird.

Sollte die Schweiz künftig abseits stehen, erhielte sie mehr Freiheit und die Chance, dass gute Forschungsteams eher neue Fragen, neue Ideen und neue Gebiete suchen und auch mehr Risiken und Unklarheiten in Kauf nehmen können – wie die Kollegen in den USA und in Grossbritannien. Häufig genug wird ja daran erinnert, dass grosse Erfindungen oft ausserhalb der Komfortzone, auf vermeintlichen Nebenschauplätzen entstanden sind. Die Schweizer Nobelpreisträger der jüngeren Zeit, etwa Heinrich Rohrer (1986), Karl Alexander Müller (1987), Richard Ernst (1991), Rolf Zinkernagel (1996), Kurt Wüthrich (2002) oder Jacques Dubochet (2017) waren eigenwillig unterwegs, nicht international gesteuert.

Mehr Eigenständigkeit kann sich doppelt lohnen. Würden die Schweizer Mittel, die heute über Brüssel fliessen, direkt eigenen Forschungseinrichtungen zugute kommen, könnte man bürokratischen Aufwand sparen und Eigenständigkeit gewinnen. Internationale Kooperationen sind auch so möglich, flexibler und vielleicht mit mehr Einfluss von Quer- und Vordenkern, wie sich das viele für den Forschungsplatz wünschen.

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Von Rico Bandle
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Kommentare

Markus Dancer

18.02.2019|05:38 Uhr

J.B: Ich sehe das etwas anders. Die Chinesen sind nicht mehr grundsaetzlich auf Spionage angewiesen. In vielen Gebieten sind sie heute genau so gut wie wir. Ich bin ueberzeugt es gaebe einige interessante Cooperationsfelder. Die EU u. USA sind die gefaehrlichsten Feinde die unser Know how "abzuegeln"! Das ist so od. so eine interessante Frage: Wie weit soll geistiges Eigentum durch den Staat vor der Verschacherung geschuetzt werden, resp. wie weit sollte Nationales Interesse vor Profit gehen? Die CH hat grundsaetzlich keine funktionierendeStrategie zum Verteidigen ihrer Interessen s. d. RA!

Lars Marbacher

17.02.2019|11:46 Uhr

Für interessierte Leser füge ich diesen Link ein:https://www.novo-argumente.com/artikel/print_novo105_40Dieser beleuchtet, wie Forschung zu Gefälligkeitswissenschaft verkommt, an einigen Beispielen dargelegt (Cholesterin/Klima/Passivrauchen)!Extrem spannend!

Jürg Brechbühl

14.02.2019|17:48 Uhr

Zur These des Artikels: Sobald Brüsseler Bürokraten entscheiden, über welche Themen in der Schweiz geforscht werden soll, sobald unsere ETH und die Universitäten ihre hiesigen jungen Forscher und Doktoranden an den meistbietenden verschachern, wird die ganze "Forschung" zur Farce, zum Rennen um Geld, zur dümmlichen Vollzugsmaschinerie für die Interessen von Mächtigen. Mit Innovation, mit Neuerung hat das nichts mehr zu tun. Es hat schon gar nichts damit zu tun, was wir hier in der Schweiz benötigen, um unsere hiesigen Probleme zu lösen.

Meinrad Odermatt

14.02.2019|12:38 Uhr

Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht...etc. - Kein Wort von Forschung und Wirtschaft! Aber etwas von einem Bund!

Jürg Brechbühl

14.02.2019|09:07 Uhr

@Markus DancerDie Chinesen zügeln noch so gerne unser technisches know how ab. Und wenn sie grad schon an der ETH sind, warum nicht auch grad noch Computerviren einpflanzen und Spione rekrutieren?

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