Ratajkowski

Sex und Feminismus: Geht das zusammen? Klar. Wie der Fall einer bildhübschen England-Polin zeigt.

Mit Bekleidung im engeren Sinn hat es nichts mehr zu tun. Es sind eher Fäden, hinter denen noch ein Körper steckt. Der Körper gehört Emily Ratajkowski, Schauspielerin, Model, Instagram-Superstar, wahrscheinlich Influencerin, nach eigenem Bekunden Feministin, wobei sie ihren Feminismus unter anderem durch die Verbreitung von Bildern auslebt, die, wenn sie ein Mann von seiner Frau veröffentlichen würde, unverzüglich als Scheidungsgrund, als purer Sexismus, ja als missbräuchlicher Übergriff und verurteilenswerte Pornografie-Vorstufe gewertet würden, weil sie die Frau zum Objekt männlicher Lüsternheit herabwürdigen.

Die 27-jährige England-Polin sieht tatsächlich umwerfend aus, extrem sexy, und man merkt ihr an, dass sie jedes Bild, das irgendwo von ihr erscheint, durch speziell aufreizende Posen noch aufregender macht, als es ohnehin schon wäre. Es wird berichtet, dass sie fast 20 Millionen Fans auf Instagram hat, viele männlich, was nicht weiter verwundert. Interessant ist allerdings, dass sie konsequenterweise auch dann wie ein Erotik-Modell auftritt, wenn sie sich an feministischen Kundgebungen gegen männliche Wollust und Sexismus beteiligt.

Zum Beispiel gibt es eine Aufnahme von ihr am Protestumzug gegen den dann schliesslich doch noch gewählten US-Bundesrichter Brett Kavanaugh, dem damals ohne auch nur den geringsten Beweis vorgeworfen wurde, er habe sich über dreissig Jahre zuvor während seiner College-Zeit ungebührlich gegenüber einer Mitschülerin verhalten. Emily Ratajkowski – oder Em Rata –, wie es in den Lifestyle-Magazinen heisst, marschierte vor dem Washingtoner Capitol gegen Kavanaugh mit, bauchnabelfrei, hautenge Jeans, ein Nichts von einem T-Shirt, das Relief ihrer perfekten Brüste unter makelloser weisser Baumwolle, Pardon, fast mit Händen zu greifen.

Oder nehmen wir diesen Kurzfilm über Teigwaren, der sogar in der seriösen britischen Tageszeitung The Guardian mit hoher sprachlicher Virtuosität gedeutet wurde. Emily, in roter Reizwäsche, hat in zahllosen Stellungen «orgasmisch» Sex mit einem Teller Spaghetti. Der Beischlaf läuft unter dem Titel «Advent der Liebe», und im Abspann verkündet die sich windende Schöne: «Ich liebe Pasta und mit Olivenöl eingeölt zu werden mehr als das Leben selbst.»

Daraufhin gab es dann doch Kritik von anderen, vermutlich weniger gut aussehenden Feministinnen, die ihren Feminismus von Rata missverstanden fühlten. Die Angegriffene wiederum hielt lasziv dagegen: Sexiness und Frauenrechte seien kein Gegensatz. Im Gegenteil, solange jede Frau selber entscheide, wie unbekleidet sie sich öffentlich gebe, sei das Ausdruck ihrer Befreiung. Auf einem anzüglichen Instagram-Bild mit der ebenfalls halbnackten Kim Kardashian im Badezimmer postete Ratajkowski weiter: «Wir sind mehr als unsere Körper, aber das heisst nicht, dass wir uns für unsere Sexualität schämen sollten.»

Die Ratajkowski-Debatte – darf man Sex und Feminismus verbinden? – ist natürlich faszinierend, weil sie illustriert, wie umständlich es inzwischen für eine junge, bildhübsche Frau geworden ist, ihr erotisches Kapital im Showbusiness zu bewirtschaften.

Die männermordende hMeToo-Bewegung hat zwar eine Reihe von nachweislichen Sexual-Unholden vom Thron gestürzt, gleichzeitig aber auch einer gewissen puritanischen Freudlosigkeit Vorschub geleistet, die indirekt auch auf die Frauen zurückschlägt. Was bringt das ganze Spiel von Reiz und Verlockung noch, wenn jeder Mann, der möglicherweise erfolglos darauf einsteigt, damit rechnen muss, angeprangert oder ins Gefängnis gesteckt zu werden?

Ratajkowskis Methode, ihre sexuellen Locksignale politisch korrekt und damit unangreifbar auszusenden, Sex als Frauenbefreiung, ist nicht neu, aber sie funktioniert bestens nach wie vor. Schon die Popsängerin Madonna machte ihr Geschäft virtuos aus der Verbindung von Sex, Musik und politischem Schwurbel. Wer Sex verkaufen will, ohne als Sexist beschuldigt zu werden, muss Sex als Kunst verkaufen. Oder als Feminismus.

Feminismus ist bekanntlich eine Art Neidsozialismus unter Frauen. Es geht am Ende darum, Unterschiede einzuebnen, Ungleiches gleich zu machen. Schönere Frauen sollen am Arbeitsplatz, aber auch bei Männern keine Vorteile gegenüber weniger schönen Frauen haben, was natürlich eine realitätswidrige Forderung ist, aber wie der Sozialismus ist eben auch der Feminismus ein Aufstand gegen die Wirklichkeit, eine Revolte gegen die menschliche Natur.

 

Feminismus, haben wir an dieser Stelle einmal festgehalten, ist die Rache der weniger schönen Frauen an den Männern mit den schöneren Frauen. Das Beispiel Ratajkowski zeigt allerdings, dass auch die schönen Frauen ins Visier der Frauen geraten können. Nichts ist mitleidloser als der weibliche Konkurrenzkampf. Und Frauen leben ihre Rivalitäten giftiger, ja tödlicher aus als Männer. Wer daran zweifelt, soll das Machtgerangel zwischen Maria Stuart und Königin Elisabeth studieren.

Superreiche erkaufen sich die Gunst und Gnade der weniger Reichen durch Spenden oder durch gutmenschliches Gerede. Superschöne Frauen erkaufen sich den Frieden mit den weniger schönen Frauen, indem sie sich zu Feministinnen erklären. Was Ratajkowski macht, ist so etwas wie Ablasshandel, nur kostengünstiger. Sie gibt sich als Feministin, um ihre erotischen Vorteile zu verwerten, ohne die anderen Frauen gegen sich aufzubringen. Feminismus als Verfahren sozialer Beschwichtigung. Manchmal ist es wirklich einfacher, ein Mann zu sein.

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Kommentare

Jean Ackermann

03.02.2019|13:03 Uhr

"extrem sexy"? Auf gewisse Leute wirkt sie eher wie eine aufblasbare , sterile Sexpuppe. Extrem aufgeblasene Lippen hat sie ja schon. Mit Hilfe der modernen Medien versucht man die Menschheit immer direkter und aggressiver über solche "Influencerinnen" zu beeinflussen und anzugehen. Den Ausdruck gab es vor 10 oder 15 Jahren noch gar nicht. Dass diese Leute so aggressiv auftreten müssen, und alle, selbst die peinlichsten und absurdesten Register ziehen müssen, hinterlässt den Eindruck dass man am Ende des Lateins ist.

fred debros

31.01.2019|19:35 Uhr

Paulina Porizkova ....https://www.foxnews.com/entertainment/paulina-porizkova-opens-up-about-posing-topless-for-sports-illustrated-swimsuit-issue-at-age-53 und dann >>>Ratajkowskis Methode, ihre sexuellen Locksignale politisch korrekt und damit unangreifbar auszusenden.... ist das alles nur mansplainig oder einfach polnische frauenpropaganda?

fred debros

30.01.2019|22:01 Uhr

witziges metaphor: >>>Ablasshandel, nur kostengünstiger. andere beispiele sieht man mit Warren Buffet und Bill Gates und ihren riesigen philanthropien.....damit halten sich grossfinanzierer die abzockervorwuerfe vom hals und koennen in ruhe ihren staerksten drang weiter verfolgen, naemlich mehr kapital fuer ihr unternehmen zu kreieren.

fred debros

30.01.2019|21:51 Uhr

etwas neben dem sujet, trotzdem: der tv spot unseres (zerzausten) Koeppel hat zwei naegel auf den kopf getroffen. war eigentlich direkt an die NZZ adressiert und an den Tagi. Da ist sein plaedoyer fuer etwas ausgeglichenere bericherstattung ueber die trump administration. Was der USA korrspondent Winkler fuer fake news und opinions aus der ny times in der nzz online verbreitet ist fuer ein renommiertes blatt unter dem strich. ditto das tagi flip flop ueber die venezuela politik trump's .... verblueffend weil es den ueblichen tagi vorurteilen frontal widerspricht . ein gutes omen.

Yvonne Flückiger

30.01.2019|19:37 Uhr

Ein Mann erklärt Sexismus, Feminismus und den Neid und Krieg unter Frauen, anhand einer wunderschönen jungen Frau. Nicht alles ist unwahr. Vieles mag so sein. Es ist trotzdem rein aus der Sicht eines Mannes, ohne die Frau überhaupt zu kennen oder sie interviewt zu haben. Das nennt man dann eben mansplainig.

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