Besser schenken

Darf man etwas weitergeben, wenn es einem nicht gefällt? Was ist von Gutscheinen zu halten? Wie teuer darf ein Geschenk sein? Worüber freuen sich Frauen, worüber Männer?

Aus rein ökonomischer Sicht lohnt sich Schenken nur selten. Erstaunlich finde ich, dass viele sich mehr darüber freuen, wenn sie etwas verschenken, als wenn sie etwas geschenkt bekommen. Das liegt wohl daran, dass man selber entscheiden möchte, mit wem man freundschaftliche Beziehungen verbessert. Bekommt man ein Geschenk, fühlt man sich verpflichtet, dem Schenkenden gegenüber netter zu sein, auch wenn man es gar nicht möchte.

Für Männer ist es vor allem schwierig, das richtige Geschenk zu finden, weil Weihnachten immer so plötzlich kommt. Viele Männer befassen sich erst am 24. Dezember mit Geschenken, und dann bleibt oft nur die Tankstelle oder der Hauptbahnhof für ein Verlegenheitspräsent. Frauen hören das ganze Jahr gut hin und sind deshalb wahre Schenkprofis.

Wer etwas besonders Nettes schenken möchte, braucht eine gute Beobachtungsgabe und die Begabung, dem anderen immer gut zuzuhören. Vor allem Frauen notieren sich deshalb bereits das ganze Jahr über, wenn dem Partner etwas ganz besonders gut gefällt oder er einen Wunsch äussert.

 

So geht’s

1 – Kleben, backen, stricken

Egal, ob altmodisch in ein Buch eingeklebte Fotos oder perfekt mit einem Computerprogramm erstellte Fotobücher – Frauen und Männer lieben Selbstgemachtes. Das gilt auch für individuell gestaltete Jahreskalender fürs kommende Jahr. Auch CDs mit den Lieblingsliedern oder auch nur ein selbstgebackener Lieblingskuchen oder zu Weihnachten hausgemachte Biskuits sind ein Zeichen dafür, dass man Zeit für den anderen aufgewendet hat. Noch besser sind natürlich gemeinsame Unternehmungen (siehe Punkt 2). Auch ein selbstgestrickter Schal oder ein Kästchen mit Gutscheinen für ein Frühstück, eine Massage, Freizeitaktivitäten oder ein Wellnesswochenende sind sinnvoll.

 

2 – Schmuck, Tickets

Einfühlungsvermögen und wirklich gut zuhören sind notwendig, um ein ganz persönliches Geschenk zu finden. Frauen freuen sich über Schmuck, der sich an ihrem Geschmack und ihrem Typ orientiert, nicht billigen Modeschmuck, sondern etwas Edles von bleibendem Wert. Männer freuen sich besonders über Tickets für Veranstaltungen, die ihnen gefallen (Musical, Fussball, Kino, Theater, Oper, Konzert, Restaurantgutschein, romantisches Candle-Light-Dinner, gemeinsamer Ausflug, Museumsbesuch usw.).

 

3 – Es darf auch Kaschmir sein

Eine gewisse gegenseitige Achtung ist nötig. Nicht dass einer etwas Billiges schenkt und der andere etwas viel zu Teures. Weihnachten ist eher ein Fest der symbolischen Geschenke; wer zu teure Geschenke macht, riskiert, dass der Beschenkte peinlich berührt ist. Aber wenn sich der Liebste schon immer einen Kaschmir-Pullover gewünscht hat, warum nicht mal tiefer ins Portemonnaie greifen? Jedoch nur Angeber protzen mit ihren Geschenken, weil sie eher nur sich sehen und nicht den Beschenkten. Wer schenkt, sollte sich mit dem Beschenkten beschäftigen, Hobbys, Interessen, Gefühle und sein Leben im Alltag kennen. Mit einem unpassenden Geschenk blamiert man sich.

 

4 – Wunschzettel, Tanzkurs

Finden Sie Geschenke, die der Beschenkte auch wirklich gebrauchen kann und sich auch wünscht. Bei Kindern bietet sich ein Wunschzettel an, aber man darf seine Freunde und Bekannten durchaus nach ihren Wünschen fragen. Sollten dabei Wünsche geäussert werden, die zu teuer sind, kann man ja selber entsprechend eine Auswahl treffen. Ist zum Beispiel ein Teeservice gewünscht, fängt man schon mal mit einer Teekanne an. Dann hat man später die Chance, weitere Teile zu schenken, und liegt immer richtig. Angebracht ist, etwas zu schenken, das zu einer Tätigkeit verleitet, wie ein Buch zum Lesen, ein Gesellschaftsspiel zum Spielen. Brettspiele sind heute immer noch beliebter als Computerspiele. Auch ein gemeinsamer Tanzkurs kann echt überraschen.

 

5 – Ohne Gegenleistung

Geschenke sollen Freude bereiten und nicht zu einer Gegenleistung verpflichten. Hier bieten sich ein hochwertiges Parfüm oder eine exklusive Bodylotion oder andere Körperpflegemittel an. Ich finde allerdings nichts schlimmer als die perfekte Verpackung aus der Parfümerie. Also unbedingt selber verpacken. Bitte aber beachten: Es darf keine Kritik herauszulesen sein wie zum Beispiel «Du solltest dich öfters waschen».

 

6 – USB für Männer

Männer lieben Elektronikartikel und technische Neuigkeiten. Auch ein USB-Stick passt fast immer. Frauen hassen aber nichts so sehr wie Küchenmaschinen, Haushaltgeräte und andere Elektrogeräte. Über solche Anschaffungen können Familien gemeinsam entscheiden, sollten sich aber nicht zu Weihnachten damit beglücken wollen.

 

7 – Provokationen, Mittelmeerküche

Wer vorsichtig bei Esswaren ist, schenkt nur das, von dem er weiss, dass der Beschenkte es verträgt und auch mag. Eine kreative Ausnahme bilden provokative Geschenke; sie sind natürlich besonders einfallsreich, aber es kommt auf die Richtung an: Einem Fleischliebhaber einen Vegi-Restaurant-Gutschein schenken ist super – aber einem Vegetarier auf keinen Fall ein Maredo-Steak. Das gilt erst recht für Getränke und hochwertige Alkoholika. Etwas ganz Besonderes sind heute Kochkurse, wichtig ist natürlich der Wunsch des Beschenkten. Mittelmeerküche passt fast immer.

 

8 – Bargeld

Selbstgebastelte Gutscheine oder nett verpacktes Bargeld darf man heute auch schenken. Darüber freuen sich viele Beschenkte am meisten, weil sie sich damit das kaufen können, was sie sich wirklich wünschen. Ich verschenke gerne Geld als Flaschenpost oder in einem Bilderrahmen.

 

9 – Signalwirkung der Verpackung

Wichtig ist natürlich die Verpackung. Jedes Geschenk sollte liebevoll verpackt sein, auch wenn manche das teure Geschenkpapier aus ökologischen Gründen ablehnen. Unverpackte Geschenke sind wie nackte Menschen. Deshalb immer Geschenke schön verpacken. Ein unverpacktes Geschenk wirkt so, als ob es lieber nicht den Besitzer wechseln will. Ein verpacktes Geschenk ist die klare Entscheidung, dem Beschenkten zu gehören.

 

10 – Neutralität

Blumen und Vasen, Christbaumschmuck und andere neutrale Geschenke passen eigentlich immer. Bitte aber nicht alte Geschenke weiterverschenken. Das sind No-Gos (siehe Punkt 10 unter «Und so geht’s nicht»), die sehr peinlich werden können, wenn das Geschenk beim ersten Schenkenden landet. Natürlich sollte man Geschenke auch nicht verkaufen.

 

Und so geht’s nicht

1 – Socken und Krawatten

Bei den Männern sind die schlimmsten Geschenke Socken oder Krawatten, auch Krawattennadeln und Stofftaschentücher sind nicht mehr zeitgemäss. Ein Oberhemd wird meistens gerade noch akzeptiert. Frauen finden Allerweltsparfums, Pflegemittel gegen Orangenhaut und Unterwäsche in der falschen Grösse im wahrsten Sinne des Wortes unpassend.

 

2 – Fitnesskurs, Kosmetik

Kritisieren Sie keinesfalls über die Geschenke den Beschenkten. Es darf keine Kritik herauszulesen sein. Anspielungen auf Schwächen und heimliche Vorlieben sind unpassend. Abnehm- oder Fitnesskurse, Seife, Personenwaage und so weiter.

 

3 – Computer, Espresso

Praktische Geräte? Sollte man zu Weihnachten vermeiden. Das gilt zum Beispiel für Computer. Extrem natürlich der Espresso-Liebhaber, der seiner Tee trinkenden Freundin eine Espressomaschine schenkt, damit er sein Lieblingsgetränk bekommt.

 

4 – Scherzartikel

Lieblose Geschenke verärgern, sind unhöflich und verfehlen ihren Zweck. Blumen und Topfpflanzen sind meistens leicht zu kaufen, aber Pflanzen erfordern umgehende Aufmerksamkeit, und der Beschenkte muss sofort eine Vase oder Blumenwasser holen oder gar suchen. Und ein passendes Plätzchen finden und so weiter – alles ein Aufwand für den Beschenkten. Auch von Scherzartikeln sollten Sie unbedingt absehen.

 

5 – Tiere

Keine Tiere unter dem Weihnachtsbaum. Viele Tiere landen nach Weihnachten im Tierheim oder werden ausgesetzt. Nie Haustiere aus einer Laune heraus anschaffen, sondern sich rechtzeitig und verantwortungsvoll über die Bedürfnisse des gewünschten Haustiers informieren. Die Grösse der Wohnung und die Zeit, die regelmässig für das Haustier aufgebracht werden muss, sind wichtige Voraussetzungen.

 

6 – Kalorien

Bei Kalorienbomben ist ebenfalls Vorsicht geboten. Wer Pralinen bekommt, nimmt es möglicherweise hin, aber freuen kann sich kaum jemand, auch wenn sicher ist, dass viele von Neujahr bis Weihnachten mehr zunehmen als von Weihnachten bis Neujahr. Schokolade macht glücklich, ist aber selten eine einfallsreich. Natürlich kann man sein Geld in ein paar feine Pralinen investieren, da die Auswahl riesengross ist. Besonders glücklich ist der Beschenkte aber eher selten.

 

7 – Deko, Warenhaus-Gutscheine

Niemals dem Beschenkten den eigenen Geschmack aufdrängen, sondern Punkt 3 unter «So geht’s» beachten. Ein Lebensmittelkorb sollte natürlich eine erlesene Auswahl an Kaviar, Gänseleber und Champagner enthalten und nicht nur Alltägliches. Auch wenn Sie Dekorationsartikel gut finden, sollten Sie darauf verzichten. Eine edle Obstschale oder wertvolle Vase bietet sich manchmal an, aber Deko-Gegenstände sind vor allem eines: Geschmackssache. Und nur wenn ich den Geschmack des Beschenkten wirklich kenne, kann ich so etwas wagen. Warenhaus-Gutscheine passen nie. Sie sind ein Synonym für Bequemlichkeit und Einfallslosigkeit.

 

8 – Notlügen

Konflikte scheuen: Wenn das Geschenk nicht gefällt, keinesfalls Notlügen ausdenken (höchstens bei Kindern bis zehn Jahren), sonst bekommt man die nächsten vierzig Jahre immer wieder Socken geschenkt. Authentische Freude äussern, aber auch zugeben, wenn einem das Geschenk nicht gefällt. Dabei kann man höflich sein und sich für die Mühe bedanken, auch über die Verpackung, aber klar sagen, dass man den Inhalt leider nicht gebrauchen kann: «Bitte behalte dein Geschenk, denn es scheint dir ja zu gefallen, sonst hättest du es ja nicht für mich gekauft.»

 

9 – Finanzieller Zuschuss

Kleine Aufmerksamkeiten sind besser als zu viele und zu teure Mitbringsel. Manche Firmen verbieten ihren Mitarbeitern, wertvolle persönliche Geschenke anzunehmen. Grosse Anschaffungen und Ausgaben kann man ja das ganze Jahr über besprechen. Ein neues Auto zum Abitur, eine teure Reise ins Ausland für das Enkelkind oder ein finanzieller Zuschuss für eine neue Wohnung müssen nicht gerade zu Weihnachten angeboten werden.

 

10 – Weiterverschenken

Nicht weiterverschenken oder gar verkaufen. Wenn es ein ungeliebtes Geschenk der Erbtante ist, kann man es ja im Keller aufbewahren und immer, wenn sie zu Besuch kommt, ins Blickfeld stellen.

 

Alfred Gebert, Wirtschaftspsychologe und Professor aus Münster, ist Experte für Konsumfragen.

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