Gefallener Star kehrt zurück

Das Comeback des in Ungnade gefallenen Comedian Louis C. K. in Basel war gelungen, die Solidarität des Publikums überwältigend. Ich war dabei.

Louis C. K., der Star-Comedian aus den USA, war 2017 im Zuge von #MeToo von fünf Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigt worden. Laut der New York Times hatte er die Kolleginnen vor fünfzehn Jahren gefragt, ob er vor ihnen masturbieren dürfe. Alle ausser einer gaben damals ihr Einverständnis, beziehungsweise sie sagten nicht nein, man habe es schockiert «weggelacht», wie zwei erzählten; während seiner Penisshow blieben sie im Hotelzimmer. Ähnlich geschah es bei einer weiteren Frau; eine andere lehnte ab. Eine hörte, wie er am Telefon masturbierte, ungefragt. Sie habe sich zwar geschämt, aber nicht aufgehängt. Etwa fünfzehn Jahre später haben sie ihre Geschichten den Medien erzählt. Keine hat ihn angezeigt, es gab keine Anklage, keine Verurteilung. Das Management hat sich von ihm getrennt, Projekte wurden gecancelt, seine Karriere war ruiniert, er ist untergetaucht. Leute forderten, dass Louis C. K. nie mehr eine Bühne erhalte. Er bestätigte die Anschuldigungen, entschuldigte sich öffentlich für sein Fehlverhalten, er habe sich eingeredet, es sei «einvernehmlich», weil er seinen Penis nie gezeigt habe, ohne vorher zu fragen. Später habe er aber gelernt, dass er mit seiner Macht unverantwortlich umgegangen sei, weil die Frauen ihn bewundert hätten.

Ich kann mich gut in diese Frauen hineinversetzen. In meinen Zwanzigern lebte ich fünf Jahre in Hollywood, wollte Schauspielerin werden. Ich traf mächtige und tolle Männer. Ein Produzent stellte mir mal an einer Party eine Hauptrolle in seinem nächsten Film in Aussicht. Beim Abschied dann drückte er mich im Hauseingang gegen die Wand und stiess mir jäh seine Zunge in den Mund. Ich habe mich von ihm gelöst, etwas gestammelt und bin in mein Apartment gehuscht. Es ist weiter nichts passiert, darum habe ich das nicht angezeigt. Falls die Rolle je existierte, ging sie an eine andere. Ich empfand etwas zwischen Scham und Schock, hakte den Vorfall ab, das Leben ging weiter.

Zwischen Louis C. K. und den Frauen gab es keinen körperlichen Kontakt und keine Gewalt. Nun gibt es Leute, die sagen, dass gegenseitiges Einvernehmen gar nicht möglich sei, wenn Macht im Spiel ist, und es darum nicht zähle, auch wenn die Frau ihr Einverständnis gibt. Da bin ich anderer Meinung. Natürlich spielt es eine Rolle, ob sie ja sagt und im Raum bleibt – oder geht. Es ist ja nicht immer absolut klar und erkennbar, was ein Mensch denkt. Woher soll man wissen, dass die Person es auf keinen Fall möchte, wenn sie es durch ihr Bleiben immerhin in Kauf nimmt und so den Eindruck vermittelt, es sei okay?

Das Macht-Argument ist grundsätzlich richtig, doch muss man im Fall von C. K. differenzieren: Er war nicht der Vorgesetzte dieser Frauen, sie waren Berufskollegen, es existierte kein Abhängigkeitsverhältnis. Das ist schon ein Unterschied. Comedian Dave Chappelle griff den Fall in seiner Show auf: «Eine Frau sagte: ‹Louis C. K. hat vor mir masturbiert, er zerstörte meine Comedy-Träume.› Ernsthaft? Dann wage ich zu sagen, Madam, Sie haben wahrscheinlich nie einen Traum gehabt.»

Louis C. K. verhielt sich falsch, keine Frage. Es gibt Männer, die besitzen eine Neandertaler-Mentalität, spüren sich nicht mehr, gerade wenn sie berühmt sind. Er hat die Bewunderung der Kolleginnen ausgenützt. Wir müssen jetzt aber nicht so tun, als seien wir alle moralisch perfekt. Er ist ein exhibitionistischer Perversling, kein Krimineller. Die Forderung, man dürfe ihm keine Bühne mehr geben, ist völlig unverhältnismässig. Ausserdem können Leute sich ändern und aus ihren Fehlern lernen, auch das sollte man ihm zugestehen.

Vor der Vorstellung in Basel setzte sich eine Handvoll Demonstranten am Eingang mit Anti-Sexismus-Bannern in Szene – ich habe das später gelesen, habe sie weder gesehen noch gehört; es war unbedeutend. Ja, Louis C. K. ist in seinen Shows politisch unkorrekt, er macht sich über alle möglichen Gruppen lustig, auch über Minderheiten. Er hält der Gesellschaft aber auch den Spiegel vor, offenbart ihre Scheinheiligkeit und Doppelmoral. Seine derben Witze muss man nicht mögen. Nur, wenn man seine Comedy für verabscheuungswürdig hält, muss man da nicht hingehen. Comedy geht manchmal an Grenzen, lebt von Absurdität, von Gegensätzen und Übertreibung.

Louis C. K. hat die Zuschauer in Grund und Boden gerockt. Lacher alle zwanzig Sekunden, nicht etwa von einer grölenden, betrunkenen Männermeute, sondern von einem durchmischten Publikum, viele Paare, viele zwischen zwanzig und vierzig. Die Essenz des Abends war aus meiner Sicht aber die immense, vibrierende Solidarität, die die Zuschauer ihm entgegenbrachten. Der Saal war von Beginn weg ergriffen vor Unterstützung. Als Louis C. K. sich am Ende verabschiedete, gab’s fünfminütige Standing Ovations; die Leute applaudierten so lange, bis er wieder auf die Bühne kam.

Die langanhaltende Würdigung ist vielleicht eine Art von Protest des Publikums. Gegen die Medienberichterstattung, gegen das Eindreschen aller auf einen, gegen die cancel culture. Dagegen, dass man einen Typen wegen Fehlverhaltens vor fünfzehn Jahren, für das er weder angezeigt noch angeklagt wurde, wie einen Schwerkriminellen behandelt. Ein Leserkommentar bei Watson.ch fasst es gut zusammen: «Vor wem der wixxt interessiert mich nicht. Klagt ihn nach dem Gesetz an oder lasst es bleiben.»

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Markus Spycher

08.12.2019|17:39 Uhr

"Später habe er aber gelernt, dass er mit seiner Macht unverantwortlich umgegangen sei, weil die Frauen ihn bewundert hätten." - Ist doch logisch: Frauen finden so etwas dégoûtant, um nicht zu sagen 'enttäuschend', weil es (vielleicht unbewusst) gegen ihren natürlichen Trieb geht.

Juerg von Burg

06.12.2019|20:56 Uhr

Wenn nun eine Frau sich vor mir selbst befriedigt, dann gäbe es eine korrekte Antwort: Lachen, habe es nie erlebt. Die richtige Antwort hab ich von einer gescheiten Frau gelernt, da hat ihr mal ein Mann im Walde den Pimmel gezeigt (Typ Regenmantel), sie hat ihn ausgelacht. Da ist tatsächlich auch keine Gewalt, das ist nur Selbstdarstellung, nicht mehr, arme Kerle. Wer Pimmel sehen will, da gibt es Kunst bis zum abwinken ... und?

Nannos Fischer

04.12.2019|21:30 Uhr

Man soll doch aufhören, diese Hypokrisie als etwas anderes zu nehmen, als was sie ist, und sie als solche ernst zu nehmen. In meiner Jugend hat man das Kind in solchen Fällen noch beim Namen genannt, indem man sich die Hand mit gespreizten Fingern vor die Augen gehalten und dabei gesagt hat: «Pfui, wie schön!» Das Basler Publikum verdient eine Standing Ovation. Und die fünf Frauen, die fünfzehn Jahre gebraucht haben, um mit ihrer jammervollen Story hervorzukriechen, spotten ihrer selbst und wissen nicht wie, aber haben immerhin ihr Seelchen noch ein bisschen exhibitionieren können.

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