Hat er das Lager gewechselt?

Der Chefpublizist des Ringier-Konzerns ist ein Blocher-Kritiker der ersten Stunde. Doch wenn es um konkrete politische Themen wie den Islam geht, hat Frank A. Meyer die SVP längst rechts überholt.

Noch immer sorgt er für journalistische Ordnung im Lande: mit seinem wöchentlichen Kommentar im Sonntagsblick und seiner Videokolumne «frank & frei». Dort sitzt Frank A. Meyer – mittlerweile 75 Jahre alt, Intimus der Verlegerfamilie Ringier – mit randloser Brille und ernstem Gesicht, hinter ihm eine Bücherwand. Beige Hose, dunkler Kittel mit Einstecktuch. Kaum einer hat den hiesigen Journalismus mehr geprägt als der Bieler Uhrmachersohn, der seit Jahrzehnten die publizistischen Leitlinien des grössten Schweizer Medienkonzerns vorgibt: für einen staatsnahen Freisinn, gegen die «totalitäre» SVP. Für die EU und das Rahmenabkommen, wider «die nationalistisch verbrämten Dummheiten der äusseren Rechten».

In besonderer Abneigung ist FAM, wie er intern genannt wird, seinem Generationsgenossen Christoph Blocher verbunden, dessen Namen er jedoch meidet wie der Teufel das Weihwasser, oder eben das Weihwasser den Teufel. Lieber spricht er vom Herrliberger «Führer», vom «Milliardär», der wie ein «Feudalherr» über seine Partei verfüge. So weit alles klar.

Allerdings bröckelt das scheinbar festgefügte Feind-Freund-Schema, sobald es in die konkreten Debatten geht, wenn sich Meyer etwa über Feministinnen und ihr Verhältnis zum Islam auslässt: «Vielen linken Frauen ist keine Ausrede zu schäbig, zu erbärmlich, um den frauenverachtenden Religions-Faschismus des Islam zu verteidigen.» Einst habe die Befreiung der Frau zum historischen Auftrag der Linken gezählt. «Heute ist die Kleider-Apartheid der Frau im Islam für sie Ausdruck einer zu respektierenden Kultur.» Und wer die Scharia-Religion kritisiere wie eben Meyer, werde als «Rassist» diffamiert. Schöner könnte es der Solothurner SVP-Nationalrat und Initiant eines nationalen Burka-Verbots, Walter Wobmann, nicht formulieren.

«Affentheater» um Greta Thunberg

Die Attacke auf den französischen Philosophen Alain Finkielkraut im Februar – er wurde von demonstrierenden Gelbwesten bedrängt und als «dreckiger Zionist» und «Rassist» beschimpft – bezeichnet FAM als «Schulterschluss zwischen Islamisten und drittweltseligen Linken, die ihren Hass auf die westlich-kapitalistische Zivilisation, vor allem auf Israel und die USA, gemeinsam ausleben». Sätze, die vom Weltwoche-Kolumnisten Henryk M. Broder stammen könnten, der von einem «importierten Antisemitismus» aus muslimisch geprägten Staaten spricht, einem «Kollateralschaden der Willkommenskultur».

Im Juli sinniert Meyer über «links-grün-migrationsverliebte» Ideen wie die Forderung der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) nach einem kommunalen Stimm- und Wahlrecht für Ausländer. Der Ringier-Autor schaltet auf Gegenkurs, setzt den Begriff «Heimat» gegen die «linke und liberale Völkerumarmungs-Moral». Heimat stehe für «das Eigene», zum Beispiel die eigene Stadt, aber auch die eigenen Bräuche, die eigene Geschichte, die eigene Kultur, zusammengefasst im Begriff «Leitkultur». Diesen Besitz gelte es «vor weltläufigem Zugriff» zu bewahren, schreibt Meyer. «Wer Mitbesitzer sein möchte, soll Schweizer werden.» Im jetzigen Parteiprogramm der SVP wird der meyersche Imperativ der Leitkultur fast identisch beschrieben: «Integration kann nur funktionieren, wenn die Schweiz als selbstbewusstes Land mit klaren Eckwerten auftritt. [. . .] Die Schweiz ist Heimat für jeden, der sich zu den schweizerischen Werten bekennt und sie lebt.»

Den Migrationspakt bezeichnet FAM als «abgehobene Hervorbringung der Uno-Diplomatenkaste». Rund um Greta Thunberg sieht Meyer eine «religiös konnotierte Bewegung» am Wirken, es drohe eine «Öko-Diktatur». Die Klima-Kinder würden von Erwachsenen auf den Knien begleitet, das sei absurd, ein «Affentheater». Die Sprachvorschriften des Stadtzürcher Parlaments hält er für «Gender-ideologisch» und letztlich «demokratiefeindlich, rechtsstaatsfeindlich, freiheitsfeindlich». Gegenüber IS-Rückkehrern fordert Meyer eine klare Kante. Ihnen soll der Prozess gemacht werden mit Höchststrafen, den Doppelbürgern sei der Schweizer Pass zu entziehen: Diese hätten das Recht, in einem demokratischen Staat zu leben und dessen Segnungen zu geniessen, «für immer verspielt».

Bei «Teleblocher» abgekupfert

Meyer, der Islam- und Migrationskritiker. Meyer, der Mann für Law and Order. Meyer, der Warner vor einer Öko-Diktatur und vor abgehobenen Eliten: «Professoren, Publizisten und Pastoren schwatzen – die Bürger tragen die Last.» Lebt hier einer seine Altersradikalität aus? Oder hat Meyer schleichend und noch uneingestanden das politische Lager gewechselt? Ein langjähriger Vertrauter lacht. Tatsächlich überhole Meyer die SVP bei gewissen Positionen rechts. «In seiner Heimatstadt Biel würde man ihn als ‹islamophob› bezeichnen.» Aber durch seine Distanz, ja seinen Hass auf die «Blocher-Partei» habe er seine Unantastbarkeit wahren können. Wenigstens offiziell. Inhaltlich hat er seinen Widersacher längst zu kopieren begonnen. Auch journalistisch: Das Format seiner Videokolumne – ein Journalist stellt dem Übervater beflissen Fragen – hat er bei «Teleblocher» abgeguckt.

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Kommentare

Hans Georg Lips

11.12.2019|12:33 Uhr

Uneingeschränkte Personenfreizügigkeit mit einem 500 Millionenpartner ist "eine Geste der Selbstzerstörung" ... sagt Sloterdijk. Recht hat er.

Hans Georg Lips

11.12.2019|12:30 Uhr

His masters voice! Und der ist eben auch nur ein "Zu"gewanderter aus Frankreich und meiner Meinung nach immer noch kein Schweizer. Der Zugewanderte hat ja noch andere Medien, in denen konträr (populistisch) geschrieben wird. So ist man auf der sicheren Seite.

Juerg von Burg

09.12.2019|20:24 Uhr

Viel spannender ist/war die Beziehung von FAM mit dem Verleger, habe das nie verstanden. FAM selber hat ein intellektuelles Minderwertigkeitsgefühl (trotzdem er keinesfalls dumm ist) und das versucht er nonstop zu kompensieren, schade eigentlich, er hätte es nicht nötig!

Meinrad Odermatt

09.12.2019|11:46 Uhr

Wie ich sehe, sind wir uns als Eidgenossen einig. Wann kommt wohl der dämliche (Gegenteil von herrlich) Ruf, die CH-Namensgebung an die übrigen Geschlechtervarianten anzupassen? Spass beiseite kann man auch nicht mehr sagen, denn die intellektuelle Debilität is ja Realität und kein Spass mehr. Zur Sache: Anstatt von einer "Willensnation" zu sprechen, müssten wir von einer "Eigentümernation" sprechen. Das wäre dann erst noch 100% zutreffend. Mit unserer nationalen Gesetzgebung tun wir Miteigentümer nämlich nichts anderes, als unser Eigentum schützen, nutzen und verwalten. Sorry, "lieber" Soros!

Rainer Selk

08.12.2019|14:17 Uhr

FAM ist ein seifiger Meinungsswinger. Wenn jemand in einem Hotel wohnt + dort das Zimmer bezahlt, ist er/sie nicht Mitbesitzer des Etablissement, so wenig wie Langzeitmieter in einer Liegenschaft. Solche Bewohner haben KEIN Mitbestimmungsrecht, sollte das Hotel umgebaut oder verkauft werden. Mit Leuten, die in der CH eine Aufenthaltsbewilligung haben, Steuern + Abgaben bezahlen, verhält es sich wie mit dem erw. Hotelgast. Genau genommen müssten jene aber eigentl. eine Eintrittsgebühr bezahlen für bestehende + benützte Infrastruktur usw. Ein Wahlrecht daraus besteht keinesfalls!

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