Politik der Greta-Weisheiten

Kanzlerin Angela Merkel, eine studierte Physikerin, vertritt einen weltfremden grünen Populismus. Es ist die Pflicht von Naturwissenschaftlern, diesen verhängnisvollen Kurs anzuprangern.

Deutschland kann eigentlich froh sein, eine Kanzlerin wie Angela Merkel zu haben. Bei ihren Auftritten im Ausland macht sie eine weitaus bessere Figur, wenn auch zusehends innerlich wie äusserlich geschwächt, als viele der Staatsmänner, die sie alle überdauert hat. Merkel hat es geschafft, sich als rationale, unbestechliche und uneitle Führerin zu inszenieren, was ja zu Zeiten der Berlusconis und Trumps allzu nötig und erfrischend langweilig und deutsch scheint. Dafür kann man ihr nur dankbar sein. Und Europa kann froh sein, dass sie für den Status quo als Leitdemokratin des Westens steht. Im Zeitalter der Fake News würden wir weltweit mehr wissenschaftsaffine Technokraten als Populisten und Moralisten brauchen.

Historischer Glücksfall

Leider ist Merkel aber weitaus weniger die kalte, rationale Wissenschaftlerin als eher die impulsiv handelnde Opportunistin. Deutschland ist lethargisch geworden, und das Schlimmste: Merkel hat das Land, ja ganz Europa, durch ihre Flüchtlingspolitik gespalten. In diesem Herbst haben die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen dies wieder gezeigt. Es geht ihr allzu offensichtlich allein um Machterhalt, nicht um Prinzipien und nicht ums Kitten von Spalten oder gar um das Voranbringen des Landes.

Als Student an der Harvard-Universität erlebte ich 1987 die Graduierungsrede Richard von Weizsäckers. Es war eine weise Entscheidung, den Westberliner Bürgermeister und Bundespräsidenten zum Jubiläum des Marshallplans einzuladen. Vierzig Jahre zuvor war genau dort, im Harvard Yard, von George Catlett Marshall der Plan zum Wiederaufbau Europas, insbesondere Deutschlands, verkündet worden. Diese Entscheidung war epochal wichtig für Europa, die internationale Völkerverständigung und insbesondere die Freundschaft Deutschlands mit den USA. Der Marshallplan war ein historischer Glücksfall. Wenn sich Henry Morgenthau damals durchgesetzt hätte, ginge es Deutschland – zum Agrarland degradiert und bestraft – heute sicher sehr viel schlechter. Dafür sollte Deutschland den USA für immer dankbar sein.

Ich habe fast zwanzig Jahre in den USA studiert, geforscht und gelehrt und empfinde eine grosse Affinität zu dem Land – trotz der unrechtmässigen Golfkriege, die das Desaster im arabischen Raum auslösten und deren Folgekosten Europa, aber nicht die USA, jetzt mit Millionen von Flüchtlingen zu tragen hat. Diese Kriege zeigten die andere, hässliche, militaristische Seite der USA. Letztes Jahr war ich wieder dort für ein Sabbatical an der Harvard-Universität und war erschrocken über die tiefe Spaltung des Landes. Trump ist sicher mit daran schuld, aber er ist auch Symptom, nicht einfach alleinige Ursache. Angela Merkel wurde dieses Jahr wohl auch als Wohlfühlgegenprogramm zu Trump, dem Verächter alles Akademischen, nach Harvard zur Abschlussrede eingeladen.

Rede für das Poesiealbum

Politisch wie auch wirtschaftlich gibt es sehr tiefe Risse zwischen den liberalen Küsten und dem eher konservativen und oft ärmeren Kontinent dazwischen. Heilung, gegenseitiges Zuhören und vielleicht sogar Verstehenwollen sind notwendiger geworden denn je. Aber auch Deutschland ist gerade wegen Merkels Migrationspolitik – es ist eigentlich eher ein passives Verhalten als eine geplante Politik – gespalten, vereinfacht gesagt in «Gutmenschen» und «Nazis». Und Merkel sagte in Harvard, was man von ihr hören wollte, inklusive Anspielung auf Mauern – alles politisch korrekt. Was für ein Kontrast zu Weizsäcker oder auch Marshall: Merkel machte keine Weltpolitik, sie verbreitete eher Greta-Weisheiten.

Ansprachen zu Feiern anlässlich akademischer Abschlüsse in den USA werden meist von möglichst berühmten Persönlichkeiten gehalten, die dann oft betont humorvolle, aber auch immer mit Lebensweisheiten gespickte Reden halten. Je renommierter die Universität, desto prominenter die Sprecher. Neben Merkel sprach auch Al Gore, der 2000 so knapp doch nicht Präsident wurde, einen Tag vor ihr in Harvard. Wie anders hätte die Welt bezüglich Klima und Kriegen sein können, wenn Gore und nicht «W» gewählt worden wäre. Gore sprach über die Angriffe auf Wissenschaft, Rationalität und Harvards Motto «Veritas». Gore steht seit zwei Jahrzehnten weltweit, mehr als jeder andere, für den Schutz unseres Planeten. Gore wollte die Welt retten, Merkel sprach für das Poesiealbum.

Die Dinge, für die Angela Merkel auch in Harvard gefeiert wurde, eine Ehrendoktorwürde und Standing Ovations erhielt: Homoehe, Atomausstieg, Frauenquote, Grenzöffnung für Millionen von Migranten, sind genau die Dinge, gegen die sie vorher eintrat. Die angeblich «vom Ende her denkende» Physikerin ist keine Prinzipienreiterin, sondern eine Machtpolitikerin, die ihr Fähnchen in den Wind hängt und ihre Meinungen schon oft geändert hat. Die Kanzlerin scheint eher die Freundin der Grünen oder der Demoskopen als der CDU-Basis zu sein, die sich fragt, wofür ihre Partei eigentlich noch steht. Vor einem Erdbeben und Tsunami in Japan war Merkel für Atomkraft, die selbstverständlich auch bezüglich der CO2-Bilanz immer noch eine wichtige Option zur Stromerzeugung wäre, wie auch Gore sagt. Dann entschied sie sich allein, ad hoc und ohne jeglichen demokratischen Prozess für die nun gescheiterte Energiewende.

In der ihr eigenen Mischung aus Gravitas und konfuser Simplizität redete Merkel in Harvard. Die Trivialitäten, die sie vortrug, handelten von Mauern im Kopf und geschönten Jugenderinnerungen einer durch die DDR-Mauer getrennten Familie. Dabei blieb unerwähnt, dass ihr Pastorenvater aus Westdeutschland in die DDR ausgewandert war. Und hatte sich Merkel nicht bequem mit dem Honecker-Regime arrangiert? Gegen die Mauer demonstriert haben andere, und wenn sie in Harvard noch so sehr vom Mauerneinreissen sprach.

Ganze Industrien zerstört

Fast unisono überschlugen sich die deutschen Medien mit Lob für die Rede. Man hört ja auch nur selten etwas von Merkel in der Öffentlichkeit, und dann wird versucht, wie bei einem Orakel, etwas Tiefes, Sinnhaftes, Verbindliches aus den verschwurbelten Einfachsätzen zu destillieren. Jede noch so zarte Kritik an Merkel wird dabei schnell in die Nazi-Ecke gestellt. Wo sind die regierungskritischen Stimmen? Nicht in den Medien und auch nicht im Bundestag – im Unterschied zu den gespaltenen USA. Es ist eine verkehrte Welt, wenn die Medien zu fast hundert Prozent auf der Seite der Macht stehen.

Deutschland, technologisch einst das führende Land der Maschinen- und Autobauer, befindet sich offensichtlich auf absteigendem Ast. Eine Industrie nach der anderen wird zerstört und kaputtgeredet von den Medien, den Grünen, den Sozialisten. Arbeitsplätze scheinen keine Rolle zu spielen, Strom kommt aus der Steckdose und Steuern für den weltweit fettesten Sozialstaat von den Dummen, die noch arbeiten. Wir können keinen Flughafen mehr bauen, Regierungsflugzeuge sind kaputt, die U-Bahnen sind gefährlich, verdreckt, und die Bahn ist ein schlechter Witz. Vom lächerlich schlechten Mobilnetz nicht zu reden. Unter der Regentschaft von Merkel läuft Deutschland Gefahr, wirtschaftlich, gerade auch im Vergleich zu Ostasien, abzusteigen.

Als Sozialstaat der Welt können wir nur verlieren, und wir sollten gar nicht erst probieren, Fluchtursachen abzubauen. Mit achtzig Millionen Einwohnern, die gerade mal zwei Prozent des weltweiten Anteils des menschlichen CO2-Ausstosses verursachen, werden wir weder Afrika retten noch das Weltklima – noch sollten wir dieses überhaupt als unsere alleinige Aufgabe sehen. Es ist ein Problem des gesamten Planeten, das nur gemeinsam gelöst werden kann. Trump und Xi Jinping lachen sich ins Fäustchen, denn sie sind egoistischer und setzen sich zunächst für ihre Nation ein. Selbstlosigkeit ist spieltheoretisch hier offensichtlich leider eine Loser-Option.

Ist es noch Realpolitik oder schon Realsatire, wenn ein Fernseharzt und Quizmaster sich im Bundespresseamt als «Scientist for Future» vorstellen kann und von Körpertemperatur und Klimabelastung faselt? Es ist nur noch peinlich, in welchem Ausmass von Absurdität die Politik sich vom rationalen Kurs entfernt hat und wie die Medien das ohne Ironie und Verstand mittragen. Und dies alles unter der Ägide der Physikerin, die selbstverständlich als Vollblutpolitikerin nie zugeben würde, einen Fehler gemacht zu haben.

Wir Naturwissenschaftler tragen eine Mitschuld, wenn wir nicht klarstellen, dass beispielsweise Atomkraft notwendiger ist als je zuvor. Wir müssen auch weg vom unwissen-schaftlichen und selbstzerstörerischen Grünen-Mantra und erkennen, dass GMO-Pflanzen, wenn bald acht Milliarden Menschen weltweit genug zu essen haben sollen, richtig und wichtig sind. Weltfremder grüner Populismus entspricht vielleicht einem Teil des deutschen romantischen, homöopathiegläubigen Wesens, aber wir Wissenschaftler müssen diese Irrationalitäten anprangern. Zivilcourage war aber leider noch nie eine Stärke deutscher Wissenschaftler – was auch unsere Geschichte zeigt.

 

Axel Meyer ist Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz und zählt auf seinem Fachgebiet zu den führenden Forschern der Welt.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Juerg von Burg

06.12.2019|19:29 Uhr

Herr Meyer, ich bin so froh, dass gerade aus Ihrer Ecke mal was Lautes kommt. Seit einigen Monaten schreibe ich einen Blog (blog.jvbc.ch) und argumentiere meist aus Ihrer Ecke, weil da ist bezüglich des Lebens das meiste naturwissenschaftliche Wissen. Klima ist keine Wissenschaft, nicht mal Wetter ist Wissenschaft und alle ...ologien sind kaum besser als Astrologie. Bescheidenheit und Vernunft sind gesucht, wer andere als Wissenschaftsleugner bezichtigt soll in die Politik gehen, da geht das (leider).

Jürgen Althoff

06.12.2019|18:20 Uhr

Wieso schätzt der "Wissenschaftler" Meyer den Fälscher Al Gore, dessen Propagandafilm "An Inconvenient Truth" laut Gerichtsbeschluss in GB in Schulen nur gezeigt werden darf, wenn auf die darin enthaltenen nachgewiesenen "Fake News" hingewiesen wird? Und ist Herrn Meyer entgangen, dass im Bundestag die größte Oppositionsfraktion die AfD ist, deren Redner eine rhetorisch und inhaltlich eine seit Langem nicht mehr erlebte Qualität abliefern, aber von den anderen Parteien ignoriert werden. Vermutlich wäre Frau Merkel einem Prof. Meuthen ebenso wenig gewachsen wie z.B. Dr. Gottfried Curio.

Brigitte Miller

06.12.2019|11:09 Uhr

Man lese: "Weltklimakonferenz Madrid: Hysterische Phantastereien und Billionensummen" von Holger Douglas TE 25'000 fliegen um die halbe Welt nach Madrid. Trump bleibt zu Hause, Nancy Pelosi fliegt. Wer ist der/die/das Vernünftigere?

Marco B

06.12.2019|03:47 Uhr

«Scientist for Future» höhö! Wo kann ich 'Zukunft' studieren? Früher waren das ältere, bucklige Damen mit Nasenwarze, knorrigen Fingern und Glaskugel. Heute wird das Klima auf 100 Jahre in die Zukunft prognostiziert. Noch schlimmer sind nur deren Jünger, die allen Ernstes glauben, das Verbot funktionierender Techniken werde in absehbarer Zeit zur Umgehung physikalischer Gesetzmässigkeiten führen, so man nur die 'Forschung' genügend finanziell unterstütze. Sie sind von klimawissenschaftlichen Mehrheitsentscheiden bedingungslos überzeugt, zweifeln aber an den exakten Naturwissenschaften.

Markus Dancer

05.12.2019|12:52 Uhr

"Wissenschaftler"??? Das ich nicht lache! Wo sind sie denn die Wissenschaftler, vielleicht 2-3 denen das viele Geld das Hirn noch nicht verstopft hat, der Rest liess sich kaufen! Es sind keine Wissenschaftler mehr, sondern hysterische, lügenhafte, korrupte und irre Propaganda-Huren geworden! Schaut Euch doch mal unsere Universitäten an! Das sind Brut- und Hühnerställe und keine Bildungshäuser mehr!

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