Adieu, ihr Engel

Die ultimativen Schönheiten von Victoria’s Secret stöckeln vielleicht ihrem Ende entgegen. Die politisch Korrekten wollen es so. Dabei hätte es genug Platz für alle.

Nach 27 Jahren wurde die Victoria’s-Secret-Show dieses Jahr zum ersten Mal abgesagt. Das Marketing-Meisterwerk, ein Defilee von Endlos-Beinen und gnadenlosen Schönheiten, ging jährlich im November über die Bühne und wurde im Fernsehen übertragen. Supermodels wie Naomi Campbell, Gisele Bündchen und Heidi Klum liefen regelmässig mit.

Die Absage sei Teil des Schrittes, «die Botschaft des Unternehmens weiterzuentwickeln», zitiert die US-Zeitschrift Fortune den CFO Stuart Burgdoerfer. Man würde künftig mit den Kunden kommunizieren, aber nicht mehr in der Grössenordnung. Gemäss Fortune sinken die Verkäufe von Victoria’s Secret seit 2016, CNBC berichtet, dass die TV-Quoten der Lingerie-Show 2018 auf ein historisches Tief gefallen seien.

Es ist wahrscheinlich das Ende einer grossartigen Ära. Und es ist schade, obwohl es nicht ganz überraschend kommt. Seit Jahren wird das Unternehmen scharf kritisiert, es sind allen voran prominente Feministinnen, Influencerinnen und Kolumnistinnen der Mainstream-Medien, die den Mangel an unterschiedlichen Körpertypen in der Werbung und den Shows beklagen, insbesondere, dass Plus-Size- und Transgender-Models fehlen. Zu den Vorwürfen nach der Show vergangenes Jahr hatte sich der damalige Marketingchef Edward Razek bei Vogue die Aussage erlaubt: «Wir vermarkten, an wen wir verkaufen, und wir vermarkten uns nicht an die ganze Welt.» Sie hätten zwar Transgender- und Plus-Size-Models in Betracht gezogen, entschieden sich für die Show aber dagegen, auch wenn das für manche politisch nicht korrekt sei: «Weil die Show eine Fantasie ist. Ein 42-Minuten-Entertainment-Special.» Und: «Ich glaube nicht, dass wir alles für alle Kunden sein können.» Man sei ein Spezialitätengeschäft, kein Warenhaus. Der 71-Jährige verliess das Unternehmen laut Daily Mail im August.

Nebst dem Druck von sinkenden Verkäufen, schlechter Presse und der geballten Ladung Kritik von der Feministenfront kämpft die Edelmarke mit Konkurrenz aus dem Entertainment-Sektor. Der vielleicht grösste Rivale ist das 2017 von Superstar Rihanna gegründete und sehr erfolgreiche Kosmetikunternehmen Fenty Beauty, das Make-up für viele verschiedene Hauttöne herstellt und auch eine Unterwäschelinie verkauft, Savage X Fenty. Dessen lustvoll inszenierte Shows zeichnen sich durch eine grosse Diversität an Frauen in Bezug auf Haut- und Körpertypen aus. Fenty wurde schon mehrfach ausgezeichnet, von den Medien wird es hochgelobt. In Artikeln kann man lesen, dass Fenty den Konkurrenten Victoria’s Secret «gekillt» habe.

Dass es Unterwäsche-Shows und -Werbung für alle Arten von Frauen- (und Männer-) Körpern gibt, ist gut und richtig. Viele Frauen können sich mit den stereotypen Model-Figuren nicht identifizieren. Für sie soll Werbung nicht Fantasie abbilden, sondern Realität. So weit, so jedem das seine. Das Problem ist, es gibt noch die anderen.

Da wäre zum Beispiel ich. Die Victoria’s-Secret-Empörten sprechen nicht für mich. Ich habe keinen perfekten Körper, Spanx halte ich für die beste Erfindung des 20. Jahrhunderts, aber ich möchte in der Werbung keine Models sehen, die in Unterwäsche so aussehen wie ich. Bei dem Kauf möchte ich von Fantasie verführt werden – und nicht von Cellulite oder fetten Schenkeln. So wie ich ticken viele. In dem Moment, wo wir das Victoria’s-Secret-Satinhöschen im Schlafzimmers überstreifen, uns behutsam den mit Strasssteinchen besetzten BH umschnallen, werden wir zur belle de nuit. Dann verschwinden Orangenhaut und Hüftspeck, die Selbstzweifel ziehen sich beleidigt zurück. Das Spiegelbild gaukelt nicht Erotik vor – es offenbart sie. Fantasie tut für das Sexy-Gefühl mehr als 1000 Stunden Schwitzen im Fitnessklub.

Es gibt nun mal die objektive Schönheit, das Ideal eines Gesichts und Körpers – und auch wenn das einigen nicht gefällt, es wird so bleiben, weder Zeitgeist noch Medien noch Feminismus werden das gross ändern. Schlanke, bildschöne Frauen sind Gegenstand immerwährender Verehrung – von Männern und Frauen gleichermassen. Sie regen an zu Träumereien, auch zu mehr Selbstdisziplin – und für viele funktioniert das Erwecken der Fantasie nur, wenn die Wahrheit ausgesperrt bleibt. Das heisst nicht, dass es für Sexyness einen perfekten Körper braucht, überhaupt nicht. Und natürlich können Menschen mit etwas oder mit viel Übergewicht Dessous präsentieren. Es gibt mittlerweile genügend Schauen, wo kleine, grosse, sportliche, unsportliche und übergewichtige Leute über den Laufsteg gehen.

Es ist für alle etwas dabei, und genau darum habe ich kein Verständnis für das Gejaule derjenigen, die sich ausgerechnet an Victoria’s Secret abarbeiten, sich bei den Schlanken über das Fehlen der Molligen entrüsten und dort die Repräsentation sämtlicher Körpertypen fordern. Sie versprühen einfach nur den säuerlichen Duft von Neid. Perfektion und Imperfektion können hervorragend nebeneinander leben, ohne dass man für das eine das andere verändern müsste.

Wem die Models zu wenig divers sind, der muss das Produkt nicht kaufen – der soll, wie die wunderbare Rihanna, seine eigene Marke kreieren und nach eigenem Gusto vermarkten. Lasst den anderen den fantastischen Anblick. Lasst uns erotische Lingerie von makellosen Grazien vorgeführt bekommen, deren Sex-Appeal wir uns durch das Tragen der Teile ein kleines bisschen aneignen. Unser Selbstwertgefühl leidet darunter nicht.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Alex Baur, Redaktor

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Kommentare

Markus Spycher

02.12.2019|08:18 Uhr

Es gibt überzüchtete Milchkühe, deren Euter fast bis zum Boden reicht und die sich deswegen kaum mehr fortbewegen können. Und es gibt Frauen, die mit millionenschweren, diamantenbesetzten Brustpanzern über einen Laufsteg stöckeln. Und es gibt Menschlein, die sich an derartigen Perversitäten - aus was für Gründen auch immer - begeilen können.

Urs Chicherio

28.11.2019|19:12 Uhr

Danke, Tamara, für den erneuten Beweis Ihrer vom Mainstream unabhängigen Meinung! Ich freue mich jedes Mal beim Lesen der Weltwoche auf die letzte redaktionelle Seite mit Ihrem Blog zu aktuellen Themen des täglichen Lebens. Dabei beschleicht mich jeweils die Angst, dass Ihnen eventuell der Stoff für einen wie in der Vergangenheit sehr lesenswerten Beitrag ausgegangen sein könnte. Zum Glück war diese Angst auch dieses Mal unnötig. Sie treffen jeweils genau den Standpunkt, den auch ich als gestandener Mann zum betreffenden Thema eingenommen hätte. Erstaunlich! Bitte weiter so! Urs Chicherio

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