«Wir leben in hysterischen Zeiten»

Nico Hofmann ist einer der grössten und erfolgreichsten deutschen Filmemacher. Seine Produktionen erreichen Millionen und lösen Kontroversen aus. Er beobachtet eine «Hysterisierung» der Politik und eine Verengung des intellektuellen Klimas. Der Aufstieg der AfD macht ihm grosse Sorgen.

So stellt man sich keinen Filmmogul vor. Nico Hofmann, 59, wirkt jugendlich federnd, eher ein Dozent als der Autor von Filmen und Fernsehmehrteilern, die ein Millionenpublikum erreichen. Heute leitet er die UFA, Deutschlands grösste Produktionsgesellschaft. Furore gemacht haben vor allem seine Filme über den Zweiten Weltkrieg. Hofmann traute sich an einen bis dahin im deutschen Kino bei diesem Thema seltenen Realismus heran und verzichtete auf einen zu offensichtlich didaktischen Zugang. Sein jüngstes Erfolgsprojekt ist «Ich war noch niemals in New York» auf der Grundlage eines Musicals mit Liedern von Udo Jürgens. Das Gespräch findet in den UFA-Büros an der schönen Mommsenstrasse im Herzen des Berliner Stadtteils Charlottenburg statt.

 

Herr Hofmann, Sie werden am 4. Dezember sechzig Jahre alt, zunächst ganz herzliche Gratulation für alles, was Sie fürs Kino und Fernsehen geleistet haben. Was war eigentlich der filmische Urknall, der Sie in diese Branche katapultiert hat?

Meine Eltern haben mich regelmässig in diesem City-Kino in Ludwigshafen abgesetzt zur Kinderbetreuung, weil sie als berufstätige Journalisten wenig Zeit hatten.

Das Kino war Ihr Elternersatz?

Genau. Das City-Kino wurde viel später ein Sex-Kino, heute ist es geschlossen. Das Kino hatte damals jeden Tag für jeweils eine Stunde ein fixes Programm. Man zahlte eine D-Mark und konnte schauen, so lange man wollte. Das lief von morgens bis abends. Da gab’s eine Kassiererin, bei der ich wirklich aufgewachsen bin. Mein Urfilm war «Schneewittchen» auf Tschechisch in einer schlechten Synchronisation.

Ihre Eltern, konnte man lesen, waren selber sehr filminteressiert.

Ja, sehr. Es war ein Intensivsthobby. Mein Vater war Mitbegründer der Mannheimer Filmwoche, damals eine Art Berlinale des Autorenkinos. Grosse Regisseure wie Werner Herzog oder Rainer Werner Fassbinder wurden dort gefeiert. Während des Prager Frühlings war dieses Festival ein Tor zum Osten. Die ganz grossen Leute wie etwa Milos Forman waren nicht nur auf dem Festival, sie waren auch bei uns zu Hause.

Film und Politik prägten Ihre Jugend.

Bis heute fasziniert mich, als Regisseur und Produzent, wenn Geschichte und Politik auf den Menschen prallen, was Geschichte und Politik mit Menschen machen: die emotionale Realität, das persönliche Erleben der eigene Dynamik. Das habe ich aus jener Zeit mitgenommen.

Was sind die wichtigsten Filme Ihres Lebens?

Das kann ich nicht auf ein paar Namen reduzieren. Je nach Lebensphase haben mich unterschiedliche Filme gepackt. Die Filme waren jeweils sehr eng an meiner Stimmung orientiert. Ganz wichtig war «La Luna» von Bernardo Bertolucci, da war ich neunzehn Jahre alt.

Ein ziemlich krasser Film: Er handelt von einer inzestuösen Beziehung einer Mutter, die Opernsängerin ist, mit ihrem drogensüchtigen Sohn. Die beiden haben sich total entfremdet, wissen eigentlich nichts voneinander.

Diese symbiotische Mutter-Sohn-Beziehung bewegte mich jahrelang, ein grosser Film, leider total verkannt. Ebenso sehr berührte mich aber auch Francis Ford Coppolas Vietnam-Film «Apocalypse Now».

Der Vietnamkrieg als Höllenfahrt ins «Herz der Finsternis» der Vereinigten Staaten.

Das war ein Urerlebnis. Die physische Gewalt des Kriegs wird auf der Leinwand für den Zuschauer fühlbar. Es ist unglaublich beeindruckend, wie es die Amerikaner immer wieder fertigbringen, sich den Abgründen auch ihrer eigenen Geschichte mit dieser schonungslosen emotionalen Ehrlichkeit zu stellen. In «Apocalypse Now» geschieht dies mit einer bewundernswerten Radikalität.

Der Hauptdarsteller Martin Sheen erlitt einen Herzinfarkt, Regisseur Coppola war nahe dran.

Es gibt diesen grossartigen Dokumentarfilm von Coppolas Frau Eleanor, «Hearts of Darkness», den ich meinen Studenten regelmässig zeige. Man erfährt, wie existenziell alles ist, was man dreht: das Thema des Films, hier der Vietnamkrieg, wird am Set sozusagen nochmals erlebt. Man spielt nicht einfach, man macht es durch, psychologisch, fast schon physisch. Das geht in alle Verästelungen des Körpers und des Hirns hinein. Thema, Inhalt und Stimmung werden zur Einheit. Diese Echtheit wirft mich immer wieder um. Man kann einen Kriegsfilm nicht wie eine Operette drehen.

Können Sie dem Kino als Traumfabrik, als Instrument der Realitätsflucht, etwas abgewinnen?

Für mich waren Filme eher ein Instrument, ja geradezu ein Verfahren, um mich und die Welt besser zu verstehen. Jahrelang hatte das Kino für mich eine therapeutische, geradezu psychoanalytische Funktion.

Woody Allen, der Chaplin des psychoanalytischen Zeitalters, ist demnach ein Held für Sie?

Grossartig. Wunderbare Auseinandersetzungen mit Liebe und Sexualität, das jüdische Leben, Lebenswitz und Lebensenergie. In Europa war für mich das Gegenstück der von Woody Allen bewunderte Ingmar Bergman. Das war für mich sozusagen die Kathedrale, das Höchste.

«Rambo», «Terminator», «Krieg der Sterne»?

Weniger. Mein ehemaliger Studienkollege Roland Emmerich lebt in dieser Welt, der konnte schon an der Filmschule München in einer alten Fabrikhalle ganze Raumschiffe nachbauen. Für mich ist das nichts, ich könnte es auch nicht, bewundere aber Regisseure, die das wie Roland dann auch noch mit Witz, Handwerk und Ironie hinkriegen: Bombastik und Humor. An den Amerikanern imponiert mir der begeisterte Pragmatismus: «Go for it.» Deutschland mit seinem angstbesetzten Klein-Klein- und Schuhschachtel-Denken, diese deutsche Verhaltenheit ist das Gegenteil. Deshalb arbeitet Emmerich in den USA.

Mit grossem Erfolg haben Sie sich dann selber an die grossen Stoffe gewagt, auch an die abgründige deutsche Weltkriegsgeschichte mit Filmen wie «Die Flucht», «Dresden», «Rommel» oder «Unsere Mütter, unsere Väter». Das waren grosse Publikumserfolge, die aber auch intensive Debatten ausgelöst haben darüber, wie man die deutsche Geschichte zeigen darf.

Dahinter steckt die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Familie. Mein Vater war Soldat in der Ukraine. Meine Mutter wuchs als Kind unter Hitler auf. Beide Eltern waren im Faschismus dabei, und die Frage: Was macht das Dritte Reich mit den Menschen?, ist zum Thema meines Lebens geworden.

Haben Sie über diese Erfahrungen mit Ihren Eltern gesprochen?

Sehr oft. Und wir haben darüber auch gestritten. Es gab existenzielle Auseinandersetzungen, ich rede nicht von Meinungsverschiedenheiten, die man bei einem Abendessen schnell erledigt. Einschneidend war für mich die Fernsehserie «Holocaust». Sie wurde erstmals Ende der siebziger Jahre ausgestrahlt. Die Vernichtung der Juden durch die Deutschen wurde hier mit einer emotionalen Eindringlichkeit geschildert, die meinen Blick auf mein Land und meine Eltern fundamental verändert hat. Ich kann mich noch heute an jede Szene der Serie erinnern. Das sitzt ganz tief.

Was hat dieser Film in Ihrer Familie ausgelöst?

Mein grosses Entsetzen darüber, wie tabu dieses Thema damals noch war. Zu fragen: Wo waren eigentlich die jüdischen Nachbarn? Was habt ihr damals gemacht? Die Figur meines Vaters, der in der Ukraine auf Menschen geschossen hat: Aus all dem ergaben sich Diskussionen, die phasenweise zur vollkommenen Trennung geführt haben.

Sind Sie an Deutschland verzweifelt?

Vor allem verzweifelte ich, weil es meine Eltern waren. Es war ein verkrampftes Klima weitestgehender Verdrängung. Die «Holocaust»-Serie wurde damals in den Medien übrigens stark kritisiert. Es war überhaupt nicht so, dass die Deutschen an dieses Grauen erinnert werden wollten. Mein Vater ist jetzt 94 Jahre alt und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit seiner soldatischen Vergangenheit. Meine Mutter habe ich erst begriffen, als ich in ihrem Tagebuch las. Sie ist Jahrgang 1934. Ich fand Einträge, da steht Hitler über allem. Sein Tod war für sie als Mädchen nicht fassbar. Das gab mir einen Eindruck, wie es ist, wenn Kinder in totalitären Staaten aufwachsen. Das alles offen zu diskutieren, war ein wichtiger Antrieb für meine Filme, die sich mit dieser Zeit beschäftigen.

Trotzdem haben Sie in Ihren Filmen keinen flach moralisierenden Schwarzweissansatz gewählt, sondern eine realistische Filmdramaturgie mit gebrochenen Charakteren, Gut und Böse sind durchmischt. Am meisten zu reden gegeben hat und am erfolgreichsten war Ihr Mehrteiler «Unsere Mütter, unsere Väter». Dieser Film zeigt, wie eine Gruppe junger Deutscher in der Nazizeit in Krieg und Verbrechen hineingezogen wird.

Ich habe ganz bewusst beides dargestellt: die Opfer und die Täter. Ich habe versucht herauszufinden, was in den Köpfen der damaligen Menschen vorgegangen ist. Es ist kein Freispruch, sonder das Gegenteil: Die Deutschen waren die Täter, daran führt nichts vorbei. Mein Ziel war es, den Deutschen von damals ein Gesicht zu geben, aber ich habe eine klare Haltung gegenüber diesen Deutschen, alles andere würde meiner politischen Haltung nicht gerecht. Ich bin da eher radikaler geworden, verurteile zutiefst, was Deutsche damals gemacht haben.

In Polen und in den USA, zum Teil auch in Deutschland warf man Ihnen Verharmlosung vor.

Bis zum letzten Schnitt haben wir versucht, jeden Revanchismus, jeden falschen Ton zu vermeiden. Mich beschäftigt das Thema Verführung. Es ist hochaktuell, gerade in Deutschland, wo ich mit Entsetzen beobachte, wie sich rechte politische Strömungen mit Stilmitteln, die direkt aus der Nazizeit kommen, wieder ausbreiten. Der Rechtspopulismus belagert bewusst historische Begriffe. Ich denke an einen Björn Höcke in Thüringen mit seiner Dresdner rede vom «Mahnmal der Schande». Dem ist nicht nur mit Entschiedenheit zu begegnen; das ist eine Tendenz, die ich existenzbedrohend gefährlich finde. Wie ist diese Art von Verführung möglich? Das ist das grosse Thema der deutschen Geschichte, und das ist das Thema dieser Filme.

Warum kam es zur Kontroverse?

Meine Filme «Die Flucht» oder «Dresden», die sich auch mit Weltkriegsstoffen befassen, waren Melodramen. Bei «Unsere Mütter, unsere Väter» gingen wir an einen emotionalen Realismus heran, wie ihn die Amerikaner schon seit langem produzieren. In Deutschland ist das offensichtlich schwierig, es wird dann schnell sehr kritisch. Als wir «Rommel» drehten, gab es eine Auseinandersetzung: Man dürfe das nicht. Stein des Anstosses war, dass Hauptdarsteller Ulrich Tukur als General Rommel Texte aus Originalprotokollen spielte, was der echte Rommel also wirklich gesagt hatte. Das waren authentische Quellen – was in der Inszenierung bereits als Skandal empfunden wurde. Das macht deutlich, in was für einem hochaufgeladenen Spannungsfeld wir uns in Deutschland befinden. Dabei ist es gerade die realistische Sicht mit allen Ambivalenzen, die wirklich wachrüttelt und so viel an Selbstbespiegelung freisetzt. Das Unheil und die Mechanismen der Verführung werden erst erfahrbar und vielleicht verstehbar, wenn man darzustellen versucht, was damals in den Menschen vorging. Mit Schwarzweissschablonen kommt man nicht dahinter.

Das intellektuelle Klima in Deutschland scheint polarisiert wie lange nicht mehr.

Es gab doch immer wieder heftige Debatten und Auseinandersetzungen in Deutschland, denken Sie an die siebziger Jahre, die Bewältigung des Terrorismus. Die Empfindlichkeiten sind aber enorm. Es ist eine Folge der politischen Strömungen, weltweit, aber auch in Deutschland. Wir leben in hysterischen Zeiten. Der Ton ist schrill, die Differenzierung fehlt. Ich beobachte eine übersteuerte Egozentrik, einen Machthunger. Das macht mir grosse Sorgen.

Was befürchten Sie?

Ich habe kürzlich Film- und Theaterkritiken des späteren Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels gelesen. Die sind unglaublich präzise kombiniert, hochintellektuell, raffiniert verquickt, aus scheinbar bürgerlicher Sicht, aber sie schleudern einen schockierenden, fast selbstverständlichen Antisemitismus hoch. Was mich schockiert: In Thüringen tauchen nun plötzlich wieder rechtspopulistische Sätze auf, 25 Prozent der Wähler lassen sich davon offenbar nicht abschrecken. Das scheint keine vorübergehende Stimmung. Da entsteht eine Strömung, die ich vor 25 Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

Ist es nicht eine Verharmlosung der Nazis, wenn man Exponenten der AfD im gleichen Atemzug nennt? Deutschland ist heute eine solide Demokratie.

Mich schockiert, mit welchen Begriffen und Parolen die AfDler durchkommen, nicht alle, aber Exponenten wie eben Höcke im Osten und andere. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier wieder eine deutsche Grösse inszeniert wird, das nationalistische Pathos, das die Abgründe nicht zur Kenntnis nehmen will. Ein führender AfD-Politiker bezeichnete die Nazizeit als «Vogelschiss». Das ist unfassbar.

Fairerweise ist anzumerken: Gauland und Höcke haben sich für ihre Entgleisungen entschuldigt.

Wenn ich mir aktuelle Auftritte wirklich anschaue und anhöre – man muss sich damit auseinandersetzen –, dann sehe ich keine Kurskorrektur. Es geht einfach weiter in diesem Ton und in diesem Stil.

Kann Deutschland kippen? Halten Sie einen neuerlichen Absturz für möglich?

Meines Erachtens leben wir auf der Grundlage der sozialen Balance. Das ist die Basis. Der wirtschaftliche Wohlstand in Deutschland ist nach wie vor so stabil, dass die Gefahren nicht akut sind. Trotzdem ist es beunruhigend, was sich zusammenbraut.

Sie wollten auf der Grundlage der Bücher des renommierten deutschen Historikers Thomas Weber auch einen Mehrteiler über die Anfangszeit Hitlers machen. Die Drehbücher sind geschrieben, der Film scheint allerdings nicht zustande zu kommen. Wo liegt das Problem?

Das hätte ich gerne gemacht. Aber es geht nicht. In der Literatur gibt es gefühlte 4000 Hitler-Biografien, wieso nicht auch einen neuen Film? Das Faszinierende an Webers Buch ist, dass es nicht eine Biografie des späteren Diktators ist, sondern es zeigt den Freundeskreis, ein Gewebe mehrerer Menschen, die in einer bestimmten Zeit gross werden. Mir wäre es gar nicht um ein Porträt Hitlers gegangen, für mich ist es die Geschichte der Verführung. Es gibt einen kanadischen TV-Mehrteiler, der seit Jahren zu Hitlers Biografie ausgestrahlt wird, aber das Programm kommt eben nicht nach Deutschland.

Wieso geht es in Deutschland nicht? Bernd Eichinger hat mit grossem Erfolg den Film «Der Untergang» auf die Leinwand gebracht. Da geht es ohne jede Schönfärberei realistisch um die letzten Tage und Stunden im Führerbunker, mit Bruno Ganz in der Hauptrolle.

Neben dem grossen Erfolg ist der Film dafür auch heftig kritisiert worden. Die Frage lautet ja: Darf man Hitler in einem Fernseh-Mehrteiler realistisch darstellen? Ich sehe hier eine gewisse Doppelmoral: Wenn es die Kanadier machen, ist es in Ordnung, aber in Deutschland geht das nicht.

Wenn ich den Fernseher einschalte, gibt es doch deutsche Kanäle, die nichts anderes zeigen als Dokumentarfilme zur Hitlerzeit mit den alten Filmaufnahmen.

Das ist fragwürdig, dieses suggestive Abspulen der immer gleichen historischen Filmdokumente ohne jede Auseinandersetzung. Ich finde es falsch, wenn man Hitler stundenlang auf einem Doku-Kanal konsumieren kann, aber ein Film, der sich analytisch und emotional mit der Frage auseinandersetzt, wie das Böse so verführerisch sein kann, dass eine grosse Mehrheit bereit ist, den Mechanismen des Faschismus zu folgen, verhindert wird.

Das scheint Ihnen nahezugehen.

Gerade vor dem aktuellen Hintergrund wäre es wichtig, so ein Projekt zu machen. Gehen Sie mal auf Youtube, schauen Sie sich die Auftritte von Björn Höcke an, die Fahnenmärsche, das Vokabular, ich sehe hier wieder die alten Mechanismen der Verführung am Werk, die wir hätten aufzeigen können. Es wäre dann natürlich an uns gelegen, dies mit grösster Differenziertheit zu tun. Wie funktioniert die Verführung? Wie diabolisch endet sie? Das ist die Klammer, die auch Webers Hitler-Buch aufmacht. Es wäre sehr interessant gewesen, diese Debatte heute in Deutschland auszulösen.

Was kann ein prominenter Kulturschaffender gegen die Hysterisierung unternehmen?

Differenzierung. Man tastet sich an die komplexe menschliche Wirklichkeit und Emotionalität heran, um herauszufinden, wie es wirklich war oder ist. Literatur leistet das. Im Film ist es schwieriger geworden.

Wer verstehen will, setzt sich automatisch dem Vorwurf aus, er wolle verzeihen, er wolle rechtfertigen. Das haben Sie erlebt.

Schauen Sie einen Film wie «Apocalypse Now» an. Wird hier der Vietnamkrieg verherrlicht, weil Coppola realistisch an die Figuren herangeht? Das Gegenteil ist der Fall.

Wer sich durch Differenzierung der Hysterie widersetzt, wird von den Hysterikern kritisiert, weil sie sich durch die Differenzierung kritisiert fühlen.

Hinter der Hysterisierung kann man sich auch leicht verstecken, den unbequemen Fragen und Erkenntnissen über die eigene Verführbarkeit aus dem Weg gehen. Die Diskussionen muss man aushalten, ich suche sie sogar. Aber man darf sich nicht abbringen lassen vom Bemühen um Differenzierung.

Hatten Sie im aktuellen Getöse schon einmal den Wunsch, in die USA auszuwandern? Dort ist es doch viel weniger verkrampft.

Nein. Ich bin so sehr verwachsen mit dem deutschen Kulturkreis, und auch in den USA könnte und wollte ich meiner deutschen Herkunft nicht entkommen. Im Übrigen werden die USA auch täglich von Hysterieschüben erfasst, Trump ist ein Machtegozentriker par excellence.

Lassen Sie uns zum Schluss noch über die Kunst der Schauspielerführung reden: Sie sagen, die Psychoanalyse sei hier entscheidend. Wie meinen Sie das?

Ich habe selber zwei lange Psychoanalysen gemacht, auf der Couch. Man wird zu seinem eigenen Resonanzraum. Man lernt sich selber kennen. Und man lernt damit automatisch sehr viel über die Schauspielerführung.

Inwiefern?

Meine Filme zeigen komplexe menschliche Beziehungen. Das muss man mit den Schauspielern ausloten, nachempfinden. Ich kann mich erinnern, dass wir mit Götz George eine sehr vielschichtige Sexszene drehen mussten, in der sich das ganze Drama zweier Menschen, die sich ineinander verkrallen, abbildet. So etwas können Sie nicht einfach hinlegen nach dem Muster «So, jetzt zieht euch mal aus und Action». Das muss tagelang über intensive Gespräche vorbereitet werden, bis das Ensemble am Punkt ist, wo es emotional stimmt. Man muss diese Gefühle entstehen lassen, in aller Ruhe, wie in einer Psychoanalyse.

Wie führen Sie einen Star?

Das braucht Ehrlichkeit, abgrundtiefe Angstfreiheit. Es ist eine gleichberechtigte Beziehung. Alle grossen Schauspieler, mit denen ich gearbeitet habe, haben diese Offenheit und Angstfreiheit zugelassen und auch gewollt. Ein Star verkrampft nur dann, wenn ihm der andere angstvoll und verkrampft begegnet.

Spüren Sie bereits beim Drehen am Set, ob ein Film gelingen wird?

Ja, nach spätestens drei Tagen. Die Emotion muss am Set entstehen. Die Kunst ist dann, sie stärker und intensiver vor die Kamera zu bringen. Wenn das nicht gelingt, können Sie es nicht mehr retten. Wenn sich die Dinge verkrusten, sind Sie verloren. Man spürt es.

Wird der Schauspieler während der Dreharbeiten zur Person, die er spielt?

Mehr noch: Die Stimmung des Drehbuchs überträgt sich aufs ganze Ensemble. Das kann bis zur vollkommenen physischen Erschöpfung gehen. Dagegen können Sie nichts machen.

Können Schauspieler, die sich gegenseitig unsympathisch sind, eine Lovestory spielen?

Klar, und das muss gar nicht schlecht sein.

Braucht man als Filmemacher, als Produzent ein Riesenego? Braucht es einen Hauch Grössenwahn?

Es sind zwei Welten. Sie brauchen das grosse Ego, vor allem dann, wenn Sie verkaufen. Zugleich sind Sie aber auch sehr verletzbar. Es geht immer um alles. Wenn die Produktion fertig ist, ist es am schlimmsten, Sie haben schlaflose Nächte bis zur Herausbringung. Das Selbstbewusstsein ist notwendig, sonst haben Sie die Kraft nicht, etwas auf die Beine zu bringen. Altes Indianersprichwort, wie mir mein Freund Frank Schirrmacher sagte: «Du darfst dich nie durch die Augen deiner Feinde anschauen.» Grössenwahn ist das nicht, ich würde es Überzeugungstäterschaft nennen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

«Die Nibelungen», die «Porsche-Saga» und «Siegfried und Roy».

Mit den «Nibelungen» tauchen Sie noch einmal ganz tief in die deutsche Seele ein. In einem Satz: Was haben Sie aus diesem Mythos über die Deutschen gelernt?

Das ist die Ursuppe, der Blick in den Abgrund von Egozentrik und Macht. Es ist nicht nur ein deutsches Thema, sondern ein Weltthema von verschärfter Brisanz und Aktualität.

Sind die Deutschen wieder nibelungenmässig unterwegs? Wir glauben es nicht.

Nein, sie sind es nicht, aber da und dort züngelt und flammt es leider wieder hoch. Wir sind alle gewarnt.

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Alex Baur, Redaktor

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Kommentare

Inge Vetsch

24.11.2019|18:05 Uhr

@ Bernd Scheubert: Seine Filme SIND gut. Ich finde das Interview und den Regisseur exzellent. Mit viel Tiefgang. Man muss ja nicht bei allem gleicher Meinung sein. Jedenfalls regt jede Zeile zum vertieften Nachdenken an.

Bernd Scheubert

24.11.2019|12:13 Uhr

... und kein Wort ueber die roten Faschisten. Gut, dass ich die Filme des "Erfolgsregisseurs" nie gesehen habe und auch zukuenftig meiden werde. Der Mann kann einfach nicht gut sein. Aber er passt in die deutsche Gegenwart wie die kommunistische Faust aufs hysterische Auge der Blinden. Das er aber hier bei der Weltwoche derart gefeiert wird, sagt mir, Vorsicht, Vorsicht auch bei der Weltwoche.

Rainer Selk

23.11.2019|12:01 Uhr

@Bolliger. Der Parteitag der CDU gestern war eine Zudiener- + Schmierenkomödie der abstossenden Art. Die Massenzustimmung könnte auch von einem NSDAP Anlass stammen. Die Löhne aller dieser Leute müssen enorm sein, dass die sich so 'klammern'. Die DDR 2.0 ist bereits in der Umsetzung. Es ist nur noch miserabel, was von 'Karrenkrampen + Co.' kommt. Von der SPD brauchen wir nicht mehr zu sprechen. Das innerlich hochfahrend, visuell sich gebückt gebende Parteienkartell ist schmierig, seifig + selbstsatt, bei gleichzeit. Aufkochen des Dampftopfs. Der Mist schwappt bereits längst in die Schweiz...!

Juerg von Burg

23.11.2019|09:21 Uhr

Nico Hofmann macht eine saubere Analyse Stichwort Hysterisierung, aber dann, als er AfD als Gefahr bezeichnet (da Nazis), sieht er nicht, dass das genau Hysterie ist! Man stelle sich vor Goebbels erfährt, das die AfD die Nachfolgepartei der NSDAP sei, die Afd hat direkte Demokratie im Parteiprogramm (kann man googeln), der würde sich wohl im Grab drehen ;-).

Ruth Bolliger

22.11.2019|00:32 Uhr

Ein typischer Untertan spricht. Dass Hofmanns Warnungen berechtigt sind, aber die falsche Seite treffen, will er natürlich nicht erkennen. DDR 2.0 ist im Anmarsch. Die Zitate, welche Hofmann Gauland und Höcke zuweist, haben diese nachweislich nicht so geäussert bzw. sie wurden von den deutschen Einheitsmedien komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Diese Hetzpropaganda und die damit verbundenen Absichten zu hinterfragen, fällt dem Herrn nicht ein. Die verheerenden Auswirkungen der von Frau Merkel und ihren Vasallen zu verantwortenden Politik, was interessiert es solche Systemlinge.

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