Captain Weltuntergang

Carola Rackete hat sich von der Seenot-Retterin zur Ikone der Klimajugend gewandelt. In einem Buch beschwört sie das nahende Ende herauf: Nur die Öffnung der Grenzen und die Überwindung des Kapitalismus könnten die Menschheit noch retten.

Zimperlich war sie noch nie, die 31-jährige Nautikerin aus dem niedersächsischen Hambühren. Weltbekannt wurde Carola Rackete im letzten Juni, als sie mit dem Schiff «Sea-Watch 3» eine Sperre zum Hafen auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa durchbrach und ein Polizeiboot rammte, um vierzig Migranten aus Afrika an Land zu bringen. Vier Monate später legt Captain Rackete nach mit einem Buch: «Handeln statt hoffen – Aufruf an die letzte Generation». Menschen retten reicht nicht mehr. Jetzt muss die Menschheit gerettet werden. Und zwar subito.

Racketes Metamorphose von der Samariterin zur Prophetin fand bereits im letzten August statt, als sie sich an die französische Atlantikküste zurückzog, um ihre Botschaft niederzuschreiben. Im September führte sie die Protestmärsche von Extinction Rebellion gegen den Kohleabbau im Hambacher Forst an. Danach ging es gleich weiter mit den Klimablockaden in Berlin. Und nun also die Promotion-Tournee für den «Aufruf an die letzte Generation», die Rackete sogar in die Schweiz führt.

«Der zivile Gehorsam ist das Problem»

Extinction Rebellion, kurz XR, heisst auf Deutsch nicht weniger als «Rebellion gegen das Aussterben», den Weltuntergang. «Sogar im besten Fall», verkündet Rackete in ihrem Buch, werden in den kommenden Jahrzehnten wegen des Klimawandels «Hunderte Millionen von Menschen von Ernährungsunsicherheit, erzwungener Migration, Krankheit und Tod bedroht sein». Bis zum Ende des Jahrhunderts droht «im schlimmsten Fall» der globale Öko-Kollaps, «alle Menschen sterben». Sozusagen als Kompromiss bieten die Experten noch eine dritte Variante an: «Es sterben sechs Milliarden Menschen, und nur eine Milliarde kann an den Polen weiterleben.»

Schuld an der wissenschaftlich erhärteten Apokalypse ist, man hat es geahnt, allein der weisse Mann in seiner grenzenlosen Gier. Wie Kriegsverbrecher müsste man die Firmenbosse vor Gericht stellen, wegen «Ökozids», eigentlich noch schlimmer als ein «Genozid», der ja bloss ein Volk und nicht gleich die ganze Menschheit ermorden will. Auf der anderen Seite stehen die «Indigenen», die Urvölker. Sie allein leben im Einklang mit der unverdorbenen Natur und schützen «achtzig Prozent der weltweiten Biodiversität». Sie leiden am meisten unter den «Auswirkungen des Ökozids». Doch gefangen in ihrem ecological grief, einer Art Öko-Depression, sind sie nicht in der Lage, das Steuer selber herumzureissen. Dazu braucht es mutige Kapitäne wie Carola Rackete.

Rackete setzt alle Hoffnung in die «letzte Generation», also die Jungen von heute, die den auf Ende des Jahrhunderts geplanten Weltuntergang noch erleben könnten. Sie sollen ihren Eltern Respekt vor der Natur beibringen. Doch mit gutem Zureden allein funktioniert das nicht. Die Welt, das ganze System, muss von den Wurzeln her neu erfunden werden. Wie das genau funktionieren soll, bleibt diffus. Es hat irgendwie mit Solidarität, Umverteilung und Konsumverzicht zu tun. Mit Ökosteuern, Ökovorschriften und Fördergeldern ist der radikale Wandel nicht zu schaffen. Die Rationierung von Ressourcen mit strikten Kontrollen ist angesagt. Die institutionelle Demokratie mit ihren Politikern, welche die Interessen der herrschenden Klasse vertreten, steht in Anbetracht des Notstands zur Disposition. «Rebellion ist gerechtfertigt», predigte einst Mao. «Der zivile Gehorsam ist das Problem, nicht der zivile Ungehorsam», doppelt jetzt Rackete nach.

Endzeitpropheten gab es schon immer. Sie verschwanden in der Regel so unvermittelt, wie sie aufgetaucht waren. Wirklich alarmierend ist die devote Kritiklosigkeit, mit der Carola Racketes apokalyptische Beschwörungen in weiten Kreisen aufgesogen werden. Journalisten pilgern mit der Eisenbahn durch halb Europa für eine Audienz beim XR-Superstar, der grundsätzlich keine fliegenden Reporter empfängt. Widerrede findet man selten. Das EU-Parlament in Brüssel empfing die mit der Médaille de la Ville de Paris und anderen offiziösen Huldigungen geschmückte Aktivistin Anfang Oktober mit Standing Ovations. Und das ist doch verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, dass Racketes Blitzkarriere mit einem Frontalangriff auf die EU und ihre Institutionen begann.

Carola Rackete ist in einer mittelständischen Familie in einem mittelprächtigen deutschen Dorf aufgewachsen. Sie kletterte gerne auf Bäume, wie wir in ihrer Kurzbiografie erfahren, ansonsten vertrieb sie sich in ihrer Jugend die Zeit am liebsten mit Onlinegames. Nach dem Gymnasium absolvierte sie eine zweijährige Ausbildung als Nautikerin, mit Praktikum auf einem Containerschiff, weil es sich halt gerade anbot. So kam sie in jungen Jahren weit in der Welt herum. In Patagonien entdeckte sie den Reiz der Natur. Bei mehreren Einsätzen für Greenpeace und auf Forschungsschiffen will sie in arktischen Sphären ihre Leidenschaft für das vom Klimawandel bedrohte ewige Eis entdeckt haben.

Gefährliche Reise

Ab 2016 kam Rackete sporadisch auf Rettungsschiffen der deutschen NGO Sea-Watch vor der libyschen Küste zum Einsatz. Es war das Jahr, als das Schleppergeschäft im zentralen Mittelmeer alle Rekorde brach. 181 436 Migranten schafften es von Libyen nach Italien, 4578 Menschen fanden dabei den Tod. Erstmals wurde nun auch Kritik an den Seenotrettern aus Europa laut, die immer näher vor der libyschen Küste kreuzten. Sie waren Teil eines mörderischen Geschäfts.

Die Retter, deren Schiffe von den libyschen Schleppern dank GPS-Tracking einfach anzupeilen waren, provozierten nachgerade zu lebensgefährlichen Praktiken. Die Menschenhändler verfrachteten immer mehr Migranten auf immer schlechtere Schlauchboote, sie gaben ihnen gerade genug Treibstoff mit, auf dass sie es knapp bis zu den NGO-Schiffen schafften. Die provozierte Seenot wurde Teil eines zynischen Rituals. Die Rettungsschiffe nahmen den Schleppern die Überfahrt nach Italien ab, also den teuersten und schwierigsten Teil des Geschäfts, gratis und franko.

Die privaten Seenotretter erlaubten es den Schleppern, ihre menschliche Fracht auch während der Wintermonate bei rauer See auf die gefährliche Reise zu schicken. Allein im November 2016 ertranken 718 Menschen. Das Massensterben und der Migrationsdruck veranlassten die damalige Regierung – notabene noch unter dem linksliberalen Premier Paolo Gentiloni und dem vormals kommunistischen Innenminister Marco Minniti –, mit Libyen einen Pakt zu schliessen.

Die libysche Küstenwache erhielt von Italien und der EU finanzielle und logistische Unterstützung. Auf einem 70 nautische Meilen (rund 130 Kilometer) breiten Streifen vor der Küste war nun Libyen für die Bergung zuständig. Das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) sollte die auf dem Meer abgefangenen Migranten in den libyschen Häfen registrieren und nach Möglichkeit in ihre Heimat zurückschaffen. In Härtefällen – etwa wenn sie nahe Verwandte dort haben – werden die in Libyen gestrandeten Migranten nach Europa ausgeflogen. Darüber wurde allerdings kaum berichtet. Die Meldungen über Misshandlungen in Auffanglagern hielten dagegen an.

Die Schlepperei auf der zentralen Mittelmeerroute brach in der Folge zusammen. 2018 schafften gerade noch 23 370 Migranten die Überfahrt, 38 000 wurden von der libyschen Küstenwache abgefangen, 1311 Menschen ertranken. Im laufenden Jahr wurden bislang knapp 10 000 erfolgreiche Überfahrten und 900 Tote registriert. Mit den Schleppern zogen sich auch die meisten NGO-Retter zurück. Die in den Niederlanden registrierte «Sea-Watch 3» gehört zu den wenigen, die geblieben sind.

Die deutsche NGO Sea-Watch lehnt die Rückführungen nach Afrika grundsätzlich ab und versuchte der libyschen Küstenwache systematisch zuvorzukommen. Dabei kam es immer wieder zu kritischen Begegnungen. Am 6. November 2017 forderte die Crew der «Sea-Watch 3» die libysche Küstenwache auf, ihr Schiffbrüchige zu übergeben, die diese bereits an Bord genommen hatte. Mehrere Gerettete sprangen in der Folge ins Wasser. Einige schafften es zum deutschen Rettungsschiff, mindestens fünf Migranten starben beim Tumult («Tödliche Hilfe», Weltwoche Nr. 48/17).

Als Carola Rackete im letzten Juni mit der «Sea-Watch 3» von Sizilien in Richtung Libyen losfuhr, wusste sie, dass ihrer Mission «wahrscheinlich eine Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft folgen würde». Wie es der Zufall wollte, stiess die «Sea-Watch 3» bereits am dritten Tag der Mission 47 Meilen vor der libyschen Küste auf ein Schlauchboot mit 53 Migranten an Bord. Zufällig befand sich auch die libysche Küstenwache gerade auf dem Weg zur Rettung. Doch die Deutschen kamen ihr zuvor. Und zufälligerweise waren auch zwei eingebettete deutsche TV-Journalisten mit an Bord, die alles für die Nachwelt dokumentierten, natürlich aus der Perspektive von Sea-Watch.

Man kann sich natürlich auch fragen, ob das alles wirklich so zufällig passierte. In Italien stehen NGOs wie Sea-Watch schon lange unter dem Verdacht, mit den libyschen Schleppern zu kooperieren. Belastbare Beweise gibt es nicht, Sea-Watch hat den Vorwurf stets vehement zurückgewiesen. Gerade die Filmdokumentation zeigt allerdings in unverhohlener Deutlichkeit: Das primäre Ziel der «Sea-Watch 3» war nicht die Rettung von Schiffbrüchigen an sich. In erster Linie ging es darum, die Schiffbrüchigen vor dem Zugriff der libyschen Küstenwache zu bewahren und nach Europa zu bringen. Die Küstenwache forderte Rackete mehrmals auf, die an Bord genommenen Migranten nach Libyen zurückzuführen. Die Deutsche reagierte mit einem höhnischen «No fuckin’ way!».

Gemäss Racketes Rechtsauslegung – und das ist die einzige, die sie akzeptiert – lag der nächste sichere Hafen in Italien. Die italienische Regierung verwehrte ihr jedoch die Einfahrt in ihre Hoheitsgewässer, und selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, den Sea-Watch (nicht zum ersten Mal) dringlich anrief, teilte Racketes Meinung nicht. Also preschte sie mit ihrem Schiff nach einer mehrtägigen Irrfahrt in der Nacht auf den 29. Juni vor laufenden TV-Kameras in den Hafen von Lampedusa. Der Coup machte sie über Nacht zum Weltstar.

Alle in die EU

Wie gefährlich ist Libyen wirklich? Die Meldungen sind widersprüchlich, die Lage ist kompliziert. Neben 650 000 Gastarbeitern aus der Nachbarschaft, die das dank dem Erdöl relativ reiche Land offenbar allen Kriegswirren zum Trotz nicht verlassen wollen, hat das UNHCR 45 000 Flüchtlinge registriert. Wie viele der Übergriffe in libyschen Lagern auf das Konto der Migranten selber gehen, ist unklar. Gemäss italienischen Medienberichten wurden im letzten September in einem Auffanglager in Messina drei mutmassliche Gewaltverbrecher verhaftet, die zuvor in libyschen Lagern gewütet haben sollen – und die just mit Racketes «Sea-Watch 3» als Flüchtlinge nach Italien gekommen waren.

Doch von derartigen Ungewissheiten lässt sich eine Weltretterin nicht aufhalten. Rackete fordert, gleich alle Migranten aus Libyen in die EU aufzunehmen. Was auch immer die Gründe für die Völkerwanderung sein mögen, das Klima, die Gewalt, die Ausbeutung: Schuldig sind nach ihrer Meinung die Industrieländer. Der Kreis schliesst sich.

 

Mehr zum Thema: Autor Alex Baur diskutiert im SRF-Club mit Carola Rackete:

https://www.srf.ch/play/tv/club/video/schuld-und-suehne---wie-ernst-ist-es-uns-mit-der-sozialen-gerechtigkeit?id=a650ffa5-b790-4e09-98ab-ede5ec769102

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Georg Lips

19.11.2019|09:04 Uhr

Man getraut sich auch hier in der WW kaum mehr die Wahrheit zu sagen. Was da passiert ist ja ganz einfach der Ausfluss muslimischer Gesetzesmässigkeiten wie Vielweiberei, dem Unwert der Frau, die nur Gegenstand des absolut tyrannischen Gatten oder nur für Stunden Angetrauten ist, die jederzeit den Konvulsionen ausgesetzt ist. Und deren Resultat nach Europa abgesondert wird. Familienplanung gilt als westlich rassistisch und sie wissen, dass letztlich Menschenmassen gewinnen werden. Eine kaltblütige Rechnung.

Hans Georg Lips

19.11.2019|08:54 Uhr

Eine der vielen von sich besoffenen Weltrettern.

Juerg von Burg

16.11.2019|15:50 Uhr

Sorry liebe Leser, mein Kommentar 14.11. 19:49 war für einen anderen Artikel gedacht. Ich würde ja aus dieser Ra(c)kete eine Mondrakete machen, Einwegmodell;-), ich schreib das nur so, weil jeder weiss, dass ich das nicht kann ;-). Was ich eben schade finde, ist, dass es solche Artikel braucht. Es erzürnt mich auch, dass Menschen, welche andere Menschen gefahrlos ins Unglück stürzen (Menschen in Zielländern und eben auch mittelfristig die Geretteten selbst), noch zu Helden werden. Helden in meiner Jugend taten Gutes unter Einsatz ihres Lebens und sind meist früh gestorben!

Michael Wäckerlin

15.11.2019|21:56 Uhr

Als Faustregel: Wenn jemand völlig unbehelligt Verbrechen begehen darf und dafür vom gesamten Regime gefeiert wird, dann handelt es sich um eine genehmigte «Revolution von oben». Unerwünschter ziviler Ungehorsam führt zu Festnahmen, Bussen, Verurteilungen und Haftstrafen. Die Justiz funktioniert in diesen Fällen auf einmal wieder.

Rainer Selk

14.11.2019|21:03 Uhr

@Hartmann. Welch inhaltsreiche Bemerkung. Abtreten! Lach.

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