Softie-Kultur

Universitäten sind heute, so scheint’s, Treffpunkte für wenig belastbare Junge, um ständig neue Demütigungen aufzuspüren, damit man sich gemeinsam leidtun kann.

Erinnern Sie sich noch daran, also die etwas älteren Jahrgänge unter Ihnen, wie wir als junge Menschen ständig öffentlich gejammert haben, wie schlimm und gefährlich alles sei? Wie wir an Lehranstalten verlangt haben, dass man jedes unangenehme Wort oder Gefühl von uns fernhalten solle? Sie kennen das nicht? Da haben wir etwas gemeinsam. Auch mir fällt spontan keine wirkliche Qual ein, vor der man uns damals hätte besser schützen sollen. Das unterscheidet uns von vielen jüngeren Zeitgenossen heute, für die die Welt ein bedrohlicher Ort ist und die mit ihren Ängsten im Schlepptau im permanenten Leid-Modus leben.

Natürlich haben wir uns damals auch beklagt. Nur haben wir vor allem zu Hause herumgeheult und wegen wirklich schrecklicher Dinge. Weil die Dauerwelle schief rauskam. Oder Nena in Basel kein Konzert gab. Schlecht gefühlt haben wir uns auch bei einem Jobverlust, wenn wir durch eine Abschlussprüfung rasselten oder wegen schlimmen Herzschmerzes. Aber durch den ganzen Mist, den ein Leben so für einen bereithält, haben wir uns irgendwie durchgewurstelt. Durchgeboxt, ohne dass wir für unser Seelenwohl komplette (und funktionierende) Ordnungen an Schulen oder Universitäten hätten umkrempeln wollen. Und gemeine Menschen und schlechte Erfahrungen gab’s damals schon. Trotz oder eben wegen unserer Kämpfe sind wir zu eigenverantwortlichen Erwachsenen geworden. So pathetisch sie sind, die Floskeln stimmen: Aus Niederlagen lernt man am meisten; wer sich seinen Ängsten stellt, wird gestärkt. In dem Moment war es uns nicht klar. Aber unseren Eltern schon, darum hatten sie den Wattemantel bei der Erziehung im Schrank gelassen.

Die leidvollen jungen Existenzen heute haben eine Schwäche für Schwächen. Schwach ist das neue Stark. Und darauf ist man mächtig stolz. Ganze Twitter-Karrieren basieren auf Opfergeschichten und der Verbreitung von Angstszenarien. Beseelt von Selbstviktimisierung, informiert man die Welt nicht nur über die Dinge, die einem sehr zusetzen, sondern auch das, was mit einem nicht stimmt. Das Image der abgeklärten, starken Person würde zur Kollision mit einem Weltbild führen, in dem nicht eigenverantwortliches Handeln im Zentrum steht, sondern sich das Erfolgsgefühl aus der kollektiven Verzweiflung speist.

Und so darf ich Sie mit dem neusten Fall von Softie-Kultur vertraut machen: An der renommierten Oxford University will man künftig aufs Klatschen verzichten. Das berichten britische Blätter wie The Sun, Daily Mail und The Times. Mit Klatschen ist hier nicht das Austeilen einer Klatsche gemeint, sondern das Zusammenschlagen der Handflächen zwecks Beifall. Das Klatschen, konkret: die Klanggeste, wurde auf Verlangen der Studenten und per Abstimmung ersetzt durch jazz hands, das Winken mit den Händen, so wie es in der Zeichensprache gebraucht wird. Grund: «Das Klatschgeräusch könnte Angst auslösen.» Letztes Jahr hatten Studenten der University of Manchester angeregt, dasselbe zu tun.

 

Wenn Klatschen zu Angststörungen führen kann, möchte ich ja nicht wissen, wie diese Leute auf einen bellenden Hund reagieren. Oder auf das Pfeifen eines Teekessels. Auch das Surren einer Mücke macht Menschen aggressiv. Ich frage mich, wie diese emotional sehr verletzlichen Seelen überhaupt einen ganzen Tag überstehen. Wer die Uni für eine wattierte Wohlfühloase hält, wo alles Unangenehme ausgeblendet werden soll, ist möglicherweise nicht bereit für eine Hochschule.

Einige Professoren sprechen von einer neuen moralischen und politischen Kultur, die an Universitäten herrscht. Dazu zählen auch Proteste von Studenten, die mit Niederbrüllen Vorlesungen von Professoren verhindern wollen, deren Ideologie sie nicht teilen – wie neulich an der Uni Hamburg. Der als liberal-konservativ geltende AfD-Gründer Bernd Lucke, der die Partei später aufgrund ihrer Radikalisierung verliess, sollte einen Vortrag zu «Makroökonomik II» halten. Studenten brüllten im Chor: «Nazischweine raus aus der Uni!» Die Vorlesung wurde abgebrochen.

 

Der US-amerikanische Psychologieprofessor Jonathan Haidt erklärt das Softie-Phänomen in einem Vortrag, den man auf Youtube ansehen kann. Er spricht von der Generation Z, von den zwischen 1995 und 2012 Geborenen. «Seit etwa 2014 sehen wir an vielen Universitäten diese neue Kultur des safetyism. Studenten sehen sich selbst und andere Leute als sehr fragil. Für sie ist der Campus gefährlich.» Und: «Worte sind für sie Gewalt, darum müssen sie geschützt werden vor gewissen Worten, Büchern, speakers und Ideen.» Einen Grund dafür sieht er in heutigen Erziehungsmethoden, bei denen das Trainieren von Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit dem Schutz des Kindes vor sämtlichen Risiken gewichen ist. Laut Haidt führt das Abschirmen fast immer zu Misserfolgen im Leben.

Tage später und mit massivem Polizeiaufgebot konnte Lucke seine Vorlesung doch noch halten. Wie die FAZ schreibt, bietet die Uni Hamburg nun Studenten, die sich wegen der Proteste schlecht fühlen, «Ad-hoc-Therapien zur Bewältigung von Posttraumatischen Belastungsstörungen» an. Wer eine Generation von wenig belastbaren, intoleranten Jammerlappen aufziehen will, sollte sie in ihren Unsicherheiten unbedingt bestätigen. Dafür hat sich die Hochschule eine grosse Runde Applaus verdient.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Kommentare

Ignaz Schmucki

11.11.2019|15:28 Uhr

Liebe Tamara, die nächste Flasche Champagner geht auf mich. Denke ich nicht zum ersten Mal. Trouly yours.

Markus Spycher

08.11.2019|11:28 Uhr

@Müller & B. Von wegen Einordnen: Mein Text bezog sich auf Schweizer Universitäten und -Fachhochschulen. Wäre neu, wenn hier in einem Hörsaal "Nazischwein" gebrüllt würde. Als (linker) Plebeier glaube ich mit einiger Gewissheit sagen zu können, dass vorweg Biologen, Tierärzte und Aerzte mit ihrem Gedankengut meist näher bei der SVP sind als bei jeder anderen CH-Partei. Auch wenn sie nicht parteipolitisch tätig sind und es nicht an die grosse Glocke hängen oder Stimmabstinenz üben. Sie dürfen das meinetwegen als wenig couragiert oder feige bezeichnen. - Das war mein letzter Tipp an die SVP.

Marco B

08.11.2019|00:26 Uhr

@Spycher: Für die Anstands-Wähler gibt oder gab es doch die BDP. Langweilig, aber gut. Wer als Akademiker heimlich wählen muss, wählt entweder falsch oder verkehrt in den falschen Kreisen. Und was die 'anständige' Masche der Rösti-SVP geschafft hat, haben die Wahlen ja präzise gezeigt. Zu guter letzt sind die vernünftigen Akademiker auch gar nicht angesprochen, die von Frau Wernli (und mir) angesprochene Klientel wird ganz sicher nicht SVP wählen, weder heimlich noch unheimlich. Die haben sich schon für die geistige Umnachtung entschieden.

Richard Müller

07.11.2019|17:36 Uhr

@Markus Spycher: Frau Wernli ist nicht die SVP und auch nicht ihre Sprecherin. Dasselbe trifft auf mich zu. Das hilft vielleicht ein wenig beim Einordnen. Doch damit ist es noch nicht getan. Wenn der Pöbel im Chor skandiert «Nazischweine raus aus der Uni!», erkennen Sie eine Elite. Wie definieren Sie den Plebs? Sind das möglicherweise anständige Leute, die nicht dem Staat auf der Tasche liegen und als Gegenleistung die Sau raus lassen? Für mich und die SVP kann ich keinen Grund zur Anbiederung an Ihre Elite erkennen. Aber ich kann Ihnen empfehlen, Ihre Denkstrukturen etwas zu entschlacken.

Markus Spycher

07.11.2019|10:00 Uhr

Warum manövriert sich die SVP mit ihrem Studenten-Bashing immer mehr ins Abseits? Ein Mysterium. Weiss die SVP nicht, dass gerade Akademiker (manchmal auch heimlich) mit ihrem Gedankengut sympathisieren, jedoch mit z. B. dem Polit-Stil mehr als nur Mühe haben? Natürlich ist es schwierig, eine Elite und den Plebs gleichzeitig zu enthusiasmieren.

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