Das Leben des Brian

Das Bezirksgericht Dielsdorf berät über die Verwahrung des als «Carlos» bekanntgewordenen Gewalttäters. Allenthalben wird nach einem Schuldigen für den Schlamassel gesucht. Das Problem liegt beim inzwischen Erwachsenen selber.

Kurz vor dem Prozess wandte sich der mittlerweile 24-jährige, einst als Zögling «Carlos» berühmt gewordene Kickboxer und Gewalttäter via SRF-«Rundschau» an die Öffentlichkeit: Er möchte nun bei seinem richtigen Namen genannt werden. Brian, der sich auch schon als «Staatsfeind Nummer eins» aufgeplustert hat, ist der Öffentlichkeit nicht mehr abgeneigt.

Der zweifelhafte Ruhm ist das Letzte, was ihm noch bleibt. Als funktionaler Analphabet ohne jede Perspektive vegetiert Brian in einer Zelle wie ein wildes Tier im Zoo, das dreimal täglich durch die Klappe gefüttert wird. Für den gesetzlich vorgeschriebenen Freigang in Ketten werden jeweils sechs Polizisten in Spezialmontur aufgeboten. Der hünenhafte Mann gilt als gefährlich.

Brian inszeniert sich derweil als Opfer eines repressiven Staates. Nach seiner Version begann alles 2006, als man ihn als Elfjährigen zu Unrecht der Brandstiftung verdächtigt haben soll. Seither widmet er seine Existenz dem Kampf gegen den Unrechtsstaat. So sieht es auch sein Vater, ein gescheiterter Architekt, der Brian durch alle Böden verteidigt.

Alle Chancen verpasst

Die selbstgewählte Opferrolle passt schlecht zur Hartnäckigkeit, mit der Brian früher oder später jeden terrorisiert, der mit ihm zu tun hat: Er demoliert Mobiliar, attackiert Aufseher ebenso wie Mithäftlinge, brüllt nächtelang in seiner Zelle herum wie ein Berserker. Die Provokationen sind primitiv, aber sie bringen jeden an seine Grenzen.

Letzte Woche hätte Brian die Möglichkeit gehabt, sich vor Gericht der Öffentlichkeit zu erklären. Doch weder mit Zureden noch durch Gewalt liess er sich aus seiner Gefängniszelle locken. Er dürfte wohl selber erkannt haben, dass seine Opfermasche einem Abgleich mit der Realität nicht standhält. Erstaunlich ist vielmehr, wie viele Chancen der Staatsapparat ihm immer wieder gegeben hat. Brian hat sie alle in den Wind geschlagen.

Ein neues forensisches Gutachten legt nahe, dass man Brians Gefährlichkeit bislang unterschätzt hat. Von einer dissozialen Persönlichkeitsstörung mit «ausgeprägten psychopathischen Wesenszügen» ist die Rede. Letzteres ist neu. Und lässt aufhorchen. Ein hoher Psychopathiewert ist keine Krankheit, die sich allenfalls auskurieren liesse, sondern eine Veranlagung.

Sondersetting beim Kickboxer

Die grenzenlose Verwahrlosung, in der er herangewachsen ist, trug sicher zum Schlamassel bei. Allerdings bemühte sich schon sehr früh ein Heer von Pädagogen und Therapeuten um den Burschen. An Brian sind sie alle gescheitert. Doch die Möglichkeit, dass ein Jugendlicher nicht therapierbar sein könnte, ist in unserem System gar nicht vorgesehen.

Spätestens als Brian mit fünfzehn Jahren einen Gleichaltrigen aus nichtigem Anlass mit Messerstichen in den Rücken lebensgefährlich verletzte, war klar, dass man es nicht mit einem harmlosen Querulanten zu tun hatte. Schon vorher war er als Gewalttäter aufgefallen. Tagelang hatte man ihn an ein Klinikbett gefesselt, weil man schlicht keine Alternative mehr sah. Eine langjährige Haft ist in unserem Jugendstrafrecht, das in Wahrheit eher ein Therapierecht ist, andererseits gar nicht möglich. Allerdings zeitigten Strafen bei Brian auch nie eine Wirkung.

Das famose Sondersetting beim Kickboxer Shemsi Beqiri war eine Notlösung. Über ein Jahr lang funktionierte das ganz gut, bis ein Dok-Film von SRF den Luxuszögling «Carlos» berühmt machte. Die Zürcher Justizdirektion bekam kalte Füsse und brach die gerichtlich angeordnete Übung ab, bar jeder rechtlichen Grundlage, wie das Bundesgericht ein halbes Jahr später feststellte. Alle Versuche, ihn in eine neue Massnahme einzubinden, sind in der Folge gescheitert.

Vom Irrläufer zum Propheten

Seither wird von WoZ bis Tages-Anzeiger nach Schuldigen gefahndet. Nach Ansicht der NZZ lag der Fehler darin, dass das Sondersetting publik wurde: «Fern vom Scheinwerferlicht wären die Erfolgschancen zweifellos grösser gewesen.» Im Lichte des neuen Gutachtens erscheint indes zweifelhaft, ob Brian je einer Therapie zugänglich war. Der Bursche funktionierte zwar leidlich unter Beqiris Fuchtel. Doch ein eigenständiges Leben, eine echte Perspektive war auch damals nicht in Sicht.

Auf makabre Weise gemahnt die Karriere des Brian an den surrealen Satirestreifen «Monty Python’s Life of Brian»: Als Folge einer Kette grotesker Missverständnisse wird ein Irrläufer zum Propheten, er kämpft gegen imaginäre Feinde und findet schliesslich an einer Massenkreuzigung sein Ende.

Wenn die Forensiker recht haben, ist der therapieresistente Brian im Gefängnis schlecht aufgehoben. Knäste funktionieren nach dem Prinzip von Strafe und Belohnung. Auf solche Anreize spricht er aber nicht an. Sofern kein Richter die Verantwortung für seine Freilassung auf sich nehmen will, bleibt nur die Psychiatrie. Sie allein verfügt über die Zwangsmittel – Medikamente, Mehrpunktfixierungen (Zwangsjacken im Volksmund) oder sogenannte Gummizellen –, mit denen Brian beizukommen ist. Der famose Staatsfeind «Carlos» wird damit zum namenlosen, leider gefährlichen Geisteskranken, von denen es in psychiatrischen Kliniken Dutzende gibt.

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Kommentare

Rainer Selk

09.11.2019|09:34 Uhr

@Markus Spycher. Da Sie zum Thema nichts beitragen, schlage ich vor, Sie halten sich raus oder fragen bei der WeWo an, ob Sie zu UFO einen Beitrag schreiben dürfen. Jener würde mich allerdings kaum interessieren.... Lach.

Markus Spycher

08.11.2019|11:49 Uhr

Bei einem solchen Medienhype um "Carlos" darf die WeWo natürlich nicht abseits stehen. Schreibt doch etwas über den Streik des Flugpersonals in Dtl.

Markus Dancer

08.11.2019|10:03 Uhr

Psychiatrie ist etwa 4 x teurer als Knast! Und den Psychiatern ist noch weniger zu trauen als dem Psycho selber. Lebenslange Verwahrung ist das Wort! Früher hat man Gemeingefährliche dieser Art den Wölfen überlassen. Heute sollen die Opfer für solchen Irrsinn noch bezahlen! Schande! Schickt mir den Typen in mein Camp in SE-Asien - ich verwahre dieses Subjekt sicher und für die Hälfte was der Knast kostet!

Jürg Brechbühl

07.11.2019|11:22 Uhr

Wie es ein richtiger Staatsfeind wenn schon macht, könnt Ihr heute online in der Emmentaler Regionalausgabe von der Bernerzeitung lesen (google nach "Zu Besuch beim Staatsfeind Nummer 1"). Und wenn Ihr grad so weit seid, dann lest doch meine neuesten Artikel zur Behindertendiskriminierung an der ETH in meinem Blog.

Brigitte Miller

07.11.2019|10:00 Uhr

Im "Club" bekam man den Eindruck, dass alles gut gekommen wäre, hätte man es beim "Sondersetting" belassen, ergo es das Beste wäre, wenn man wieder so etwas aufgleisen würde.

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