Beleidigte Leberwürste

Zu viele Comedians machen Witze, die nicht jedermanns Geschmack treffen. Machen sich über Leute lustig, statt ihnen zu huldigen. Wir sollten alle den Humor boykottieren.

Satiriker Michael Elsener hat es gewagt, in seiner Show «Late Update» Witze über Juso-Präsidentin Ronja Jansen zu machen. Er nannte sie neulich «heiss» und «Miss Juso». Jansens Reaktion folgte prompt. Auf Twitter schrieb sie: «Im letzten SRF-‹Late Update› wurde ich als ‹Miss Juso› bezeichnet. Und als ‹heiss›. Von meinen Inhalten fehlte natürlich jede Spur. Geht’s noch, SRF? Wann wird endlich wichtig, was Frauen zu sagen haben und nicht, wie sie dabei aussehen?»

Man hat in einer Comedyshow nicht über Miss Jansens politische Inhalte gesprochen? Das ist fies. Dafür hat man ihr indirekt ein Kompliment gemacht? Das Schlimmste überhaupt!!! Wäre ich Juso-Präsidentin, ich würde blitzartig zum Boykott aufrufen gegen SRF – und gegen Humor im Allgemeinen. Das hat Jansen zwar (noch) nicht getan – dafür hat sie angekündigt, eine Beschwerde beim Ombudsmann einzureichen. Wegen Sexismus. Wegen «heiss» und «Miss». In einer Comedyshow.

Hätte ein Moderator sie in der «Tagesschau» so angekündigt, könnte man die Entrüstung ja verstehen – und ernst nehmen. So muss man halt das Naheliegende benennen: Jansen ist das klassische Beispiel einer Person, welcher der Humor abhandengekommen ist.

Kabarettist Dieter Nuhr hat es gewagt, in seiner Comedyshow «Nuhr im Ersten» Witze über Greta und das Klima zu machen. How dare you, Dieter! Greta werde wohl nicht heizen im Winter, hat er gelästert. Und: «Wenn unsere Kinder glauben, dass man die ganze Welt mit etwas Wind und Sonne betreiben kann, sollte man ihnen ein Hamsterrad mit Dynamo ins Kinderzimmer stellen, wo sie dann ihr Handy aufladen können.» (Der ist wirklich gut!) In der gleichen Sendung hat er auch auf die Dringlichkeit des Umweltthemas hingewiesen und nicht nur Sprüche über Grüne und Linke gemacht, sondern auch gegen Rechte ausgeteilt. Er tut eigentlich genau das, was Satire tun sollte: Er nimmt extreme Pole links und rechts unter Beschuss. Überhaupt zeichnet sich gute Comedy dadurch aus, dass sie viele unterschiedliche Menschen und Begebenheiten aufs Korn nimmt – und das schliesst Juso-Frauen, Minderheitengruppen oder eine Greta nicht aus.

Die Entrüstung über Nuhrs Klimawitze folgte prompt. Ein User meinte bei Twitter, unter grossem Applaus seiner Verbündeten: «Wie geschmacklos ist das denn bitte, Herr Dieter Nuhr? Es tut mir fast körperlich weh, dass ich mit meinen Gebühren Ihre Show mitfinanzieren muss. So viel Stimmung, wie Sie gegen ‹Fridays for Future› machen, ist aus meiner Sicht keine Satire mehr. Das ist reine Meinung.» Die ARD schrieb er gleich noch mit an: «Sie strahlen solch platte Meinungsmache aus und liefern Stoff für jeden Stammtisch. [. . .] Wir streiken auch für Ihre Kinder.» Der Sender sollte also diese Art von Satire am besten nicht ausstrahlen, Comedians mit den «falschen» Witzen keine Bühne geben. Oder was gibt es sonst für einen Grund, einen Auftraggeber miteinzubeziehen?

Man ermahnte Nuhr auch, dass man nicht über «Kinder» spotten dürfe, Satire sollte sich ausschliesslich gegen die Obrigkeit richten. Ist das ein Gesetz, dass sich Comedy nur über Mächtige oder Politiker lustig machen darf; wo steht das geschrieben? Dann würden ja etwa achtzig Prozent aller Themen falsch ausgewählt. Ausserdem ist eine Bewegung wie «Fridays for Future» oder Greta selbst ja auch einflussreich. Sie spricht vor der Uno, wird von den Mächtigen dieser Welt empfangen, auf Twitter hat sie knapp drei Millionen Follower, die Medien huldigen ihr.

Satire-Shows kann man gut oder schlecht finden, man kann von mir aus auch genervt sein, darum geht’s gar nicht mal so sehr. Was irritiert, ist die Überreaktion. Druck auf den Auftrag- und Arbeitgeber ausüben oder eine offizielle Beschwerde beim Ombudsmann einreichen, das geht über die normale Kritik hinaus. Jahrelang hat man diese Comedians lustig gefunden, hat sie gefeiert, jetzt, da sie Witze machen, die einem nicht gefallen, werden sie verteufelt, unliebsame Pointen sollen verhindert werden. Dieses relativ neue Phänomen erinnert an zwängelnde Kinder, die bei Mami petzen, weil ihnen andere einen Streich gespielt haben – und die dann auf eine Bestrafung dieser Kids hoffen. Selbstgerechtigkeit kommt in vielen verschiedenen Verpackungen daher.

Die Beispiele zeigen aber auch ganz gut, dass diese Leute Humor nicht verstehen. Ihre Hysterie entlarvt sie: Wenn sie lachen, lachen sie nämlich nur aus Häme; wenn sich die Spitzen gegen Dinge oder Leute richten, die sie selbst ablehnen oder gar verabscheuen. Sie benützen die Comedians wie eine Art Waffe, und das ist der falsche Humor. Vor allem aber hat die Forderung, dass nur über Dinge gespottet werden darf, die man als praktizierender Moralhüter für zumutbar hält, nichts mit Humor zu tun. (Natürlich, es gibt auch geschmacklose Comedy, solche, die wirklich unter die Gürtellinie zielt, aber darum geht’s hier ja gar nicht.)

Humor ist, wenn man auch über sich selbst lachen kann und nicht nur über jene, die man ohnehin nicht mag. Und, mit Verlaub, wer Comedians vorschreiben will, welche Witze sie machen dürfen, der nimmt sich selbst viel zu ernst, der sieht sich als Zentrum des Universums, der verhält sich wie ein kleiner Diktator. Und das, meine Lieben, ist einiges abstossender als ein Kabarettist mit frechen oder schlechten Pointen.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Marco B

20.10.2019|23:15 Uhr

Bei Nuhr geht es ziemlich um Inhalte, Herr Spycher. Kennen Sie die Sendung? Vor einigen Monaten lästerte er praktisch nur über die AfD ab. Da hat sich kein Twitter-User darüber beklagt. Nun habe ich das erste Mal eine Folge gesehen, die sich gegen den Klimawahn gerichtet hat. Und schon melden sich diese geisteskranken Spassbremsen zu Wort. Ich frage mich, in welchen Psychovereinen man diese ferngesteuerten Misanthropen gezüchtet hat, die sich über kleinste Dinge so ereifern, dass ihnen der Hass aus den Poren perlt. Im Übrigen hat Frau Wernli recht: diese Leute lachen höchstens aus Häme.

Markus Spycher

19.10.2019|21:04 Uhr

Sorry, aber in einer Polit-Satire sollte es schon um Inhalte gehen. Und da könnte man bei den Jusos schon allerhand aufs Korn nehmen. Komplimente ans schöne Geschlecht mögen ja gut gemeint sein, bleiben hier aber wenig professionell. Nun ja, nicht jeder ist ein Dieter Hildebrand.

Nannos Fischer

19.10.2019|17:45 Uhr

Tamara Wernlis Aussage, dass diesen Leuten der Humor abhandengekommen sei, ist falsch. Ist er nicht. Sie haben nie welchen gehabt. Ihnen ist nicht einmal das Wort bekannt. Sie sind das, was man früher, als man sich noch politisch unkorrekt ausdrücken konnte, als arme Schweine bezeichnete, sie abhakte, dem Schweigen überantwortete, zu tatsächlichen Themen und zur Tagesordnung überging. Seit es Twitter gibt, hat jeder Schreihals und jede Heulsuse ein Forum. Aber warum ist man so blöd und nimmt sie zur Kenntnis und geht auf sie ein? In Wie hiess es früher «Goar net ignorieren …

Richard Müller

17.10.2019|10:41 Uhr

Religionen und Ideologien haben es nicht mit dem Humor. Da zählen andere Werte. Natürlich bedroht der Humor den unerschütterlichen Glauben von allen, die charakterlich nicht ausreichend gefestigt sind. Daher gilt Humor als eine grosse Gefahr. Die moralisch Überlegenen haben nichts zu befürchten. Sie sind humorlos und absolut immun. Doch bei den anderen könnte irgendwann die humorvolle Vernunft über den rechten Glauben siegen. Das darf doch einfach nicht sein. Deshalb muss der Kampf gegen den Humor mit allen Mitteln ausgefochten werden. Denn wir alle wissen: Nur der Glaube macht selig!

Marco B

17.10.2019|00:40 Uhr

Ich frage mich, wieso dass man diesen Kindern so eine Riesenplattform wegen gar nichts bietet. Da regt sich eine unreife Präsidentin über ein Kompliment auf und irgendeine kommentierende Intelligenzbestie mit Pickeln im Gesicht beschwert sich über 'Meinung'. Und alle fühlen sich genötigt, das auch noch aufzugreifen. Schweigt doch diese Präsidentin tot, wenn ihr Nennungen nicht genehm sind.

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