Frischluft für die Klimadebatte

Der Widerstand gegen eine politisierte Wissenschaft formiert sich. Renommierte Forscher wenden sich in einer Deklaration gegen die allgegenwärtigen Katastrophenszenarien in der Diskussion um die Klimaerwärmung.

Am 23. September hat eine Gruppe von 500 Wissenschaftlern und Experten der Uno die «Europäische Klima-Deklaration» («Es gibt keinen Klimanotstand») zugesandt. In den Mainstream-Medien fand der offene Brief kaum Erwähnung. Doch die Unterzeichner sind namhafte Klimawissenschaftler, Physiker, Umweltwissenschaftler, Chemiker, Geophysiker, Geologen, Biologen, Mathematiker, Ingenieure, Astronomen, Mediziner, Ökonomen. Erstmals äussert sich hier ein hochqualifiziertes internationales Gremium, das der Komplexität des fachübergreifenden Themas Klimaerwärmung gerecht wird, kritisch gegenüber den allgegenwärtig portierten Katastrophenszenarien.

Die Unterzeichner stellen die real existierende Klimaerwärmung überhaupt nicht in Frage. Auch die messbare Zunahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre wird nicht bestritten. Von Klimaleugnern kann also keine Rede sein, auch wenn das von Klimaaktivisten und oberflächlichen Medien sofort und unqualifiziert so kommentiert wird.

Die Deklaration gliedert sich in sechs Feststellungen:

1 – Die beobachtete Erwärmung hat sowohl eine natürliche wie eine menschengemachte Ursache.

2 – Die Erwärmung erfolgt deutlich langsamer, als die Modelle vorhersagen. Die Mechanismen des Klimawandels sind noch lange nicht verstanden.

3 – Die Klimapolitik stellt auf unzulängliche Modelle ab. Die Klimawirksamkeit von CO2 wird übertrieben.

4 – CO2 wird als Schadstoff und nicht als unverzichtbares und lebenswichtiges Gas für alles Leben auf der Erde wahrgenommen.

5 – Statistisch trägt die beobachtete Erderwärmung zu keiner Zunahme von Naturkatastrophen bei.

6 – Klimapolitik muss wissenschaftliche und ökonomische Realitäten respektieren.

Das Initiativkomitee ist mit renommierten Persönlichkeiten wie Professor Richard Lindzen, emeritierter Atmosphärenphysiker des MIT (Massachusetts Institute of Technology), oder Professor Benoît Rittaud, Inhaber eines Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Paris 13, besetzt. Der Initiator der Deklaration ist der Niederländer Guus Berkhout, Professor für Geophysik, der an der Technischen Universität Delft lehrte.

Die Deklaration wurde ohne systematische Unterschriftensammlung von 500 qualifizierten Persönlichkeiten unterschrieben. Alleine in Italien haben über hundert Wissenschaftler unterzeichnet, da die kritische Diskussion dort bereits seit längerem und offener geführt wird. Hierzulande war die Vorbereitung des Manifests so wenig bekannt, dass nur zwei Unterzeichnende aus der Schweiz stammen. Die Deklaration zeigt aber, dass sich der Widerstand gegen eine politisierte Wissenschaft zu formieren beginnt und tendenziösen Klimakatastrophenberichten bald Grenzen setzen wird.

Während die Deklaration in den Mainstream-Medien kaum Erwähnung fand, waren Klimaaktivisten in sozialen Medien umso schneller bereit, die Unterzeichner zu diffamieren: Die Mehrzahl des vierzehnköpfigen Vorstands erhielt in Wikipedia prompt einen anonym getätigten Eintrag als Klimaleugner. Da oberflächliche Medien ihre Recherche heute auf das Nachlesen in Wikipedia beschränken, ist das eine effiziente Methode, um eine Person in eine vermeintlich fragwürdige Ecke zu stellen, auf Neudeutsch: zu «framen».

Typisch ist, dass eine wissenschaftliche Diskussion mit Argument und Gegenargument überhaupt nicht mehr stattfindet. Selbst Wissenschaftler der ETH, die eigentlich die Regeln der akademischen Debatte kennen müssten, verletzen diese Grundsätze. So entzieht sich der Klimatologe Reto Knutti der Beantwortung sachlicher Argumente und begnügt sich mit Ad-hominem-Bemerkungen auf Twitter. Sein Kommentar zur «Europäischen Klima-Deklaration»: «Wissenschaftler? Von den vierhundert Unterzeichnern haben nur eine Handvoll einen Hintergrund in Klimawissenschaft, die Mehrheit sind Schreibende, Ingenieure und Geologen mit keiner Expertise auf diesem Gebiet.» Doch die Debatte benötigt genau dieses breite Fachwissen aus allen Disziplinen. Klima ist nicht alleine Atmosphärenphysik, Klima ist das Resultat komplexester Kreisläufe, chemischer und physikalischer Interaktionen der Atmosphäre mit der Bio-, Geo- und Hydrosphäre. Die Wiedergabe dieser Prozesse mit mathematischen Modellen ist alles andere als gesicherte Wissenschaft.

Unzulässige Vermischung

Auf sachliche Kritik wird nicht mehr eingegangen. Die mantra-ähnlich wiederholte Aussage «The science is settled», die Wissenschaft sei gesichert, wird oft noch unterstrichen mit Sprüchen wie: «Man kann ja auch noch die Schwerkraft in Frage stellen.» Der Unterschied zwischen Schwerkraft und Klimamodellen liegt darin, dass man das eine experimentell laufend nachvollziehen kann, das andere nicht.

Es ist jedem Forscher und jeder Forscherin unbenommen, ihre persönliche Meinung kundzutun, genauso wie das auch in dieser Deklaration gemacht wird. Doch in dem Moment, in dem ein Forscher oder eine Forscherin behaupten, dass die Grundlage ihrer Aussage wissenschaftlich gesichert sei, verlieren sie den Anspruch auf Unvoreingenommenheit und verletzen die Grundvoraussetzung stringenter Wissenschaft. Die Deklaration der 500 richtet sich genau gegen diese bedenkliche und unzulässige Vermischung von Wissenschaft und Aktivismus.

 

Markus O. Häring ist promovierter Geologe, Mitglied der Eidgenössischen Geologischen Fachkommission und Vizepräsident des Carnot-Cournot-Netzwerks.

 

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Kommentare

Anon

26.10.2019|14:44 Uhr

In diesem Artikel wurde leider nicht erwähnt, dass es zahlreiche empirische Belege dafür gibt, dass in erster Linie die steigenden Treibhausgasemissionen für die globale Erwärmung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verantwortlich sind. Über 90% der publizierenden Klimaforschenden kommen zu diesem Schluss, wenn sie die Studienlage zu dieser Thematik beurteilen. (Übersichtsarbeit von 2016, welche die verschiedenen Studien über den Konsens zusammengefasst hat: Consensus on consensus: a synthesis of consensus estimates on human-caused global warming)

Unbe

25.10.2019|22:52 Uhr

Unter den 506 Personen, die den offenenen Brief unterschrieben haben, waren nur 10 Klimaforschende und 4 Meteorolog*innen. Zahlreiche Unterzeichner*innen sind an der Gewinnung von fossilen Brennstoffen beteiligt (inplizit oder explizit) und 11,3% sind keine Wissenschaftler*innen. (Climate Feedback: Letter signed by “500 scientists” relies on inaccurate claims about climate science )Schon nur wenn man den deutschsprachigen Raum berücksichtigt, stellt man fest, dass es über 26'000 Wissenschaftler*innen gibt, welche die Anliegen der Klimastreikenden berechtig finden. (Scientists for Future)

Christian

25.10.2019|22:19 Uhr

Das Muster der Erwärmung stimmt mit den Vorhersagen der Klimaforschenden überein.So erwärmt sich etwa die unterste Schicht (Troposphäre) der Atmosphäre, während sich die oberen Schichten abkühlen (Stratosphäre, Mesosphäre, Thermosphäre) und zusammenziehen.Zum Temperaturtrend der Tropos- und der Stratosphäre gibt es zahlreiche Studien: z.B. Human and natural influences on the changing thermal structure of the atmosphere 2013Metastudie zu den noch höheren liegenden Schichten: z.B. Response of the mesosphere-thermosphere-ionosphere system to global change - CAWSES-II contribution 2014

Wern.Gr.

25.10.2019|22:12 Uhr

Dafür wird eine Zunahme der nach unten gerichteten Infrarotstrahlung gemessen. Bei genauerer Betrachtung entdeckte man, dass mehr Wärme in den CO2-Wellenlängen zurückkommt, was zur Schlussfolgerung führt, dass diese durch Versuche bestätigten Daten das Argument der Skeptiker effektiv entkräften sollte, dass es keinen tragfähigen Beweis für die Verbindung zwischen der Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre und der globalen Erwärmung gibt.(Observational determination of surface radiative forcing by CO2 from 2000 to 2010, Measurements of the Radiative Surface Forcing of Climate etc.)

AnoN

25.10.2019|22:10 Uhr

Satelliten messen, dass weniger Wärme ins Weltall entweicht und zwar genau bei den Wellenlängen, in denen CO2 Wärme aufnimmt, wodurch ein direkter, durch Versuche belegter Beweis für eine signifikante Erhöhung des Treibhauseffekts der Erde vorliegt.(Increase in greenhouse forcing inferred from the outgoing longwave radiation spectra of the Earth in 1970 and 1997; Spectral signatures of climate change in the Earth’s infrared spectrum between 1970 and 2006; A decade of measured greenhouse forcings from AIRS).Übersichtsarbeit: The Spectral Signature of Recent Climate Change

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