Königliches Opfer

Als Mitglied der Königsfamilie einen Streit mit der Presse anzetteln ist eine schlechte Idee angesichts steigender Ausgaben, die der Steuerzahler berappen muss.

Kaum etwas aktiviert die Romantik-Ader von Mädchen und Frauen mehr als die Heirat einer Bürgerlichen mit einem Prinzen – bitte fragen Sie mich nicht, warum. Bei der Hochzeit von Lady Di sass ich vor Ergriffenheit heulend vor dem Fernseher, später nahm ich an ihrem Leben durch die Medien Teil. Ein Leben, in dem sie davon in Anspruch genommen war, vor Kameras Bänder durchzuschneiden, Kinder zu streicheln, Spitäler zu besuchen und dabei stets adrett auszusehen. Sie besass bestimmt so viele Hüte wie unsereins Unterhosen. Jahre später schaute ich heulend ihr Begräbnis.

Mit fortschreitendem Alter überdenkt man die Rolle dieser Traumprinzessinnen, der Frauen, die ihr selbstbestimmtes Leben eintauschen gegen ein vom Hofprotokoll bestimmtes Dasein, das spontane Lunches mit Freundinnen oder Küsschen mit dem Schatz in der Öffentlichkeit verunmöglicht, wo Entscheide des täglichen Lebens in Absprache mit royalen Beratern getroffen werden – im Gegenzug für Weltruhm, Luxusleben und ein übertrieben inszeniertes Theater, wo immer man auftritt. Und natürlich für die Liebe.

Meghan Markle ist das Monaco-Revival gelungen. Man mag sie. Sie und Harry tun dem britischen Königshaus zweifellos gut, das ja vom Wohlwollen und Interesse des Volks abhängig ist – von einer positiven Presse auch. Nicht wenige Leute auf der Insel halten die Monarchie für masslos überholt, zu teuer, und fragen sich, warum sie den ganzen Prunk überhaupt finanzieren sollen.

Das Image des Paares erhielt in den vergangenen Monaten einen Knacks. Bei Meghan bemängelt man Dinge wie ihren dekadenten, 500 000 US-Dollar teuren Baby-Shower mit Promi-Gästen in New York – während sie gleichzeitig über den Kampf gegen Armut twittert. Harry nervt mit seinen permanenten Belehrungen zur Umwelt – während er selbst in Privatflugzeugen um die Welt jettet. Oder sich für seine Südafrika-Tour eine Flotte von Range Rovers von England nach Johannesburg schiffen lässt, wie laut britischen Medien gerade geschehen, «aus Sicherheitsgründen». Neulich erklärte er einem Magazin, dass er wegen Öko-Ängsten morgens Mühe habe aufzustehen. So viel inneres Zerwürfnis – ich werde noch heute einen Prinz-Harry-Gedenkbecher aus feinem Porzellan im Internet bestellen.

Die Daily Mail nannte die Südafrika-Reise einen Erfolg, Harry und Meghan konnten auf wichtige Themen wie Gewalt, Armut und Bildung aufmerksam machen. Irgendwann aber platzte dem Prinzen offenbar der gestärkte Kragen. Jedenfalls verklagt er nun die Boulevardpresse unter anderem wegen Missbrauchs privater Informationen. Auch fühlt sich das Paar von Medienberichten falsch dargestellt, auf ihrer Website schreibt er, seine Frau sei «Opfer» der britischen Boulevardpresse geworden – es sei «eine rücksichtslose Kampagne», die im vergangenen Jahr eskaliert sei. Obwohl sie versucht hätten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen – «wie so viele von Ihnen nachempfinden können –, kann ich nicht ansatzweise beschreiben, wie schmerzhaft das ist».

Das Wort «Opfer» kam bei vielen schlecht an. Der britische Starkolumnist Piers Morgan schreibt in seiner Daily Mail-Kolumne: «Hören Sie auf, das Opfer zu spielen, Harry.» Seine Anwälte einschalten sei das eine, und die Gerichte würden den Fall regeln. Was ihn aber irritiere, sei das «hysterische, übertriebene Statement», die «Schimpftirade». Er frage sich, warum sie der Presse den Krieg erklärten. An vielen Kritikpunkten sei das Paar laut Morgan selbst schuld: «Ihr konstantes heuchlerisches Predigen über Dinge wie die Umwelt. Sie können uns nicht belehren, dass ‹jeder Fussabdruck zählt›, und dann alle zwei Minuten in Privatflugzeuge steigen.» Und: «Sie können die Öffentlichkeit nicht dazu veranlassen, 2,4 Millionen Pfund zu bezahlen für die Sanierung Ihres Luxusanwesens, dann aber ablehnen, dass die Presse in Wimbledon Fotos von Ihnen schiesst. Sie können auch nicht die globale Aufmerksamkeit einer königlichen Hochzeit geniessen und sich dann weigern, nach der Geburt Ihres Babys ein paar einfache Informationen mit der Öffentlichkeit zu teilen.» So funktioniere die königliche Rolle nicht.

Der Spagat zwischen dem Schutz seiner Familie und der Zufriedenstellung einer schaulustigen und kritischen Öffentlichkeit ist zweifellos nicht einfach. Natürlich ist die Presse nicht zimperlich, wenn es um Schlagzeilen geht. Und Harry muss sich nicht alles gefallen lassen. Natürlich ist ein Leben im Glaspalast, das unaufhörlich nach Fehltritten und Patzern gescannt wird, eine Herausforderung. Und im Gegensatz zu Meghan hat er es sich nicht ausgesucht. Auf der anderen Seite braucht man als königlicher Wohltäter eben jemanden, der seine Reisen (mit Privatjet, eingeschifften Familienkutschen und zwanzigköpfiger Entourage) in ehemalige Kolonien, den Austausch und das Tänzchen mit den Einheimischen, für die Restwelt protokolliert. Hier sind die Medien sehr willkommen.

Das Paar soll niemandem im Buckingham Palace etwas von seiner Medienschelte gesagt haben – vielleicht weil die Queen ihnen davon abgeraten hätte. Gerade erst wurde das Volk über die Ausgaben der Monarchie informiert: 75 Millionen Euro hat sie die Steuerzahler im vergangenen Finanzjahr gekostet, knapp 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Jetzt kann man sich die royale Frage stellen, wie klug es ist, das Verhältnis der Familie zur Presse wegen seines persönlichen Krachs zu belasten.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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