Politischer Reformator

Der Film «Zwingli» ist erfolgreich im Kino gestartet. Wie glaubwürdig ist das Werk aus historischer Sicht?

Es ist nicht das subjektive Urteil eines filmkritischen Dilettanten, das hier gefragt ist, sondern dasjenige eines Reformationshistorikers, der sich täglich darum bemüht, zwischen dem, was uns die historischen Quellen berichten, und späteren Mythen, Missverständnissen und Projektionen zu unterscheiden.

Wie steht es diesbezüglich mit dem Film «Zwingli»?

Wichtige und bekannte Stationen der Zürcher Reformation werden anschaulich dargestellt: Zwinglis Antrittspredigt, seine Pesterkrankung, das berühmte «Froschauer Wurstessen», die Zürcher Disputation vom Januar 1523, Zwinglis Hochzeit mit Anna, die Übergabe des Fraumünsterklosters an die Stadt, die Arbeit an der Zürcher Bibelübersetzung. Auch Zwinglis vielfältige Konflikte mit den Repräsentanten der römischen Kirche und der Volksfrömmigkeit auf der einen Seite und mit radikalen ursprünglichen Anhängern auf der anderen Seite werden sichtbar: Fegefeuerangst, Ablasshandel, religiöse Ausbeutung und kirchliche Doppelmoral, aber auch das Klima der Gewalt, in welchem Zwingli seine Ideen umzusetzen suchte und dem er sich als politisch denkender Reformator letztlich nicht entziehen konnte.

Er respektierte die geltende Ordnung

Ein Leben als unbefleckter Heiliger war keine reale Option. Zwinglis Reformation war stattdessen von Anfang an ein lebensgefährliches Unterfangen mit offenem Ausgang. Und Zwingli war nur ihr geistig-religiöser Antreiber. Eine konstitutive Rolle spielte die politische Elite der Stadt – keine adligen Fürstensöhne, sondern gewählte Repräsentanten der Zünfte. Die Zürcher Reformation war immer (auch) eine politische Reformation. Zwingli hat die Entscheidung des Rates mit Argumenten zu beeinflussen versucht, aber stets respektiert – und damit die geltende politische Ordnung. Dies unterschied ihn von den «Radikalen», bei denen sich ernsthafte Frömmigkeit mit anarchistischer Ablehnung der geltenden Ordnung mischte.

Ein fotografisches Abbild der Ereignisse will der Film allerdings nicht sein. Ein minutiöses Aneinanderreihen von Begebenheiten ist noch keine Geschichte, die zusammenhängt und Sinn ergibt. Hier gilt es, im Rahmen dessen zu bleiben, was die Quellen sagen, und die Dinge zugleich mutig und intelligent exemplarisch auf den Punkt zu bringen. Dazu mussten gelegentlich unterschiedliche Ereignisse ineinandergeschoben und geschichtliche Vorgänge und Konstellationen in knappe Dialoge oder gar in einen prägnanten Satz gepackt werden.

Genau dies ist dem Film mehrfach in eindrücklicher Weise gelungen. So antwortet etwa Bürgermeister Röist dem Gesandten des Bischofs selbstbewusst: «Wir sind hier in Zürich!», und bringt damit die Zürcher Stadtreformation auf den Punkt. Komplexer sind die geschichtlichen Umstände in anderen Fällen: So wird Zwinglis Haltung in der Täuferfrage im Film mit eindrücklicher Differenziertheit und offensichtlich erfreulicher Kenntnis der historischen Quellen berichtet. Die Hinrichtung des Täufers Felix Manz war eine vom Rat verhängte übliche Strafe für die politischen Delikte Meineid und wiederholter Ungehorsam gegen Mandate des Rats.

Zwingli hat sie zunächst vergeblich zu verhindern versucht und schliesslich als Beschluss der Obrigkeit akzeptiert. Die unglaubliche Brutalität des Justizsystems seines Jahrhunderts geht nicht auf sein Konto. Ebenso wenig wie alle seine Zeitgenossen aber hat er sie in Frage gestellt. Auf die Idee, sein entscheidendes Kriterium für eine christliche Gesellschaft – allein die Bibel als Dokument eines menschenfreundlichen Gottes – zudem auf den Bereich des Strafvollzugs anzuwenden, kommt er nicht.

Auch beim anderen heiklen Thema, Zwinglis Entscheidung für einen kriegerischen Feldzug gegen die Innerschweiz, gelingt es dem Film in verblüffend sachgemässer Weise, den Reformator in den Kontext der politischen Konstellation und Bedrohungslage (wie er sie wahrgenommen haben musste) einzuordnen, ohne sie aber zu rechtfertigen. Zwingli wollte niemandem seinen Glauben aufzwingen; im Gegenteil traf er seinen Entschluss zur Anwendung von Gewalt in der Überzeugung, damit für Glaubensfreiheit einzutreten. Zwinglis Disput mit Anna bringt gleichzeitig die innere Problematik dieser Entscheidung eindrücklich zur Sprache.

Insgesamt kann nicht genug lobend hervorgehoben werden: Weder erzählt der Film die Geschichte eines religiösen oder politisch-aufgeklärten Helden, der stets alles richtig macht und gegenüber dem alle Zeitgenossen blosse Statisten sind, noch wird hier in neuzeitlichem Pharisäertum geschulmeistert und der Reformator an Kriterien gemessen, die ihm und seiner Zeit noch völlig fremd waren. Das Phänomen «Zwingli» ist eindrücklich genug, auch und gerade wenn es in die geistigen und kulturellen Grenzen des 16. Jahrhunderts eingezeichnet wird. Ein Zeugnis dieses Bemühens ist auch die grosse Liebe zum Detail des Alltags im 16. Jahrhundert, sei dies ein Trinklied, die Froschauer-Werkstatt, die Kleidung des Postboten, die eindrückliche Kulisse der Stadt Zürich im 16. Jahrhundert und vieles mehr (die winzigen Fauxpas verdienen unerwähnt zu bleiben).

Im heimlichen und doch nicht verborgenen Zentrum des Films steht allerdings eine Frau: Anna Zwingli! Sarah Sophia Meyer wird dem Verfasser dieser Zeilen wohl bis ans Lebensende im Geist auftauchen, wenn von Zwinglis Frau die Rede ist, von der wir kein Bild besitzen und auch sonst fast nichts wissen. Dass sie, wie viele Frauen, die keine Schriften hinterlassen haben, auf das engste handelnd und leidend in das Geschehen verwickelt war, darf mit guten Gründen vermutet werden. Szenisch bildet Anna das dialogische Gegenüber zu Zwingli, ein äusserst gelungener Schachzug, der uns Zwingli – von dessen «Persönlichkeit» wir ebenfalls sehr wenig wissen – ein Stück weit aufschliesst und uns zugleich die Wirkungen seines Auftretens nahebringt.

Kleiner Betriebsunfall

Anna Zwinglis Entwicklung stellt exemplarisch den durch den Reformator angestossenen «geistigen» Prozess dar. Es ist der Weg einer verängstigten, um das Seelenheil ihres verstorbenen Mannes besorgten und kirchlich ausgebeuteten Witwe hin zu einer auch religiös selbstbewussten Frau, die sich bildet und schliesslich auch dem Reformator und Ehemann gegenüber eine kritische Partnerin wird. Auch hier ist es dem Film gelungen, dies in einer massvollen und auch historisch glaubwürdigen Weise darzustellen.

Als kleiner Betriebsunfall muss einzig der allerletzte Satz des Films bezeichnet werden. Wunderbar ausgedacht und für das aufmerksame Publikum tief im Ganzen des Films verankert ist die Schlussszene, die hier nicht verraten werden soll. Dann aber wird, bilanzierend und nach vorne schauend, behauptet, die durch Zwingli erkämpfte Freiheit bestehe darin, alte Gewissheiten hinter sich gelassen zu haben, so dass nun «nichts übrigbleibt, als ein Leben lang auf der Suche zu sein».

Wenn Anna ihren Ehemann Zwingli zum Urahnen eines «Abschieds vom Prinzipiellen» (Odo Marquard) oder einer geschickhaften «Geworfenheit» (Martin Heidegger) des Menschen macht, überschreitet sie nicht nur die Grenzen ihrer Zeit um Jahrhunderte, sie widerspricht auch allem, was der Film bisher selber erzählt hat: Als liebgewonnene «alte Gewissheit» kann man Annas Zittern vor dem Fegefeuer mitsamt dem strafenden Gott wohl kaum bezeichnen. Und Zwinglis Botschaft der Befreiung wird mit Recht als Botschaft der befreienden Gewissheit eines christlichen Glaubens dargestellt, der, wie Anna wenige Minuten zuvor selber eindrücklich bezeugt, gegen massive Kritik und Widerstände daran festhält, dass «der Herrgott gnädig ist und Schuld vergibt».

Diese Gewissheit (und nicht eine Philosophie der Ungewissheit) hat Zwingli seine Kritik am religiösen System seiner Gegenwart überhaupt erst ermöglicht. Und erst sie ermöglicht es Anna, am Tod ihres Mannes und an der politischen Niederlage der Sache der Reformation nicht zu zerbrechen. Wenn der Film schliesslich auch zum Nachdenken anregen will: Auch dies ist ihm nicht schlecht gelungen!

 

Peter Opitz, ist Theologe und Zwingli-Biograf («Ulrich Zwingli. Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus». 2015. Theologischer Verlag Zürich). Er stand den Filmemachern beratend zur Seite.

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Kommentare

Werner Häberli

27.01.2019|11:49 Uhr

Zwingli: Im Film erklärt Zwingli noch bei Froschauer, nach der Bibel würde nun auch der Koran auf Deutsch übersetzt: ist das überliefert oder ein gelungener Gag?

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