«Ist er ein Kleingarten-Nazi?»

Journalisten übertrumpfen sich mit diffamierenden und infantilen Kommentaren. Unternehmen sollten sich dem schlechten Einfluss entziehen.

Haben wir Meinungsfreiheit oder nicht? Darüber wird in den sozialen Medien rege diskutiert. Anlass dazu gab der ehemalige Spitzenhandballer Stefan Kretzschmar. Im Interview mit T-Online meinte er jüngst: «Man darf nichts Regierungs- oder Gesellschaftskritisches mehr sagen, es sei denn, es sind Mainstream-Meinungen wie ‹Wir sind bunt› und ‹Refugees Welcome›.» Sportler hätten zwar in Deutschland das Recht auf Meinungsfreiheit, für die man nicht in den Knast komme. Aber: «Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen.»

Die Reaktionen darauf waren interessant. Die einen stimmten ihm zu, die anderen taten genau das, was Kretzschmar kritisiert: Sie skandalisierten seine Äusserungen. Die deutsche Zeitung Der Tagesspiegel titelte: «Stefan Kretzschmars Aussagen sind falsch und gefährlich.» Er würde damit die «Bedeutung von Toleranz» entwerten. Den Autor störte auch, dass die AfD das Interview retweetete – als ob Kretzschmar beeinflussen könnte, wer seine Statements im Netz teilt und für eigene Zwecke benützt. Ein Journalist bei Bento, einem Spiegel-online-Format, entblödete sich nicht, die Frage zu stellen: «Ist Stefan Kretzschmar ein Kleingarten-Nazi?» Natürlich verneint er sie später im Text – der Zusammenhang zu den grössten Verbrechern der Menschheit war aber schon hergestellt. Dreist war auch der Titel: «Warum die Diskussion, ob Stefan Kretzschmar plötzlich rechts ist, nur der AfD hilft.» Niemand diskutiert ernsthaft darüber, ob Kretzschmar rechts ist.

Ja, im Westen haben wir Meinungsfreiheit. Wir dürfen grundsätzlich sagen und schreiben, was wir wollen (solange es im gesetzlichen Rahmen liegt). Kritik an Regierung und Politik ist nicht verboten. Nur trifft Kretzschmar einen Punkt, wenn er sagt, dass Leute, die sich vom Mainstream abweichend äussern, mit negativen Konsequenzen rechnen müssen. Und es betrifft nicht nur den Sport.

Neulich schrieb die Journalistin Judith Shulevitz in einem Meinungsstück bei der New York Times von Verlagen, die sich zunehmend mit «Moralklauseln» in Verträgen absichern – für den Fall, dass Autoren sich irgendwann moralisch danebenbenehmen. Sie nennt unter anderem den Condé-Nast-Verlag: «Die Klausel besagt, dass, wenn der Autor zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung, Verachtung, von Beschwerden oder Skandalen wird, Condé Nast die Vereinbarung beenden kann», so Shulevitz. Ein Autor müsse nichts Falsches getan haben, es reiche, wenn einige Leute einen Skandal daraus kreierten. «Im Zeitalter von Twitter-Mobs kann das heissen, einfach etwas zu sagen oder zu schreiben, wodurch sich eine Gruppe schriller Twitterer beleidigt fühlt.» Nur schon bei einer Kritik an der hMeToo-Bewegung könnte eine solche Klausel – je nach Reaktionen – zum Zuge kommen.

 

In einer Zeit, da sie um jeden Leser kämpfen, wirken besonders Journalisten oft angestrengt bemüht, wenn es darum geht, Entrüstung beim Publikum zu erzeugen. Sie blasen unliebsame Meinungen wie jene Kretzschmars skandalträchtig auf wie einen Ballon, dessen baldiges Platzen sie sich für mehr Klicks sehnlichst herbeiwünschen. Ihre Empörung ist dann ähnlich gross, wie wenn er «Refugees raus!» gebrüllt hätte. Mit dem Fallenlassen eines nationalsozialistisch geprägten Begriffes erzeugen sie bewusst einen schalen Beigeschmack, stellen eine Nähe zu der Gruppe her – obwohl sich der 45-Jährige ja nicht einmal zur Flüchtlingsthematik geäussert hat.

Auf der anderen Seite der Entrüstung stehen die Unternehmen. Sie wollen ihr Produkt verkaufen, wollen ihre Aushängeschilder mit positiven Aspekten verknüpft haben, nicht mit kontroversen Aussagen, die fünf Personen auf dieser Welt kränken und sie zum Initiieren eines Shitstorms bewegen könnten. Weil aber Shitstorms in den sozialen Medien von Leitmedien (mangels eigener Themenfindung) oft aufgegriffen werden, knicken sie vor den Dauerempörten vermehrt ein. Die Folge: Menschen werden sich zunehmend hüten, ihre Meinung zu äussern, Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten aus der Öffentlichkeit verschwinden, die Meinungsvielfalt wird darunter leiden.

 

Allen Stimmen, die sich auf die Äste hinauslassen, ergeht es übrigens ähnlich, egal, wo sie politisch stehen; alle werden sie für ihre Meinungen kritisiert, diffamiert. Feministinnen werden übelst beschimpft, erhalten Vergewaltigungsdrohungen im Netz. Nur gibt es den Unterschied, dass linke und linksliberale Meinungsmacher, Politiker und Publizisten die grossen Medienhäuser auf ihrer Seite haben. Journalisten sind politisch eher links der Mitte zu Hause, und so sind ihnen ein Megafon für ihre Anliegen und wohlwollende Artikel meist garantiert. Es macht auch einen Shitstorm erträglicher, weil sofort eine gutgeölte Maschinerie zur Unterstützung in Gang gesetzt wird.

Meinungen wie jene Kretzschmars sind weder «gefährlich», noch machen sie ihn zum «Toleranz-Entwerter». Produkte verkaufen sich durch ein paar von Journalisten herbeifabulierte schlüpfrige Kommentare auch nicht zwingend schlechter. Statt mit fragwürdigen «Moralklauseln» oder Repressalien tugendhaftes Verhalten von ihren Vertragspartnern zu erzwingen, könnten Unternehmen ja einfach einen gelasseneren Umgang mit den zeitgenössischen Moralwächtern entwickeln. Man nannte es früher einmal «Standhaftigkeit».

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt in Basel.

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Von Peter Bodenmann
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Kommentare

Hans Georg Lips

26.01.2019|19:02 Uhr

Wo ist der Mehrwert dieser Kolumne?

Markus Spycher

25.01.2019|11:07 Uhr

Im Sport muss man unterscheiden zwischen Sponsoring und Support. Sponsoren regeln ihre Beziehung zu Sportlern mit einer Art Arbeitsvertrag. Da hat man als Sportler schon gewisse Verpflichtungen (auch moralische) gegenüber seinem Geschäftspartner. Die Beziehung zu Supportern ist unverbindlicher. Ich kenne keinen Sportler/Sportlerin, die ihre politische Ueberzeugung mittels Megaphon (der "kleine Bruder des Maschinengewehres") kundtäte. Interviews sind dann auch oft entsprechend langweilig. Natürlich nicht nur deswegen.

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