So radikal ist die Klimabewegung

Umwelt-Aktivisten stellen SUV-Fahrer an den Pranger, sie halten zivilen Ungehorsam für vertretbar und reden uns ein, wir sollten uns fürs Bauen schämen.

Viele populäre Bewegungen starten im Kern mit etwas Sinnvollem. Das war so beim Feminismus, wo die Ursprungsidee die Gleichberechtigung war, auch bei #MeToo, das auf sexuelle Belästigung aufmerksam machen wollte. Das Problem am Aktivismus ist, dass er häufig von einigen Radikalen gekidnappt wird. Sie spannen ihn für ihre persönlichen Zwecke ein und drehen ihn ins Absurde.

Das kann man derzeit auch bei der Klimabewegung beobachten, wo die Forderungen der Aktivisten und ihrer geistigen Mitstreiter immer lauter und kompromissloser werden. Die Welt ist erst gerettet, wenn es keine SUVs mehr gibt, keine Flugzeuge, keine Kreuzfahrtsschiffe, kein Fleisch, keine neuen Häuser, und schon heute sollte man sich für deren Benützung und Konsum in Grund und Boden schämen. Flugscham, Fleischscham, Autoscham – die Moral herrscht nach Diktatoren-Art. Um ihre Anliegen durchzusetzen, können einige auch illegalen Mitteln nicht widerstehen.

Und so zerstörten maskierte Täter vor der Auto-Ausstellung IAA in Frankfurt über vierzig Luxusautos. Wie Bild.de berichtete, bekannte sich die Gruppe «Steine ins Getriebe» zur Tat. Ihre Motivation: Luxusautos zerstören, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Fremdes Eigentum zerstören? Okay für die gute Sache. Dieselbe Gruppe solidarisiert sich mit den Aktivisten von «Sand im Getriebe». Die wiederum hatten den Haupteingang der Autoausstellung blockiert. Laut Welt.de johlten die Demonstranten Sprechchöre, teils mit verdeckten Gesichtern, Kapuze und Mundschutz. Ihr Ziel: Autos verbieten, Konzerne enteignen, Kapitalismus abschaffen, Revolution. Familien, Väter mit Söhnen einschüchtern, am Eintritt hindern? Okay für die gute Sache.

Die deutsche Vorzeigeaktivistin Luisa Neubauer hält zivilen Ungehorsam als Form des Protests für vertretbar. Der Zeit sagte sie: «Wir brauchen ein breites Spektrum an Aktionen, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Dazu gehören angemeldete Demonstrationen wie bei ‹Fridays for Future›, aber auch Formen des zivilen Ungehorsams.» Strassen oder Flughäfen lahmlegen, andere Leute in ihrem Leben einschränken, deren Ferien- oder Geschäftspläne durchkreuzen? Okay für die gute Sache.

Unter den Repräsentanten der Umweltrettung gehört es mittlerweile zum guten Ton, selbstgefällig andere Menschen zu verurteilen. In Bayern wurden SUVs mit Mahnzetteln beklebt: «Du stinkst!» und «Einen solchen Panzer zu fahren, ist eine der grössten Schweinereien». Im Internet kursiert ein Video von Abendblatt.tv vom grossen «Fridays for Future»-Streik vergangene Woche in Hamburg. Da steht ein SUV-Fahrer im Stau, Demonstranten stehen um ihn herum, fotografieren und verspotten ihn unter Geklatsche und Gejohle. Autos verschandeln? Leute an den Pranger stellen? Okay für die gute Sache. Bestätigung und Überlegenheitsgefühl lassen manche Leute ihre noble Zurückhaltung verlieren. Es sind keine schönen Bilder.

Richtig skurril wird’s, wenn Leuten eingeredet wird, sie sollen sich fürs Bauen schämen – kein Witz. Ein Stadtentwickler fordert «Bauscham». Bei N-TV sagt er: «Niemand sollte stolz darauf sein, gebaut zu haben – wegen des Klimas kann man sich dafür ebenso schämen wie für Autofahren und Fleischessen.» In meiner Stadt Basel fordern linke Politiker ein komplettes Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2050. Angesichts neuer Technologien werden bis dann wahrscheinlich sowieso die meisten Autos klimafreundlich sein. Weil wir aber heute noch nicht konkret wissen können, wie weit der Fortschritt in dreissig Jahren sein wird – und ob E-Autos tatsächlich die Lösung sind –, sind solche radikalen Forderungen ziemlich unrealistisch. Aber okay für die gute Sache.

«Je radikaler wir sind, desto mehr nehmen die Leute uns ernst» – scheint das Motto der Aktivisten zu sein. In ihrer Weltretterrolle kommen sich viele grandios vor, man kann es ihnen nicht mal verübeln. Aber das Problem mit der Radikalisierung ist, dass sich gemässigte Leute, die ja Verbündete in der Sache sind, bei Forderungen, die sich über den Rechtsstaat hinwegsetzen, und Auftritten, die immer rechthaberischer und intoleranter werden, angewidert abwenden. Wir alle wollen einen gesunden Planeten. Für Veränderungen aber sollte man alle Menschen mit im Boot haben, nicht nur die eigene grüne Super-Bubble.

In Anbetracht der Veränderung des Klimas ist die Bewegung wichtig. Und tatsächlich inspirieren mich die Umweltdebatten zu einem etwas anderen Lebensstil: Ich bin 2019 nicht geflogen; zum ersten Mal habe ich diesen Sommer mit wenigen Ausnahmen nur das Velo benützt – mir ist aber klar, dass das nicht für jeden machbar ist. Den lebenslangen Traum einer Kreuzfahrt werde ich wohl ganz begraben müssen.

Vielleicht ist nach dem Pariser Klimaabkommen von 2015 zu lange nichts passiert, ich kann es nicht beurteilen. Was aber klar ist: In einer Demokratie vollziehen sich grosse Änderungen naturgemäss langsam. Entscheide werden nicht von heute auf morgen getroffen, Studien nicht über Nacht erstellt. Auch werden neue Technologien nicht sofort entwickelt, Millionengelder für Innovationen stehen nicht subito bereit. Der demokratische Apparat mit seinen vielen Instanzen ist behäbig. Das kann man als Nachteil sehen, aber in den allermeisten Fällen hat es sich als Vorteil erwiesen.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.
Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

Kommentare

Markus Spycher

29.09.2019|09:51 Uhr

Leute mit Füdli sind eben, bildlich gesprochen, entweder Brandstifter oder Feuerwehrleute. Die lauwarmen Opportunisten im Mainstream leben aber zugegebenermassen am längsten.

Hans Baiker

28.09.2019|19:56 Uhr

Möchte nur noch bescheiden hinzufügen, dass in Afrika momentan 1000 Kohlekraftwerke geplant sind. Die grössten Produzenten CO2-Produzenten sind China, Indien, USA u.s.w., nicht vergessen der globalisierte Warenverkehr. Also liebe Frau Tamara: Gönnen Sie sich die Kreuzfahrt und fliegen sie weiterhin. Sie werden es nicht mehr erleben, dass Ihre Einschränkungen das Weltklima verbessern.

Martin Wälti

28.09.2019|10:46 Uhr

Wenn Menschen überzeugt sind, „das Richtige“ zu tun und dabei Andersdenkende mit Gewalt zur Vernunft bringen wollen, dann zeigt uns die Geschichte, dass es immer schlecht ausgeht. Wenn nun Menschen überzeugt sind nicht nur das Richtige, sondern „das Gute“ zu tun, brauchen sie ihre Gewalttaten nicht einmal mehr zu vertuschen. Erinnern wir uns an verblende Nationalsozialisten, Kommunisten mit jeweils gottähnlichen Führern. Unter dem Deckmantel Klimaschutz dürfen nun Sozialisten, Grüne, Veganer, Antifa uns das Gute aufzwingen. Die hasserfüllte Fratze von Greta sahen wir nicht zum letzten Mal.

Jürgen Althoff

26.09.2019|19:12 Uhr

Frau Wernli, Sie hätten das von Ihnen erwähnte Pariser Klimaabkommen auch lesen müssen. Darin steht nämlich, dass China, Indien und praktisch alle sich als Entwicklungsländer definierenden Staaten, bis 2030 so viele Kohlekraftwerke bauen dürfen, wie sie wollen. Daraus schließe ich, dass die angebliche Dringlichkeit einer sofortigen CO2-Reduktion ein Märchen ist, das von der Mehrheit der Unterzeichner ausdrücklich nicht geteilt wird. Also gönnen Sie sich Ihre Kreuzfahrt und schreiben Sie einen Ihrer guten Texte über Ihr Erlebnis. Dem Klima schadet's nicht.

Richard Müller

26.09.2019|05:46 Uhr

Sobald man in Betracht zieht, dass der Mensch das Klima kaum beeinflusst und das Spurengas CO2 ganz sicher nicht, wir die Absurdität der Klimahysterie noch weit offensichtlicher. Die Forderungen und Massnahmen der Radikalen wenden sich gegen Menschen und haben mit dem Klima nichts zu tun. Die Politik nutzt den Hype ungeniert, um die Staatskassen zu füllen und die Menschen zu drangsalieren. Nicht zu fliegen und auf Kreuzfahrten zu verzichten ist gut für die Umwelt. Das ist gelebte Vernunft. Gescheite Leute schaffen sowas ohne Zwang, Panik und moralisch überlegene Aktivisten.

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