Rentenalter 58 plus – kann ich mir das leisten?

Bei den Pensionskassen sinken die Umwandlungssätze auf breiter Front. Frühpensionierungen werden dadurch kostspieliger. Oftmals ist man mit einer Teilpensionierung oder Pensumreduktion besser beraten. Was Sie bei der Finanzplanung beachten müssen.

Die Frühpensionierung kommt in der Schweiz häufig vor. Laut Bundesamt für Sozialversicherungen hören fast 40 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor dem offiziellen Pensionsalter – 64 für Frauen, 65 für Männer – auf zu arbeiten.

Eine Frühpensionierung mit Vorbezug von AHV oder Pensionskasse ist allerdings eine teure Angelegenheit. Jedes Jahr, um welches man früher in Pension geht, reduziert das statistisch zu erwartende restliche Lebenseinkommen etwa um das letzte Jahressalär. Verdient eine Arbeitnehmerin 120 000 Franken und lässt sich bereits mit 62 anstatt 64 Jahren pensionieren, so nimmt sie über ihre verbleibende Lebenserwartung eine totale Einkommenseinbusse von zirka 240 000 Franken in Kauf.

Während des Erwerbslebens besteht das Einkommen in der Regel aus dem Lohn und allenfalls Renditen aus Vermögenswerten wie Aktien, Obligationen oder Immobilien. Nach der Pensionierung wird der Lohn von den Renten der Altersversicherung abgelöst: der AHV, der Pensionskasse sowie einer Rente aus der privaten Vorsorge (dritte Säule). Die angesparten Alterskapitalien der beruflichen und privaten Vorsorge lassen sich, wenn als Kapital und nicht als Rente bezogen, in andere Finanzanlagen überführen oder schrittweise aufbrauchen. Bei einer Frühpensionierung muss man genau ausbalancieren, damit die Renten den gewünschten Lebensstandard finanzieren können. Hierbei liegen die Dinge bei der AHV relativ einfach: Man kann die Rente ein oder zwei Jahre früher beziehen. Die Rente reduziert sich jedoch pro Vorbezugsjahr lebenslänglich um 6,8 Prozent, was sich in den meisten Fällen nicht lohnt.

Komplizierter wird es bei der beruflichen Vorsorge, also bei der Pensionskasse. Hier führt eine Frühpensionierung fast immer zu einer tieferen Rente. Erstens entfallen die Einzahlungen in den letzten und damit einträglichsten Jahren, wodurch das Alterskapital bei der Pensionierung tiefer ist. Zweitens läuft weniger Zinseszins auf, drittens ist auch der Umwandlungssatz bei einer Frühpensionierung tiefer als bei einer Pensionierung zum ordentlichen Termin.

Umwandlungssatz von 5 Prozent

Erschwerend kommt hinzu, dass die Umwandlungssätze auf breiter Front sinken. Der Umwandlungssatz bestimmt, zu welchem Prozentsatz das angesparte Alterskapital in eine Rente umgewandelt wird. Der gesetzliche Mindestumwandlungssatz beträgt 6,8 Prozent. Mit anderen Worten: 100 000 Franken Alterskapital können in eine lebenslange jährliche Rente von 6800 Franken umgewandelt werden.

Viele Versicherte entnehmen ihrem Pensionskassenausweis allerdings bereits heute deutlich tiefere Umwandlungssätze. Dies ist möglich, weil der gesetzliche Minimalwert nur die Bestandteile des Alterskapitals abdeckt, welche im Rahmen des Pensionskassenobligatoriums eingezahlt wurden. Dieses gilt für sämtliche Lohnbestandteile zwischen 21 330 Franken und 85 320 Franken.

Die meisten Arbeitgeber versichern im Rahmen der beruflichen Vorsorge die Löhne auch oberhalb dieses Bandes und/oder leisten höhere Altersgutschriften als gesetzlich vorgesehen («Überobligatorium»). Bei dem Teil des Kapitals, das über das gesetzliche Minimum hinausgeht, sind die Pensionskassen frei beim Festlegen des Umwandlungssatzes. Sie können im Rahmen einer Mischkalkulation den obligatorischen Bereich zu 6,8 Prozent in eine Rente umwandeln und den überobligatorischen Bereich zu beispielsweise 4 Prozent. In der Mischung ergeben sich vielleicht noch 5 Prozent. Aber nicht jeder, der sich bei einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent eine Frühpensionierung leisten kann, kann dies auch bei einem solchen von 5 Prozent. Es stellt sich die Frage: Gibt es Alternativen zur Frühpensionierung, welche einerseits einen weichen Ausstieg aus dem Erwerbsleben erlauben, aber andererseits finanziell weniger einschneidende Folgen haben?

Viele ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können mit einer Pensumreduktion oder mit einer Teilpensionierung (oder einer Kombination aus beidem) das gewünschte Ergebnis erzielen. Diese Instrumente eröffnen interessante Möglichkeiten in der Finanzplanung. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass der Einschnitt in den Alltag weniger drastisch ausfällt. Man gleitet langsam aus dem Erwerbsleben anstatt von einem Tag auf den anderen.

In den meisten Fällen stehen beide Mittel ab dem 58. Lebensjahr zur Verfügung. Das jeweilige Pensionskassenreglement kann jedoch Einschränkungen vorsehen.

Die Pensumreduktion erlaubt es, das Arbeitspensum um höchstens 50 Prozent zu senken, wobei aber die Lohnbeiträge weiter für den ganzen Lohn geleistet werden müssen. In der Folge gibt es keine Einbussen bei der Pensionskasse. Bedingung dafür ist, dass die Pensumreduktion im Pensionskassenreglement vorgesehen ist. Die Kehrseite: In den meisten Fällen trägt der Arbeitnehmer auch die Arbeitgeberbeiträge für den Teil der Pensumreduktion. Zudem nimmt er natürlich Lohneinbussen während der letzten Arbeitsjahre in Kauf.

Die Teilpensionierung dagegen ist eine gestaffelte Pensionierung mit mehreren «Events» (Kapitalbezug, Rente) zwischen dem 58. und 65. Lebensjahr. Dies ist dann interessant, wenn bereits während der letzten Erwerbsjahre eine Teilrente bezogen werden soll. Dadurch kann man beispielsweise einer angekündigten zukünftigen Senkung des Umwandlungssatzes ausweichen. Mit mehreren Kapitalbezügen lässt sich in manchen Fällen die Steuerprogression abmildern. Wie viele Kapitalbezüge erlaubt sind, legen die kantonalen Steuerämter fest.

Beispiel: Stellenwechsel mit fünfzig

Eine Arbeitnehmerin verdient über die gesamte Laufbahn 120 000 Franken. Im Alter von fünfzig Jahren bekommt sie einen neuen Job angeboten. Der neue Arbeitgeber würde gleich viel Lohn zahlen, aber tiefere Pensionskassenbeiträge (s. linke Skala, Säulen): 17 Prozent (statt 25 Prozent beim alten Arbeitgeber) zwischen 50 und 55 Jahren und 20 Prozent (statt 35 Prozent) ab 55. Das Alterskapital (s. rechte Skala, Linien) fällt beim neuen Arbeitgeber bei der Pension um 200 000 Franken tiefer aus. Wer sich einen Stellenwechsel überlegt, sollte von der Pensionskasse des neuen Arbeitgebers das Alterskapital berechnen lassen und die Werte mit seiner bisherigen Pensionskasse vergleichen.

Wichtige Selbstvorsorge

In der Finanzplanung zur Pensionierung sind weitere Aspekte zu beachten. So sind beispielsweise Kapitalbezüge aus der Pensionskasse nicht möglich, wenn man in den letzten drei Jahren einen freiwilligen Einkauf getätigt hat. Auch sollten sich allfällige Kapitalbezüge im Rahmen einer Teilpensionierung nicht mit Kapitalbezügen aus der dritten Säule überlagern, da dies zu einem starken Anstieg der Steuerprogression führen kann. Dasselbe gilt für gleichzeitige Bezüge von Ehepartnern. Ehepaare sollten ihre Pensionskassen miteinander vergleichen und einen gemeinsamen Finanzplan entwickeln. Allgemein gilt: Wer finanzielle Überraschungen vermeiden will, der muss sich frühzeitig und im Detail mit der eigenen Pensionskasse und ihrem Reglement auseinandersetzen (vgl. nebenstehendes Beispiel).

Aufgrund der sinkenden Umwandlungssätze bei den Pensionskassen wird die Selbstvorsorge immer wichtiger. Ihre Beliebtheit, selbst bei sehr jungen Erwerbstätigen, nimmt spürbar zu. Bei der Säule 3a handelt es sich um eine steuerlich attraktive Möglichkeit der privaten Vorsorge. Erwerbstätige mit Anschluss an einer Pensionskasse können jährlich Beiträge an die Säule 3a bis zu 6826 Franken vom steuerbaren Einkommen abziehen. Bei Erwerbstätigen ohne Pensionskassenanschluss sind es sogar bis zu 34 128 Franken. Anders als bei der Pensionskasse kann der Versicherte entscheiden, wie er sein Alterskapital anlegt. So gibt es vielseitige Möglichkeiten zum Vorsorgesparen mit Anlagefonds. Noch mehr Flexibilität in der Festlegung der Anlagepolitik gewinnt man, indem man mehrere Säule-3a-Konten aufsetzt.

Weitere Informationen: ubs.com/vorsorgeplanung


Fünf Fragen

René Knoblauch: Head Wealth Planning Services bei UBS Switzerland AG

Für wen lohnt sich die Optimierung der Finanzplanung vor der Pensionierung?

Für jeden! Es gibt praktisch niemanden, der nicht von einer genauen Analyse seiner finanziellen Situation vor, während und nach der Pensionierung profitiert. Allenfalls sind sehr vermögende Personen ohne Erwerbstätigkeit etwas weniger von diesen Fragen betroffen. Aber selbst bei ihnen finden wir immer wieder Optimierungsmöglichkeiten.

Welches ist der häufigste Fehler, den Sie in Ihrer Beratungspraxis beobachten?

Dass die Leute sich zu spät um die finanziellen Folgen der Pensionierung kümmern. Es ist erfreulich, wenn sich Dreissigjährige darüber Gedanken machen. Spätestens über fünfzig ist es höchste Zeit.

Wie umfangreich ist ein Finanzplan für die Pensionierung?

Das kommt ganz darauf an. In einfachen Fällen bringt man diesen auf wenigen Seiten unter. Wenn verschiedene Varianten gerechnet werden müssen oder beispielsweise ein eigenes Unternehmen im Spiel ist, können es auch einmal mehrere Dutzend Seiten sein.

Worauf müssen Unternehmer und Selbständige zusätzlich achten?

Im Fall eines eigenen Unternehmens steckt oftmals der grösste Teil des Alterskapitals im Betrieb. Im Rahmen der Nachfolgeregelung für die Firma muss auch die Altersvorsorge des Inhabers geplant werden. Deshalb ist es für Unternehmer noch wichtiger, sich frühzeitig mit dem Verkauf oder der Übergabe des Unternehmens zu befassen und entsprechend beraten zu lassen. Das Gleiche gilt für selbstständig Erwerbstätige, die sich selbst um ihre eigene Pensionskasse kümmern müssen.

Noch lassen sich viele Arbeitnehmer frühpensionieren. Wohin geht der Trend beim Rentenalter?

Ich sehe eine Tendenz zur Flexibilisierung. Viele Arbeitnehmer steigen schrittweise aus ihrem angestammten Beruf aus und arbeiten über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus. Andere sind mit 65 noch topfit und fangen etwas Neues an.

 

Interview: Florian Schwab


UBS verfügt über fundiertes Know-how bei den Themen Finanzplanung und Geldanlage. In unregelmässigen Abständen analysieren führende Experten der Bank exklusiv für die Weltwoche aktuelle Fragen rund ums Geld.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Walter Mittelholzer

27.09.2019|18:23 Uhr

Alles Werbe-Bla-Bla. Mit spätestens 40 den Plan zurechtlegen. Mit 60 das Kapital zu 100% beziehen, auswandern und mit dem Geld sich ein schönes "Restleben" gönnen.

Hans Baiker

27.09.2019|14:27 Uhr

Alles sattsam bekannt. Durchwoben mit Schönsprech. Die Säule 3a hat den wichtigen Nachteil, dass sie nach oben gedeckelt und nach unten begrenzt ist. Was heisst, in guten Jahren kann ein selbstständig Erwerbender nur das Maximum einzahlen, in schlechten Jahren gar nichts. So rutscht er langsam aber sicher den Berg runter, was heisst, dass 3a keine richtige Altersvorsorge bedeuten kann, sondern nur ein Zustupf. Versicherungslösungen sind einfach zu teuer. Das Ganze ist eine leider nicht unübliche Schwachmatenlösung aus unserem viel gelobten Bundesbern.

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