Demokratie hält er für irrelevant

Roger Hallam ist Gründer jener Organisation, die kürzlich die Limmat giftgrün einfärbte. Um eine neue Klimapolitik durchzusetzen, hat er einen Umsturzplan entworfen.

Der Auftritt folgte dem Drehbuch. Als Roger Hallam am 16. September in Uxbridge bei London dem Haftrichter vorgeführt wurde, nutzte er die Gelegenheit, um eine politische Botschaft zu platzieren: «Der Ausbau des Flughafens Heathrow ist ein Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die nächste Generation.» Zuvor war er verhaftet worden, weil er versucht hatte, den Flugverkehr mit Drohnen lahmzulegen. Die kurze Anhörung war nun ein nationales Ereignis. Die Journalisten notierten sogar, was Hallam trug – einen grauen Pullover über einem orange-weiss-schwarz gemusterten Hemd –, während seine Anhänger ihm applaudierten. Er hatte alle Aufmerksamkeit, ganz so, wie er das wollte.

Dieser Tage erscheint ein schmales Buch, das Hallam geschrieben hat. Es heisst «Common Sense for the 21st Century» und ist elektronisch schon verfügbar. Der Titel ist eine Anspielung auf Thomas Paines berühmtes Pamphlet, das einen grossen Einfluss auf die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung hatte. Hallam will erreichen, was Paine mit «Common Sense» geschafft hat: seine Leser zur Revolution ermutigen. Es geht ihm um nichts weniger als die Rettung der Menschheit, die er durch die globale Erwärmung vom Aussterben bedroht sieht. An einer Stelle schreibt er, es wäre von Vorteil, wenn Klimaaktivisten ins Gefängnis gingen, um so für ihre Sache zu werben. Er selber hat es vorgemacht. Hallam bleibt bis zur Gerichtsverhandlung am 14. Oktober in Untersuchungshaft.

«Ich bin fast verrückt geworden»

Viel weiss man nicht über ihn. Er ist 53, arbeitete früher als Biobauer in Wales, wo vor einiger Zeit seine ganze Ernte zerstört wurde, weil es wochenlang regnete. «Ich habe Hunderttausende Pfund verloren, 25 Menschen ihre Arbeit. Ich bin fast verrückt geworden – Stress, Depressionen», sagte Hallam dem Spiegel in seinem letzten Interview vor der Verhaftung. Damals habe er eine «tiefgreifende Erkenntnis» gehabt: «Wenn es zu heiss, zu kalt, zu trocken oder zu nass wird, dann verlieren wir im besten Fall nur unseren Wohlstand, im schlimmsten Fall erleben wir die Ausrottung der Menschheit. Das ist, was auf uns zukommt. Das passiert, wenn die Menschen den Himmel zerstören.» Und auf Nachfrage setzte er hinzu: «Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant.»

Das wäre kaum der Rede wert, hätte Roger Hallam nicht Extinction Rebellion mit begründet. Das ist jene Bewegung, die kürzlich die Limmat in Zürich giftgrün einfärbte. Entstanden ist sie vor knapp einem Jahr in London. Wenig später gelang es 6000 Anhängern, fünf Themse-Brücken zu blockieren. Inzwischen ist Extinction Rebellion – zu Deutsch: Rebellion gegen das Aussterben – auf der ganzen Welt vertreten. 597 Gruppen in 54 Ländern bekennen sich nach eigenen Angaben zu den Grundsätzen der Bewegung. Ihre Kernforderung lautet, die Emission von Treibhausgasen bis 2025 auf netto null zu reduzieren, um so die globale Erwärmung zu stoppen. Ihr Mittel: ziviler Ungehorsam.

Pflicht zum Widerstand

Roger Hallam hat mit «Common Sense for the 21st Century» einen eigentlichen Umsturzplan entworfen. Am Anfang steht der Befund: Gesellschaften würden nicht mit dem notwendigen Tempo auf die existenzielle Gefahr der Klimaveränderung reagieren. Er zitiert eine Studie, die besagt, dass die Erde nur noch eine Milliarde Menschen ernähren könnte, sollte die mittlere Temperatur um fünf Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau steigen. Wie wahrscheinlich ein solches Szenario ist, diskutiert er nicht. Dass es kaum haltbar ist, räumt er allerdings indirekt ein, wenn er schreibt: «Sogar wenn diese Zahl um 90 Prozent danebenliegt, bedeutet das Hunger und Tod für 600 Millionen Menschen in den nächsten 40 Jahren.» Eine Prognose mit einer Fehlermarge von 90 Prozent hat keinen statistischen Wert. Sie kann genauso gut völlig falsch sein.

Das hindert Hallam nicht daran, seine hypothetische Zahl an realen Schreckensereignissen zu messen. Sechshundert Millionen Tote, das sei zwölfmal mehr, als der Zweite Weltkrieg gefordert habe, schreibt er. «Es ist zwölfmal schlimmer als der Horror der Nazis und der Faschisten im 20. Jahrhundert.» Daraus leitet er eine Pflicht zum Widerstand ab. Die Regierung sollte die Menschen vor solchen Bedrohungen schützen, sei aber daran gescheitert. Er bezieht sich im Buch vor allem auf Grossbritannien, doch alle anderen Staaten sind ebenso mit gemeint. Das heutige System bezeichnet er als «völkermordend» («genocidal») und «korrupt». «Es wird uns töten, wenn wir nicht dagegen aufbegehren.»

Was tun? Ähnlich wie Lenin, der einst diese Frage stellte, entwickelte Hallam einen Aktionsplan. Er schlägt vor, mit Tausenden Menschen immer wieder das öffentliche Leben in den Hauptstädten zu stören. Das Ziel müsse sein, möglichst hohe Kosten zu verursachen – die geplante Aktion in Heathrow ist ein Beispiel dafür. Das bedeute, den Rubikon zu überschreiten, wie Hallam es nennt, also Gesetze zu brechen, wobei Gewalt strikt abzulehnen sei. Man solle vielmehr versuchen, eine fröhliche Stimmung zu verbreiten, denn es gelte, die «Herzen und Köpfe» der Menschen zu gewinnen. «Folgt man diesem Plan für eine oder zwei Wochen, ist es wahrscheinlich, dass ein Regime zusammenbricht oder zu grossen Strukturveränderungen gezwungen ist, wie historische Beispiele zeigen.»

Ohne Blutvergiessen

Was danach kommen soll, hat sich Hallam für Grossbritannien schon ziemlich genau ausgemalt. Eine nationale Bürgerversammlung würde die Macht übernehmen. Sie hätte vielleicht tausend Mitglieder, ausgewählt nach dem Zufallsprinzip für eine Amtsperiode von zwei Jahren. Ihre wichtigste Aufgabe wäre es, die Klimapolitik schnell zu ändern. Gleichzeitig würde sie regionale Bürgerversammlungen schaffen, um die Macht zu dezentralisieren. Eine neue Verfassung würde die Legitimität dieser Versammlungen garantieren. Die Queen und die Lords könnten eine zeremonielle Rolle spielen, die Parlamentarier eine beratende Funktion übernehmen. Eine solche Kontinuität entspreche der britischen Tradition, einen Systemwechsel ohne grosses Blutvergiessen zu vollziehen.

Bleibt die Frage, weshalb zufällig ausgewählte Bürger genau jene Politik umsetzen sollten, die Hallam vorschwebt. Er hat darauf eine simple Antwort: «Alle wissen, dass die Situation fucked ist – alle ausser der politischen Klasse und den Eliten.» Seine Zuversicht nährt sich auch aus einem siegreichen Gerichtsverfahren. Nachdem Hallam seine Arbeit als Bauer in Wales aufgegeben hatte, ging er nach London, um eine soziologische Doktorarbeit über zivilen Ungehorsam am King’s College zu schreiben. Er betätigte sich schon dort als Klimaaktivist und pinselte politische Botschaften an die Wände des Colleges. Das führte zu einer Anklage. Der Richter, so schreibt es Hallam, wollte ihn wegen Sachbeschädigung verurteilen, aber die Jury, «gewöhnliche Londoner», entschied sich für einen Freispruch.

Nachricht aus dem Gefängnis

Seit 2007, als die Weltfinanzkrise begann, will Hallam eine revolutionäre Situation erkennen. Zunächst war es die Occupy-Bewegung, die dieses Potenzial sammelte. Extinction Rebellion führt seine Wurzeln darauf zurück. Dass ein weniger radikaler Ansatz erfolgversprechender sei, bestreitet Hallam. Reformen würden nichts mehr bringen. «Es braucht nur ein paar Leute, die sich erheben, und der grosse Rest der Bevölkerung wird bereit sein, es zu versuchen», schreibt er. Die heutige Lage vergleicht er mit den 1930er Jahren, als die britische Regierung meinte, sie könne Hitler mit Appeasement-Politik einhegen. «Wir sind mit Klima-Appeasement konfrontiert.» Man dürfe die Bedrohung nicht länger ignorieren.

Während seine Gesinnungsfreunde die Revolution planen, ist Roger Hallam allerdings zur Untätigkeit verdammt. «Mir geht es gut. Macht euch um mich keine Sorgen. Bitte konzentriert euch auf die anstehenden Aufgaben», lässt er aus dem Gefängnis mitteilen. Seine Nachricht beschliesst er mit den Worten: «Es ist eine Ehre und ein Privileg, mit euch in Rebellion zu sein. Ich liebe euch alle. Viel Glück!» Am 7. Oktober startet Extinction Rebellion eine internationale Aktion. Zwei Wochen lang soll es in grossen Städten zu Massenaufläufen kommen. Wenn Roger Hallam recht hat, reicht das, um die Regierungen zum Aufgeben zu zwingen. Aber Prognosen können nun einmal völlig falsch sein.

 

Roger Hallam: Common Sense for the 21st Century. Only Non-violent Rebellion Can Now Stop Climate Breakdown and Social Collapse. 80 S., zirka Fr. 7.40

 

Kommentare

Michael Wäckerlin

29.09.2019|23:37 Uhr

Wie man NWO-Agitprop erkennt: Aktivisten organisieren einen Fake-Protest und fordern, was vor Jahrzehnten mit Agenda 21 beschlossen wurde, nur schneller und radikaler. Nonstop Gratis-PR der Medien. Die Botschaft: Individuelle Rechte sind asozial und gefährlich, Selbstbestimmung hat keinen Platz in einer interdependenten Welt. Die ruinöse Sabotagepolitik der Regierungen sieht im Vergleich wie ein moderater Kompromiss aus.

Marcel Egli

26.09.2019|20:47 Uhr

Der Umsturz in der Schweiz hat längst stattgefunden. Wenn so ein Extremist de facto ungestraft und unter Beifall der sogenannten offiziellen Schweiz (Linke, FDP, insbesondere vermeintliche Grüne) die Limmat verschmutzen kann, dann gibt es keine Fragen mehr. Es geht nicht um den Klimaschutz. Wo sind die Leute, welche die Beschlüsse der letzten Tage (Benzinpreiserhöhung, Flugticketabgabe, Ölbrennerstrategie, u.v.m.) mit dem Unterzeichnenden vors Volk bringen. Diesem Raubzug gegen das gemeine Volk muss mit allen Mitteln entgegengehalten werden.

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