Huaweis 5G-Powerplay

Der chinesische Champion Huawei hat im schnellen Mobilfunk die Technologieführerschaft errungen. Die USA schiessen dagegen, die Schweiz profitiert.

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei ganz unterschiedlichen Giganten: hier der ehrwürdige, traditionsreiche, international weitverzweigte deutsche Industriekonzern Siemens, da der von aussen gekommene chinesische Technologie-Aufsteiger Huawei. Die beiden liegen beim Europäischen Patentamt praktisch gleichauf an der Spitze der Rangliste jener Firmen, die 2018 am meisten europäische Patente angemeldet haben. Der Abstand zwischen dem europäischen Sieger und dem chinesischen Zweiten ist so klein, dass man sagen kann: Im Grunde stiehlt Huawei Siemens die Show, denn eigentlich hat Siemens in Europa Heimvorteil. Die Grafik (unten) zeigt, wie deutlich zudem die anderen grossen europäischen Technologiekonzerne, Philips, Ericsson und Bosch, distanziert worden sind.

Noch glänzender war für Huawei 2017, da lag man an erster Stelle vor Siemens, und erstmals in der Geschichte des Europäischen Patentamts hatte eine chinesische Firma die Spitze erreicht. Huawei ist ein chinesischer Technologie-Champion, der mit seiner internationalen Schlagkraft erstklassig in den Rahmen der industriepolitischen Offensive «Made in China 2025» passt. Es ist auch die Erfolgsgeschichte eines privat gegründeten und gehaltenen Unternehmens, die viel mit langfristigem Denken zu tun hat, wie es bei börsenkotierten Firmen seltener ist. «Es ist nicht dem Zufall zu verdanken, dass wir in einigen Teilmärkten der Informatik und der Telekommunikation heute an der Spitze sind», meint Felix Kamer, Vize-Chef von Huawei Schweiz. Das 1987 von Ren Zhengfei gegründete Unternehmen sei Schritt für Schritt aufgebaut worden, und heute befinde man sich mit rund 190 000 Mitarbeitern und über hundert Milliarden Dollar Jahresumsatz in anhaltend rascher Expansion. «Das passierte nicht über Nacht, das hat auch mit dreissig Jahren Geschichte und Ausdauer zu tun», fügt er an.

So habe man in den vergangenen zehn Jahren zwei Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung für die 5G-Technologie investiert, bevor überhaupt eine erste Bestellung eingetroffen sei. 5G – das ist quasi der Haupttrumpf von Huawei, auch wenn viele Konsumenten wohl eher deren Oberklasse-Handys kennen, die sich mit Apples iPhones harte Kämpfe am Ladentisch liefern. 5G wird als neue Stufe der Mobilfunktechnologie mehr Bandbreite bieten als 4G, kürzere Reaktionszeiten und viel mehr Verbindungen pro Flächeneinheit. Aus Laiensicht: Es können viel schneller Videos, Bilder und wer weiss was geladen werden. Aus Profi-Sicht: Es können ganze Fabriken, ja sogar Städte vernetzt und in Echtzeit IT-mässig betreut werden. Aus Gamer-Sicht: Da können junge, superschnelle Spieler die älteren gnadenlos abhängen.

Nun kommt der Markt für 5G ins Rollen, in der Schweiz wurden Anfang Jahr die Funkfrequenzen vergeben, Swisscom und Sunrise machen sich an den Aufbau der Netze, und Huawei hat als Lieferant der Komponenten dafür – so ist aus dem Markt zu hören – ein Jahr oder mehr Vorsprung auf konkurrierende Netzwerkausrüster. Rund fünfzig Verträge mit Telekom-Firmen hat Huawei bisher abgeschlossen und 200 000 Basisstationen geliefert, damit wäre man bislang Marktführer. Moment – da gibt es doch den Konflikt mit den USA: Die US-Regierung hat doch ihren Firmen verboten, an Huawei zu liefern, blockiert das nicht die Geschäfte? Kamer: «Vom Embargo wurden wir nicht ganz überrascht, wir waren schon gut vorbereitet mit eigenen Entwicklungen.» Konkret heisst das, dass Huawei wichtige Chips auch selber entwerfen kann und nicht auf US-Können angewiesen ist. Wie spürte das Unternehmen die Auswirkungen des US-Verbots? Bei den Telekom-Operators, also den Abnehmern der Netzwerkausrüstung, sei der Kommunikationsbedarf etwas gestiegen, aber man habe, so Kamer, keine Kunden verloren. Dieser Markt tickt anders als die Konsummärkte, denn auf der ganzen Welt gibt es nur rund 400 Kunden, da in den meisten Ländern typischerweise wenige grosse Telekom-Firmen Mobilfunknetze aufbauen und betreiben.

Die Besten der Besten

Und welches ist das wichtigste Land? «Der 5G-Markt wird am Schluss in einem einzigen Land entschieden, nämlich in China.» Für den Grossteil der Bevölkerung sei da das Mobilfunknetz der primäre Zugang zum Internet, und laut Marktschätzungen dürften im Endausbau in China etwa zwanzig Mal so viele Basisstationen stehen wie in den USA. Zwanzig Mal. Nach dem Boykott und strengeren Regelungen zum Verwerten von Patenten sieht das Amerika-Geschäft bei Huawei nicht sehr positiv aus. Diesen Sommer hat man den Abbau von 600 Forschungsstellen in den USA bekanntgegeben.

Zur Grafik

Aber es gibt eine Gegenbewegung – in der Schweiz. Das hiesige Management konnte die Konzernführung überzeugen, die Schweiz als beste Alternative für ein neues Forschungszentrum zu sehen. «Wir argumentierten mit den Stärken des Landes: der politischen Stabilität, der starken Innovationskraft und der hervorragenden Ausbildung», meint Kamer. Für ein neues grosses Forschungszentrum sei das der beste Platz. «Es ist wirklich gross, wir sprechen von tausend Arbeitsplätzen, von tausend Forscherlöhnen.» Man sei zurzeit daran, Forschungsprojekte zu evaluieren, mit Spitzenleuten in Kontakt zu treten und Kooperationen zu sondieren. Bis Ende Jahr soll etwa der Stand von dreissig Personen erreicht sein. Die Besten der Besten suche man, weil Forschung in der Schweiz nicht günstig sei.

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