Editorial

Kürzlich war ich im wunderschönen neuen Sitz der Swatch Group in Biel, gleich neben dem altehrwürdig-industrieklassizistischen Hauptquartier der Uhrenmarke Omega, die mich seit der Konfirmation am Handgelenk begleitet.

Von einer Empore herab grüsst Nick Hayek, der Chef, der 150 Millionen Franken in diese drachenartige Zauber-Holzkonstruktion investierte. Der Bau erinnert auch etwas an ein Raumschiff, allerdings an ein biologisch abbaubares. Nach einer kurzen Führung setzen wir uns in einem Sitzungszimmer an einen Tisch und kommen auf das zentrale Thema: China.

Hayeks Milliarden-Unternehmen ist seit den achtziger Jahren in China unterwegs. Damals baute Vater Nicolas mit Hayek Engineering ein Stahlwerk. Heute ist das Land ein wichtiger Abnehmer von Uhren und anderen Produkten des Hauses. Hayek ist ein unkonventioneller Denker, weltweit tätig. Kopfschüttelnd erzählt er von der «heuchlerischen Kritik» an China.

Vieles, was er sagt und später in Interviews auch wiederholen wird, steht quer zum chinaskeptischen Mainstream in der Schweiz. Unsere Zeitungen sind seit Monaten voll mit verschwörungstheorieartigen Berichten über angebliche Weltbeherrschungspläne der Chinesen mit ihrer Seidenstrasse. Im Bundeshaus werkeln zahlreiche Politiker an neuen Gesetzen, die China den Erwerb von Unternehmen in der Schweiz erschweren sollen.

Natürlich betreibe China auch Machtpolitik, sagt der Unternehmer, aber anders als bei den USA habe er nicht den Eindruck, dass die Chinesen anderen Völkern ihren way of life aufdrücken möchten. Chinesische Unternehmer seien langfristig orientiert, das schnelle Geld zähle weniger, da würden nicht einfach Firmen gekauft, filetiert und dann mit Spekulationsabsicht an der Börse verscherbelt.

Auch das chinesische Engagement in Afrika sieht Hayek gelassen. Es sei doch pure Heuchelei, wenn die gleichen Länder, die früher in China Opiumkriege angezettelt oder gigantische Kolonialreiche auf der Welt betrieben hätten, heute den Chinesen verbieten wollten, in Afrika Strassen, Spitäler, Strom- und Schienennetze aufzubauen.

Noch pointierter formuliert er es später in einem Interview mit der Aargauer Zeitung: «Erklären Sie einem Afrikaner, der kein Wasser, keinen Strom und keine Medikamente hat, warum er die chinesischen Investitionen ablehnen sollte, weil sie von einem bösen, autoritären Land kommen – und stattdessen doch, bitte schön, auf Almosen aus dem demokratischen Europa warten solle. Heuchlerischer geht’s nicht.»

Hayek hat recht. Der westliche Blick auf China scheint derzeit verzerrt, eingetrübt von einem angekränkelten Selbstvertrauen. Dazu kommt eine merkwürdige Überheblichkeit, die kein Zeichen von Stärke, eher von Schwäche im Umgang mit dem aufstrebenden Land bedeutet, das sich innerhalb von nur vierzig Jahren von einem Armenhaus zu einem relativen bescheidenen Wohlstand hochgearbeitet hat.

Auch dazu hat Hayek eine überraschende Diagnose parat: China sei nicht einfach aufgrund tiefer Löhne nach oben gekommen, sondern in letzter Zeit zusehends auch durch Innovationskraft mit starken eigenen Produkten auf der Grundlage eines sehr grossen Heimmarkts. Es wäre demnach ein Fehler, in China nur die Masse billiger Arbeiter zu sehen. Das Land hat eine grosse Tradition technologischer Erfindungsfantasie, die nach dem Abfall von Maos Kommandokommunismus akut wieder auflebt.

Alle gegen China – die Stimmung wird natürlich auch durch die Vereinigten Staaten angeheizt. Präsident Trump hat recht, wenn er sich aus seiner Sicht gegen die Verletzung internationaler Handelsregeln wehrt. Allerdings scheint die China-Politik der USA zurzeit eher ein etwas kurzsichtiges Manöver, das von den nicht so leicht zu beseitigenden Strukturschwächen der eigenen Wirtschaft auf den äusseren Gegner ablenken soll.

In einem solchen Weltklima wirtschaftskriegerische Zuspitzung kommt auch die neutrale Schweiz unter Druck – von aussen und innen. Es gibt viele laute, wenn auch unberufene Stimmen, die einen härteren Ton gegenüber China fordern. Es wäre für die Schweiz ein Kapitalfehler, sich in den Chor dieser Konfrontationsopportunisten einzureihen.

Die Schweiz hat einen riesigen Trumpf in der Hand – ihre Neutralität. Neutralität ist das Recht des Kleinstaats, sich aus dem Streit der anderen herauszuhalten. Neutralität läuft hinaus auf eine Aussenpolitik, die eher zuhört als austeilt, die freundlich und respektvoll mit allen umgeht, auch wenn man ihre Standpunkte nicht immer teilt. In einer Zeit, da alle mit allen streiten, ist der Neutrale im Vorteil. Die Schweiz kann als Oase der Verständigung besser wirken, als wenn sie sich auch noch zum Lautsprecher billiger Vorhaltungen gegenüber China macht.

Die Schweiz war ein Pionier bei der Anerkennung des modernen China vor knapp siebzig Jahren. Sie kann heute wieder Pionierarbeit leisten, indem sie den Beweis erbringt, dass gute Beziehungen auf der Basis einer jahrzehntelangen freundschaftlichen Verbundenheit erfolgreicher sind als der Versuch, die Chinesen daran hindern zu wollen, einen Wohlstand zu erzielen, den wir im verwöhnten Westen längst als Exklusivprivileg für selbstverständlich nehmen.

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