Doppelte Kulturbrücke

Technologie und Konsumprodukte aus der Schweiz sind in China gefragt. Der Weg in diesen grossen Markt führt für die Schweizer vor allem über eine Vertiefung der Kooperation, auch bei den Investitionen.

Es gibt sie in fast jedem Schweizer Haushalt: die Alu-Trinkflaschen von Sigg. Sie sind ein Stück Schweiz in Reinkultur – fast so wie das Schweizer Sackmesser. Nur wenige wissen jedoch, dass die kultigen Trinkflaschen gleich in doppelter Hinsicht eine Kulturbrücke zu China sind. In China werden seit je Wasser, Tee und flüssige Nahrungsmittel in Sigg-ähnlichen Flaschen transportiert und konsumiert. Als Sigg 2016 wegen Turbulenzen im amerikanischen Markt in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geriet, sprangen «die Chinesen» als Investoren ein. Viele Schweizer rieben sich die Augen und waren gelinde gesagt überrascht, dass die Schweizer Traditionsfirma plötzlich chinesisch war. Sigg wies im Geschäftsjahr 2017 das beste Ergebnis seit zehn Jahren aus und zeigte eindrücklich, dass diese Transaktion sowohl ökonomisch als auch kulturell passt.

Die Flaschen werden weiterhin in Frauenfeld hergestellt, haben aber mit China einen Absatzmarkt mit 1,35 Milliarden potenziellen Konsumenten gewonnen, die das Konzept der Sigg-Trinkflasche bestens kennen. Das macht den schwierigen US-Markt mehr als nur wett. Das Beispiel Sigg zeigt, dass in der Schweiz basierte Unternehmen in China erfolgreich sein können, auch wenn es sich dabei nicht um einen weltweit bekannten Konzern mit einem grossen Namen handelt. Auch KMU mit einer innovativen und kulturell kompatiblen Produktpalette werden von chinesischen Unternehmen beziehungsweise Konsumenten nachgefragt. Ein wichtiger Grund für diese erfreuliche Situation ist der gute Ruf schweizerischer Technologie- und Konsumprodukte in China.

Hotline zum Zollamt

Die laufende Aufwertung der industriellen Produktion Chinas hat unmittelbare Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft: Chinesische Unternehmen kaufen vermehrt Schweizer Fertigprodukte. Dies hat den chinesischen Wirtschaftsakteuren die Wichtigkeit und Werthaltigkeit von Schweizer Unternehmen aufgezeigt. In der Vergangenheit wurden vielfach Schweizer Halbfertigprodukte in europäische, amerikanische, koreanische oder japanische Produkte integriert und erst so dem chinesischen Markt zugeführt.

Die Schweiz ist das innovativste Land der Welt, und sie dürfte dank Innovationskultur, Grundlagenforschung und revolutionärer Erfindungskraft auch in Zukunft einen Spitzenplatz im Innovationsranking einnehmen. China seinerseits ist mit seinem enorm grossen Markt und seiner evolutionären Erfindungskraft äusserst interessiert an den Forschungsresultaten von Schweizer Hochschulen, Hightech-Unternehmen und Start-ups. In diesem Zusammenhang sind bereits unzählige Zusammenarbeitsvereinbarungen unterzeichnet worden. Zurzeit sucht zum Beispiel einer der grössten Investmentfonds Chinas einen Schweizer Partner, um einen mit 100 Millionen Franken alimentierten Fonds zu gründen – mit dem Ziel, Schweizer Innovationen marktreif zu machen und sie auf dem chinesischen Markt einzuführen. Eine solche Zusammenarbeit ist der beste Weg, die Vorteile beider Länder zu nutzen. Negativbeispiele wie Klettverschluss und Quarzuhr, wo Schweizer Erfinder den Forschungsaufwand stemmten, beim Markterfolg jedoch leer ausgingen, können so verhindert werden.

Bei der engen Verknüpfung zwischen der Schweiz und China gibt es zwangsläufig auch Probleme, das zeigte in der jüngeren Vergangenheit auch das Freihandelsabkommen (FTA). Nach Inkrafttreten des FTA traten praktische Probleme bei der Umsetzung zutage, mancher Schweizer Exporteur war enttäuscht. Doch die Zolldirektionen der beiden Länder haben sich unbürokratisch zusammengesetzt und Lösungen erarbeitet, wie etwa eine Hotline zum chinesischen Zollamt. Eine nachhaltige wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China ist auch in Zukunft absehbar, unterstützt durch folgende Faktoren:

– Im Mai 2019 hat der Schweizer Souverän den bundesrätlichen Vorschlag für OECD-konforme Unternehmenssteuern angenommen. Dies sichert die Stellung der Schweiz als Standort für internationale Unternehmen, speziell auch für chinesische Unternehmen, die diesen Entscheid abwarteten.

– Der Brexit wirft bei chinesischen Unternehmen die Frage nach dem langfristig besten Standort in Europa auf. Die Schweiz bietet sich als Alternative an.

– Die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China sind derart geschwächt, dass Forschungsergebnisse nicht mehr von den USA nach China transferiert werden können. Huawei zum Beispiel baut in der Schweiz ein Zentrum mit tausend Forschungsplätzen auf.

– Im neu gültigen Unternehmenssteuergesetz ermöglicht die sogenannte Patentbox eine steuerliche Begünstigung von Patenterträgen, die auf Schweizer Forschung beruhen. Es besteht auch die Möglichkeit, durch steuerlich in der Schweiz anfallende Lizenzgebühren Forschungsaktivitäten in der Schweiz zu finanzieren, was wegen des mit hohem administrativem Aufwand verbundenen Kapitalexports aus China für chinesische Unternehmen interessant ist.

– Die im April abgeschlossene Vereinbarung zwischen der Börse Schanghai und der Schweizer Börse SIX wird in naher Zukunft das Listing von Unternehmen an beiden Börsenplätzen ermöglichen. Fonds in der jeweiligen Währung können bereits heute an beiden Börsen aufgelegt werden. Das erlaubt eine Mittelaufnahme mit geringerem Währungsrisiko und sollte den Bedarf an Kapitalexporten weiter reduzieren.

Damit die Schweiz und China das Potenzial ihrer guten Beziehungen auch in Zukunft nutzen können, dürfen sie sich nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. Es ist wichtig, diese Beziehungen zu pflegen und weiterauszubauen.

 

Felix Sutter ist Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz–China (SCCC).

 

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