Der Wille, es zu schaffen

Für den Technologiekonzern Bühler ist China in den vergangenen zehn Jahren zum grössten Markt geworden. Die Schweiz geniesst da nach meinen Erfahrungen hohes Ansehen, der Wettbewerb ist aber sehr anspruchsvoll. Chinas Zukunft sieht gut aus.

Wenn ich auf das Jahr 1995 zurückblicke, reibe ich mir die Augen: Ich hatte kein Mobiltelefon, keine E-Mail-Adresse und keinen Laptop. Was ich hatte, waren Abenteuergeist und die Sehnsucht nach der grossen weiten Welt. Als ich das Angebot erhielt, für Roche nach China zu gehen, haben meine Frau und ich keine Millisekunde gezögert, die Koffer gepackt und sind nach Schanghai gezogen. Die Skyline der Stadt sah damals noch bedeutend anders, nämlich unspektakulärer aus.

Sosehr ich mich auf das Abenteuer China freute, hatte ich doch keine klare Vorstellung, was mich da erwarten würde. Viele der Vorurteile, die wir hier in der Schweiz haben, nahm ich mit auf die Reise: billig, rückständig, geldgierig, illoyal – ein Volk von braven Volksdienern mit keiner eigenen Meinung. Und in der Tat war mein erster Eindruck, dass China noch am Anfang stehe und sehr wenig entwickelt sei. Allgegenwärtige Fahrräder, veraltete Stadtbusse, ein absolutes Verkehrschaos prägten den Alltag.

Aber schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, was dieses Land für Möglichkeiten hat – und wie oberflächlich meine Vorurteile waren. Und das lag an den Menschen. Ihre Freundlichkeit, Gastfreundschaft und die Offenheit allem Fremden und Neuen gegenüber waren schlichtweg überwältigend.

Blitzschnelle Entscheidungsfindung

Nun gibt es gastfreundliche und offene Menschen überall auf der Welt. Was aber in China den Unterschied macht, ist die unstillbare Neugier und Wissbegier. Der Wille, es zu schaffen, der Ansporn, etwas Besseres aus sich zu machen und sich nach oben zu arbeiten. Der Wille, zu leisten und sich zu beweisen und erst dann zu fordern. Diese Eigenschaften, zusammen mit der unglaublichen Bevölkerungsgrösse, machen dieses Land so erfolgreich.

Die ersten acht Jahre in China war ich für Roche tätig und half, die Vitaminsparte aufzubauen. Dort habe ich erfahren, wie stark und schnell sich die Konkurrenz entwickeln und wie der Marktvorsprung dahinschmelzen kann, wenn man sich nicht voll auf den lokalen Markt konzentriert. Die Entscheidungsfindung in einem chinesischen Unternehmen beträgt Tage und nicht Monate oder sogar Jahre wie in einem globalen Konzern.

2004 bekam ich die Chance, die Führung von Bühler in China zu übernehmen. Das Unternehmen war damals bereits gut in China aufgestellt und mit einigen Produkten für die Müllerei Marktführer, inklusive Fabrikation und lokalen Verkaufs. Aber auch hier bestand die Gefahr, dass die Konkurrenz zu schnell aufholen und uns das Leben schwermachen könnte. Deshalb definierten wir eine klare China-Strategie mit einem Fokus auf die lokalen Bedürfnisse und den Erhalt und den Ausbau der Marktführerschaft, also entweder die Nummer eins oder die Nummer zwei zu werden, und das gemessen an Stückzahlen und nicht in Franken Umsatz. Produkte von Bühler sind viel teurer als lokale Produkte, da lassen sich mit einem umsatzbasierten Vergleich leicht falsche Schlüsse ziehen. Heute dürfen wir sagen, dass unsere Strategie aufgegangen ist. Das hat auch für Bühler selbst tiefgreifende Konsequenzen: Die Region ist unser grösster Markt, dort stehen unsere grössten und modernsten Fabriken, und wir beschäftigen dort am meisten Menschen bei Bühler.

Erfolgsfaktor Ausbildung

Die Voraussetzung für unseren Erfolg war die tolle chinesische Führungsmannschaft, die wir aufbauen konnten. Wir haben konsequent Mitarbeitende in China gefördert, ihnen volles Vertrauen und die Unabhängigkeit gegeben, schnelle Entscheide zu fällen.

Ein Schlüsselelement war die Bühler Academy zur Weiterbildung der lokalen Mitarbeitenden, die wir zusammen mit renommierten chinesischen und internationalen Universitäten entwickelten. So konnten wir massgeschneiderte Managementausbildungen anbieten. Dies haben uns die chinesischen Kolleginnen und Kollegen mit unglaublicher Betriebstreue gedankt. Wir haben in China weniger Fluktuation als in den meisten anderen Ländern inklusive der Schweiz. So hat etwa der heutige Geschäftsführer des grössten Fabrikationsbetriebes von Bühler in Changzhou ursprünglich als Junior Sales Engineer angefangen und sich in seinen mehr als zwanzig Jahren bei uns zum Verkaufsleiter und dann zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Für dieses Modell sind wir mehrfach als beliebter Arbeitgeber in China ausgezeichnet worden. Im Übrigen haben wir in China viele Frauen im Topmanagement und eine höhere Frauenquote in Führungspositionen als im gesamten Unternehmen.

In all den Jahren hat es uns immer geholfen, dass der Name «Schweiz» oder «made in Switzerland» in China äusserst hochangesehen ist. Mitarbeitende arbeiten sehr gerne für ein Schweizer Unternehmen, und unsere Kunden sind stolz, Maschinen und Lösungen von einem Schweizer Unternehmen zu haben. Wir haben aber auch immer grossen Wert darauf gelegt, dass in den chinesischen Werken von Bühler Schweizer Qualität ohne Kompromisse hergestellt wird.

China ist in den vergangenen zehn Jahren unglaublich schnell gewachsen und hat seinen angestammten Platz in der Welt wieder eingenommen, vielleicht lässt sich sagen, zurückerobert. Mehr noch: China entwickelt sich – strategisch klug und weitsichtig – in atemberaubendem Tempo von der billigen Werkbank der Welt zu einem innovativen Top-Standort. Bei zukunftsweisenden Technologien wie Elektromobilität, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz ist das Land weltweit führend. Auch Bühler treibt diesen Wandel voran: Ein Labor für Batterietechnik haben wir in Wuxi gebaut, und das neueste Forschungs- und Entwicklungszentrum für Tierfutter steht in Changzhou.

Weil China aber mit Stolz diesen Platz einnimmt, gibt es auch viele Leute im Rest der Welt, die das Gefühl haben, dass sie deshalb etwas verloren hätten. Nach meiner Erfahrung ist dem aber nicht so. Im Gegenteil: Chinas Erfolg hat die Weltwirtschaft wachsen lassen, so dass am Ende mehr für alle da ist. Ja, China wird die USA beim Bruttoinlandprodukt (BIP) überholen und Platz eins einnehmen. Aber beim BIP pro Person sind die USA stärker gewachsen als China. Die Amerikaner sind also im Durchschnitt reicher geworden als die Chinesen.

Zeiten als Sündenbock sind vorbei

Die Schweiz hatte immer ein sehr offenes Verhältnis zu China, und das ist sehr gut so. Unsere Handelsbilanz mit China war und ist positiv, das heisst, wir exportieren mehr, als wir importieren. Sehr viele Schweizer Unternehmen haben zudem chinesische Firmen übernommen, allein Bühler sechs grössere.

Gleichzeitig fürchten wir uns, wenn eine chinesische Firma eine schweizerische kauft. Wieso? Glauben wir zu wenig an unsere eigenen Fähigkeiten, dass wir so nervös werden? Sehen wir nicht, wie gut und innovativ unsere Unternehmen und unser Land sind? Glauben wir nicht mehr an die Stärke unseres dualen Ausbildungssystems?

Schweizer Lernende von Bühler verbringen jedes Jahr mehrere Monate in China, und ich weiss aus eigener Erfahrnung von ihrer hohen Qualifikation. Unsere Lernenden müssen sich auch vor Studienabgängern in China nicht verstecken. Ihre Fähigkeit, selbständig und vernetzt zu denken, gibt ihnen einen gewaltigen Vorsprung gegenüber ihren chinesischen Kolleginnen und Kollegen, die in den Riesenuniversitäten zu stark aufs Auswendiglernen fokussieren und sich erst in jahrelanger Arbeit das erforderliche praktische Wissen aneignen.

Im Jahr 2018 hat die Schweiz an der World Skills die Goldmedaillen für Automation gewonnen – vor China und Südkorea. Für die Schweiz nehmen ausschliesslich Lernende teil, für China und Südkorea normalerweise Studenten, da es eine berufsbegleitende Ausbildung gar nicht gibt. Bei Bühler machen wir mit Lernenden Projekte, die wir lokalen Studienabgängern erst nach zwei Jahren Weiterbildung anvertrauen.

Ich bin nach 23 Jahren China in die Schweiz zurückgekehrt. Ich reise immer noch sehr oft nach China, und jedes Mal, wenn ich dort bin, bestätigt sich mir wieder, dass die Zukunft für China gut aussieht. Natürlich gibt es Riesenprobleme – ein Riesenvolk hat Riesenchancen und Riesenprobleme. Aber das chinesische Zeichen für Krise ist eine Kombination der Zeichen Gefahr/Risiko und Möglichkeiten/Chancen. Mit ihrem pragmatischen Ansatz für Lösungen und ihrer Fähigkeit, sich schrittweise zu verbessern, eher den langen Weg der stetigen Verbesserungen als den Sprung zur Perfektion zu versuchen, sind die Chinesen auf gutem Weg, die grössten Gefahren zu umgehen und die grössten Herausforderungen zu meistern.

Ich wünschte mir manchmal, dass wir mehr ein Auge darauf haben, wie sehr China auch dazu beiträgt, Probleme wie das des Plastikabfalls oder der Welterwärmung zu lösen. Die Chinesen tun das nicht aus Liebe zum Westen, sondern weil sie wissen, dass diese Probleme das grösste Land der Welt auch am härtesten treffen werden. Dieses Verständnis würde man sich manchmal auch von anderen führenden Nationen erhoffen. Wenn der Westen es klüger anstellen würde, könnte China aufs Neue eine wichtige und positive Rolle in der Weltpolitik spielen. Die Zeit, China zu unterschätzen oder als Sündenbock zu disqualifizieren, ist endgültig vorbei.

 

Dieter Voegtli war von 2004 bis 2018 für Bühler in China tätig, ab 2009 als Leiter des China- und Asien-Pazifik-Geschäfts der Bühler Group. Seit 2018 ist er im Konzern für Global Sales and Service Organization verantwortlich.

 

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