Beharrliche Aufholjagd

Was China in den vergangenen drei Jahrzehnten gelernt und geleistet hat, ist enorm – auch in Sachen geistiges Eigentum und Handelsregeln. Die Schweiz war eine Art Götti.

Anfang der neunziger Jahre wurde ich zum ersten Mal mit dem Thema China konfrontiert. In einer Diskussion empfahl ich meinem Sohn, er solle nicht Chinesisch, sondern Japanisch als Zusatzsprache lernen, mit der Begründung, geschäftliche Beziehungen zu China würden noch in weiter Ferne liegen, die japanische Wirtschaft sei jedoch schon überall präsent. Heute ist mein Sohn Gründerpartner einer Immobilienfirma, die in China nachhaltige Bauten realisiert.

Einige Jahre später sondierte ich als Chef der Industriegruppe SIG Neuhausen eine mögliche Zusammenarbeit mit China im Bereich der Verpackungsmaschinen. Mit Stolz wurde mir als potenziellem Investor zur Untermauerung der Kompetenz des chinesischen Maschinenindustriellen eine hochkomplexe Maschine vorgeführt mit der Bemerkung, diese sei wie eine Maschine von Bosch, aber viel besser. Das Original stand übrigens gut sichtbar im Nebenraum. Der Schutz des geistigen Eigentums war damals kein Thema: Patente waren weniger ein Schutz für Erfindungen als eine reiche Quelle von Know-how.

Doch China lernte schnell. Sollte sich die Wirtschaft rasch entwickeln, mussten unweigerlich die Grenzen geöffnet werden. Damit verbunden waren in der Folge die Gewährung der Rechtssicherheit und die Übernahme der üblichen Handelsregeln.

Ziel: Klima-Musterschüler

So war es naheliegend, dass China sich sehr rasch um eine Mitgliedschaft bei der Welthandelsorganisation (WTO) bewarb. Dort konnte China einerseits auf stabile Regeln, anderseits aber auch auf ein Entgegenkommen der übrigen WTO-Mitgliedländer zählen. Bei den Beitrittsverhandlungen beharrte China auf einem Sonderstatus mit der Begründung, ein grosser Teil des Landes sei immer noch ein Entwicklungsland.

Handelsdiplomaten des schweizerischen Staatssekretariats für Wirtschaft, des Seco, unterstützten die Delegation Chinas bei diesen Beitrittsverhandlungen, was der Schweiz – nach der überaus wohlwollenden Haltung Chinas aufgrund der frühzeitigen völkerrechtlichen Anerkennung der Volksrepublik China in den fünfziger Jahren – einen weiteren Bonus einbrachte. Dieser sollte sich Jahre später in der Form eines wegweisenden Freihandelsabkommens auszahlen.

Parallel zu den Verhandlungen mit der WTO bemühte sich China auch um den Aufbau bilateraler Wirtschaftsbeziehungen zu vielen Ländern, so auch zur Schweiz. Die vielen Wirtschaftsdelegationen mit privatem oder offiziellem Charakter wurden jeweils mit grosser Zuvorkommenheit empfangen. Es war klar, die Schweiz hatte bei den Chinesen einen Stein im Brett. Auch die dem Seco nahestehende Aussenhandelsförderungs-Organisation Osec, welche nach ihrer strategischen Kehrtwende anstelle einer Beratungsstelle in der Schweiz sogenannte Business-Hubs in den wichtigsten Partnerländern eröffnete, wurde nach Kräften unterstützt. Der Business-Hub in Schanghai konnte dank der Unterstützung des chinesischen Wirtschaftsministeriums innert kürzester Zeit eröffnet werden.

Die Einsicht, dass die von der WTO eingeräumten protektionistischen Massnahmen nur für eine absehbare Dauer wirksam sein würden, führte dazu, dass sich China durch Anstrengungen in ungeahntem Ausmass praktisch in allen strategisch wichtigen Sektoren einen bedeutenden Platz erarbeiten konnte.

An erster Stelle stand eine Aufholjagd in der technologischen Kompetenz. Es war für China demütigend, nur die verlängerte Werkbank des Westens oder gar Taiwans zu sein. Universitäten wurden aus der Erde gestampft, und in der ganzen Welt wurden chinesische Talente aufgespürt und nach China zurückgelockt. Die Grundindustrie wurde ausgebaut. Eine der höchsten Prioritäten genoss auch die Stahlindustrie. China wurde innert weniger Jahre von einer nach Stahl lechzenden Nation zu einem den Weltmarkt beherrschenden Exporteur.

Dass dabei in grossem Ausmass auf die eigenen Ressourcen, das heisst auf Kohle, zurückgegriffen und nur beschränkt Rücksicht auf die Umwelt genommen wurde, ist verständlich. Umso eindrücklicher sind nun aber die Anstrengungen Chinas, Gegenmassnahmen zum Schutze der Umwelt zu ergreifen. Allerdings – wer in den letzten Jahren in den Grossstädten Chinas war, weiss, wie dringend es ist, den Klimaschutz ernst zu nehmen. China will diesbezüglich ein Musterschüler werden und zählt heute zu den zuverlässigeren Unterstützern des Pariser Abkommens.

Immer mehr richtet sich das Augenmerk der chinesischen Regierung neben dem Ausbau einer wettbewerbsfähigen Binnenwirtschaft auf den Aufbau eines weltweiten Beziehungsnetzes. Im Vordergrund steht heute die Neuauflage der Seidenstrasse. Schon mehrmals war die alte Seidenstrasse ein wichtiger Lebensstrang der chinesischen Wirtschaft. Auch wenn das heutige Projekt «Belt and Road Initiative» mit weltumspannenden Ambitionen verbunden ist, so ist die Route über Kaxgar auch heute immer noch zentral. Erst sehr viel später habe ich begriffen, warum mir auf meiner 1996 unternommenen Reise durch die Taklamakan-Wüste scharenweise junge Han-Soldaten, eingepfercht auf Lastwagen, entgegenfuhren. Es ging schon damals um die Befriedung der Uiguren, die sich im Nordwesten Chinas rund um Kaxgar angesiedelt hatten. Waren sie wohl der erste Teil des Masterplans einer neuen Seidenstrasse?

Skepsis in Afrika

Langfristbetrachtungen sind Teil der chinesischen Kultur. 2002 hatte ich die Möglichkeit, anlässlich einer offiziellen Reise von Bundespräsident Ogi den Ausführungen von Präsident Jiang Zemin zum Thema Menschenrechte zu folgen. Er hielt dort fest, dass die historischen Grenzen Chinas unverrückbar seien, das heisst, dass sowohl Taiwan wie auch Tibet und die Lebensräume der Uiguren zu China gehörten und sich in die Volksrepublik zu integrieren hätten – sei es jetzt oder erst in hundert Jahren. Die individuellen Menschenrechte aller Chinesen seien der Staatsräson unterzuordnen. Ist das wohl auch ein Hinweis für die heutigen Demonstranten in Hongkong?

China hat auch klare Vorstellungen von seiner Rolle in Bezug auf die Entwicklungsländer. Im Fokus steht Afrika. Die grosszügig finanzierten Infrastrukturprojekte in verschiedenen afrikanischen Ländern werden abgegolten durch die Abgabe von natürlichen Ressourcen. Ländereien und Wälder werden «gepachtet» und von eigenen, chinesischen Landarbeitern «abgeerntet». Ob dies einer Plünderung des afrikanischen Kontinentes gleichkommt oder ob dies die Form einer fruchtbaren Entwicklungszusammenarbeit ist, wird sich wohl erst in einigen Jahrzehnten zeigen. Allerdings konnte ich in Afrika anlässlich der Dreharbeiten für meinen Film «Hunger» eine gewisse Skepsis insbesondere gegenüber dem Thema land grabbing nicht überhören.

Sicher ist, dass China – auch wenn es sich den allgemeingültigen Wirtschaftsregeln unterwirft – seine eigenen Werte nicht aufgibt. Dazu gehört nun einmal auch, dass das Prosperieren des Staates, der für das Wohl aller Chinesen steht, viel höher gewertet wird als die individuellen Rechte der einzelnen Bürger. Diese Haltung kann man teilen oder nicht. Wer aber mit China wirtschaften will, hat dies zu akzeptieren.

 

David Syz, im Wallis aufgewachsen, von der Ausbildung her Jurist, war zuerst bei der UBS tätig, dann in der Industrie, wo er Konzernchef der Industriegruppe SIG wurde. 1999 wechselte er in die politische Welte und übernahm die Leitung des damals neugebildeten Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), die er bis 2004 inne hatte, anschliessend war er Verwaltungsrat bei der Credit Suisse und Huber + Suhner. Nach seiner Pensionierung produzierte er mehrere Dokumentarfilme zu den Auswirkungen der Globalisierung.

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