Mein Weltwoche-Tagebuch

Acht Jahre in der Höhle der Löwen.

Wir sassen zusammen im Restaurant «Terrasse», Roger Köppel und ich. Eine Dreiviertelstunde diskutierten wir über Steuerhinterzieher und Sozialhilfebetrüger, über «Jurassic Park 2» und Richard Wagner, da sagte Köppel plötzlich: «Herr Bandle, ich spüre, Sie wollen immer noch nicht zur Weltwoche kommen. Weshalb? Haben Sie ein Problem mit dem Blatt?» Mir kam nichts Besseres in den Sinn, als die Verantwortung abzuschieben: «Ich nicht, aber meine Frau.» Köppel griff in seine Tasche, holte sein Blackberry hervor und fragte nach der E-Mail-Adresse meiner Frau. Dann tippte er in das Gerät: «Liebe Frau Hofmann, ich sitze gerade mit Ihrem Mann bei einem angeregten Gespräch im ‹Terrasse›. Wir sollten uns unbedingt kennenlernen. Am besten mit meiner Frau. Sie ist auch HSG-Absolventin und Weltwoche-Kritikerin wie Sie. Wir werden uns gut verstehen.»

Zwei Wochen später sassen wir an einem Sonntagmorgen mit den Kindern bei Köppels zu Hause am Stubentisch vor einem selbstgebackenen Zopf und einer Apfelwähe. Wir verstanden uns tatsächlich hervorragend. Roger Köppel hatte mich im Sack. Ich konnte nicht mehr ablehnen.

Ressortleiter wird Nationalrat

Am 1. Februar 2011 war mein erster Arbeitstag an der Förrlibuckstrasse in Zürich-West. Auf der Redaktion empfing man mich mit offenen Armen. Offensichtlich war es nicht einfach gewesen, jemanden zu finden, der bei der Weltwoche das Ressort übernimmt. Zu gross ist wohl die Angst der meisten Kulturjournalisten, von der ideologisch homogenen Kulturszene ausgeschlossen zu werden. Jetzt war endlich wieder jemand auf der Redaktion, der sich ganz um diesen Themenbereich kümmert. Peter Keller, der vor meinem Antritt interimistisch Kulturchef war, wechselte ins Inland-Team, kurz darauf wurde er als SVP-Vertreter in den Nationalrat gewählt.

Wie die Weltwoche funktioniert, bekommt man als Neuankömmling ziemlich rasch zu spüren. Da war zum Beispiel der Tag, als der Nationalrat das Namensrecht behandelte. Neu sollte mit der Heirat nicht mehr automatisch der Nachname des Mannes zum Familiennamen werden. Roger Köppel betrat das Sitzungszimmer. «Da müssen wir Gegensteuer geben!», sagte er bestimmt. Auf Schweizerdeutsch tönt das noch viel schöner: «Da müemer Gägestüür gää!» Niemand in der Runde reagierte. Also ergriff ich das Wort. «Meine Frau hat ihren Nachnamen behalten.» Ein Redaktor nach dem andern, selbst Roger Köppel, gab in der Folge zu: «Meine auch.» Umso entschlossener hallte es nochmals durch den Sitzungsraum: «Da müemer Gägestüür gää!»

Höchster Adrenalin-Level

Es ist das geflügelte Wort auf der Weltwoche-Redaktion: «Da müemer Gägestüür gää!» Viele Leute, gerade in der eigenen Branche, halten dieses Konzept, die Gegenposition einzunehmen, für eine durchschaubare Masche. Ich sehe das anders. Dahinter steht eine edle Haltung, die eigentlich jeden Journalisten antreiben sollte: Leuten zuzuhören, gegen die alle andern reflexartig schiessen. Auf jedes Ereignis, jede Position gibt es verschiedene Sichtweisen. Die Welt ist nicht schwarzweiss, lässt sich selten scharf in Gut und Böse unterteilen. Das bedingt aber: offen sein, neugierig; vielleicht ist ja doch nicht alles so klar, wie man im ersten Moment gedacht hat.

Im Dezember 2011 startete eine Phase, wie ich sie noch nie auf einer Redaktion erlebt hatte. Und das hatte mit dem legendären Bundeshaus-Journalisten Urs Paul Engeler zu tun. Erst stürzte er kurz vor der Bundesratswahl den SVP-Kandidaten Bruno Zuppiger, indem er ihm Unregelmässigkeiten bei der Verwaltung einer Erbschaft nachwies. Dann holte er auch noch den beliebten Nationalratspräsidenten Philipp Hildebrand vom Sockel, der wegen Devisengeschäften zurücktreten musste. Während er für die erste Geschichte von allen Seiten gelobt wurde, schlug ihm und der Redaktion bei der Hildebrand-Affäre ein Tsunami an Kritik und Unterstellungen entgegen. Es waren Wochen voller Geheimsitzungen, nervösen Chefs, ständigen Besuchen von Kamerateams auf der Redaktion. Journalismus auf höchstem Adrenalin-Level.

Bitte keine Scherze!

Die Sache ging nicht spurlos an uns vorbei: Einerseits gab es Hunderte von Abonnement-Kündigungen, einige Inserenten wandten sich ab, andererseits war auch der Zuspruch riesig. Es dauerte einige Wochen, bis sich die Lage wieder beruhigte.

Währenddessen konnte ich die Kulturberichterstattung laufend ausbauen, initiierte eine jährliche Sonderbeilage zu den Klassikfestivals im Sommer, startete eine monatlich erscheinende Literaturstrecke.

Als Kulturredaktor bei der Weltwoche muss man stets auf eigenartige Reaktionen gefasst sein. Zum Beispiel nach einem Fehler beim Abdruck der Bücher-Bestseller-Liste. Ein Buch war irrtümlicherweise doppelt auf der Liste vertreten, dafür fehlte ein anderes: ausgerechnet jenes von SP-Politiker Andrea Hämmerle über die Abwahl von Christoph Blocher. Hämmerles Verleger meldete sich per E-Mail bei mir und meinte, wir hätten das Buch bestimmt aus politischen Gründen unerwähnt gelassen. Ich ging von einem Scherz aus und schrieb zurück: «Ja, die Zensurbehörde in Herrliberg hat eingegriffen.» Worauf der Hämmerle-Verleger glaubte, endlich den Beweis für die Machtverhältnisse bei der Weltwoche in der Hand zu halten. Er leitete meine Antwort umgehend an mehrere Zeitungsredaktionen weiter, die über die Enthüllung berichten sollen. Den ganzen Nachmittag war Roger Köppel damit beschäftigt, Journalisten zu besänftigen, die per Telefon eine Stellungnahme verlangten. Irgendwann kam er entnervt zu mir und sagte: «Mach bitte nie mehr einen Witz.»

Wahlkampf gegen den Vorgesetzten

Am 25. Februar 2015 klingelte abends bei mir das Mobiltelefon. «Roger Köppel» hiess es auf dem Bildschirm. Nichts Aussergewöhnliches, der Chef ruft immer mal wieder abends an, manchmal auch spätabends, wenn er eine Idee hat. Diesmal ging es aber nicht um einen Artikel. Er erklärte mir, dass er am folgenden Tag seine Kandidatur für den Nationalrat bekanntgeben werde. Ich war sprachlos. Wie soll das gehen, gleichzeitig Journalist und Politiker zu sein? Wie sollen wir da noch als unabhängiges Blatt ernst genommen werden? Er nahm sich eine Dreiviertelstunde Zeit, um sich zu erklären und um Fragen zu beantworten.

In den nächsten Tagen war die Aufregung auf der Redaktion gross. Die Ankündigung Köppels kam bei fast niemandem gut an. Als ich dann das nächste Mal in seinem Büro stand, sagte ich ihm: «Ich werde deine Kandidatur sabotieren, indem ich einen Sexskandal von dir publik mache.» Er verzog keine Miene und antwortete: «Du musst mir einfach eines versprechen: Falls du den Sexskandal findest, veröffentliche ihn bitte in der Weltwoche und nicht bei der Konkurrenz.»

Die Kandidatur für den Ständerat vier Jahre später war intern kein grosses Thema mehr, obschon die Vorbehalte gegenüber der Vermischung von Politik und Journalismus nicht kleiner geworden sind. Gesprochen wurde eher darüber, dass mit Peter Keller, Christoph Mörgeli und Roger Köppel bereits drei Weltwoche-Autoren als SVP-Kandidaten in den Wahlkampf ziehen. Alex Baur und ich fanden: «Da müemer Gägestüür gää!» Bei einem Bier nahmen wir uns vor, ebenfalls zu kandidieren. Nur eine Partei kam in Frage, um unseren SVPlern etwas entgegenzusetzen: die Alternative Liste. Der Wahlkampf wäre ohne viel Aufwand möglich gewesen, wir wären einfach ungefragt in die Veranstaltungen unseres Chefs geplatzt. Es blieb bei einer Bieridee.

Eine Nacht beim Börsen-Guru

Dass Roger Köppel plötzlich aktiv im Parlament Politik machte, hatte bestimmt Einfluss auf die Wahrnehmung des Blatts, für uns Schreiber blieb glücklicherweise alles beim Alten. Journalismus, so wie ich ihn mir vorstelle, ist ein grosses Abenteuer, der beste Beruf der Welt. Und die Weltwoche gehört zu den Blättern, die diese Art von Journalismus nicht nur zulassen, sondern auch fördern. Alles ist möglich. Ich verbrachte eine Nacht mit Börsen-Guru Marc Faber im Ausgehviertel von Chiang Mai (Thailand) und einen Tag bei der Familie von FC-Barcelona-Star Ivan Rakitic in Möhlin. Ich begleitete die Schlager-Schnulzen von Calimeros im Ruhrgebiet und die härteste Band der Schweiz, Triumph of Death, am grössten Heavy-Metal-Festival der Welt. Ich ging mit Schriftsteller Thomas Hürlimann im Zugersee schwimmen, machte mit SRF-Chefin Nathalie Wappler einen Waldspaziergang und philosophierte mit Mike Shiva und Beat Breu im Zirkuswagen. Ich sass um Mitternacht in der Garderobe von Komiker Mario Barth in Frankfurt und plünderte mit Autor Paul Nizon einen Whisky-Schrank – bis wir beide kaum noch gehen konnten.

In der Kultur- und Intellektuellenszene gab es zwar tatsächlich Exponenten, die aus ideologischen Gründen nicht mit mir sprechen wollten, dies war aber eine kleine, wenn auch lautstarke Minderheit. Ob Lukas Hartmann (Gatte von Bundesrätin Simonetta Sommaruga), E. Y. Meyer, Eveline Hasler, Sam Keller, Claude Cueni, Thomas Hirschhorn, Sylvie Fleury, Robert Hunger-Bühler, Rüdiger Safranski oder Rolf Hochhuth, mit allen machte ich grosse Geschichten, zum Teil mehrmals. Nicht selten kam es vor, dass jemand aus dem linken Kultur- oder Medienmilieu heimlich zu mir kam, um mir über einen «Skandal» in der eigenen Szene zu erzählen, über den ich berichten solle. Ich fragte dann: «Weshalb schreibst du das nicht selber?» Die Antwort war fast immer dieselbe: «Ich kann nicht, aber du . . .»

Geruch des Todes

Natürlich, da waren auch die mühsamen Seiten. Das ständige Ringen um gute Ideen, der ewige Kampf gegen die eigene Überflüssigkeit. Ein Chef, der oft die ganze Heftplanung kurzerhand auf den Kopf stellte, wenn er rasch im Büro vorbeischaute, der ständig «mehr Strom» im Blatt forderte. Manchmal wunderte ich mich, wie wir mit dem kleinen Team Woche für Woche überhaupt ein Heft zustande brachten.

Zum Teil gingen mir die Reportagen auch nahe – vor allem, wenn der Tod ins Spiel kam. So besuchte ich wenige Wochen vor seinem Tod den Künstler und Oscar-Preisträger H. R. Giger. Roger Köppel begleitete mich, er wollte unbedingt dieses Genie der Finsternis kennenlernen. Wir fuhren also nach Oerlikon, in ein biederes, wohlgeordnetes Reihenhaus-Quartier. Bei einem einzigen Haus wucherte der Garten, alles war wild durcheinander: das legendäre Wohnhaus von H. R. Giger. Wir wurden in eine kleine, dunkle Stube geführt. Plötzlich tauchte aus einer höhlenartigen Kammer der Meister auf – völlig verwahrlost, in Unterhosen und einem verschmutzten Hemd. Wir redeten fast zwei Stunden mit ihm, obwohl kein wirkliches Gespräch zustande kam. Den beissenden Geruch hatte ich noch tagelang in der Nase, den Geruch des Todes.

H. R. Giger, diesen Künstler, vor dem ich enorme Hochachtung hatte, den ich auf einer Stufe mit Alberto Giacometti sehe, in diesem Zustand kennenzulernen, war ein Schock. Auch Roger Köppel war sichtlich gezeichnet. Es fiel mir schwer, etwas über den Besuch zu schreiben, ich wollte Giger nicht blossstellen. Etwa ein halbes Jahr nach dem Tod Gigers fuhr ich erneut nach Oerlikon, um mit Gigers Witwe, der wunderbaren Carmen Giger, über den Künstler zu sprechen. Nicht nur das Gespräch war erhellend, auch war es schön, zu sehen, dass Gigers faszinierend-chaotisches Haus, dieses Gesamtkunstwerk der Düsternis, noch genau in dem Zustand erhalten war wie zu Gigers Lebzeiten. Es sollte schleunigst als Museum konserviert werden.

Rotwein mit Polo Hofer

Vergleichbar und doch ganz anders war die Begegnung mit Polo Hofer 2017. Der Mundart-Rocker hatte sich bereit erklärt, das Titelblatt für die Sommer-Doppelnummer zu gestalten. Hofer war ausgemergelt, gezeichnet von seiner Krebserkrankung, konnte sich kaum mehr aus eigener Kraft aufrecht halten. Und doch war er voller Humor und Lebensfreude, hatte neben sich auf dem Sofa ein Glas Rotwein stehen, war geistig voll da. Wenige Tage bevor die Ausgabe mit seinem Titelblatt erschien, erreichte uns die traurige, aber seinem Charakter entsprechend heiter formulierte Todesnachricht: «Tschou zäme, es isch schön gsy!»

Überhaupt waren die Künstler-Cover für die Sommer-Nummer etwas vom Schönsten, was ich für die Weltwoche machen durfte. Alles begann mit Hans Erni, dann folgten Rolf Knie, Pipilotti Rist, Ben Vautier, Ugo Rondinone, Polo Hofer, das Duo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger und zuletzt Wolfgang Beltracchi. All diese grossen Künstler besuchte ich zu Hause oder in ihren Ateliers, Rolf Knie auf Mallorca, Ben Vautier in Nizza, Ugo Rondinone in New York, Steiner/Lenzlinger in Langenbruck – jedesmal eine wunderbare Zusammenarbeit.

Jetzt aber, nach acht Jahren, ist Schluss. Nicht weil ich mich von der Weltwoche entfremdet hätte, sondern weil der Drang da ist, etwas Neues zu machen. Ich freue mich darauf, mich bald bei der Sonntagszeitung einbringen zu können.

Es war eine grossartige, lehrreiche Zeit, für die ich Roger Köppel nicht dankbar genug sein kann. Und eines wird mich in meiner Berufskarriere bestimmt auch weiterhin prägen: «Da müemer Gägestüür gää!»

Kommentare

Rainer Selk

04.10.2019|09:21 Uhr

@Mair. Köstlich, diese Erkenntnis vom 1.10.19. Befolgen Sie das und dann sehen wir weiter. Alles Gute und viel Erfolg.

Bruno Mair

01.10.2019|14:04 Uhr

"Trolle können sich nicht Sie nicht verbergen"... Zum Thema "Lernen Sie richtig Schreiben".

Rainer Selk

29.09.2019|17:42 Uhr

@Mair. Bestätigen Sie, was Sie meinen bestätigen zu müssen. Meine Antwort: Lach. Vorschlag, lernen Sie richtig zu schreiben. Trolle können sich nicht Sie nicht verbergen, auch der liebe Hr. Mair nicht. Ist immer wieder erfrischend, von Ihnen zu hören. Was kommt nun? O je, oh weh.

Bruno Mair

28.09.2019|15:30 Uhr

@Selk. Das Sie nach jedem zweiten Satz, „Lach“ stottern, deckt Ihre Schwächen auf, nichts anderes! Das Sie des Lesens nicht ganz mächtig sind, hat bereits ein anderer Teilnehmer festgestellt. Dies kann ich nur bestätigen!

Rainer Selk

27.09.2019|21:16 Uhr

@Mair. Perfekt, dass Sie sich den 'Schuh anziehen' und sich evtl. überlegen, ob ein öffentli. Forum eben auch öffentl. diskuiert werden kann, und ... Sie das 'Trollen' aufgeben sollten. Lach..!

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