Von Würmern und SBB-Tafeln

Darf man seinem Chef widersprechen? Ja, unbedingt! Wer Ausländern die Schuld gibt, weil eine Anzeigetafel nicht funktioniert, darf sich über Kritik nicht wundern.

Neulich las ich einen Tweet, der meine Nackenhaare aus dem Tiefschlaf riss. «Auch die Anzeigetafeln in den SBB-Wagen funktionieren nicht mehr. Missmanagement und migrationsbedingte Überlastung richten unsere einst ruhmreichen Bundesbahnen zugrunde.» Mein Chefredaktor Roger Köppel schrieb den Kommentar, dazu postete er ein Foto eines leeren Displays in einem Zug.

Es ist nicht so, dass ich jetzt plötzlich einen Frömmigkeitsanfall habe. Aber wenn man als «Männerversteherin» (NZZ) einen Mann so überhaupt nicht versteht, dann tut man eben, was man in so einer Situation tun muss: «Lieber Roger, du liegst falsch», schrieb ich ihm, «was möchtest du denn mit dem Tweet bezwecken», und kündigte ihm diese Kolumne an. Er war sofort einverstanden (coolster Chef der Welt).

Wer Roger kennt, weiss, dass er über keinen Menschen abschätzig denkt. Auch liegt er mit seinem Anliegen nicht komplett daneben. Die Bevölkerung wächst, die Bevölkerungsdichte belastet Umwelt und Infrastruktur, und dass die SBB sich schwertun, die Massen zu bewältigen, ist kein Geheimnis. Überfüllte Züge plus tägliche Verspätungen gleich Missmanagement. Etwa vier Millionen Leute in der Schweiz pendeln zur Arbeit, über die Hälfte nimmt das Auto, etwa 41 Prozent den Zug.

Vielleicht hat er seine Bedenken ja missverständlich formuliert. Aber ich lese, dass er überfüllte Züge den Migranten anlastet, und das ist, diplomatisch formuliert, Quatsch. Was kommt als Nächstes? Werden sie noch für die Sommergrippe verantwortlich gemacht? Das Sinken der Novartis-Aktie? Ausserdem, von den zugfahrenden Menschen dürften Schweizer ohne Mihigru bei weitem die grösste Gruppe stellen – Anzeigetafeln zerstören, Sitze besetzen, die sollten sich was schämen.

Etwa 37 Prozent der hier lebenden Erwachsenen haben einen Migrationshintergrund. Für ein Land mit zirka 8,4 Millionen Einwohnern kann man das als hoch bewerten. Man kann die Nachteile der Zuwanderung diskutieren; solche Debatten sind nicht diskriminierend, wie Linke, um den Diskurs über bestimmte Themen abzuwürgen, gerne behaupten. Debatten wägen Pro und Kontra ab, helfen einer Gesellschaft, sich weiterzuentwickeln. Sie stossen neue Ideen an, die mit Gegenargumenten widerlegt werden können.

Indem man aber Leute mit ausländischen Wurzeln pauschal verantwortlich macht für Probleme, für die sie ja nichts können, trägt man zu einem konstruktiven Diskurs nicht übermässig viel bei. Im Gegenteil, anstatt die Menschen, die hier in der Mehrheit dasselbe tun wie der Rest von uns, nämlich arbeiten und Steuern zahlen, mit einzubeziehen, stösst man sie vor den Kopf. Was müssen sie denn tun, um «richtig» dazuzugehören? Hätten sie vielleicht beim Rütlischwur dabei sein sollen?

Lieber Roger, wäre eine Kommunikation, mit der man alle Menschen erreicht und einbindet, nicht sinnvoller? Dazu eine kleine Anekdote: Im Vorfeld der Abstimmung zur Ausschaffungsinitiative sass ich im Restaurant, am Nebentisch eine Gruppe junger Secondos. Zu meiner Überraschung sprachen sie sich alle leidenschaftlich für die Initiative aus. Kriminelle Ausländer hätten hier nichts verloren, würden nur ein schlechtes Licht auf sie alle werfen. Es zeigt doch: Die Leute, die da sind, wollen eine friedliche, attraktive Schweiz.

Die SVP ist wichtig für das Land. Genauso wie die Grünen. So wie es die Grünen braucht – wenn sie sich nicht für die Umwelt einsetzen, wer tut’s dann? –, braucht es die SVP. Sie ist die Partei, die unliebsame Themen anspricht, mit denen andere sich nicht die Finger schmutzig machen und zu denen sie aus Angst vor Kritik keine unpopulären Positionen einnehmen wollen – obwohl viele über die Diskussion insgeheim nicht unfroh sind; Obergrenze für Zuwanderung, Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten, Ausländerkriminalität.

Nur, so einfach es ist, Probleme auszusitzen, so einfach ist es, für Probleme rasch einen Schuldigen zu finden. Und so sind sich SVP und Linke/Grüne gar nicht so unähnlich – wie im Übrigen auch ihre Kommunikation zeigt, ein Repertoire an Angst- und Endzeitrhetorik: «Ihr müsst Angst verspüren», «Panik ist angebracht», «Es war längst 5 vor 12», «Wir müssen radikal sein», «Klima-Notstand», «In 12 Jahren kommt der Untergang» versus «Abendland im Untergang», «Schweizer, erwachet!», «Wir brauchen weniger Zuwanderung!», «Vom Linksfreisinn durchseucht», «Klimakommunisten», «Staatszerstörer». Unter diesen vortrefflich kultivierten politischen Stil fällt auch das SVP-Wurmplakat. Gerade in einer Zeit, da die Aufspaltung in politische Lager auf der ganzen Welt immer heftiger wird und von Politikern nüchterne Gelassenheit gefragt wäre, verschärfen beide Gruppen ihren Ton.

Natürlich soll man authentisch bleiben, sich auch nicht jenem Teil der Gesellschaft beugen, der von Übersensibilität, Dauerempörung und Gesinnungsmoral in Besitz genommen ist. Leute, deren Kopf sich wegen unterschiedlicher Weltanschauungen dreht wie eine Waschmaschine im Schleudergang, sind die Letzten, die zu Problemlösungen auf dem Planeten beitragen. Aber es scheint mir nicht die dümmste Idee, wenn Politiker und Meinungsmacher ihre Worte und Bildsprache so aussuchen, dass sie damit das extreme, unnachgiebige Denken einiger Menschen nicht noch verstärken, sondern dem Radikalen entgegenwirken.

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Kommentare

Rolf Kielholz

21.09.2019|15:11 Uhr

Schade, habe auch schon gute Beiträge von Frau Tamara Wernli gelesen ...

Marco B

12.09.2019|02:29 Uhr

""dass er überfüllte Züge den Migranten anlastet, und das ist, diplomatisch formuliert, Quatsch." Nein, das ist, ob diplomatisch oder nicht, kein Quatsch. Es ist ganz einfach, Frau Wernli. Schauen Sie sich einfach die Entwicklung der Bevölkerungszahlen seit der Einführung des blödsinnigen (diplomatisch gesprochen) und sowohl gesellschaftlich als auch volkswirtschaftlich ruinösen FZA an, dann geht ein Lichtlein auf. Jeder, der täglich am Pendlerverkehr teilnimmt, bekommt dies zu spüren. Und natürlich sind die "Migranten" Schuld am Zuwachs. Oder bin ich es? So fruchtbar bin ich nicht.

Jürg Brechbühl

11.09.2019|22:30 Uhr

Von mir aus gesehen sollten die Parteien ihren Parlamentariern und Kandidaten Twitter, Fratzenbuch und wie der Mist sonst noch heisst verbieten, mit Vertrag und Unterschrift und Androhung von Parteiausschluss. Bei dem Ganzen kommt nur Mist heraus und ernst nehmen tut es sowieso niemand.

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