Unglaubliche Freihändlerin

Fabian Molina über Christa Markwalder.

Wenn ich mich richtig erinnere, lernten wir uns in einer Raucherpause kennen, nach einer Sitzung der Aussenpolitischen Kommission. Da sehen wir uns regelmässig. Wir kamen bei einer Zigarette irgendwie ins Gespräch. Ich als Jungspund musste bei ihr nicht antraben. Der Kontakt kam natürlich zustande, und seither sind wir per du.

Es kommt vor, dass wir abends, wenn Session ist, etwas trinken gehen. Wir schätzen und respektieren uns. Christa hat mich auch schon an eines ihrer Cello-Konzerte eingeladen. Sie musiziert ja leidenschaftlich. Aus zeitlichen Gründen habe ich es aber noch nie geschafft. Ich würde gerne einmal hingehen, und es würde mich natürlich auch freuen, wenn sie einmal bei einer Theatervorstellung von mir dabei wäre. Eingeladen habe ich sie schon.

Meine Beziehung zu Christa verdeutlicht die Widersprüchlichkeiten, die es in der Politik gibt. Persönlich mag ich sie unglaublich gut. Sie ist aufrecht und keine Opportunistin. Sie steht zu ihren Grundsätzen, gegen alle internen und externen Widerstände. Mich beeindrucken ihr Fleiss und ihr Wissen, aber natürlich haben wir das Heu politisch nicht immer auf der gleichen Bühne, um es milde zu sagen.

Uns trennen nicht alle Fragen, aber doch sehr, sehr viele. Wir haben schon etliche Sträusse miteinander ausgefochten, gerade in der Aussenpolitischen Kommission. Christa ist eine unglaubliche Freihändlerin, bis zur Naivität. Ich erinnere mich an zwei Aufeinandertreffen in der SRF-«Arena»: Einmal stand sie vorne, und ich sass hinten, das andere Mal war es umgekehrt. Es ging in beiden Fällen um Landwirtschaft und Freihandel. Da ist sie total freisinnig, total gegen Direktzahlungen, was natürlich nicht funktioniert. Sie will, dass die Landwirtschaft ohne jeglichen Marktschutz auskommt. Dass man Rindfleisch auch gleichwertig in der Schweiz produzieren könnte, statt aus Argentinien zu importieren, hat sie noch immer nicht begriffen. In solchen Diskussionen schenken wir uns nichts, schätzen uns aber trotzdem und reden miteinander auf Augenhöhe.

Auch ihre freisinnigen Grundsätze in der Sozialpolitik, wow, da läuft es mir kalt den Rücken runter. Wenn sie im Kanton Bern wieder für ein neues Sozialhilfegesetz ist, das den Leuten das Geld kürzt, verstehe ich hinten und vorne nicht, wie sie das vertreten kann. Sie hat eine unglaubliche soziale Kälte, die ihre sonst umgängliche und warme Art eindrücklich kontrastiert. Da unterscheiden wir uns. Und unsere Sozialisation ist komplett anders. Sonst aber sind wir uns ähnlich und können uns über dieselben Probleme endlos aufregen, noch immer. Wir sind ja beide jung eingestiegen und schon lange im Geschäft.

«Ich hab’s langsam begriffen»

Christa kann sich – und das fasziniert mich schon fast wieder – über ihre Lieblingsthemen auslassen, als spule sie ein Tonband ab. Zum Beispiel die Bedeutung des Marktzugangs mit der EU. Oder die Notwendigkeit eines Rahmenabkommens. Das rattert sie runter. Sie ist in diesen Momenten überzeugend, geduldig, glaubwürdig – das schon. Aber sie klingt eben manchmal wie eine Lehrerin, die etwas zum hundertsten Mal erklärt, und das kann nerven. Ich sage ihr dann immer: «Ich hab’s langsam begriffen.» Und sie zieht es ohne mit der Wimper zu zucken durch.


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Kommentare

Hans Georg Lips

16.09.2019|07:41 Uhr

Dass man solchen Lappis soviel Platz gewährt. Schade ums Papier.

Inge Vetsch

15.09.2019|15:14 Uhr

Sehr gut geschrieben, beschrieben und beobachtet, finde ich.

Markus Spycher

13.09.2019|10:26 Uhr

@J.v.B. Unter anderem deswegen, dass WW-Leser die Cellospielerin Markwalder von der ehemaligen Landhockey-Spitzenspielerin und Grossrätin Funiciello unterscheidenn können oder eben auch nicht.

Juerg von Burg

12.09.2019|11:12 Uhr

Das liest sich wie eine Liebeserklärung, sie will, er will nicht und vice versa. Die Frage ist für mich nur, warum wird das gedruckt? ;-)

Marco B

12.09.2019|01:26 Uhr

"Sie hat eine unglaubliche soziale Kälte, die ihre sonst umgängliche und warme Art eindrücklich kontrastiert. Christa kann sich über ihre Lieblingsthemen auslassen, als spule sie ein Tonband ab."Diese Frau ist ein programmierter Lautsprecher, kompensiert ihr fehlendes Einfühlungsvermögen mit sprachlicher Sensorik; ihre "umgängliche Art" ist eingeübt und von Wärme keine Spur. Das funktioniert, solange sie sich innerhalb ihres monokulturellen Umfelds bewegt. Daher dreht sich, mit 16 Jahren (!) auf EU getriggert, ihr Lebensmittelpunkt und die Kraft ihres Strebens seither um nichts anderes.

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