Schall und Rauch

Auch um die Amazonas-Waldbrände hat sich eine aufgeregte Rhetorik des Weltuntergangs entfacht. Nüchtern betrachtet, sind die meisten Befunde falsch. Der Alarmismus schadet der Umwelt.

Cristiano Ronaldo ist ein portugiesischer Waldexperte, der ausserdem Fussball spielt, weshalb eine Fotografie von einem Waldbrand in der Amazonas-Region, die er unlängst teilte, viral ging. Vielleicht hatte er es an dem Tag besonders eilig, vom Labor zum Training zu kommen, denn später stellte sich heraus, dass das Foto 2013 aufgenommen worden war, nicht in diesem Jahr, und in Südbrasilien, weit entfernt vom Amazonas. Aber zumindest war das Bild nur sechs Jahre alt.

Emmanuel Macron, auch er ein Regenwaldökologe, der nebenher als französischer Staatspräsident jobbt, erklärte, dass «der Amazonas-Regenwald – die Lunge, die ein Fünftel des Sauerstoffs unseres Planeten produziert – in Flammen steht»; dazu ein Foto, das zwanzig Jahre alt war. Eine Wissenschaftlerin, die unter dem Namen Madonna als Sängerin auftritt, übertraf die beiden, denn sie postete ein Foto, das dreissig Jahre alt war.

Man stelle sich vor, ein Prominenter – sagen wir Donald Trump – hätte ein Foto eines unversehrten Tropenwalds gepostet und dazu «Dem Amazonas-Regenwald geht es prima!» geschrieben und es hätte sich herausgestellt, dass die Aufnahme jahrzehntealt war oder eine ganz andere Region zeigte. Die «Faktenchecker» von der BBC hätten die Gelegenheit genutzt, um den Mann zu verspotten, zu kritisieren und zu ächten.

Lungen produzieren keinen Sauerstoff

Tatsächlich ist «Dem Amazonas-Regenwald geht es prima!» viel näher an der Wahrheit als «Der Amazonas-Regenwald – die Lunge, die ein Fünftel des Sauerstoffs unseres Planeten produziert – steht in Flammen». Der Wald steht keineswegs in Flammen. Die allermeisten diesjährigen Brände finden auf Agrarland oder bereits gerodeten Flächen statt, und die Behauptung, der Amazonas produziere ein Fünftel des Sauerstoffs in der Luft, ist entweder unsinnig oder falsch, je nach Perspektive (jedenfalls produzieren Lungen keinen Sauerstoff). Der Amazonas verbraucht, wie jedes Ökosystem, etwa so viel Sauerstoff, wie er durch Fotosynthese produziert. Es gibt also keinen Sauerstoffüberschuss, und unter dem Strich entfallen auf den Amazonas weniger als 6 Prozent der Sauerstoffproduktion, die zum grössten Teil von den Ozeanen geleistet wird.

Verräterisch ist aber vor allem das Alter dieser von Prominenten geposteten Fotos, denn die Zahl der diesjährigen Brände in Brasilien ist zwar grösser als im letzten Jahr, aber etwa gleich gross wie 2016 und geringer als 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2010 und 2012. In diesen Jahren war ein Sozialist brasilianischer Präsident und kein Rechtspopulist, weshalb in der BBC-Welt diese Waldbrände nicht gezählt werden. Noch wichtiger: Das Tempo der Entwaldung im Amazonasbecken ist seit 2004 um 70 Prozent gesunken.

Wahrscheinlich trifft es zu, dass Präsident Jair Bolsonaro mit seiner Rhetorik all jene ermuntert hat, die die Rodungen wiederaufnehmen wollen und zum diesjährigen Anstieg der Waldbrände in Brasilien beigetragen haben. Aber mussten seine Kritiker wirklich von einer globalen Katastrophe sprechen, und war das womöglich kontraproduktiv? «Macrons Tweet hatte die gleiche Wirkung auf Bolsonaros Wähler wie Hillary Clintons Bemerkung, in der sie Trumps Wähler seinerzeit als erbärmlich bezeichnete», sagt ein brasilianischer Kommentator.

Manchmal frage ich mich, ob die fälschlicherweise Mark Twain zugeschriebene Sentenz «Eine Lüge ist schon halb um die Welt, bevor die Wahrheit sich die Stiefel angezogen hat» von Umweltschützern als Handlungsanweisung angesehen wird. Sie konkurrieren in einem gnadenlosen Markt um Medienaufmerksamkeit und Spenden, und wer am lautesten brüllt, steht am besten da, selbst wenn sich später herausstellt, dass er Unwahrheiten verbreitet hat.

Laut Nasa gehen die weltweiten Buschbrände generell zurück. Auch die Entwaldung geht zurück. Im Bericht der Uno zum Zustand der Wälder auf der Welt hiess es im letzten Jahr, dass der «Nettoverlust von Waldfläche sich weiterhin verlangsamt, von 0,18 Prozent (pro Jahr) in den 1990ern auf 0,08 Prozent in den letzten fünf Jahren». Eine Studie von Wissenschaftlern der University of Maryland, die im vergangenen Jahr in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, ergab, dass selbst diese Zahl allzu pessimistisch ist. «Wir können zeigen, dass – entgegen der weitverbreiteten Ansicht, dass die Waldbestände weltweit abgenommen haben – der Waldbestand um 2,24 Millionen Quadratkilometer zugenommen hat (ein Plus von 7,1 Prozent gegenüber dem Stand von 1982).»

Palmöl statt Wald

Diese Nettozunahme gründet auf einer raschen Wiederaufforstung in kühlen, reichen Ländern, die deutlich über der langsameren Netto-Abholzung in warmen, armen Ländern liegt. Aber immer mehr Länder erreichen inzwischen jenes Einkommensniveau, bei dem sie mit der Abholzung aufhören und mit der Wiederaufforstung beginnen. Bangladesch etwa hat die Fläche seiner Regenwälder seit mehreren Jahren erhöht. Costa Rica steigert die Waldfläche seit vierzig Jahren. Brasilien ist im Begriff, sich diesen Aufforstern bald anzuschliessen.

Der vielleicht grösste Motor dieses ermutigenden Trends ist die steigende Produktivität der Agrarwirtschaft. Je besser die Ernteerträge, desto weniger Land müssen wir der Natur wegnehmen, um unsere Ernährung sichern zu können. Jesse H. Ausubel von der Rockefeller University hat berechnet, dass die Welt nur 35 Prozent der Bodenfläche benötigt, die vor fünfzig Jahren für die gleiche Menge an Nahrungsmitteln nötig war. Damit werden Urwälder in erheblichem Umfang geschont.

Das Problem bei der apokalyptischen Rhetorik ist, dass drastische, aber gefährliche Lösungen gerechtfertigt erscheinen. Die obsessive Beschäftigung mit dem Klimawandel hat zu einer Verlangsamung des Rückgangs der Abholzung geführt. In Südostasien wurden schätzungsweise 700 000 Hektar Wald gerodet, um Platz zu schaffen für den Anbau von Palmöl, das in Europa als vermeintlich grüner «Biodiesel» verwendet wird. Und 5 Prozent des weltweit produzierten Getreides werden in Autos gesteckt und nicht für Menschen verwendet, das entspricht 5 Prozent des bewirtschafteten Bodens, der für Wiederaufforstung bereitgestellt werden könnte.

Die Versuchung, in sozialen Netzwerken den moralischen Zeigefinger zu erheben, ist unter Fussballern, Schauspielern und Politikern so gross, dass sie damit tatsächlich Schaden anrichten. Wenn wir die richtigen ökonomischen Anreize setzen, wird das den globalen Waldbeständen zugutekommen. Wenn wir predigen, uns als Gutmenschen brüsten und Halbwahrheiten verbreiten, werden wir am Ende mehr Tukane und Tapire aus ihrem Regenwald-Habitat vertreiben.

 

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Wir danken dem Spectator für die Nachdruck-Erlaubnis.

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Kommentare

Ulrich Schweizer

15.09.2019|08:17 Uhr

Danke für diesen äusserst guten Artikel. Er enthält sehr viele Informationen. Die Stimmung in Brasilien über die CO2-Kampagne in Europa gegen Bolsonaro konnte ich ende August live erleben. Macron wurde wüst tituliert. Was denen aber nicht bekannt war, ist der Grund, dass Macron mit seiner Kampagne versucht das Freihandelsabkommen zu verhindern.

Markus Dancer

14.09.2019|11:39 Uhr

J.B: IST NICHT GANZ RICHTIG! DURCH VERGIFTUNG, BODENEROSION, MONOKULTUREN, VERSALZUNG ETC. SIND GERADE IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN DIE NUTZBAREN BODENFLÄCHEN AM ABNEHMEN. UND DORT WO ES NOCH GENUG GÄBE SIND SIE ZU FAUL UM SIE ZU BEWIRTSCHAFTEN UND STEHLEN BESTEHENDE FARMEN - IST HALT EINFACHER (SA).

Jürg Brechbühl

12.09.2019|20:50 Uhr

Etwas geht nicht auf in diesem ansonsten gut geschriebenen Artikel: "dass die Welt nur 35 Prozent der Bodenfläche benötigt, die vor fünfzig Jahren für die gleiche Menge an Nahrungsmitteln nötig war." Dieser Angabe zufolge hätte man also die landwirtschaftliche Produktion pro ha verdreifacht. Das stimmt vielleicht oder auch nicht. Das Problem ist aber ein anderes: Die Erde hatte 1970 3.6 Milliarden Einwohner. Heute sind es 7 Milliarden. Das heisst die Bevölkerung hat sich verdoppelt. Der Produktivitätsgewinn wurde beinahe aufgebraucht und wir haben keine Statistik, um wie viel Siedlungen wuchsen.

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