«Kinder sollten wissen, wo sie herkommen»

Sie hat zwei Studienabschlüsse, wohnte fünf Jahre in China und lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. AfD-Politikerin Alice Weidel über ihre Herkunft, ihre Familie, die Schweiz und darüber, wie sie sich trotz Drohungen und Anfeindungen motiviert.

Für die Schweizer Boulevardzeitung Blick war es ein grosser Coup. Das Blatt nannte den Ort und zeigte ein Bild des Wohnhauses der deutschen AfD-Politikerin in der Zentralschweiz. Einige Monate zuvor war sie mit ihrer Frau und ihren zwei Kindern aus Biel weggezogen. Der Familie war in der linken Stadt offen zu verstehen gegeben worden, dass sie hier nicht mehr erwünscht sei. Durch die Berichterstattung des Blicks war es für die Familie nun auch in der neuen Heimat vorbei mit der Ruhe: Drohungen gingen ein, die Polizei errichtete ein neues Dispositiv. Wie geht die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion mit dieser Situation um? Denkt sie manchmal ans Aufhören? Was ist mit ihrer Familie? Wir treffen die vierzigjährige Politikerin in einem Landgasthof nahe der Wohnung, in der sie mit ihrer Frau und ihren zwei Kindern lebt, wenn sie Pause hat von der Politik in Deutschland.

 

Frau Weidel, Sie sind wohl eine der umstrittensten und meistangefeindeten Politikerinnen Deutschlands. Was waren die prägenden Ereignisse in Ihrem Leben? Wie sind Sie zu der Person geworden, die Sie heute sind?

Natürlich bin ich stark durch meine Eltern geprägt. Mein Vater war selbständig, ein Handelsvertreter für Büromöbel. Einige hundert Meter neben dem Elternhaus hatten wir unser Geschäft. Ich habe zwei Geschwister, bin das Nesthäkchen, sie sind zehn respektive elf Jahre älter. Beide leben übrigens im Umkreis von Zürich, haben auch in der Schweiz studiert. Ich bin die Einzige, die nicht in der Schweiz studiert hat . . .

Woher kommt in Ihrer Familie diese Affinität zur Schweiz?

Das war der Urlaubsort. Wir sind immer wandern gegangen, die ganze Familie hat einen Hang zur Natur und zu den Bergen. Auch jetzt noch. In den Sommermonaten war ich sehr viel wandern. Über meinen Schweizer Wohnsitz wurde ja viel spekuliert. Dabei ist es doch das Normalste der Welt, dass man auch einen Wohnsitz in der Schweiz hat, wenn man mit einer Schweizerin liiert ist. Ich muss hier sogar offiziell meinen Zweitwohnsitz haben, da ich mit meiner Frau in einer eingetragenen Partnerschaft lebe. Sonst würden wir Ärger bekommen mit den Behörden.

Für viele Leute scheint es ein Problem zu sein, wenn eine Politikerin zeitweise nicht im eigenen Land lebt.

Dass die deutschen Zeitungen ständig den Zweitwohnsitz erwähnen, bedient die niederen Neidreflexe: Die Schweiz, das bedeutet Bankgeheimnis, Schwarzgeld, illegale Parteispenden . . . Man will mich dadurch in ein schiefes Licht rücken, dabei hat dieser Zweitwohnsitz einen rein privaten Hintergrund und bestand schon vor meiner Parteikarriere. Aber so funktioniert der Medienmechanismus.

Sie wollten noch über Ihr Elternhaus erzählen.

Meine Eltern waren hochpolitisch, aber nie in einer Partei. Mein Vater beklagte sich immer über die hohen Steuern. Schon am Frühstückstisch beschwerte er sich über die Verhältnisse in Deutschland. Das Nichtzulassen von unternehmerischer Freiheit war bei uns immer ein Thema. Er hat als Selbständiger auch nie in das staatliche Rentensystem einbezahlt, weil er schon damals, in den siebziger Jahren, wusste: Da wird er nie die Summe rauskriegen, die er einbezahlt. Er hat sich dem System verweigert.

War das Elternhaus wohlhabend?

Wir waren guter Mittelstand. Ich gehöre zur Generation der Westdeutschen, die in den 1980er Jahren gross geworden sind. Als Kind ging es uns richtig gut. Mein Vater konnte als Selbständiger alleine für eine Familie sorgen. Das ist heute unmöglich, heute müssen beide Elternteile arbeiten, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Das hat, neben der hohen Steuer- und Abgabenbelastung, auch mit der Erosion der realen Kaufkraft zu tun. Ich habe also noch die guten Zeiten erlebt, meine Geschwister noch viel mehr.

Man liest, Sie seien eine exzellente Schülerin gewesen.

Im Gymnasium schickten mich die Lehrer ziemlich oft vor die Tür, ich war da bereits sehr streitbar. Wenn es beispielsweise um Mathematik oder Physik ging, wo man Leistung erbringen muss, hatte ich nie Probleme. In Ethik und Religion gab es ständig Konflikte mit den Lehrern. Ich bin auch gerne mit unseren Autos zur Schule gefahren, das passte nicht allen.

Wo genau lagen die Streitpunkte?

An unserem Gymnasium gab es keinen Wirtschaftsunterricht. Dieser wirtschaftliche Analphabetismus hat mich genervt. Wir hatten zum Beispiel einen Soziologielehrer, der wusste den Unterschied nicht zwischen Umsatz und Gewinn. Solche Leute trichterten uns dann ein, dass der Kapitalismus etwas Schlechtes sei, das vom Staat reguliert werden müsse. Schon damals sagte ich: «Das ist totaler Schwachsinn.» Die linken Lehrer mochten mich nicht, und ich konnte keinen Respekt vor ihnen haben. Weil ich aber in der Schule sehr gut war, konnten sie wenig gegen mich machen. Es gab aber auch Lehrer, mit denen ich sehr gut auskam.

Harsewinkel, wo Sie aufgewachsen sind, war eher ländlich geprägt.

Trotzdem war das Dorf schon zu meiner Kindheit mit den Problemen der Migration konfrontiert. Da gab es riesige Sozialbauten, wo alle reinkamen: Türken, Armenier, Russen, Kasachen, Afghanen. Die Dynamik haben wir als einheimische Mädchen stark zu spüren bekommen. Im Freibad stand ich als damals Blonde voll im Fokus der Migranten, die sich immer in Gruppen bewegten. Plötzlich galt es für uns als unsicher, abends alleine durch den Park heimzulaufen. Man geht als junges Mädchen und Teenager nicht mehr gerne ins Freibad, wenn einem ständig «Schlampe» oder sonst etwas nachgerufen wird. Gut erinnern kann ich mich auch an den türkischen Nachbarsjungen, der mir einmal erklärt hat, weshalb er unbedingt eine Muslimin heiraten möchte und bloss keine deutsche Frau, so wie ich es bin. Und dies, obschon er hier aufgewachsen ist. Bereits da habe ich gemerkt: Bei gewissen Ausländergruppen, vor allem Muslimen, funktioniert das nicht mit der Integration. Als Frau habe ich bei diesem Kulturkreis schon früh Störgefühle entwickelt.

Dann kam die Phase mit dem Studium. Im Anschluss haben Sie bei Goldman Sachs gearbeitet, lebten fünf Jahre in China. Was waren da die wesentlichen Erfahrungen?

Ursprünglich wollte ich Medizinerin werden. Mein Vater fand aber, ich solle doch etwas «Vernünftiges» studieren. Also habe ich mit BWL und VWL angefangen. Während des Studiums war ich längere Zeit in Kanada, in Japan und China. Ich lernte den asiatischen Raum gut kennen. Mein zweites Praktikum machte ich dann in Singapur bei der Credit Suisse.

Danach gingen Sie zu Goldman Sachs?

Ja, direkt nach dem Studium. 2004 habe ich in VWL abgeschlossen, 2005 mit BWL. Ich habe die zwei Fächer parallel studiert, während der Regelstudienzeit. In VWL war ich die Jahrgangsbeste. Für einen solchen Werdegang gab es zu meiner Zeit eigentlich nur zwei Möglichkeiten: McKinsey oder Goldman Sachs. Ich habe mich für Goldman Sachs entschieden. Es war für mich dann aber eher langweilig, ich empfand den Betrieb als zu statisch. In der Retrospektive muss ich sagen: Vielleicht hätte ich trotzdem länger dortbleiben sollen. Ich hätte ja für Goldman Sachs nach Asien gehen können, stattdessen ging ich mit einem Forschungsstipendium nach China. Ich war damals sehr umtriebig.

Was genau haben Sie in China gemacht?

Sinologie studiert, zudem war ich bei Roland Berger als externe Beraterin tätig, habe Markteintrittsstrategien gemacht und grosse Institutionen beraten wie die Bank of China. Und ich habe meine Dissertation geschrieben über die Reform des Rentensystems in China. Für mich war das eine super Erfahrung.

Sie waren nie Mitglied einer Partei, hätten in der Privatwirtschaft eine grosse Karriere machen können. Wann wurde das Thema AfD für Sie aktuell?

Durch die Euro-Rettungspolitik. Damit fing alles an. Wenn sich Exekutiven über geltendes Recht hinwegsetzen, dann verheisst das nichts Gutes. Staatliche Institutionen wie Gesetze müssen stabil und durchsetzbar sein. Wenn sie das nicht sind, entsteht Unsicherheit, und das gesellschaftliche Vertrauenskapital erodiert. Und das halte ich für eine sehr gefährliche Entwicklung, mit der wir uns alle auseinandersetzen müssen.

Hat Sie AfD-Gründer Bernd Lucke angesprochen?

Nein, ich bin von mir aus zur Partei gegangen. Wenn man sieht, dass etwas dermassen schiefläuft wie bei der Euro-Rettung, wird man ja verrückt, wenn man nichts dagegen tut und sich nicht engagiert!

Was war genau der Moment, als Sie gesagt haben: Jetzt gehe ich in die Politik?

Das weiss ich noch genau: als es die AfD beim ersten Anlauf nicht in den Bundestag geschafft hat. Im September 2013 waren die Wahlen, im Oktober bin ich der Partei beigetreten. Ich wollte dieser Partei helfen, sie in der Programmatik unterstützen. Ich war ja anfangs nur im Hintergrund tätig, habe am Parteiprogramm mit geschrieben. Etwas anderes hatte ich auch gar nicht vor.

Weshalb sind Sie nicht in eine FDP oder eine CDU gegangen? Sie hätten ja auch versuchen können, die Ausrichtung dieser Parteien zu ändern?

Weil die CDU damals bei der Euro-Rettung für die Rechtsbeugung eingestanden ist, die FDP auch. Ich hatte 2013 abgewartet, bis die FDP sich positionierte. Es gab eine Mitgliederentscheidung über die Euro-Rettung. Nachdem die Entscheidung gefällt war, war für mich klar: Ich muss in die AfD als die einzige Euro-kritische Partei. Die FDP hat überhaupt kein Profil mehr, auch kein liberales. Wenn ich FDP-Chefin wäre, hätte ich damals einen nationalliberalen Flügel gegründet. Nun sind diese Leute bei uns eingebunden.

Anfangs war die AfD noch eine Partei von Professoren, die mit der Euro-Politik nicht einverstanden waren. Trotzdem galt die Partei bereits als gefährlich, als rechts. Hatten Sie keine Angst vor dem Stigma?

Ich wusste genau, was auf mich zukommen wird. Das war ein bewusst eingegangenes Risiko.

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Der Vater fand das gut, der ist mittlerweile auch in der AfD. Die Mutter leidet bis heute wegen der Presseberichterstattung. Für sie bin ich immer noch das Nesthäkchen, die Vorzeigetochter. Es ist für sie extrem schwierig, mit ansehen zu müssen, wie ich angegriffen werde. Ich muss sie oft trösten.

Die heute so dominante Migrationsfrage spielte zu Beginn bei der AfD noch keine grosse Rolle.

Das stimmt nicht ganz. Wir hatten von Anfang an ein sicheres Grenzmanagement und das kanadische Migrationsmodell in unserem Programm. Also das Punktesystem, das qualifizierte Zuwanderung ermöglicht und die Zuwanderung in den Sozialstaat unterbindet. Ich verbrachte ja während des Studiums ein paar Monate in Kanada, deshalb kenne ich das so gut.

Bald einmal wurde Ihre Partei in den Medien als «rechtsextrem» eingestuft. Was macht das mit Ihnen, was mit Ihren Freunden?

Ich habe fast meinen gesamten Freundeskreis verloren. Die haben alle irgendwann gesagt: Wenn du in einer solchen Partei dabei bist, dann wollen wir nichts mehr mit dir zu tun haben.

Die Rhetorik lautet: «Die AfD war mal in Ordnung, jetzt aber wird sie von den Rechtsextremen übernommen.»

Das sagte man schon immer.

Besteht die Gefahr, dass echte Extremisten das Kommando übernehmen, wie Parteigründer Bernd Lucke befürchtete?

Bernd Lucke ist an sich selbst gescheitert, genau wie Frauke Petry. Beide waren nicht in der Lage, die Partei zu führen. Beide wären auch nicht imstande gewesen, die Bundestagsfraktion zu managen, die heute aus 91 Abgeordneten besteht. Da geht es um Menschenführung und Befindlichkeiten. Mit Abgeordneten umgehen zu können, die Sie nicht wie im Unternehmen bezahlen, ist nicht immer ganz einfach. Viele haben breite Schultern, einige glauben, sie könnten es besser machen als Gauland und ich. Damit müssen wir umgehen können. Lucke, der immer nur mit Studenten zu tun hatte, schaffte das nicht. Auch inhaltlich lagen wir zum Teil diametral auseinander.

Wo zum Beispiel?

Er wollte, dass die Schwachwährungsländer aus dem Euro austreten. Ich sagte, das gehe nicht. Diese Länder wären sofort insolvent. Die Schulden würden durch die Abwertung ihrer neuen, nationalen Währungen sofort durch die Decke gehen. Diese Länder würden dann jahrelang am Tropf hängen. Stattdessen müssten die Starkwährungsländer, eines nach dem andern, den Euro verlassen. Das hat er nie eingesehen.

Sie wurden trotz dieser Auseinandersetzungen in den Vorstand der Partei gewählt.

Ja, in Essen 2015, als Lucke abgewählt wurde. Das war eine interessante Geschichte. Sowohl Lucke als auch seine Konkurrentin Frauke Petry hatten mich auf dem Tableau für den Vorstand. Petry kannte mich gar nicht, die hatte mich nur drauf genommen, weil Lucke mich drauf hatte, da er mich aus der Programmarbeit kannte.

Eine junge, hochintelligente und weltgewandte Frau wie Sie, dazu gutaussehend, ist ein hervorragender Imageträger.

Das hat erst Gauland erkannt. (Lacht) Alexander Gauland und ich ergänzen uns sehr gut.

Mit Ihrem Lebensstil – Sie leben mit einer Frau zusammen, die aus Sri Lanka stammt, und ziehen gemeinsam zwei Kinder gross – entsprechen Sie nicht gerade dem AfD-Klischee einer Partei mit konservativem Familienbild. Hatten Sie parteiintern je Probleme deswegen?

Klar. Heute noch.

Können Sie das ausführen?

Als ich mich in Baden-Württemberg erstmals auf die Liste habe setzen lassen, das war 2016, da hat der damalige rechte Parteiflügel mobilisiert, dass jemand wie ich doch nicht die Liste anführen könne, weil ich das konservative Familienbild nicht repräsentiere.

Wie haben Sie reagiert?

Ich wurde Gott sei Dank darauf angesprochen, am Tag der Wahl, auf der Toilette. Ich kann ziemlich laut werden. Dieser Frau habe ich deutlich meine Meinung gesagt. Danach war sie möglicherweise eine Zeitlang taub.

Das sind einschneidende Erfahrungen.

Ja, ich muss zugeben, dass mich das auch verletzt.

Führen solche Erlebnisse zu Entfremdungsgefühlen gegenüber der Partei? Im Sinne von: «Zu dieser Gruppe will ich nicht gehören»? Oder muss man das einfach wegstecken können?

Es passiert ja nicht häufig. Aber wenn es passiert, so nehme ich das persönlich, das trifft mich, und da reagiere ich auch darauf. Das führt aber nicht zu einer Entfremdung, weil das Einzelfälle sind. Bei uns ist das überhaupt nicht hoffähig: Kommt so etwas raus, wird die Person abgestraft.

Sie hatten jahrelang Ihren Zweitwohnsitz in Biel, lebten da mit Ihrer Familie. Plötzlich ging das nicht mehr, und Sie zogen weg. Was ist genau passiert?

Wir hatten einen grossen Freundeskreis, aus einem eher linksliberalen Milieu, der sich zunehmend von uns abwendete. Entscheidend aber war, dass unser ältester Sohn, der heute sechs Jahre alt ist, damals fünf, plötzlich niemanden mehr zum Spielen hatte am Nachmittag. Wir hatten immer ein offenes Haus, bei uns gingen die Kinder aus der Nachbarschaft ein und aus. Doch irgendwann erlaubten die linksliberalen Demokraten ihren Kindern nicht mehr, zu uns zu kommen.

Biel ist nicht gerade das Idealbiotop für Konservative.

Das ist so. Nach Biel waren wir gezogen, weil meine Lebenspartnerin dort aufgewachsen ist. Wobei ich immer mehrheitlich in Deutschland war, sonst hätte ich meinen Job ja nicht machen können. Ihr Vater war Pfarrer, der hat die freikirchliche Gemeinschaft geführt, sie ist da ins Gymnasium gegangen, kannte entsprechend viele Leute. Bis 2017, als herauskam, dass ich Spitzenkandidatin der AfD werde, lief alles wunderbar. Doch plötzlich gab es Lichterketten, sogar eine Unterschriftensammlung, die forderte, uns privat zu ächten.

Vor allem für Ihre Frau, die mit Ihrer politischen Karriere nichts zu tun hat, muss dies hart gewesen sein.

Ja, sie steht auch nicht bei allen politischen Fragen da, wo ich stehe. Aber sie kriegt das alles voll ab. Ich dachte, Sippenhaft gebe es nur in Nordkorea.

Sie ist als Filmproduzentin im Kulturbereich tätig, hat «Tatort»-Folgen produziert und den Kinohit «Die göttliche Ordnung». Leidet sie auch beruflich?

Sie würde sich selbst nie als Opfer sehen. Sie sagt immer: Druck macht kreativ. Und manchmal ist es genau dieser Druck, der einen grösser denken lässt. Nun hat sie endlich den Mut gefunden, selbst Projekte zu entwickeln.

Gab es ein entscheidendes Ereignis, bei dem Sie sagten: Jetzt müssen wir aus Biel wegziehen, oder war das ein langsamer Prozess?

Es gab einen Schlüsselmoment. Ich habe in den Ferien unseren Jüngsten von der Kita abgeholt, zusammen mit dem Älteren. Ich stiess den Kinderwagen durch die Stadt, plötzlich brüllte mir jemand etwas Unschönes hinterher. Ich dachte, das sei ein Alkoholiker, doch es waren Eltern mit ihren Kindern. Ich sagte: «Sie können mich immer ansprechen und mit mir diskutieren, aber nicht in diesem Ton.» Ich ging weiter, da schickten sie mir ihre Kinder hinterher auf dem Fahrrad. Die zirkelten um mich herum und riefen: «Scheiss-Weidel», «Scheiss-AfD», «Scheiss-Nazi». Das waren Kinder, kaum zehn Jahre alt, aufgestachelt von ihren Eltern! Das war das erste Mal, dass ich richtig ins Schwitzen kam. Ich hoffte nur, dass meine Söhne nicht begreifen, was da vor sich geht. Ich bin nach Hause, habe meine Lebensgefährtin angerufen und ihr gesagt: «Wir müssen wegziehen, bevor unser Ältester eingeschult wird.» Sonst ist er dort Freiwild. Kinder kann man zu Salafisten oder zu Pazifisten erziehen.

Denken Sie manchmal: Ist es das alles wert? Gerade wenn die Familie involviert ist?

Natürlich. Auch kürzlich, als der Blick ein Foto unseres Hauses in der Zeitung publizierte und wir daraufhin an unserem neuen Wohnort die ersten Drohbriefe erhielten. Gestern war die Polizei da. Das ist alles eher lästig. Wie kommen Journalisten dazu, ein Foto meines Hauses zu zeigen und zu schreiben: «Hier wohnt Alice Weidel»? Hallo, hier gehen meine Frau und meine Kinder ein und aus! Ich bin die meiste Zeit gar nicht hier. Da stellt man sich dann schon Fragen. Als wir vom Blick belagert wurden, hat uns eine Bäuerin angerufen und uns gewarnt, dass ein Fotograf auf den Schulbus wartet, wo unser Sohn drin ist. Das ist doch verrückt!

Haben Sie schon ernsthaft erwogen, sich deswegen aus der Politik zurückzuziehen?

In schwachen Momenten schon. Aber ich kann mich nicht zurückziehen. Ich mache das ja aus Überzeugung.

Können Sie sich in Deutschland noch ohne Personenschutz bewegen?

Also in Berlin gehe ich nicht selbst einkaufen, auch nicht spontan in eine Bar. Das geht nicht, das wäre zu gefährlich. Bei Veranstaltungen habe ich Personenschutz.

Wie motivieren Sie sich in den schwachen Momenten?

Ich muss nur schauen, was alles schiefläuft in unserem Land. Das ist mein grosser Treiber. Bevor ich in den Bundestag gekommen bin, habe ich die ganze Parteiarbeit ehrenamtlich gemacht. Fast vier Jahre lang. Aus vollster Überzeugung. Das macht mir alles auch Spass, weil ich weiss, wofür ich es mache. Wenn ich im Bundestag die Merkel da sitzen sehe mit ihrem ganzen Würstchenkabinett, alles Leute, die meist keine Berufserfahrung haben, dann weiss ich: Da bin ich am richtigen Ort, um das zu korrigieren.

Wenn Sie im Bundestag ihre knallharten, gegen Merkel gerichteten Reden halten: Ist das die authentische Alice Weidel, oder müssen Sie sich überwinden, den Text vorzutragen, die Rolle der scharfzüngigen Oppositionellen zu spielen?

Sie sprechen wohl die Kopftuchmädchen-Rede an, die sehr polarisiert hat. Die Entstehungsgeschichte ist interessant. Mein Referent hat die Rede vorgeschrieben, die war mir aber zu technisch. Ich sagte: «Da müssen Beispiele rein, das musst du einfacher schreiben.» Vieles in der Rede kam von mir. Am Abend habe ich den Text nochmals durchgelesen und den Einschub mit den Burkas und Kopftuchmädchen eingebracht, angelehnt an Thilo Sarrazin. Das kommt aus meinem Ur-Innersten heraus, aus meinen Erfahrungen als Jugendliche, von denen ich erzählt habe. Das ist die echte Alice Weidel, ich stehe voll dazu.

Sie sind oft bei der Basis. Was erzählen Ihnen die Leute? Was besorgt die Menschen in Deutschland am meisten?

Dass sie zu wenig Geld haben zum Leben. Dass die Steuerlast so hoch ist, dass sie nichts zurückstellen können. Dann die empfundene Ungerechtigkeit: Die Leute, die jahrelang ins Sozialsystem einbezahlt haben, müssen eine Vermögensbilanz vorlegen, um im Notfall etwas Unterstützung zu erhalten, während illegale Einwanderer, die vor der Grenze ihren Pass wegschmeissen, das Geld hinterhergeworfen kriegen. Die Ausländerkriminalität ist natürlich auch immer ein Thema, gerade was die Gewalt- und Sexualdelikte angeht.

Der AfD wird oft vorgeworfen, sie sei «rechtsextrem». Was genau ist «rechtsextrem»? Ab wann ist für Sie jemand «rechtsextrem»?

Das auszuführen, würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen. Aber plakativ: Wenn jemand den Hitlergruss auf einer Demo zeigt.

Gibt es AfD-Mitglieder, die das tun?

Sicherlich nicht. Und wenn, dann schliessen wir diese Person sofort aus der Partei aus. Das gilt auch für Holocaust-Leugner. Erst kürzlich hatten wir wieder einen solchen Fall. Das ging dann ganz schnell. Das muss man gar nicht diskutieren.

Gibt es Leute in der AfD, die hinter vorgehaltener Hand sagen: Demokratie gehört abgeschafft?

Nein. Das würde auch dem Parteiprogramm widersprechen.

Aber würden einige eine Verfassungsänderung begrüssen hin zu einem Präsidialsystem wie in der Türkei oder in Russland?

Ich glaube nicht, das wäre überhaupt nicht mehrheitsfähig. Wenn jemand so etwas formulieren würde, da gäbe es sofort ein Parteiausschlussverfahren. Wir wollen im Gegenteil Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild.

Franz Josef Strauss sagte einmal, rechts von der CSU dürfe es keine Partei mehr geben. Wie ist das bei der AfD? Wollen Sie den rechten Flügel eingemeinden, oder wollen Sie, dass der rechte Flügel sich abspaltet?

Wenn jemand wie André Poggenburg die Partei verlässt, weine ich ihm keine Träne nach. Man verliert keine Wählerstimmen, wenn solche Leute gehen. Wir vom bürgerlichen Flügel müssen aber auch eingestehen: Die Mitglieder des rechten Flügels sind ein wichtiger Teil der Partei. Wir müssen eine gewisse Spannbreite aushalten.

Was ist der Kern dieses Flügelkampfs? Geht es nur um Stil und Rhetorik oder auch um Inhalte?

Es ist hauptsächlich eine atmosphärische Frage. Der Sound passt für manche bürgerliche Mitglieder nicht.

Ein Apfel-Plakat der SVP wäre zu viel für Sie?

Nein, das finde ich super. Eine hervorragende Kampagne.

Wie sehr ist die Schweizer SVP Vorbild für die AfD? Man hört, die AfD habe das ganze SVP-Programm kopiert als Vorlage für das eigene. Ist das so?

Das stimmt. Das weiss ich ganz genau, weil ich selber dafür verantwortlich war. Ich war ja eine Zeitlang Programmchefin. Vor dem Verfassen unseres neuen Parteiprogramms habe ich allen unseren Mitgliedern das SVP-Programm geschickt und gesagt: So muss unser Programm auch aussehen, kurz, prägnant, verständlich. Auch inhaltlich war ich überzeugt, dass wir wie die SVP eine wirtschaftsfreundliche, liberale Partei sein müssen mit einem ganz klaren Profil.

Ist eigentlich eine Bundeskanzlerin Alice Weidel vorstellbar?

Das ist völlig hypothetisch. An so etwas denke ich nicht. Ich dachte auch nie, dass ich eine Parteikarriere mache, als ich in die AfD eingetreten bin. Es hat sich so ergeben.

Aber eine AfD-Bundeskanzlerin oder einen -Bundeskanzler, das halten Sie für realistisch?

Das sehe ich als realistisch an, ja. Nicht in absehbarer Zeit, irgendwann aber schon.

Und umgekehrt: Ist es denkbar, dass die AfD wieder von der Bildfläche verschwindet?

Nein.

Wechseln wir das Thema. Sie leben in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, haben zwei Kinder, beides Buben. Brauchen Kinder nicht einen Vater? Oder übernimmt jemand von Ihnen beiden so etwas wie die Vaterrolle? Wie organisieren Sie die Erziehung?

Kinder brauchen unbedingt Vater und Mutter. Oder einen Mann oder eine Frau, welche diese Rolle einnimmt. Bei uns haben die Kinder beide Kontakt zu ihren Vätern, und wir haben auch liebe männliche Freunde, die immer wieder mal mit den Buben etwas unternehmen und deren Interessen «Fussball» und «schnelle Autos» abdecken – wir haben nur einen Skoda . . . Wir können das leider nicht bieten. Es ist wichtig, sich reflektiert mit dem Thema Mutter/Vater auseinanderzusetzen. Auch in einer heterosexuellen Beziehung sollte das ein Thema sein.

Inwiefern?

Sie müssen Kindern die Grundfrage des Lebens beantworten können: «Woher komme ich?» Jedes Kind hat das Recht, zu wissen, wer seine Mutter und sein Vater sind. Kinder haben im Alter von zwei Jahren bereits das Konzept von Mutter und Vater verstanden. Meine Lebenspartnerin und ich haben uns zwei Jahre lang Gedanken darüber gemacht, bevor wir uns zu diesem Schritt entschieden haben. Und natürlich haben wir wahnsinniges Glück erfahren, dass wir zwei wirklich tolle Kinder grossziehen dürfen.

Sind Sie darauf vorbereitet, dass die Kinder Ihnen einmal Vorwürfe machen könnten, wenn sie in der Schule wegen der Familiensituation gehänselt werden?

Das ist so noch nicht vorgekommen, könnte aber einmal Thema werden. Wir sagen unserem Älteren: «Wenn es ein Problem gibt, so sprich bitte mit uns.» Wir sind auch immer bereit, in die Schule zu gehen und Fragen der Kinder zu beantworten. Und wir hatten immer schon ein Haus der offenen Türen, die Freunde unserer Kinder sehen von klein auf, wie wir leben. Wir pflegen einen sehr offenen Umgang. Und eigentlich haben die Eltern der Kinder mehr Fragen als die Kinder selbst. Wenn die Eltern kein Problem haben, haben die Kinder auch keines.

Wie stehen Sie eigentlich zur Reproduktionsmedizin, auch für Homosexuelle? In konservativen Parteien stösst das ja immer auf Skepsis.

Wie gesagt: Man sollte den Kindern die Frage beantworten können, wo sie herkommen. Dass sie die leibliche Mutter und den leiblichen Vater kennen, ist eminent wichtig. Sonst fehlt ein Teil. Wir kennen das von meiner Lebenspartnerin, die ein Adoptivkind ist. Sie hat sehr gelitten darunter, ihre leiblichen Eltern nicht zu kennen. Mit zwanzig Jahren ist sie nach Sri Lanka auf die Suche gegangen und hat ihre Mutter und ihre Geschwister glücklicherweise gefunden. Den Vater hat sie nie kennengelernt. Wir fliegen jährlich zu ihren Geschwistern nach Sri Lanka, die Mutter ist mittlerweile gestorben.

Aus diesem Grund war für Sie ausgeschlossen, auf eine anonyme Samenbank zurückzugreifen?

Ja. Ansonsten wird das Kinderhaben zur reinen Selbstverwirklichung der Eltern, zum Ego-Projekt. Wir wissen doch alle aus eigener Erfahrung: Den Vater brauchen wir genauso wie die Mutter. Das war auch bei mir so. Sich etwas anderes vorzumachen, bedeutet, sich in die Tasche zu lügen.

Sie sind oft in Deutschland, Ihre Frau ist auch berufstätig. Wie organisieren Sie das mit den Kindern?

Die Eltern helfen uns, und die Kinder gehen in die Kita, den Kindergarten und die Schule. Letztes Jahr, als wir beide beruflich sehr involviert waren, hatten wir auch ein Kindermädchen. Ehrlich gesagt, braucht es einfach ein Dorf, um Kinder zu erziehen. Jedenfalls bräuchten wir eines.

Viele Politiker zeigen ihre Familien im Wahlkampf, machen Homestorys. Sie tun das nicht, obschon Sie sicher viele Sympathien damit gewinnen könnten. Weshalb?

Um die Familie zu schützen. Wenn ich die Tür zu meinem Privatleben öffne, stellt der Erste seinen Fuss rein, dann kriege ich sie nicht mehr zu. Das möchte ich nicht, das ist auch so mit meiner Lebenspartnerin abgesprochen. Zudem zeigt die Erfahrung: Solche Foto-Lovestorys sind der Anfang vom Ende für jeden Politiker. Rudolf Scharping im Pool mit seiner Freundin, Joschka Fischer et cetera, die waren nachher alle weg.

Der Tabubruch war, als die Bild-Zeitung 2017 gegen Ihren Willen ein Foto von Ihrer Lebenspartnerin veröffentlichte.

Genau. Vorher hatte mich die TV-Talkerin Sandra Maischberger geoutet gehabt. Das war aber ein gesteuertes Outing. Ich hatte meine sexuelle Ausrichtung in der Partei nie offiziell gemacht, aber auch nie verschwiegen, wenn mich jemand danach gefragt hat. Als meine parteiinternen Gegner meinen Lebensstil gegen mich einsetzen wollten, habe ich entschieden, damit proaktiv an die Öffentlichkeit zu gehen. Somit war die Sache vom Tisch.

Zum Schluss: Was ist eigentlich Ihre Vision für Deutschland? Wollen Sie raus aus der EU?

Ich sehe Deutschland eingebunden in einer EU mit gleichwertigen Partnern. Nicht mehr wie heute, da die EU aufgeteilt ist in Schuldner und Gläubiger. Da besteht eine grosse Schieflage. Also: Euro abschaffen und eine Rückkehr zu den Binnenmarktprinzipien, ohne Personenfreizügigkeit, die Migration ins Sozialsystem ermöglicht.

Das heisst: Rückkehr zu den nationalen Währungen?

Genau. Jetzt haben wir das Allmende-Problem: Eine Währung überspannt verschiedene Haushalte, da bedienen sich alle, ohne das System zu pflegen. Dadurch kommt es zwangsläufig zu einer Entwicklung, wie wir sie jetzt sehen. Den Leuten wurde verschwiegen, dass eine gemeinsame Währung nur mit einem gemeinsamen Haushalt und einem gemeinsamen Staat funktioniert. Die Entscheidungen sollten in den Staaten erfolgen durch gewählte Parlamente. Es wird nie thematisiert in der EU, dass wir heute eine Störung der horizontalen Gewaltenteilung haben, in der Kommission sitzen nichtgewählte Leute, die exekutive und legislative Befugnisse haben. Eigentlich das Gegenteil von Rechtsstaat und Demokratie.

Braucht es überhaupt eine politische EU?

Eine Gemeinschaft, die im Wesentlichen auf die EWR-Verträge reduziert ist und welche sich auf einen gemeinsamen, effizienten Grenzschutz einigen kann, wäre durchaus sinnvoll.

EU auflösen oder reformieren?

Reformieren. Also zurückbauen. Die EU soll sich auf jene Aufgaben konzentrieren, die sinnvoll sind. Heute ist es eine übergriffige und undemokratische Organisation.

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Kommentare

Rainer Selk

19.09.2019|11:53 Uhr

@Hartmann. Ist auch wirkllich besser so, denn 'gespuckt' wird derzeit von Anderen oder zählen Sie sich so jenen 'Goldstücken'? Lach!

Michael Wäckerlin

18.09.2019|17:27 Uhr

Ceterum censeo Biel esse delendam.

Michael Hartmann

17.09.2019|14:36 Uhr

Da bleibt einem vor lauter Lachen die Spucke weg!

Ingeborg Sperdin

17.09.2019|14:11 Uhr

@ Wehrlin. Auch ich geniesse die denkerische Klarheit von Frau Dr. Weidel in diesem Gewirr von Unvernunft. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Edelfrau. Souverän, mutig und liebevoll. Meine mich umgebenden "Genossinnen" hören zum grossen Teil nicht zu. Da braucht es halt Männer, die den "Damen", die uns die sozialistische Suppe kochen, die Suppe versalzen.

Rainer Selk

17.09.2019|11:52 Uhr

Klaro: nur linke Schwule sind gute Schwule, nur solche, die sich an Christdoofer Strassen Tagen aufdringslich 'outen'. In diesem linksgender verseuchten intoleranten Denkmuster hat Frau Weidel keinen Platz. Multikultiwahn: schwedischer Professor propagiert, Menschenfleisch zu essen.https://www.google.ch/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwj035enydfkAhXSlIsKHaPnDSsQFjAAegQIARAB&url=https%3A%2F%2Fhaolam.de%2Fartikel%2FWelt%2F38740%2FSchwedischer-Professor-mit-Rezept-gegen-den-Klimawandel-Menschenfleisch-essen.html&usg=AOvVaw1t5vgeIwTXTD7jMAB3TS-A

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