Mit dem linken Fuss ins rechte Eck

Parteien kämpfen wie Fussballmannschaften um Sieg und Zustimmung. Wie sähe ein All-Star-Team des Bundeshauses aus? Wer müsste für den überparteilichen FC Nationalrat nominiert werden? DieWeltwoche stellt ihre Equipe vor.

Ob sie die Nationalhymne gleich lustlos singen wie Xhaka und Co., ist nicht bekannt. Seit über fünfzig Jahren treffen sich regelmässig und parteiübergreifend Parlamentarier zum Fussballspielen. Im FC Nationalrat kämpfen und rennen Politiker füreinander, die sich sonst ausserhalb des Platzes nichts schenken. Und die Schweizer Auswahl ist international durchaus eine Macht: 2018 wurde der FC Nationalrat Europameister und räumte dabei Deutschland mit 4:0 vom Rasen. Im Final bezwangen die Fussballpolitiker Finnland, der Schaffhauser Ständerat Hannes Germann (SVP) sicherte mit einem Hattrick den Sieg.

Warum nicht auch ein All-Star-Team für die Politik? Wie sähe das ideale Bundeshaus-Kader aus? Welche Parlamentarierinnen und Parlamentarier gehörten in die Top-Elf? Wer sichert nach hinten ab? Wer wäre der Kevin De Bruyne der Schweizer Politik, ein unermüdlicher Arbeiter und begnadeter Vorbereiter? Und wer vollendet schliesslich und versenkt die Vorlage im gegnerischen Tor? Wie sähe die Ersatzbank aus? Und wer hat das Zeug zum Coach des FC Nationalrats?

Angriff ist die beste Verteidigung

Nirgendwo sind Fehler auf dem Fussballplatz unverzeihlicher als im Torraum. Der Goalie muss halten, er darf keine Nerven zeigen, wer patzt, ist der Buhmann, die Buhfrau der Nation. Diese Form des passiven Perfektionismus scheint auch in der Schweizer Politik, im Land des genialen Mittelmasses, wie geschaffen zu sein für höhere Weihen. Makellosigkeit ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen, um in den Bundesrat gewählt zu werden. Ins Tor der Schweizer Polit-Nati gehört deshalb

Karin Keller-Sutter (FDP), bei der selbst das eine wilde Strähnchen ihrer Frisur gewollt ist. In der Politik geht es primär darum, keine Böcke zu schiessen. Keller-Sutter beherrscht sich und diese Kunst vollendet. Als Ersatz steht ihre Bundesratskollegin Simonetta Sommaruga (SP) bereit. Die ausgebildete Pianistin weiss, dass ein kleiner Fehler die schönste Mozart-Sonate zerstören kann.

Angriff ist die beste Verteidigung. Nach diesem Motto politisiert Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin aus dem Kanton Zürich, seit 2011 im Parlament. Sie ist gesetzt in der linken Defensive und bekommt alle Freiheiten, nach vorne das Spiel zu öffnen, wie es der moderne Fussball schon lange vorlebt. Badran ist das Gegenteil von zimperlich und kann auch mal reingrätschen, wenn es gilt, einen Gegner zu fällen.

Wer überleben muss, entwickelt ungeahnte Kräfte. Die BDP verteidigt sozusagen ihre eigene Existenz, und Rosmarie Quadranti als Fraktionschefin ist es gewohnt, dass jeder Match ihr Endspiel sein könnte. Mit dieser Einstellung ist sie nominiert für die Innenverteidigung. Ihr zur Seite spielt Christian Lüscher.

Der freisinnige Rechtsanwalt aus dem Kanton Genf verteidigt alles – selbst die Interessen des dubiosen Abacha-Clans aus Nigeria.

Würde man sich an das Links-rechts-Rating der NZZ halten, wäre der Fall klar: Rechts aussen müssten Erich Hess (SVP, BE) oder Pirmin Schwander (SVP, SZ) auflaufen. Doch wir geben Christian Wasserfallen den Vorzug in der rechten Defensive. Nach der grünen Kehrtwende der Parteispitze verteidigt der Berner standhaft freisinnige Positionen gegen neue Energieabgaben und zusätzliche Staatsinterventionen im Umweltbereich.

Strategen im Mittelfeld

Im Mittelfeld der Politik drängeln sich die meisten Parteien. CVP, BDP, EVP, Grünliberale, die halbe FDP. Hier werden die Matches entschieden, und keine Partei versteht es besser, mal rechts, mal links zu passen, als die Christdemokraten.

Ob Altersvorsorge oder Steuerreform – bei den ganz grossen Kisten hatte er seine Füsse beziehungsweise Hände immer im Spiel: der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber. Er ist der geborene Mittelfeldstratege. Seine Schwäche: Er spielt den Ball auch mal und durchaus bewusst der gegnerischen Mannschaft zu. Da Graber auf Ende Legislatur zurücktritt, ist seine Position vorläufig vakant. Aus dem Ständerat hat der Obwaldner Erich Ettlin (CVP) das Zeug, zum neuen Regisseur der Mitte aufzusteigen.

Ins defensive Mittelfeld gehört Jacques Bourgeois, der Protestant aus dem katholischen Freiburg, Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes und passionierte Bergsteiger. Er schafft es, Freisinniger und Agrar-Lobbyist zugleich zu sein. Ein Brücken-Bauer im doppelten Wortsinn, auch aufgrund seiner Zweisprachigkeit. Dossierfest, umgänglich, effizient. Die leise Variante zum schnellschnatternden Bauernpräsidenten Markus Ritter.

Im offensiven Mittelfeld kommt Tiana Angelina Moser von der GLP zum Einsatz. Sie ist, weil unberechenbar, brandgefährlich für den Gegner. Mal stösst sie auf dem linken (grün), mal auf dem rechten (liberal) Flügel hervor. Sie verkörpert den neuen, säkularisierten Typus des wendigen CVP-Politikers.

Dass Fussball und Politik Parallelen aufweisen, zeigt der aktuelle Wahlkampf der SVP. Sie wirbt mit einem Stickeralbum («Parlamentini») für ihre Kandidatinnen und Kandidaten. Wer alle Fotos zusammenhat, kann ein Auto gewinnen. Die Partei ist sturmerprobt und bildet das Kernteam der Abteilung Attacke. Als hängende Spitze ist Magdalena Martullo nominiert. Sie empfiehlt sich auch für die Captainbinde. Wer ein Exportunternehmen mit 3000 Mitarbeitern erfolgreich führen kann, dürfte auch den FC Nationalrat zur Top-Equipe antreiben.

Doppelspitze?

Er ist der Mann mit der höchsten Kilometerzahl, der rhetorische Dribbler, der selbst seine Mitspieler schwindlig redet: Roger Köppel gehört in die Auswahl, weil die Politik eben auch ein Spiel ist und die Tribüne Spektakel erwartet. Der Zürcher SVP-Nationalrat und Verleger der Weltwoche antizipiert die Laufwege und stört mit seinem Pressing den Spielaufbau des Gegners. An seiner intellektuellen Firewall muss man erst mal vorbeikommen.

Neben ihm agieren im Jobsharing als linke Doppelspitze Cédric Wermuth (SP) und Irene Kälin (Grüne), beide Feminst*in und aus dem Kanton Aargau. Während rundherum in Europa die alten sozialdemokratischen Parteien ins Nirwana entschwinden, hat der frühere Juso-Präsident Wermuth wesentlich dafür gesorgt, dass seine SP einen harten linken Kurs fährt. Obschon die bürgerlichen Parteien auf dem Papier die Mehrheit bilden, können SP und Grüne die Politik im Bundeshaus entscheidend prägen, etwa in der Sozial- und Gesellschaftspolitik und jetzt über die Klimadebatte. Wer als vermeintlicher Underdog die Politik dermassen erfolgreich beeinflussen kann, gehört in die Stammelf.

Wenn vorne die Tore doch nicht fallen, wartet an der Aussenlinie Alfred «Fredi» Heer, Nationalrat der Zürcher SVP, um eingewechselt zu werden. Er gehört zur Gattung jener Goalgetter, die eine halbe Stunde fast unsichtbar vor dem Strafraum herumlungern, bis die eine matchentscheidende Szene kommt. Nervenstarke Knipser braucht jede Mannschaft, die auf Sieg spielt. Heer hat als Präsident des Bunds der Steuerzahler gerade eine neue Volksinitiative lanciert: Die Negativzins-Gewinne der Nationalbank, die vor allem Sparer und Rentner treffen, sollen vollumfänglich in die AHV fliessen. Mit diesem Vorschlag schiesst der SVP-Politiker sozusagen mit dem linken Fuss einen Treffer ins rechte Eck.

Krux der Konkordanz

Damit wäre die Mannschaft komplett. Mindestens so wichtig wie die Auswahl der Feldspieler ist jedoch die Frage nach dem Coach. Und hier beginnt die Krux der Konkordanz. Gut-schweizerisch müssten auf der Trainerbank alle Fraktionschefs und Parteipräsidenten Platz nehmen. Aber wie sich so auf eine gemeinsame Taktik einigen? Was ist, wenn die halbe Mannschaft einen EU-Schiedsrichter will, der im Zweifelsfall gegen die schweizerische Nati pfeift? Tatsächlich ist in unserem Polit-System kein Teamchef vorgesehen. Wir haben keinen Ministerpräsidenten, keinen Bundeskanzler, keinen Regierungschef. Auch der Bundesrat hat keine besonderen Befugnisse. In einer direkten Demokratie ist der Souverän, die Schweizer Bevölkerung, der oberste Teamchef.

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Kommentare

Roland Blättler

06.09.2019|11:35 Uhr

Herrlich erfrischend geschrieben - Danke

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