«Wir spielen auf der ganzen Klaviatur»

Andrea Hausmann ist für die Nachhaltigkeitsstrategie des Tabakkonzerns JTI in der Schweiz zuständig. Von den Zigarettenstummeln in der Natur bis zur Kinderarbeit auf den Plantagen: Das sind die wichtigsten Probleme und ihre Lösungen.

In der wachsenden Nachhaltigkeitsszene der Schweizer Wirtschaft hat Andrea Hausmann eine besonders anspruchsvolle Aufgabe. Als Vertreterin von JTI Schweiz, dem helvetischen Ableger von Japan Tobacco International – einem der weltweit führenden Tabakunternehmen –, kämpft sie fast täglich gegen das Vorurteil an, ein Hersteller von Zigaretten könne schon grundsätzlich nicht nachhaltig wirtschaften. Die Nachhaltigkeitsverantwortliche ist seit fast sieben Jahren für JTI tätig. Vor drei Jahren hat sie eine neue Nachhaltigkeitsstrategie für die Schweiz erarbeitet, die sie seither umsetzt. Im Gespräch sprüht sie vor Begeisterung für ihre Aufgabe. Das Denken in den Kategorien der nachhaltigen Entwicklung ist ihr zur zweiten Natur geworden. Und ihre Bemühungen zahlen sich aus: Seit kurzem ist JTI Mitglied von Öbu, dem Verband für nachhaltiges Wirtschaften, und tritt nun am Swiss Green Economy Symposium auf. Das wäre für ein Tabakunternehmen noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

 

Frau Hausmann, die Affäre um das EDA-Sponsoring durch einen Ihrer Konkurrenten zeigt: Für viele ist die Tabakindustrie ein rotes Tuch. Zahlen sich die Bemühungen von JTI um Nachhaltigkeit für das Image aus?

Es geht uns nicht so sehr um das Image, wir setzen auf Inhalt und Dialog. Wir wollen aktiv sagen, was wir machen, und der Tabakindustrie ein Gesicht geben. Wir wollen beweisen, dass wir es mit der Nachhaltigkeit ehrlich meinen. Verstehen Sie mich richtig, Tabak ist ein umstrittenes Produkt, das streiten wir nicht ab. Aber der Anspruch von JTI ist es, nachhaltig zu arbeiten, und zwar langfristig.

Sie sagen selbst, dass der Tabakkonsum nicht gerade gesundheitsfördernd ist. Wie kann ein Tabakunternehmen überhaupt nachhaltig sein?

Wer Produkte herstellt, hat auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt. Selbstverständlich muss ein Tabakunternehmen nachhaltig arbeiten! Das Gegenteil wäre geradezu grotesk. Wie bei jeder anderen Firma auch, liegt es in unserem Interesse, sicherzustellen, dass wir unser Geschäft nachhaltig führen und dass wir nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen. Am Ende sind wir ein Unternehmen, das ökonomisch erfolgreich sein will – ohne ökologische oder soziale Abstriche zu machen.

Wann hat sich bei JTI ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickelt?

JTI Schweiz hat schon vor Jahrzehnten angefangen, sich mit Nachhaltigkeit zu befassen. Sogar noch bevor der Begriff zum Schlagwort wurde. Anfangs standen eher Umweltthemen im Vordergrund. In den letzten zwölf Jahren haben wir alleine in der Schweiz über 200 Millionen Franken in unsere Fabrik investiert und damit nicht nur die Produktion umweltverträglicher gemacht, sondern auch die Sicherheit für unsere Mitarbeiter verbessert. Zudem konzentrieren wir uns auch auf unsere risikoreduzierten Produkte.

Gesellschaftliche und soziale Themen kamen erst später dazu?

Schon vor zwanzig Jahren gab es den Camel Fonds für die Unterstützung der lokalen Vereine und Projekte, wie zum Beispiel die lokale Trachtengruppe oder des Musikvereins. Später kamen weitere Elemente dazu.

Wie würden Sie den Wandel Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie in den letzten Jahren beschreiben?

Mit anderen Unternehmen, auch aus anderen Branchen, ist JTI wohl sehr vergleichbar. Wir haben uns mit allen anderen zusammen entwickelt. Nachhaltigkeit ist ein stetiger Prozess, nicht nur bei uns. Bei uns wurde sustainability über die Jahre zur echten Überzeugung. Ein wichtiger Meilenstein waren die Nachhaltigkeitsziele (SDG) der Uno von 2015. Dazu stehen wir voll und ganz. Wir glauben, die Herausforderungen sind global und komplex. Daher reichen lokale Alleingänge nicht. Gefragt sind Dialog und die Zusammenarbeit von privaten Firmen, NGOs und dem Staat – national und weltweit.

Also geht es heute weit über reine Umweltthemen hinaus?

Absolut. Alle drei Elemente sind relevant: ökologische, ökonomische und soziale Themen. Wir spielen auf der gesamten Klaviatur.

Wenn Sie zwischen Gesellschaft, Ökologie und Ökonomie eine Priorisierung vornehmen müssten: Wie würde diese lauten?

So einfach ist es nicht – das wäre ja genau wieder nicht nachhaltig. Wir fördern alle drei Ebenen. Beispielsweise engagieren wir uns im sozialen Bereich seit Jahren auf regionaler und nationaler Ebene. Wir wählen unsere Partner und Projekte sehr sorgfältig. Unser gemeinnütziges Engagement ist freiwillig und geht oft über unser Kerngeschäft hinaus, hat aber nie mit unseren Produktmarken zu tun. Zudem engagieren sich viele unserer Mitarbeiter aktiv und leisten zahlreiche Stunden Freiwilligenarbeit. Auch «Diversity & Inclusion» sind ein Thema. Wir achten auf allen Stufen auf ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter. In der Geschäftsleitung Schweiz sind drei von acht Mitgliedern Frauen, fünf haben eine andere Nationalität. Aber auch ökonomisch darf man nicht vergessen, dass JTI mit über tausend Angestellten eine grosse wirtschaftliche Bedeutung hat. Unsere Industrie zahlt mehr als zwei Milliarden Franken in die AHV ein. Wir exportieren für rund 560 Millionen Franken, was ungefähr gleich viel ist wie beim Schweizer Käse. Zentral ist aber auch unsere Reduced-Risk-Philosophie: Wir wollen erwachsenen Rauchern risikoreduzierte Produkte als Alternative zur klassischen Zigarette anbieten.

Wo liegen demnach die Schwerpunkte? Gleichen sich die weltweite und die Schweizer Nachhaltigkeitsstrategie, oder ist die hiesige pionierhaft?

Die Schweizer Strategie leitet sich aus unserer globalen Strategie und dem «4-S-Modell» ab. Die vier S stammen aus dem Englischen und betreffen übersetzt vier Anspruchsgruppen: Kunden, Aktionäre, Mitarbeiter und Gesellschaft. Wir haben drei Mindestanforderungen, welche die Basis unserer Nachhaltigkeitsstrategie bilden. Das sind die Achtung der Menschenrechte, die Verbesserung von sozialen und ökologischen Auswirkungen sowie «Good Governance» und verantwortungsvolle Unternehmensstandards. Wir versuchen dadurch erstens, die Produkte und Dienstleistungen stetig zu verbessern – also am Kern unseres Geschäfts zu arbeiten. Zweitens wollen wir transparent und verantwortungsvoll handeln – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Tabakanbau bis zum Zigarettenverkauf. Dann ist es unser Ziel, den illegalen Schmuggel bestmöglich zu bekämpfen, und zuletzt investieren wir natürlich auch in Mitarbeiter und Gesellschaft.

Investitionen in Mitarbeiter und Gesellschaft – das tönt gut, aber was heisst das konkret?

Dass es nicht im Alleingang geht. So arbeiten wir – wie etwa beim Projekt ARISE (Achieving Reduction of Child Labour in Support of Education) – mit Behörden, lokalen NGOs und der Zivilgesellschaft zusammen und ermöglichen Kindern in den Tabakanbauregionen Afrika oder Brasilien, in die Schule zu gehen, anstatt auf dem Feld zu arbeiten. Über 40 000 Kinder sind es seit 2011, ein Riesenprojekt. In der Schweiz unterstützen wir hauptsächlich Projekte für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung.

Und was ist der Kern der Schweizer Nachhaltigkeitsstrategie?

Wie erwähnt, sind alle drei Ebenen wichtig. So fördern zahlreiche Initiativen nicht nur das Wohlbefinden und die Sicherheit unserer Mitarbeiter, sondern begünstigen auch eine umweltverträgliche Produktion durch die Reduktion von Abfall, Wasser und Energie und die Verbesserung unserer Produkte.

Wie sieht es mit dem CO2-Ausstoss der Produktion in Dagmersellen aus?

Wir konnten ihn seit 2007 um 38 Prozent reduzieren. Das sind etwa 600 Tonnen CO2.

Durch operative Verbesserungen, also nicht durch Kompensation?

Genau. Bei unseren neuen E-Zigaretten und Dampfprodukten haben wir zum Beispiel ein Recycling-System ins Leben gerufen.

Eine Schweizer Sonderheit?

Wir waren die Ersten, ja. Es wurde mittlerweile auch in anderen Ländern übernommen.

Angenommen, man förderte Produkte ohne natürlichen Tabak, das heisst mit rein künstlichen Stoffen. Würde sich die Nachhaltigkeit der Wertschöpfungskette schlagartig verbessern?

Unser Hauptgeschäft sind immer noch Zigaretten. Auch in den neuen Dampfprodukten ist Tabak, er wird einfach nur erhitzt und nicht verbrannt. Lediglich die E-Zigaretten sind tabakfrei. Die Tabakpflanze gibt es seit Hunderten von Jahren. Für uns ist wichtig, dass wir die Rahmenbedingungen auf den Tabakplantagen verbessern, ökologisch anbauen, Wasser und CO2 einsparen, die Entwaldung eindämmen.

Die Weltgesundheitsorganisation kritisiert diesen Anbau. Er sei ökologisch schädlich. Trifft das zu?

Der WHO-Bericht kritisiert die Industrie wegen der CO2-Emissionen. Das ist realitätsfern. Denn es liegt in unserem eigenen Interesse, den Anbau ökologisch nachhaltig zu führen. Tatsache ist, die Tabakpflanze kommt fast ohne Bewässerung aus, und sie benötigt von den grossen Kulturpflanzen am wenigsten Pflanzenschutzmittel. Würde man den die Werte, wie sie im WHO-Bericht stehen, mit denjenigen für Weizen, Reis oder Soja vergleichen, dann wären die Prioritäten anders gesetzt.

Kritik gibt es auch in San Francisco. Die Stadt will den Verkauf von E-Zigaretten verbieten, weil deren Wachstumsraten unter Minderjährigen sehr hoch sind. Besteht diesbezüglich in der Schweiz ein Problem?

JTI und andere Tabakunternehmen engagieren sich gemeinsam mit dem Detailhandel für einen besseren Jugendschutz. Wir haben freiwillig einen Vermarktungskodex für Tabakprodukte und elektronische Zigaretten unterzeichnet. Unsere Produkte sind nicht für Minderjährige bestimmt. Verkäufer kontrollieren das auch, sogar zwingend. Zudem machen wir keine Werbung, die sich an Minderjährige richtet. Damit ist ein zentrales Anliegen des geplanten Tabakproduktegesetzes [Alter achtzehn schweizweit, Anm. d. Red.] faktisch umgesetzt. Obwohl es für E-Zigaretten noch keine rechtlichen Vorgaben zum Jugendschutz gibt, haben wir bereits Lösungen implementiert, weil wir als Industrie zusammen mit dem Handel verantwortungsvoll agieren.

Andere Stimmen aus der Tabakindustrie fordern sogar, dass der Konsument aktiv von der Zigarette weggebracht oder zumindest zu weniger gesundheitsschädlichen Produkten animiert werden soll.

Kundinnen und Kunden haben bei uns Wahlfreiheit. Erwachsene Raucher treffen informiert die Entscheidung und wählen zwischen hochwertigen E-Zigaretten und Tabakprodukten aus. Wir stellen klare und verständliche Informationen über die Produkte und den Zugang zu Wissenschaftsstudien zur Verfügung. Dass aber E-Zigaretten und Tabakdampfprodukte weltweit populärer werden, ist eine Tatsache. Deshalb bietet JTI auch sogenannte risikoreduzierte Produkte wie Logic Pro und Logic Compact an.

Intensiv diskutiert wird auch das Problem der Zigarettenstummel in der Umwelt. Zu Recht?

Unsere Zigarettenfilter sind aus Zelluloseacetat und nicht auf Erdölbasis hergestellt. Sie sind bereits nach wenigen Monaten bis Jahren – je nachdem, wo sie liegen – abgebaut; dies im Gegensatz zu petrochemisch hergestellten Plastikflaschen oder Strohhalmen, welche mehrere hundert Jahre benötigen. Wir suchen aber laufend nach besseren Abbaumöglichkeiten. Der Problematik von achtlos weggeworfenen Zigarettenstummeln sind wir uns bewusst.

Was unternimmt JTI dagegen?

Wir haben in Zusammenarbeit mit der IG saubere Umwelt effektive Kampagnen und Programme eingeführt, die darauf abzielen, dass Zigarettenstummel sachgerecht entsorgt werden. Öffentliche Aufklärung und Sensibilisierung zum Thema Littering sind unseres Erachtens am besten geeignet, damit sich das Verhalten ändert und die Abfälle besser entsorgt werden. Dieses Wegschnippen, das sich viele angewöhnt haben, ist das Problem.

Und die Verpackung? Die generiert ja auch viel Abfall.

Wir sind nicht nur bei den Filtern am Arbeiten, sondern auch bei der Verpackung. Hier spielen vor allem auch die Hygienestandards eine Rolle. Und Zigaretten dürfen nicht austrocknen; beim losen Tabak in den Beuteln zum Beispiel. Da haben wir im Moment noch keine befriedigende Lösung, weil Tabak eine gewisse Feuchtigkeit braucht. Man kann nicht jedes Material nehmen. Wir prüfen aber auch hier laufend Alternativen, um dies zu verbessern.

 

Andrea Hausmann ist Nachhaltigkeitsverantwortliche bei JTI Schweiz.

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