Kolumbus des Unternehmertums

Hannes Schmid, 72, bietet in Kambodscha Tausenden Menschen eine neue Perspektive. Für den Starfotografen ist die Organisation «Smiling Gecko» auch eine Entdeckungsreisein Sachen Langfristigkeit. Wirtschaftsführer horchen auf.

Wenn Hannes Schmid von seinen Aufenthalten in Kambodscha erzählt, sind seine Schilderungen so anschaulich wie eine Fotografie. Er berichtet von Kindern, die zu Hunderten mit Säure übergossen werden, um danach als «Bettelpuppen» zu dienen. Auf den Mülldeponien der kambodschanischen Grossstädte leben Abertausende Kinder, Frauen und Männer, die ihr Auskommen darin finden, dem Abfall etwas Verwertbares abzutrotzen.

«Man trifft dort wahnsinnige Typen», sagt Schmid und blickt mit einer Mischung aus Betroffenheit und wachem Interesse auf. Frauen, welche aus den Müllbergen die tollsten Mode-Accessoires von Luxusmarken herausziehen und «von oben bis unten gestylt» ihr tristes Tagewerk verrichten.

Zurzeit lebt der 72-Jährige «wieder auf der Müllhalde», wie er sagt. Er fotografiert für sein neues Buch, das im Dezember erscheinen wird: «Concerned Photography 2», zu Deutsch etwa «Betroffenheitsfotografie 2».

Wir treffen den Starfotografen und Schöpfer des «Marlboro Man» in seinem Atelier in der Nähe von Zürich. Er hat sich in einem dieser modernen Betonquartiere mit viel Grünfläche einquartiert, die normalerweise eher von Hipstern und Millennials bevölkert werden. Der Mann selber sprüht vor Energie. Er spricht schnell, begeistert und steht immer wieder auf, um seine Erzählungen mit Fotos, Büchern oder Dokumenten zu untermalen.

«Concerned Photography», die Vorgängerin der gerade entstehenden Fotoserie, war Schmids Einstieg in eine ihm bis dahin fremde Welt. Das war 2012. Er war zum ersten Mal auf eine Müllhalde in die Nähe von Phnom Penh gezogen. Der Fotograf war so concerned, so betroffen von den Menschen, denen er hier begegnete, dass er sich sagte: «Ich muss etwas tun!» Und so wurde aus dem Künstler ein Entwicklungshelfer, Bauer, Fischzüchter und Gründer eines Forums für nachhaltige Entwicklung im Fürstentum Liechtenstein, Ehrendoktor der Universität Zürich, weltweiter Vortragsreisender. Doch der Reihe nach.

 

Erstes Jahr – Humanitäre Hilfe. «Wie die meisten, die diese Zustände sehen, wollte ich direkt helfen», erzählt Schmid. Er habe angefangen, Reis zu kaufen für die Bewohner der Müllhalde. Und Babymilchpulver, denn aufgrund der prekären Ernährungssituation hatten viele Frauen kontaminierte Muttermilch – «oft junge Frauen, sechzehn Jahre alt». Als sie aber das Milchpulver mit dem giftigen Wasser des Abfallbergs anrührten, verschlimmerte sich das Problem. Die Kinder wurden erst recht krank oder starben sogar. Diesem neuen Problem rückte Schmid mit Mineralwasser zu Leibe. «Am Ende habe ich jeden Monat neun Tonnen Reis, gegen 1000 Büchsen Milchpulver und knapp 8000 Liter Mineralwasser verteilt.»

Zweites Jahr – Kinderhilfswerk. Nach einem Jahr merkte der Fotograf, «dass das alles nicht funktioniert». Die Beschaffungskosten zehrten an seinem Vermögen, ohne dass sich eine spürbare Verbesserung einstellte. Er überlegte. «Das eigentlich Berührende sind die Kinder.» Sie sterben auf den Müllhalden an Typhus und Malaria. Also beschloss Schmid, sich auf sie zu konzentrieren: 280 Kinder. Er kaufte 280 Schuluniformen, Turnschuhe und Rucksäcke. Dazu zwölf Tuk-Tuks für den Transport zur Schule. Doch das Vorhaben gestaltete sich schwierig. «Die Lehrer wollten die Kinder nicht, weil sie wie Abfallsäcke stanken.» Schmid brach das Experiment ab. «Es war sowieso blöd: Als 72-Jähriger habe ich weder die Zeit noch das Geld, um Hunderte Kinder für die nächsten zwanzig Jahre zu begleiten.»

Drittes Jahr – Zurück aufs Land. In Hannes Schmid reifte die Einsicht: Er musste die Eltern dabei unterstützen, Geld zu verdienen. «Wir müssen etwas Wirtschaftliches machen!» Viele der Menschen auf der Deponie waren ehemalige Reisbauern aus der Umgebung. Ihnen sollte beim Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz geholfen werden. «Ich belud einen Lastwagen mit zehn oder fünfzehn Familien und fuhr sechzig Kilometer hinaus ins Dorf.» Dort kaufte Schmid ein paar Hektar Land, zog Fischfarmen sowie eine Hühner- und Schweinezucht auf. Auch dies war schwierig: Die Fische starben nach kurzer Zeit. Die Hühner legten keine Eier, die Schweine «wurden krank oder verreckten». Von dem Geld, das der Entwicklungshelfer aus der Schweiz überwies, kamen oftmals nur zwei Drittel an. «Ich musste immer wieder Kunst verkaufen, um neues Kapital aufzutreiben.»

Viertes Jahr – Smiling Gecko. Der zum Landwirtschaftsunternehmer gewordene Künstler erkannte, dass ein wenig bäuerliches Basiswissen aus dem Internet nicht genügte. Von nun an wollte er die Sache agronomisch professionell angehen. «In der Schweiz schrieb ich einen Brief an sämtliche landwirtschaftlichen Bildungsinstitutionen und bat um ein Treffen.» Der Rektor des Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrums in Cham nahm das Angebot an. Mit Studenten besuchte er die Schmid-Farm in Kambodscha. Schon bald war klar, woran es mangelte: Das Gemüse wuchs nicht, weil tropische Böden zu wenig Stickstoff haben. Das Problem löste man mit Kompostierungstechnologie. Die Hühner, Schweine und Fische waren schlicht genetisch mangelhaft. Dem Problem wurde man dank neuen Zuchttieren Herr, teilweise importiert aus der Schweiz. In Kambodscha und in der Schweiz wurde der Verein Smiling Gecko gegründet, um die Farm voranzutreiben.

 

Heute ist Hannes Schmid Herr über einen ansehnlichen Landwirtschaftsbetrieb mit angeschlossener Schule für 300 Kinder, Schreinerei und Grossküche. Pro Woche produziert Smiling Gecko in Kambodscha eine Tonne Tilapia: «Genetisch ganz saubere Fische!» Was die Fauna betrifft, so bevölkern 25 000 Legehennen «mit neunzigprozentiger Fruchtbarkeit» und 280 Muttersäue mit 2400 Säuli die Farm.

Bottura und Caminada

Sogar ein Hotel für Besucher von Smiling Gecko ist mittlerweile entstanden. In Kürze übernimmt Iris Flückiger, die frühere Chefin des «Schweizerhofs Bern», die Direktion. In Zusammenarbeit mit Spitzenköchen, darunter Massimo Bottura aus Modena und Andreas Caminada von «Schloss Schauenstein», hat Schmid eine junge Frau aus den Slums von Kambodscha zur Top-Köchin ausgebildet. «Das Talent von Maria fiel mir sofort auf.» In den USA arbeitet Schmid mit dem Schweizer Regisseur Marc Forster zusammen, der Angelina Jolie als Botschafterin für Smiling Gecko gewinnen möchte.

Auch in der Philanthropieszene hat sich der durchschlagende Erfolg des Schweizer Pioniers herumgesprochen. Schmid ist ein gefragter Speaker. Sei es am World Economic Forum in Davos oder von Singapur bis zum Silicon Valley: Alle wollen seine unglaubliche Geschichte hören und daraus lernen.

Zu den frühesten Unterstützern von Smiling Gecko gehört die Hilti Foundation in Schaan. Über sie kam Hannes Schmid ins Gespräch mit dem Fürstenhaus. Man beschloss, in Liechtenstein eine jährliche Konferenz auszurichten, den «Liechtenstein Dialogue for Development» (LDD). Schmid, so etwas wie der Impresario, will Unternehmer, Entwicklungshelfer und den öffentlichen Sektor zusammenbringen, um die Entwicklungshilfe neu zu erfinden. Er ist überzeugt, dass es mehr wirtschaftliches Denken braucht.

Liechtenstein-Connection

Wenn Schmid und die Hilti Foundation jeweils im Frühjahr nach Schaan rufen, dann kommen sie alle: Finanz-Manager, vermögende Erben, Banken-CEOs, Verwaltungsleute und ehemalige Präsidenten von Grosskonzernen. Ende März ist die dritte Auflage des LDD geplant.

«In der Entwicklungshilfe haben wir die letzten zwei Jahrzehnte nicht das erreicht, was wir gemessen an den eingesetzten Mitteln hätten erreichen müssen», ist Hannes Schmid überzeugt. Er sieht es in Kambodscha: Als er vor rund fünf Jahren mit Smiling Gecko begann, hatte es bereits seit Jahrzehnten Tausende Entwicklungshelfer im Land. Wohl keiner von ihnen hat das geschafft, was dem Schweizer Fotografen in wenigen Jahren gelang. Er segelt in unerkundeten Gewässern, ist so etwas wie ein Christoph Kolumbus des sozialen Unternehmertums.

Für Kambodscha denkt der Künstler weit voraus. Er ist überzeugt, dass die Landwirtschaft der Königsweg für die Entwicklung des Landes ist. «Die Regierung setzt zwar auf IT, aber das ist schwierig in einem Land, in dem 80 Prozent der Leute keine Ausbildung haben.»

Im Idealfall, rechnet er vor, könne man mit einer siebzehnfachen Neuauflage seines Projekts in wenigen Jahrzehnten «einen bedeutenden Teil des kambodschanischen Sozialprodukts» erzielen. Ein Hebel dafür sei der Reis-anbau. Um zu zeigen, dass dies funktioniert, will er auf seiner Farm eine Reismühle installieren. Ihm schwebt ein Produkt der Schweizer Firma Bühler vor: «Das sind die besten.» Damit, so Schmid, könnte er «auf einen Schlag 40 000 Menschen aus der Armut befreien». Mittelfristig soll sich Smiling Gecko «von der NGO zur Enterprise», zum Grossunternehmen, entwickeln. Zurzeit sucht Schmid Geld für die Anfangsinvestition in die Reismühle, gut zehn Millionen Franken. Das sei nicht so einfach, weil «auch viele Investoren sozialer Unternehmen kurzfristig denken».

Wir verabschieden uns von Hannes Schmid. Mit einer Kühlbox fliegt er am nächsten Tag nach Kambodscha. Der Inhalt: bestes Schweizer Schweinesperma. «Übermorgen haben dann zwanzig Mutterschweine eine neue Genetik!», freut sich der Unternehmer. Danach geht es wieder auf die Müllhalde. Für «Concerned Photography 2».

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