Kohle für Kolumbien

Die Verbrennung von Steinkohle wird massgeblich für den Klimawandel verantwortlich gemacht. Kann man den Abbau des umstrittenen Brennstoffs trotzdem nachhaltig betreiben? Ein Besuch der Glencore-Minen im Departement Cesar.

Die Karibikmetropole Barranquilla ist bekannt als Heimat der Sängerin Shakira und des kolumbianischen Karnevals. Unmittelbar beim Verlassen des Flugzeugs schlägt dem Besucher das typische feuchtheisse Klima der kolumbianischen Atlantikküste mit Wucht entgegen. Es ist der Ort, über dessen Bewohner der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez geschrieben hat, dass sie «ihre Energie in der Industrie und im Handel zu verbrennen pflegen».

Auf der Atlantikseite des Landes ist Barranquilla der maritime Knotenpunkt, die Verbindung zum Rest der Welt. Hier mündet der Río Magdalena – der wichtigste Fluss Kolumbiens – in den Atlantischen Ozean. Der Wirtschaftsboom, der mit der verbesserten Sicherheitslage seit 2002 einsetzte, hat seine Spuren auch in Barranquilla hinterlassen. Die Hafenindustrie erfuhr einen grandiosen Aufschwung – fünf Millionen Tonnen Handelsgüter wurden über die insgesamt zwanzig Terminals im letzten Jahr verschoben.

Schon auf den ersten Blick ist Barranquilla als Handelszentrum erkennbar. Historische Bauten aus der Kolonialzeit sind lediglich im alten Stadtkern zu bewundern. Ansonsten erstreckt sich die Stadt mit ihren mehr als 1,2 Millionen Einwohnern über eine grosse Fläche: Moderne Geschäftsviertel mit Hochhäusern wechseln sich mit bescheidenen Wohnsiedlungen aus einstöckigen Häuschen mit Wellblechdach ab.

Betrieb rund um die Uhr

Hier in Barranquilla hat auch der Schweizer Rohstoffgigant Glencore seine lokalen Zelte aufgeschlagen. Über 6000 Mitarbeiter beschäftigt die Firma über ihre Tochtergesellschaft Prodeco im ganzen Land. Davon etwa 250 am Hauptsitz in Barranquilla. Im Jahr 1995, kurz nach dem Management-Buyout von Firmengründer Marc Rich, erwarb Glencore die Prodeco-Gruppe von Arturo Blanco, einem bis heute aktiven kolumbianischen Kohlemagnaten. Kohle ist bislang der einzige Rohstoff, den Glencore in Kolumbien fördert.

Jeden Werktag heben im Morgengrauen vom Flughafen Barranquillas vier propellerbetriebene Kleinflugzeuge des Typs Let L-410 ab. Sie ermöglichen die Verbindung zwischen dem Hauptquartier und den beiden Bergbaustätten La Jagua und Calenturitas, die Prodeco im Departement Cesar betreibt – ein Stück weit im Landesinnern, nahe der Grenze zu Venezuela. Die Flugzeuge, von denen ein jedes Platz für neunzehn Passagiere bietet, landen nach einem Flug über weitgehend unberührte, weitläufige Landschaften aus tropischem Trockenwald direkt bei den Kohleminen. Gemeinsam mit Nicolás Gómez, dem Verantwortlichen bei Prodeco für Nachhaltigkeit, besuchen wir die Kohleförderung und die sozialen und ökologischen Projekte des Unternehmens in der Gegend.

Nach dem einstündigen Flug landen wir am Rand der Mine La Jagua auf einer Schotterpiste. Prodeco hat das Gelände im Jahr 2005 erworben. Die Mine selbst erstreckt sich über etwa 180 Hektaren – etwa die Fläche einer kleineren bis mittelgrossen kolumbianischen Farm. Kennzeichnend für den Tagebau ist der an der tiefsten Stelle etwa 300 Meter tiefe, ovale Krater, um den herum sich terrassenförmig die Mine emporschraubt. Am Kraterrand ist gut erkennbar, wie sich Schichten von Erde, Gestein und Steinkohle abwechseln.

Die mittelgrosse Mine, die in der Branche als operationell beispielhaft gilt, ist normalerweise 24 Stunden pro Tag in Betrieb. Bei unserem Besuch ruht allerdings gerade die Arbeit. Das schwere Gerät – Dutzende Bulldozer und Lastwagen – steht fein säuberlich aufgereiht. Dallas Core, der aus Australien stammende Manager der Mine, erklärt den Grund: Wegen Regenfällen in der vergangenen Nacht bestehe Rutschgefahr, daher bleibe die Fahrzeugflotte parkiert. Er sei aber guter Dinge, dass der Betrieb nach ein paar Stunden Sonnenschein weitergehe.

Seit Glencore hier im Jahr 2005 mit der Förderung begann, kam es zu keinem einzigen tödlichen Unfall. Für medizinische Notfälle steht Tag und Nacht eine Ambulanz mit Sanitätern am Minenrand.

Minenmanager Core erklärt, dass man, wo immer möglich, mit lokalen Arbeitskräften arbeite. In La Jagua kämen gut 60 Prozent der Arbeiter aus der allernächsten Umgebung und weitere 20 Prozent aus dem ganzen Departement Cesar. Ein einfacher Minenarbeiter verdient etwa das Fünffache des kolumbianischen Mindestlohns.

Vor Inbetriebnahme einer Kohlemine, so Core weiter, sei es notwendig, den darüber gelegenen Wald abzuholzen. Im Einklang mit den geltenden Umweltvorschriften habe sich Prodeco verpflichtet, nach Stilllegung der Mine – es bleiben noch etwa zehn Jahre bis zur vollständigen Förderung der Kohle – die Fauna und Flora im ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Unter anderem dafür hat Prodeco auf dem Areal der rund zwanzig Fahrminuten entfernten Schwestermine Calenturitas ein Tierheim eingerichtet, wo verletzte Wildtiere gepflegt werden, um anschliessend auf den renaturierten Arealen wieder freigelassen zu werden.

Dallas Core deutet auf einen zart begrünten Hügel, der sich am linken Rand des Minenovals erhebt, aufgeschüttet aus dem Erdmaterial des Kraters. «Dort haben wir mit der Neuanpflanzung bereits vor zehn Jahren be-gonnen.» Wenn um das Jahr 2030 die Maschinen von Prodeco abziehen, wird der Krater der Mine nur noch als hügelige Landschaft erkennbar bleiben und Nährboden für die ursprüngliche Pflanzen- und Tierwelt bieten. Zudem ist auf dem Grund des Kraters die Errichtung einer Wasserzisterne für das nahegelegene Dorf La Jagua geplant.

Nicolás Gómez erklärt die Politik des Unternehmens. Man wende auch in Kolumbien die weltweit geltende Nachhaltigkeitsstrategie von Glencore an: «Wir sind uns bewusst, dass unsere Tätigkeiten einen Einfluss auf die Umwelt und auf die lokalen Gemeinschaften haben.» Es gehe darum, «unsere Aktivitäten so zu steuern, dass negative Auswirkungen so gering wie möglich ausfallen». Dazu gehört auch: Mitarbeiter vorbereiten auf den Tag X, an dem die Vorräte erschöpft sind und Glencore abziehen wird. Bei der Ausbildung seines Personals achtet Prodeco darauf, Fähigkeiten zu fördern, die auch zu Jobs ausserhalb des Bergbaus befähigen.

Anders als die Förderung mancher Metalle, bei denen umweltschädliche Chemikalien zum Einsatz kommen, ist die Kohleförderung per se ökologisch relativ unproblematisch. Langfristige Umweltschäden, etwa beim Grundwasser, seien nicht zu befürchten. Die grösste Herausforderung bestehe darin, beim Abbau und Transport der Kohle die Staub-entwicklung zu kontrollieren. Sämtliche Arbeiter in den Kohleminen tragen einen Mundschutz, der die Atemwege vor den Kohlepartikeln schützt.

105 Millionen Tonnen Kohle

Rohstoffe machen rund 60 Prozent der kolumbianischen Exporte aus. Mengenmässig entfällt davon der Löwenanteil auf die Steinkohle. Im Jahr 2017 führte das Land über 105 Millionen Tonnen des Brennstoffs im Wert von 7,4 Milliarden US-Dollar aus. Zum Vergleich: Der weltweit gefragte kolumbianische Kaffee bringt es lediglich auf 710 000 Tonnen im Wert von etwas über 2,5 Milliarden US-Dollar. Das Rohöl, von dem Kolumbien ebenfalls erhebliche Reserven besitzt, kam auf vierzig Millionen Tonnen im Wert von gut 13 Milliarden US-Dollar. Der Goldabbau, dessen illegale Ableger in abgelegenen Regionen des Landes vergiftete Flüsse und andere fatale ökologische Auswirkungen nach sich ziehen, liegt mit 58 Tonnen im Wert von 1,3 Milliarden Dollar sowohl mengen- als auch wertbezogen weit abgeschlagen.

Glencore und Prodeco zeichnen für etwa zwanzig Millionen Tonnen der Kohleexporte verantwortlich – Stand 2017 –, knapp ein Drittel der landesweiten Produktion. 2018 zahlten sie dem kolumbianischen Staat Steuern und Lizenzgebühren in der Höhe von über 270 Millionen US-Dollar.

Aufstrebender ökologischer Tourismus

Unsere Reise führt uns weiter in das 2000-Seelen-Dorf La Victoria de San Isidro, nur wenige Kilometer von der Mine entfernt. Die Bewohner der Siedlung waren in der Vergangenheit mehrmals Opfer von Vertreibungen im Kontext des Guerillakriegs der marxistischen Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) und anderer paramilitärischer Gruppen. Hier erläutert uns Nicolás Gómez anhand verschiedener Projekte, wie Prodeco den Austausch mit den örtlichen Gemeinschaften sucht. Nachdem im Dorf Klagen über schlechte Luftqualität laut wurden, hat das Unternehmen in den letzten drei Jahren den Aufbau eines Recyclinghofs in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mima finanziert.

Wie fast überall in den abgelegenen Regionen Kolumbiens, war es auch hier bis vor kurzem üblich, Abfälle zu verbrennen – egal, ob biologischen oder anderen Ursprungs. Die Stiftung hat eine, mittlerweile selbsttragende Abfallabfuhr organisiert: Täglich sammeln zwei oder drei Mitarbeiter des Recycling-Hofs die vor den Häusern deponierten Abfälle ein. Dafür bezahlt jeder Haushalt eine freiwillige Abgabe von 10 000 kolumbianischen Pesos pro Monat – umgerechnet drei Franken. Organische Abfälle, die in der ländlich geprägten Siedlung den Löwenanteil ausmachen, kommen in grosse Beete, wo Regenwürmer sie kompostieren – dank den günstigen klimatischen Bedingungen in für schweizerische Verhältnisse atemberaubendem Tempo. Plastik und anderer nicht wiederverwertbarer Abfall wird zur nächstgelegenen Kehrichtverbrennungsanlage gefahren. «Die Luftqualität in La Jagua hat sich dank diesem Projekt spürbar verbessert», sagt Gómez. Die Zahl der Erkrankungen sei zurückgegangen. Zwar habe die Mine an den früheren Problemen mit der Luft keinen Anteil gehabt, «aber wenn dieser Eindruck besteht, unterstützen wir die Gemeinden, wenn immer möglich, bei der Suche nach einer nachhaltigen Lösung für das Problem».

Ein weiteres Nachhaltigkeitsprojekt in La Victoria de San Isidro betrifft den Kaffeeanbau. In Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Kaffeebauern (Federación Nacional de Cafeteros) hat Prodeco das Wissen hierher gebracht, um in den umliegenden Hügeln einen marktfähigen Spezialitätenkaffee zu produzieren. Junge Kaffeebauern, die vor kurzem noch perspektivlos waren, können dank dem neu erworbenen Know-how in Anbau, Verarbeitung und Marketing deutlich höhere Preise erzielen, als sie der derzeit darniederliegende Weltmarkt für Standardprodukte hergibt. Das Ziel: Wenn La Jagua dereinst geschlossen wird, soll mit der Kaffeeindustrie ein solider Wirtschaftszweig für Prosperität und Einkommen sorgen.

Und Gómez denkt schon weiter: Ihm schwebt vor, dass die Region bald auch Anteil am aufstrebenden ökologischen Tourismus im Land haben soll. Die Nachhaltigkeitsprojekte von Glencore sind darauf ausgerichtet, dass auch nach der Schliessung der Mine – momentan der einzige industrielle Arbeitgeber weit und breit – funktionierende sozioökonomische Strukturen zurückbleiben. Ein wichtiges Element, um den Friedensprozess im Land zu unterstützen. Hier geht Glencore weit über die gesetzlichen Minimalforderungen hinaus.

Wir folgen dem Weg der Kohle ostwärts, zurück an den Atlantik: Im Jahr 2013 hat Prodeco in Santa Marta, eine gute Autostunde von Barranquilla entfernt, einen 550 Millionen Dollar teuren neuen Seehafen in Betrieb genommen. Dies, nachdem der kolumbianische Staat im Jahr 2011 die bis dahin übliche Praxis der Beladung offener Schiffe verboten hatte. Seither dürfen nur noch geschlossene Containerschiffe die Kohle wegbringen. Über den von Glencore gebauten Puerto Nuevo können jährlich bis zu dreissig Millionen Tonnen Kohle exportiert werden. Der Hafen ist über die Eisenbahnlinie Fenoco direkt mit den Minen verbunden. In rund zwei Kilometer langen Frachtzügen gelangt die Steinkohle aufs Hafenareal, wo sie unterirdisch und vollautomatisch auf Förderbänder verladen wird. Über die abgedeckten Förderbänder geht es weiter, entweder auf eine gigantische Deponie oder direkt zum Frachtschiff.

Der Prodeco-Hafen, so die Auflage der kolumbianischen Behörden, ist halböffentlich. Auch andere Produzenten dürfen demnach ihre Kohle über diese Infrastruktur exportieren. Die Umweltauflagen sind äusserst streng. In der Umgebung des Hafens werden Dutzende Messstationen betrieben, die die Luftqualität messen. Werden die Grenzwerte überschritten, drohen horrende Bussen. In den sechs Jahren seines Betriebs wurde der Prodeco-Hafen noch kein einziges Mal gebüsst.

Auch in der Umgebung des Puerto Nuevo hat Prodeco soziale Projekte initiiert. So betreibt das Unternehmen eine Art Arbeitsvermittlungszentrum in der Nähe, wo Stellensuchende ausgebildet oder vermittelt werden. Auch ein Programm für Mikrokredite ist vorhanden. Zudem hat sich Prodeco mit regionalen Fischerverbänden zusammengetan. Ähnlich wie bei der Luftqualität in La Jagua, führten die Fischer die in den letzten Jahren immer schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen ihres Berufsstands auf den neuen Hafen zurück. «Wir konnten ihnen zeigen, dass es ein landesweites Phänomen ist, das nichts mit dem Hafen zu tun hat», so Gómez. Um die Lage des Berufsstands gleichwohl zu verbessern, hat Prodeco die Gründung von Produktionsgemeinschaften gefördert, die ihre Fische als Delikatessen direkt in die pulsierende Gourmetszene von Bogotá und Medellín verkaufen – zu höheren Preisen, als sie lokal erzielbar wären.

Nicolás Gómez und sein Team von sechzig Leuten wenden für schweizerische Verhältnisse unvorstellbar viel Zeit und Mühe auf, um sich mit den Sorgen und Nöten von Kaffeebauern, Fischern oder anderen Gruppierungen zu befassen, die sich – ob zu Recht oder zu Unrecht – von den Aktivitäten Prodecos betroffen fühlen.

Das chinesische Modell

Zurzeit operiert der Hafen an seiner Kapazitätsgrenze. Achtzig Tonnen werden täglich verladen – davon geht der Grossteil auf eine vierzigtägige Seereise in Richtung Europa. Zwei gewaltige Containerschiffe liegen am Beladungssteg. Geräuschlos und unsichtbar fliesst die Kohle über das Fördersystem direkt in die gigantischen Bäuche der Schiffe.

Obwohl Kolumbien noch sehr bedeutende Reserven an Steinkohle hat, ist die Zukunft des Geschäfts mit Fragezeichen versehen. Glencore möchte ihre Aktivitäten in diesem Bereich nicht weiter ausbauen.

Nicolas Arboleda ist ein junger Wirtschaftsanwalt bei der internationalen Anwaltskanzlei Baker McKenzie in Bogotá. Hier verantwortet er den Bereich Bergbau. Er führt die Zurückhaltung europäischer und nordamerikanischer Rohstofffirmen auf die globale Diskussion um Erderwärmung und CO2 zurück. Der Energieträger Kohle habe derzeit keinen guten Ruf. «Die Banken aus Europa und den USA finanzieren kaum neue Projekte.»

Stattdessen stellt Arboleda ein wachsendes Interesse aus dem asiatischen Raum fest. «Es ist gut möglich, dass in zwanzig Jahren die kolumbianische Kohleindustrie grösstenteils in chinesischer Hand ist.» Der Anwalt sieht es mit Bedauern. Die Schweizer Glencore verhalte sich in Kolumbien «absolut beispielhaft», auch was die nicht immer einfache Beziehungspflege mit den örtlichen Gemeinschaften betreffe. Das chinesische Modell hingegen ziele in aller Regel nicht auf eine nachhaltige Entwicklung in der Umgebung der Minen ab.

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