Grüne Gentechnik

Schweizer Anleger investieren 60 Milliarden Franken in Unternehmen, die explizit auf Gentechnik verzichten. Dieses Ausschlusskriterium ist willkürlich und mit Blick auf die Nachhaltigkeit problematisch. Populäre Ängste sind ein schlechter Ratgeber.

Unter «Greenwashing» versteht man eine Kommunikations- und Marketingstrategie, die darin besteht, ein Unternehmen oder eine andere Organisation besonders umweltfreundlich und verantwortungsbewusst erscheinen zu lassen. Dies auch dann, wenn die Faktenlage nicht oder nur unzureichend mit dem Inhalt der verbreiteten Botschaften übereinstimmt. Der Begriff des Greenwashings muss im Kontext des Vorläuferkonzepts des «Whitewashing» – was so viel wie «Geld waschen» bedeutet – verstanden werden. Wobei es beim Greenwashing weniger um das Reinwaschen von illegal erworbenen Geldern geht als um die Nutzung des Begriffs Nachhaltigkeit zu reinen Marketingzwecken.

Viele Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter und weitere Finanzmarktakteure beziehen heute Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Entscheidungsprozesse ein (Sustainable Finance). Dazu gehören auch Investitionen in nachhaltige Kapitalanlagen. Gemäss der «Global Sustainable Investment Review 2018» sind dabei sogenannte Ausschlusskriterien die am häufigsten verwendete Massnahme, um einen Anlagefonds als nachhaltig zu bezeichnen. Dabei werden Firmen aus dem Portfolio entfernt, deren Aktivitäten nicht im Einklang stehen würden mit einer nachhaltigen Gesellschaft. Es handelt sich oft um wertebasierte Ausschlüsse bestimmter Titel wie Waffen, Tabak, Glücksspiel, Pornografie, Alkohol (sogenannte sin stocks – Sündenaktien) oder unpopulärer Technologien oder wissenschaftlicher Praktiken wie Kernenergie, Tierversuche oder Gentechnik (Genetic Engineering).

Die Marktstudie 2018 des europäischen Forums für nachhaltige Investitionen (Eurosif) zeigt zudem, dass die Schweiz in Europa den grössten Anteil an verwalteten Vermögen hat, die Ausschlusskriterien unterliegen. Ähnliche Untersuchungen von Swiss Sustainable Finance bestätigen dies und zeigen, dass hierzulande gerade das Gentechnik-Ausschlusskriterium populär ist. Die verwalteten Vermögen, bei denen dieses zum Zug kommt, beliefen sich in der Schweiz auf rund 60 Milliarden Franken im Jahr 2018 – ein Anstieg von 300 Prozent seit 2012.

Niemand unter den Experten für nachhaltige Kapitalanlagen stellt sich dabei die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll ist, die grüne Gentechnik und insbesondere auch das Gene-Editing – also die Nutzung der neuen Genschere, die keinen Gentransfer mehr erfordert – auf die gleiche Ebene zu stellen wie Tabak, Waffen und Pornografie. Die Biotechnologie ist schliesslich eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts, die bereits zu einer nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft beiträgt und in Zukunft auch mithelfen wird, die Herausforderungen des Klimawandels besser zu bewältigen – wie zum Beispiel durch dürretolerante Nutzpflanzen.

Auf die Frage an die bankeninternen Experten für nachhaltige Kapitalanlagen, ob ein Gentechnik-Ausschliesskriterium tatsächlich kompatibel sei mit den Nachhaltigkeitszielen der Uno, wird oft mit gewisser Verlegenheit auf irgendeinen Expertenrat für Nachhaltigkeit verwiesen, welcher der grünen Biotechnologie kritisch gegenübersteht. Wenn natürlich Greenpeace und Friends of the Earth als Nachhaltigkeitsexperten hinzugezogen werden, ist das nicht erstaunlich, denn für diese Organisationen hat sich der Widerstand gegen die grüne Gentechnik als Geschäft mit der Angst auch finanziell bisher sehr gelohnt.

Eine grundlegende Erkenntnis aus diesen Beobachtungen ist, dass es sich viele Finanzinstitutionen in der Schweiz mit dem Etikett «Sustainable Finance» ein bisschen allzu einfach machen. Die Verantwortung wird einfach an ein externes Gremium delegiert, auch wenn dieses keinen Wert auf wissenschaftliche Fakten oder auf die bisherige Erfahrung mit der grünen Gentechnik in der Landwirtschaft legt. Breitangelegte Abklärungen in den Ländern der EU und in der Schweiz kommen nämlich zum Schluss, dass grüne Gentechnik zwar Risiken hat, dass diese aber bereits aus der konventionellen Landwirtschaft bekannt sind. Zugleich können viele Risiken der konventionellen und auch der Bio-Landwirtschaft reduziert werden, gerade wenn es um den Pestizideinsatz geht.

Schaden für die Finanzindustrie

Der Bedarf an innovativen Technologien wie den neuen Züchtungsmethoden, die zu einem grundlegenden Wandel der Produktions- und Konsummuster beitragen, wird in Anbetracht des Bevölkerungswachstums und des steigenden Wohlstands weltweit noch zunehmen. Die Alternative wäre eine Verschärfung des Raubbaus an der Natur.

Das populäre Ausschlusskriterium Gentechnik mag zwar bequem sein, um das benötigte Volumen für einen Nachhaltigkeitsfond zu schaffen. Aber langfristig schadet es der Glaubwürdigkeit der Finanzindustrie, wenn sie sich bloss von populären Ängsten leiten lässt und die wissenschaftlichen Fakten einfach ignoriert. Es wäre daher nicht erstaunlich, wenn sie in Zukunft weniger mit dem Vorwurf des Weisswaschens und mehr mit dem des «Grünwaschens» konfrontiert würde. Ein gesundes Gegenmittel wären mehr Investitionen im Finanzsektor in reale Kompetenzen im Bereich «Sustainable» – im Bereich «Finance» sind sie ja bestens vorhanden.

 

Isabelle Schluep leitet den Bereich «Nachhaltige Wirkung» am Zentrum für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich.

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