Gewinnbringend zukunftsfähig

Kreislaufwirtschaft wird oft diskutiert und doch kaum verstanden. Für Schweizer Unternehmen und den Wirtschaftsstandort bietet die neuartige Denkweise grosse Chancen.

Mit unserem Lebensstil sind wir alle abhängig von diversen Ressourcen – Materialien, die grösstenteils nicht aus der Schweiz kommen und uns nicht unendlich zur Verfügung stehen. Dennoch gehen wir ziemlich sorglos mit ihnen um: In der Schweiz werden jährlich zirka neunzig Millionen Tonnen Abfall generiert. Eine kaum vorstellbare Zahl. Die Kurzlebigkeit von Produkten zahlt sich für Unternehmen schlicht aus. Noch. Wenn wir unseren Verbrauch nicht drastisch einschränken und damit auch unseren wirtschaftlichen Wohlstand nicht einbüssen wollen, müssen wir weniger Ressourcen verwenden, bei mindestens gleich hoher Wertschöpfung. Wie geht das?

Um des Problems Herr zu werden, wird in der Schweiz derzeit rund ein Drittel des Siedlungsabfalls wiederaufbereitet, sprich rezykliert. PET-Flaschen zu sammeln, macht ökologisch auch durchaus Sinn. Aus PET-Flaschen können wieder neue PET-Flaschen entstehen. Bei vielen weiteren Materialien sieht das jedoch anders aus. Diese können nicht oder nur mit grösseren Anstrengungen rezykliert werden.

Beim Recycling kommt es zudem oft zu einer Minderung der Materialqualität und -funktionalität, so dass es nur begrenzt oft rezykliert und oft nur für qualitativ schlechtere Endprodukte wiederverwertet werden kann. Man spricht in dem Kontext auch von «Downcycling». Kurz: Der derzeitige Lösungsansatz des Recyclings reicht nicht.

Mit einer Kreislaufwirtschaft kommen wir weg vom herrschenden Wirtschaftsmodell der Linearität: Produzieren – nutzen – entsorgen. Erstmals in den 1980er Jahren diskutiert, nimmt das Konzept der Kreislaufwirtschaft heute Fahrt auf. Wirtschaft und Politik erkennen zunehmend deren Potenzial für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und der Schweiz. Bei der Kreislaufwirtschaft geht es wie beim Recycling um die Wiederverwertung von Materialien. Im Gegensatz zum Recycling sollen Material- und Energiekreisläufe jedoch möglichst langfristig geschlossen und Produktlebenszyklen verlängert werden. Das heisst, dass ein Produkt möglichst lange genutzt wird und die einzelnen Rohstoffe danach entweder erneut verwendet oder vollständig biologisch abgebaut werden.

In der Schweiz gibt es bereits einige Vorreiter-Unternehmen, die auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft sind und mit einzelnen Produkten ihr Geschäftsfeld erfolgreich erweitern – um auch auf den zukünftigen Märkten bestehen zu können.

Urbane Mine in Bülach

Grosses Potenzial gibt es diesbezüglich in der Baubranche. Kies und Sand, die Grundlage für Beton, werden knapp. Beim Rückbau des alten Industrieareals der Bülachguss AG achtete das beauftragte Bauunternehmen Eberhard deswegen sorgfältig darauf, dass das bestehende Bauvolumen sortenrein zurückgeführt wurde. Das Areal am Bahnhof Bülach hatte nicht nur Potenzial für neuen Wohnraum, sondern wurde damit auch zur urbanen Mine. In einem aufwendigen Prozess wurde der Bauschutt gebrochen, von Fremdstoffen befreit und ausgesiebt. Die so gewonnene Gesteinskörnung diente als Ausgangsprodukt, um neuen Qualitätsbeton herzustellen. In den neuen Gebäuden «lagert» das Material nun betonförmig bis zur nächsten Verwendung.

Auch in anderen Branchen gewinnt die Kreislaufwirtschaft dank fortschreitenden Technologien an Bedeutung. Um den optimalen Nutzen zu erzielen, werden in der Textilbranche oft verschiedene Fasern miteinander verbunden – bislang untrennbar. Die Climatex AG hat nun eine Art textile Schraube entwickelt, mit der sich erstmals reine Garne zu einem Gewebe zusammenführen und biologische und synthetische Materialien wieder sortenrein trennen und in ihren Kreislauf zurückführen lassen. Der zusätzliche Vorteil: Sie sind besonders belastbar.

Machen wir uns nichts vor: Da es sich bei der Kreislaufwirtschaft um eine grundsätzlich andere Form des Wirtschaftens handelt, die nicht nur das eigene Unternehmen, sondern oftmals alle Akteure der Wertschöpfungskette betrifft, ist es nicht ein Modell, das von heute auf morgen komplett umgesetzt werden kann. So müssen sich Unternehmen bereits bei der Entwicklung Gedanken darüber machen, wie das Produkt gegebenenfalls zurückgeführt werden kann. Dabei gibt es bei vielen Unternehmen noch Lücken – das Produkt wäre zwar kreislauffähig, aber eine Kreislaufwirtschaft ist es ohne tatsächliche Wiederverwertung nicht. Zudem müssen Lieferanten mit einbezogen oder viele Materialien erst gemeinsam neu entwickelt werden. Technologische Hürden spielen eine grosse Rolle. Des Weiteren besteht die Gefahr, dass es bei einigen Unternehmen zu einem Rebound-Effekt kommt. Das heisst, dass diese Unternehmen dank der gewonnenen Effizienzsteigerung schlicht mehr und mehr produzieren und damit ihren positiven Einfluss auf den Ressourcenverbrauch wieder zunichtemachen.

Wenn wir unseren Lebensstandard nicht drastisch reduzieren wollen, kommen wir um eine konstante Wiederverwertung der Ressourcen, sprich: eine Kreislaufwirtschaft, nicht herum. Es geht jedoch auch darum, in der Schweiz den wirtschaftlichen Anschluss nicht zu verlieren: Die EU arbeitet derzeit an der Umsetzung ihres 2015 verabschiedeten Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft. Damals sagte die mittlerweile ehemalige Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) im Ständerat, dass die Schweiz zurückfallen könnte, wenn Fragen der Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft nicht angepackt würden.

Unternehmen sollten vorbereitet sein

Das Schweizer Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen verlangt seit der Revision im Juni dieses Jahres, dass nicht mehr automatisch das günstigste Angebot ausgewählt, sondern auch ökologische und soziale Faktoren mit einbezogen werden sollten. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sich Unternehmen früher oder später weiteren regulatorischen Entwicklungen dieser Art gegenübersehen werden. Darauf sollten sie vorbereitet sein.

Die höheren Anforderungen an die Materialqualität in einer Kreislaufwirtschaft sowie der Innovationsstandort Schweiz bedeuten für hiesige Unternehmen jedoch auch einen Vorteil gegenüber den Ländern, die durch niedrige Produktionskosten und weniger strenge Rahmenbedingungen in einer Wegwerfgesellschaft oft besonders konkurrenzstark sind.

Und was nun? Unternehmen müssen nicht gleich ihr gesamtes Geschäftsmodell verwerfen. Es gilt jedoch, rechtzeitig die geeigneten Bedingungen zu schaffen. So entwickelte das Inneneinrichtungsunternehmen Pfister die weltweit ersten kreislaufwirtschaftlichen Vorhänge im Rahmen einer Diplomarbeit eines Mitarbeitenden. Dies war nur möglich, weil das Unternehmen genügend Freiraum für Innovationen in den eigenen Reihen zuliess.

Auch die unternehmensübergreifende Kooperation ist ein Schlüssel zum Erfolg. Das Druck- und Marketingunternehmen Vögeli setzt bei der Materialbeschaffung und -entwicklung ihrer Cradle-to-Cradle-zertifizierten Produkte nicht nur auf enge Partnerschaften mit seinen Lieferanten, sondern tut sich auch mit anderen Unternehmen aus der Branche zusammen. Im Verbund kommen sie auf ein grösseres Volumen bei den benötigten Materialien und haben eine grössere Verhandlungsmacht bei Zulieferern, die sie im Sinn der Kreislaufwirtschaft einsetzen können.

Gesetzliche Hürden abbauen

Ein weiteres Beispiel sind die beiden Bauunternehmen Eberhard und Losinger Marazzi: Diese kooperieren – wie auch weitere Firmen – mit dem Verein Madaster. Diese hat zum Ziel, auf einer globalen Online-Plattform die Qualität, den Standort sowie den finanziellen Wert von verbauten Materialien und Produkten zu registrieren; Gebäude werden so von einer zukünftigen Müllhalde zu einem wertvollen, dokumentierten Lagerplatz für Materialien, die erneut genutzt werden können.

Eine Kreislaufwirtschaft kann jedoch auch von der Wirtschaft nicht im Alleingang umgesetzt werden. Sie ist auf die passenden Rahmenbedingungen angewiesen. Die Politik muss handeln und entsprechende gesetzliche Hürden weiter abbauen, wie sie es zum Beispiel beim öffentlichen Beschaffungswesen getan hat, oder Anreize anderer Art schaffen. Nicht zuletzt muss die Bevölkerung für das Thema Kreislaufwirtschaft sensibilisiert werden – um auch bei ihr entsprechende Ab-nehmer für kreislauffähige Produkte zu finden – und über mögliche Rücknahmeprozesse aufgeklärt werden.

Kreislaufwirtschaft geht weit über blosses Recycling hinaus. Kreislaufwirtschaft ist auch nicht grundsätzlich nachhaltig, wenn zum Beispiel der Energieverbrauch für eine Wiederverwertung nicht mit einberechnet wird. Kreislaufwirtschaft kann jedoch eine grosse Chance für Unternehmen sein, sich gewinnbringend und zukunftsfähig aufzustellen. Und sie ist unumgänglich, wenn es darum geht, unseren Ressourcenverbrauch zu verringern bei gleichzeitigem Erhalt unseres Lebensstandards.

 

Sunna Seithel ist zuständig für Kommunikation bei Öbu, dem Verband für nachhaltiges Wirtschaften. Alle genannten Unternehmen sind Öbu-Mitglieder. Der Verband organisiert unter anderem die erfolgreiche Veranstaltungsreihe «Fokus Kreislaufwirtschaft» sowie die Nachhaltigkeitskonferenz «Forum ö» am 31. Oktober und betreibt die Website gocircular.ch. www.oebu.ch

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Kommentare

Juerg von Burg

01.09.2019|14:17 Uhr

Dank an den Autor! Ich bin ja nicht ein Grüner - dieser Satz entlarvt ("Nicht zuletzt muss die Bevölkerung für das Thema Kreislaufwirtschaft sensibilisiert werden") ;-) , aber der Artikel "zwingt" mich förmlich (darum Dank an den Autor) über die gesamte "Abfall-Problematik" noch einmal nachzudenken und mir fallen da ein paar spannende Dinge ein - zuerst einmal die Natur, da gibt es kein Abfall (aber Kreisläufe) und dann z. B. dass radioaktiver Abfall plötzlich wiederverwertet werden kann. Wird für mich spannend, darüber zu schreiben (blog.jvbc.ch) - werde wohl eine Woche brauchen ...

Juerg von Burg

01.09.2019|12:58 Uhr

Interessant, viel Potential für die Zukunft. Ein wenig vergleichbar mit geschickten Fruchtfolgen in der Landwirtschaft. Nur Innovationen bringen Fortschritt, nicht Steuer noch Subventionen.

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