Beitrag zu einer besseren Welt

Nachhaltigkeit will Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft in Einklang bringen. Wie können wir dieses scheinbar widersprüchliche Ziel erreichen?

«Nachhaltigkeit» ist ein grosses Wort. Heute gibt es kaum mehr eine Publikation, die ohne es auskommt. Wenn der Begriff redlich eingesetzt wird, dann ist damit das Streben nach der Quadratur des Kreises gemeint, die gleichzeitig ökonomisches, ökologisches und gesellschaftliches Handeln miteinander in Einklang bringt. Im Ergebnis kann man damit einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Diese einfache, fast freche Aussage ist durchaus ernst gemeint: Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, will ein Weltverbesserer sein – und dies in einem positiven und nicht, wie so oft klischeehaft kolportiert, in einem zynischen oder abschätzigen Verständnis.

Als Veranstalter der Lifefair-Foren und des Swiss Green Economy Symposium erleben wir dies mehrfach pro Jahr: Die Menschen, die sich als Vertreter von Unternehmen, Politik, Wissenschaft oder Zivilgesellschaft bei uns über Nachhaltigkeit austauschen, sind bestrebt, die Welt besser zu machen. Das ist eigentlich erstaunlich, denn es klingt unmodern und fast ein bisschen naiv. Dennoch ist es wahr.

Diese Botschaft an alle Zyniker: Die Welt verbessern, dies geht natürlich nicht immer einfach, schon gar nicht ohne Konflikte – aber es geht, und zwar nur im Dialog.

Vor acht Jahren haben wir mit der Arbeit begonnen, über Nachhaltigkeit mit Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und NGOs zu diskutieren. Vielseitig, vielschichtig und divers: Mit dem Lifefair-Forum und dem Swiss Green Economy Symposium sind damals die Plattformen entstanden, die bis heute über 10 000 Menschen zusammengebracht haben. Diese Plattformen helfen mit, komplexe Probleme auf den Tisch zu bringen und die Menschen miteinander zu verknüpfen, welche Lösungen finden wollen und eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung befürworten. Getragen werden diese Plattformen durch Unternehmen, Behörden, Beiräte und zahllose mitwirkende Helfer und Teilnehmer, die sich jedes Jahr engagieren und so den Gedanken weitertragen.

Erklärungsgehalt und Wahrheitswert

Aufgrund dieser langjährigen Erfahrung vertreten wir die unumstössliche Ansicht, dass eine echte gelebte Nachhaltigkeit nur dann möglich ist, wenn Organisationen den Dialog aushalten und sich Fragen stellen und stellen lassen, die substanziell sind. Also Fragen, die an die Substanz gehen. Echte Nachhaltigkeit öffnet sich der Diskussion, dem stetigen Hinterfragen. Dies ist alles andere als leicht. Deshalb ist es verständlich, dass nicht alle gleichermassen dazu bereit sind.

Konstruktiv-kritischer Dialog ist nicht leicht auszuhalten. Dies gilt ausnahmslos für alle Interessengruppen – Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und NGOs. Diese bilden oft in sich geschlossene Communitys mit je eigenen Denk- und Glaubensgebäuden, mit etablierten Grundsätzen und Tabus. Echter Dialog erfordert die Öffnung, die Bereitschaft dafür, in Frage gestellt zu werden. Dass Grundsätze systematisch auf ihren Erklärungsgehalt und Wahrheitswert abgeklopft werden. Eigennütziges Greenwashing, kollektives Bashing, medial befeuerte Skandalisierung, einseitige Schuldzuweisungen und eifersüchtige Verweigerung der Zusammenarbeit, weil der andere zuerst die gute Idee hatte, werden durch verständnisvolles Zuhören abgelöst. Zuhören heisst aber nicht zustimmen. Echter Dialog ist keine Harmonieveranstaltung, welche über tatsächliche Meinungsverschiedenheiten einen süssen Zuckerguss der Einigkeit giesst.

Echter Dialog braucht von allen Seiten Toleranz – und Toleranz bedeutet auch, unangenehme Themen auszuhalten. Man muss auch damit umgehen können, dass man bei manchen Fragen eingestehen muss: Wir haben noch keine Antwort!

An dieser Stelle möchten wir einen Einblick in ein paar Erlebnisse geben, die andere ermuntern sollen. Wir wollen, dass immer mehr Menschen erkennen, wie wichtig eine Dialogkultur ist, um nachhaltige Ziele zu verfolgen.

«Yes, we discuss»

Vor einem Jahr haben wir uns entschlossen, das Symposium in diesem Jahr unter das Motto «Lustvolle Zusammenarbeit für Nachhaltigkeit» zu stellen. Gemeint ist damit, dass die Arbeit an den Themen rund um die Nachhaltigkeit Freude machen soll. Denn wer mit Freude ans Werk geht, kann auch wirklich kreativ sein und gemeinsam mit anderen Partnern aus Unternehmen, Behörden, Wissenschaft und Zivilgesellschaft neue Wege gehen. Oft lassen sich bei schwierigen Herausforderungen nur gemeinsam Lösungen finden.

Tatsächlich sind wir gelegentlich auf Ablehnung gestossen: Lust und Nachhaltigkeit – so haben wir gehört –, das passe doch nicht zusammen. Das sei doch nicht seriös, wir würden die Themen rund um die Nachhaltigkeit nicht ernst nehmen, wenn wir «lustvoll» ans Werk gingen. Spannend wäre es doch, der Frage nachzugehen, ob das Gegenteil von Lust eine bessere Alternative darstellen könnte, um nachhaltige Lösungen gemeinsam zu erarbeiten? Wir sind überzeugt, dass die positive Grundhaltung des «Yes, we can», kombiniert mit «Yes, we discuss», am meisten Energie für nachhaltige Fortschritte auslöst.

Gewinn muss sein

Unser letztes Symposium stand unter dem Motto der «nachhaltigen Gewinne». Auch hier liess die Reaktion nicht lange auf sich warten. Gewinn oder Profit wurden teilweise einseitig als «Überprofit» oder als ungerechtfertigte Abzocke und Bereicherung verstanden. Dabei hatten wir etwas anderes im Sinn: Darüber zu sprechen, wie wir Gewinne für Gesellschaft, Umwelt und Unternehmen erzielen können. Es war uns wichtig, die Diskussion darüber anzustossen, welche Gewinne wir erzielen wollen und wie wir sie genau messen. Bitte stellen Sie sich die Frage: Kann etwas nachhaltig sein, das nicht gleichzeitig einen ökologischen, sozialen oder ökonomischen Mehrwert bringt?

Wir erleben in unserer Arbeit immer wieder, wie schwierig und gleichzeitig wie wichtig es ist, Grenzen zu überschreiten und die eigenen und fremden Vorstellungen zu hinterfragen. Erst diese Offenheit und die Bereitschaft zum Dialog machen innovative Lösungen möglich. Aber wie gesagt: Oft ist dieser Prozess mit der Überwindung verbunden, eigene Denkschemen zu hinterfragen. Das ist nicht immer bequem.

Dabei ist allen klar: Sachlichkeit und Dialog sind notwendig, um die Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversität, soziale Gerechtigkeit, Schaffung von Wachstum und Wohlstand anzupacken. Eigentlich alle Themen, die im Rahmen der siebzehn «Sustainable Development Goals» der Uno zusammengefasst sind, bedürfen einer sachlichen, ergebnisoffenen und wissenschaftlich fundierten Diskussion, welche Lösungsvorschläge hervorbringt, die dann in einem gesellschaftspolitischen Prozess diskutiert werden.

Als Alternative zu ideologischen Positionsbezügen, zum Festhalten an Dogmen oder zur Weigerung, sich auf einen konstruktiven, freudvollen und kreativen Weg zu begeben, wollen wir durch den Dialog in einer konstruktiven Atmosphäre einen Beitrag leisten, damit gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Fortschritt möglich ist.

 

Anne Le Duc ist CEO von Lifefair, die das Swiss Green Economy Symposium am 3. September 2019 in Winterthur verantwortet, den mit 800 Teilnehmern umfassendsten Anlass für Nachhaltigkeit in der Schweiz. www.sges.ch

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