Lob der Flugscham

Dass durch die Klimabewegung der Begriff der «Scham» eine Renaissance erlebt, ist eine durchwegs positive Sache.

Das Schamgefühl stand in den letzten Jahrzehnten nicht sehr hoch im Kurs. Die 68er liessen die Hüllen fallen, foutierten sich – oftmals zu Recht – um alte Werte. Plötzlich war vieles möglich, was einst verpönt war. «Anything goes» hiess das Credo, die Scham war hierfür ein Hindernis, sie musste weg. Tadelten Pädagogen und Eltern die Kinder einst mit dem Ausdruck «Schäm dich!», so lautete das zentrale Erziehungselement plötzlich: «Du brauchst dich nicht zu schämen!»

So begrüssenswert dieser Wandel in vielerlei Hinsicht war, die negativen Nebeneffekte sind bis heute frappant. Denn Scham- und Schuldgefühle sind Ausdruck dafür, dass der Mensch über ein Moralempfinden verfügt, dass er spürt, was richtig und was falsch ist.

Sich zu schämen, ist etwas spezifisch Menschliches, gekoppelt an die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur Selbstachtung. Entsprechend entwickelt sich diese Gefühlsregung bei Kindern erst ab dem dritten Lebensjahr. Dann aber in voller Stärke, inklusive körperlicher Begleiterscheinungen wie Erröten, erhöhten Herzschlags, Schlaflosigkeit und so fort.

Dies geschieht nicht ohne Grund. Das Schamgefühl erfüllt einen wichtigen sozialen Zweck, sowohl für das Individuum (Schutzfunktion) als auch für die Gesellschaft. Rücksichtsloses und egoistisches Verhalten wird durch die quälende Empfindung der Scham zurückgebunden. Geht dieser Reflex verloren, hat dies unschöne Konsequenzen. In der Regel tritt dann umgehend der Staat in Aktion mit neuen Gesetzen, Verboten und Überwachungsmassnahmen. Diese Tendenz ist überall zu beobachten: Wo sich die Leute nicht mehr schämen dafür, Abfall auf den Boden zu werfen, wird über Littering-Bussen diskutiert; bieten Zugpassagiere einer gebrechlichen Person nicht freiwillig ihren Sitzplatz an, müssen spezielle Behindertenplätze her; nehmen die Leute nicht Rücksicht auf Nachbarn, werden Lärmgesetze gefordert. Dinge, die als selbstverständlich galten, müssen plötzlich reglementiert werden.

Tadel nach Grossmutters Manier

Aber auch auf höherer Ebene zeigen sich die Auswirkungen dieses Wandels. Das Schamgefühl sorgte zum Beispiel lange dafür, dass in der Schweiz trotz Bankgeheimnis eine im Vergleich hohe Steuerehrlichkeit herrschte. Die Steuerdaten waren öffentlich einsehbar, die soziale Kontrolle funktionierte, niemand wollte riskieren, im Dorf als Steuersünder blossgestellt zu werden. Entsprechend bezahlten die Leute von sich aus ihren Obolus. Dass das einst so hochgehaltene Schweizer Bankgeheimnis praktisch widerstandslos gefallen ist und der Staat mehr denn je in der Privatsphäre rumschnüffeln darf, ist mitunter das Resultat einer über alle Bildungs- und Einkommensschichten schamloser gewordenen Gesellschaft.

Wenn die Klimajugend nun ganz konservativ von den Leuten «Flugscham» einfordert – also die Flugreisenden nach Grossmutters Manier tadelt: «Schämt euch!» –, so ist dies zu begrüssen. Einerseits, weil grossmundig mehr Klimaschutz zu fordern und trotzdem auf die andere Seite der Welt zu fliegen, tatsächlich ein Grund ist, sich zu schämen. Andererseits, und das ist viel wichtiger: Wer an so etwas wie «Flugscham» glaubt, der glaubt an Selbstregulierung und Eigenverantwortung, ganz im liberalen Sinne.

Wem Fliegen zu umweltschädlich erscheint, der soll es lassen. So einfach ist das. Zu befürchten ist aber, dass die zumeist gutsituierten Klimawarner stattdessen das Fliegen durch neue «Umwelt-Abgaben» und «CO2-Kompensationen» zu verteuern versuchen. Damit sie selber weiterhin in die Ferien fliegen können. Ganz ohne sich dafür schämen zu müssen.

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Kommentare

Marcel Egli

25.08.2019|16:21 Uhr

Gibt es Scham für Charakterlosigkeit der Grünen, Linken und Netten? Freue mich über jede Meile, die ich fliege. Gab es nicht den Sozi im Nationalrat, der einsamer Spitzenreiter beim Fliegen war. Wundert mich übrigens, dass es in den letzten Tagen mit den etwas kälteren Temperaturen keine Up-Dates über Temperaturen gegeben hat. Wäre wohl nicht so prächtig rausgekommen für den Fanclub von Greta. Bäumle & Co. träumen bereits von Steuern, Abgaben und Schikanen, die sie nach den Wahlen implementieren können. Arbeitsplatzverluste rund um das Fliegen gehen am A. vorbei. Lieber Dübendorf zubetonieren.

Marco B

25.08.2019|04:48 Uhr

Sie meinen vermutlich die Schamgefühle betreffend Sexualität, @JvB. Daneben gibt es aber noch ganz andere und sie sind alle anerzogen. Man kann sich beispielsweise dafür schämen, Fehler gemacht zu haben oder sich vor versammeltem Plenum zu blamieren. Scham lässt sich übrigens auch ebenso abtrainieren, wie sie antrainiert ist. Naturvölker kennen z. B. keine körperliche Scham. Und wenn Sie wollen; sogar Adam hat sich erst nach Evas Verführung für seine Nacktheit geschämt.

Juerg von Burg

24.08.2019|19:29 Uhr

Scham gibt es natürlicherweise und kommt mit der Pubertät (spätestens). Moral ist tradiert, politische Moral ist künstlich und hat zuerst einmal mit Scham nichts am Hut, wird aber beabsichtigt zu Keule.

Inge Vetsch

24.08.2019|15:57 Uhr

Exzellente Kolumne

Markus Spycher

22.08.2019|09:29 Uhr

Schamhaftigkeit ist nur eine List, die der Hingabe mehr Wert verleiht.

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