Trump des Pop

Dieser Mann ist eine Erholung, denn er behauptet nicht, dass er die Welt retten will. Wie toll ist das denn, in einer Zeit, in der es zum guten Ton gehört, das Behaupten! Jetzt kommt Dieter Bohlen für ein Konzert in die Schweiz.

Er lebt die grosse Tautologie, die besagt: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Er hat unzählige Songs geschrieben, Stars produziert, unzählige Auftritte absolviert, unzählige Flops überstanden und eine unendliche Kette von Hits unterm Gürtel. Und strahlt über alle Grübchen.

Wenn Deutschland die USA wäre, käme er aus dem Kalifornien der Surfer, der Beach Boys der frühen Sixties, braungebrannt, weisses Gebiss, beste Laune. Dabei stammt er aus Oldenburg. Doch als Mister Sorgenfrei ist er der Grösste, ein ständig lachender Dritter, der singende Kapitalismus.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des grauen Stalinismus im Ostblock gab er ein Konzert auf dem Roten Platz, wie Paul McCartney, und er wurde gefeiert wie dieser, denn Dieter Bohlen war mit seinem Partner Thomas Anders als Modern Talking aufgetreten. Das waren noch die Zeiten mit den Strampelanzügen aus Ballonseide und den Schulterpolstern, und Modern Talking waren in Russland genauso beliebt wie in Afrika und Asien, eben wie früher die Beatles. Und nun tritt er nach sechzehn langen Jahren erneut auf, eine wahrhafte Comeback-Tour, obwohl er eigentlich nie richtig weg war, denn als Juror und Kopf der erfolgreichen Casting-Show «Deutschland sucht den Superstar», kurz DSDS, sowie durch seine diversen Ehen gehört er zu den Fixsternen von Magazinen wie «Gala» oder «Bunte».

Eher Baugewerbe als Silicon Valley

Dieter Bohlen, 65, hat jüngst Twitter und Instagram für sich entdeckt, mit einer bereits jetzt auf Millionenhöhe angeschwollenen Gefolgschaft, und da er nicht den Kapitalismus des Silicon Valley verkörpert, sondern eher das Baugewerbe, sieht das in seinen Gute-Laune-Filmchen dann so aus: blauer Himmel über der Yacht, weisser Hoodie, der nur noch von seiner Zahnreihe überstrahlt wird.

Wenn er sich auf etwas versteht, dann auf den direkten Draht zu seinem Publikum, die Betonung liegt auf seinem, so wie Donald Trump zu seinen Wählern spricht, unter Umgehung der gängigen Medien und ernsthaften Feuilletons, die ihn ohnehin verachten, denn er ist klar und vulgär und geradeaus.

Man nennt das politisch inkorrekt oder auch wohltuend authentisch, wenn Bohlen in seiner Show einem Möchtegern-Star zuruft: «Du singst zum Hinknien, aber nur, damit man sich nicht auf die Schuhe kotzt.»

Rüder Dieter, toller Dieter, er ist der verdammte Donald Trump des Pop («You are fired!»). Er trug sogar eine Weile die gleiche Frisur, und das ist echter Mut!, und sein Millionenpublikum weiss: Wer sich in Gefahr (in Bohlens Show) begibt, kommt darin um, und es lacht sich scheckig.

Unlängst geriet sich der «Diedää» mit dem politisch korrekten Berlin in die Haare, mit der Staatssekretärin Sawsan Chebli, ja genau, jener Dame aus einer Palästinenserfamilie mit dem Dutzend von Geschwistern, worauf hinzuweisen sie selber nicht müde wird. Denn Bohlen fragte in seiner erfolgreichen, nein, wir sind bei Bohlen, also megaerfolgreichen Casting-Show «Das Supertalent» das fünfjährige Mädchen Melissa mit dem olivfarbenen Teint, woher sie denn komme, worauf sie antwortete: «Aus Herne», ein Städtchen in Nordrhein-Westfalen. Bohlen setzte nach: «Und deine Eltern?» Womöglich war hier eine interessante Integrationsstory wie die der Sawsan Chebli zu erzählen.

Und da grätschte die emsig twitternde Chebli ultrabetroffen und con brio hinein: «Wie soll eine deutsche Identität entstehen, wenn einem das Deutschsein abgesprochen wird, weil man anders aussieht? Es ist nicht lustig. Es ist traurig, und es hat fatale Auswirkungen», schrieb die 41-Jährige – und löste damit prompt die erwünschte Debatte über den deutschen Rassismus im Allgemeinen und Vulgär-Diedää im Besonderen aus. Bohlen ignorierte.

Das tatsächlich Fatale beziehungsweise Pittoreske an der Sache ist, dass Sawsan Chebli in eine eher Bohlen-typische Schlagzeile geriet, denn die linke Politikerin («Wir sind zu wenig radikal»), die sich auf der Seite der Armen wähnt, posierte mit einer teuren Rolex.

Bohlen würde fünf Rolex-Uhren übereinander tragen, wenn das nicht so bescheuert aussehen würde, und zwar ohne alle Gewissensbisse, denn, wie bereits erwähnt, nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

Dabei war er mal in der SDAJ, der Jugendorganisation der Deutschen Kommunistischen Partei, also links, und er erzählte mir davon ausgerechnet in Havanna, der bis auf die Häuserskelette heruntergewirtschafteten und abgenagten sozialistischen Karibik-Perle. Fidel lebte noch, gegenüber das Glühlampenporträt von Che Guevara auf der Fassade des Innenministeriums, hochhausriesig, nun vom DSDS-Emblem überstrahlt.

Tatsächlich, eine Staffel der Show wurde hier aufgezeichnet. Neugierig kichernde Mädchen und glutäugige Burschen auf dem Prado, auf den weissen Marmorbänken, zwischen den Bronzelöwen, unter den Ficus-Bäumen, Scheinwerfer in tropischer Nacht.

Beeindruckt war Bohlen, so erzählte er, besonders von den disziplinierten Kolonnen von Uniform tragenden Schülern*Innen, die er auf den morgendlichen Joggingläufen mit seinem Sohn erlebt hat. Unverkennbar mochte er Zucht und Ordnung, wie sozialistisch auch immer, ausgerechnet er. «Fridays for Future» in Havanna, undenkbar.

Aber wieso eigentlich «ausgerechnet» Bohlen? Er war wohl genauso strebsam, mit fünfzehn in diesem Nest in Ostfriesland, und später in Oldenburg, denn er legte ein Abitur mit Einsern hin, was in der Schweiz Sechsern entspricht, während auf einem andren Planeten Woodstock veranstaltet wurde. Danach studierte er auf Wunsch des Vaters Betriebswirtschaftslehre, und das in Rekordzeit.

Erst das Fundament legen, dann der Spass. Und meinetwegen Woodstock. Wir waren beide damals fünfzehn, ich hab ihn nicht danach gefragt, an der Kinokasse zum Film «Woodstock» gab es zusammen mit dem Ticket geflochtene Hippiehaar-Gummibänder aus Taiwan (Merchandising!), und wahrscheinlich hätte er wie ich Jefferson Airplane gemocht, schon des Namens wegen, aber der im Film dokumentierte Dreck der bedröhnten Konzertbesucher und die Wasserschlachten der nackten Langhaarigen hätten ihn gründlich abgetörnt.

Woodstock übrigens wird fünfzig und wurde gerade im Spiegel in einem erstaunlich braven und politisch korrekten Jubiläumsaufsatz als, na klar, Gründungsmythos der braven grünen Neo-Hippies von heute abgefeiert, aber Woodstock heute, wo doch der Wahnsinn Regierungsdoktrin ist? Wo soll da der Witz liegen?

Logisch, dass Dieter Bohlen Musik für genau die anderen macht, die eher «Malle» (Mallorca) und Goldketten und «Lambis» (Lamborghinis) «goil» finden. Oder auch, um es mit Mark Medlock zu sagen, dem Sieger der vierten Staffel von DSDS, für den Bohlen selbstredend anschliessend auch Hits komponierte und produzierte: «Isch glaw es net, des isch ja zum Abspritze geil.»

Bohlen, der mit allen Wassern gewaschene Allrounder, der immerhin Sachen wie «Midnight Lady» für den Smokie-Frontman Chris Norman komponierte und in die Charts-Stratosphären schoss, der Yvonne Catterfeld entdeckte und produzierte, Bohlen also ist nicht nur gemeinsam mit dem schmachtenden Lipgloss-Sidekick Thomas Anders und Hits wie «Brother Louie» oder «Cheri, Cheri Lady» zu Popruhm gelangt – diese Disconummern mit den stampfenden Beats und Falsettstimmen erinnerten ein bisschen an die Bee Gees und ein bisschen an alles andere – nein, er ist viel, besser: Er ist viele mehr.

Seine Bands und kurzlebigen «Projekte» wie Art of Music, Dee Bass, Howard Houston, Jennifer Blake, Joseph Cooley, Marcel Mardello, Steve Benson, Atisha, David Bernhardt oder Mayfair, Monza, Foolish Heart, Countdown G.T.O., Hit the Floor oder Major T. – kurz, sie sind so zahlreich wie Briekastenfirmen auf Malta.

Weil alles bei Bohlen an alles aus der riesigen Musikbox des Pop erinnert, ist er auch völker- und vor allem generationenübergreifend, weshalb seine Konzerttournee, die in Berlin beginnt und am 14. September in Zürich stationiert, nicht nur die Mütter mit den Angorapullis aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts interessieren wird, sondern auch ihre Töchter und Enkelinnen, die ohnehin den gleichen Modeschmuck tragen, wenn auch nicht mehr die Schulterpolster, aber das war in Konzerten anderer Langlebigkeitswunder wie Madonna nicht anders.

Griff zu «Kings of Cool»

Bohlen, der bodenständige Mister Normalo aus Oldenburg auf seiner Jacht, mit dem perlweissen Lachbalken und den Grübchen im Mallorca-braunen Gute-Laune-Gesicht, er wird sie genau da abholen, wo sie im grauen Alltag warten und von Wundern und Glamour und ewiger Jugend träumen, und mit ihnen gemeinsam auf Reisen gehen.

Die ewige Casting-Show läuft weiter, und er wird beweisen, dass er besser singt als «sogn wia ma oin Gadenzwerch auf Ecstasy, Oldä», und missgünstige pop-philosophische Kulturkritik und Verrisse wird er einfach der schlechten Laune der Schlechtgelaunten zuschreiben und auf dem Weg zur Bank lachen. Denn nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, jetzt mal rein kohlemässig.

Sein Vermögen wird auf 250 Millionen Euro geschätzt. Und nach den Konzerten würde Bohlen, der Fitness-Prediger, die Vitaminbombe auf zwei Beinen, vielleicht amüsiert zu Don Winslows «Kings of Cool» greifen, diesem aberwitzigsten Thriller über die kalifornische Drogenkultur der späten Sixties und die Surfer-Hippie-Woodstock-Meute, geschrieben wie ein Quentin-Tarantino-Drehbuch, und er würde Winslows Verachtung für Grüne und amerikanische Liberale, also Linke und die ganze halbgar aufgewärmte Woodstock-Mischpoke, teilen: «Liberale sind Leute, die ihre Feinde mehr lieben als ihre Freunde, die jede andere Kultur der eigenen vorziehen, die sich für Erfolge schämen, aber nicht für Niederlagen, die Profit verachten und Leistung bestrafen.»

Ach so, der das im Buch sagt ist Chon, der Realist, ein Afghanistan-Kämpfer und Dealer von Turbo-Marihuana in Laguna Beach, Kalifornien, wo die Welt immer schon bunter war als in der ideologisch verklemmten deutschen Kästchenwelt.

Lesen, Leute, «Kings of Cool», und dazu Grace Slicks «White Rabbit» aus dem Woodstock-Wahnsinn hören – oder eben irgendwas von Bohlen, was im Glücksfall so ähnlich klingt.

 

Dieter Bohlen tritt am 14. September mit den Hits von Modern Talking, Blue System und «Deutschland sucht den Superstar» im Hallenstadion auf.

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Kommentare

Brigitte Miller

17.08.2019|08:54 Uhr

Herrlich. Bohlen wirkt halt etwas unmoralisch auf gewisse Leute.

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