Ist es Männerhass?

Verzückt von ihren Ressentiments gegenüber Männern, übersehen einige Frauen, dass sie ein Klima der Spaltung herbeiführen.

Vorausschicken möchte ich ein Zitat des deutschen Journalisten Gabor Steingart, der neulich empfahl, man solle sich über Dinge nicht ärgern, sondern «nur wundern». Das war zwar zum Thema Politik, ich halte es aber allgemein für einen sinnvollen Rat.

Und so habe ich mich gewundert über einen Tweet, der vergangene Woche die Runde machte: «‹Nein danke, es geht› zu sagen zu einem weissen Mann mittleren Alters, der mir im Flugzeug anbot – und anfing –, meinen Koffer für mich aus dem Gepäckfach zu nehmen, war ein schnell berechneter Akt des Widerstandes.» Ja, es empfiehlt sich zweimaliges Lesen. Verfasserin ist eine Caroline Rothstein aus New York, in ihrem Profil beschreibt sie sich als Autorin, Poetin, Educator – Pronomen: she/her. Das mit der Pronomen-Angabe ist unter sogenannt «progressiven» Menschen im Trend, muss man wissen.

Wo fangen wir an? Das Angebot eines Mannes ablehnen, der mit dem Koffer helfen möchte, und das stolz als Zeichen von Empowerment und «Widerstand» bei Twitter kundtun, mit dem Hinweis auf seine weisse Hautfarbe – es ist wirklich unverständlich, warum radikalen Feministen so viel Ablehnung entgegenschlägt.

Es kommt noch besser. Einige User – aus unseren Breitengraden – sprachen bei dem Mann, der sich zu dem Vergehen Hilfsbereitschaft hinreissen hat lassen, von Übergriffigkeit. «Anbieten ist nett. Aber das gleich machen, ohne eine Antwort abzuwarten? Das ist übergriffig.» Oder: «Er hat ungefragt mit der ‹Ausführung› begonnen, da würde ich auch allergisch reagieren.» Das Faible für Skandalisierung ist bezeichnend für heutige Empfindsamkeiten, wo der Status einer Person steigt mit der echten oder angeblichen Diskriminierung, die sie vorweisen (oder auch nur andeuten) kann. Man könnte meinen, der Mann habe die Frau sexuell belästigen wollen. Die Rhetorik wäre dieselbe. Dabei hat er wohl einfach unbewusst seine Hand an den Koffer gelegt, ohne die Millisekunde ihrer Antwort abzuwarten. Die meisten Menschen helfen Fremden spontan. Deswegen «allergisch» reagieren? Reicht diesen Leuten mal bitte jemand Baldriantropfen.

 

Was ist eigentlich los mit den Frauen? Will man sich auf die Art in Szene setzen? Ist es Männerhass? Angeblich geht es um Gleichberechtigung, unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung aber schlummert bei einigen die pure Feindseligkeit. Und sie ist grotesk. Seit wann wird Hilfsbereitschaft nicht einfach mehr als das wahrgenommen, was sie ist: als Zeichen von Menschlichkeit und Entgegenkommen? Warum kriegt Applaus, wer sich öffentlich von Höflichkeit distanziert und mit seiner Ablehnung gegen Männer prahlt? Rothsteins Tweet, der wie eine Kombination aus Rache und Selbstbefriedigung daherkommt, hat 3300 Likes. Dies ist auch keine Ausnahmeerscheinung; auf Frauen, die ihre Ressentiments gegenüber Männern in Kommentaren oder Artikeln ausdrücken, trifft man praktisch jeden Tag.

Männerhass sei weit verbreitet, schrieb der kanadische Soziologieprofessor Anthony Synnott 2010 auf der Website von Psychology Today. Misandrie sei teilweise eine Reaktion auf Frauenfeindlichkeit und auf die reelle oder vermeintliche Unterdrückung von Frauen. Während man den Feminismus aber nicht kritisieren dürfe, gebe es viele Feministen, die Männer auf sexistische Weise kritisieren. Synnott nennt Beispiele von prominenten Feministinnen, die Männer als «Feinde» bezeichnen (Marilyn French) oder als «das Todes-Geschlecht» (Rosalind Miles). Bei uns trendete vor einiger Zeit der Hashtag hMenAreTrash. Die verstorbene britische Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing sagte schon 2001: «Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird.» Und: «Die dümmsten, ungebildetsten und scheusslichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen.»

 

Eigentlich könnte es uns ja egal sein, wenn dieser Typ Frau mit seiner verzerrten Auslegung von Emanzipation konsensuelle Gebote des Anstands und der guten Erziehung in etwas Ablehnendes und Verwerfliches dreht. Das Problem ist, dass dieser lachhafte Protest – auch wenn es einige nicht wahrhaben wollen – einen Impact auf das Verhalten von Männern hat. Ich weiss von vielen anständigen Typen, die heute wegen genau solcher Vorkommnisse zögern, einer Frau zu helfen (aufdringlich!), ihnen etwas zu erklären (Mansplaining!), die sich Komplimente, Galanterie oder spontane Gesten wie auf den Arm tippen (sexuelle Belästigung!) abgewöhnt haben, weil sie sich nicht in unnötige Scherereien verwickeln lassen möchten.

Wenn wir an dem Punkt angelangt sind, wo Männer es sich zweimal überlegen, ob sie einer Frau gegenüber hilfsbereit sein sollen oder eher nicht, da es falsch verstanden werden könnte, hat der Feminismus ansehnlichen Schaden angerichtet. Da geht es dann auch nicht mehr um die Rechte der Frau – sondern um Dominanz, um ein Wir-gegen-sie-Denken, gefördert wird ein Klima der Spaltung zwischen den Geschlechtern.

Vor allem aber leiden dann Frauen wie ich und viele meiner Schwestern im Geiste, die wir Galanterie schätzen – wenn uns aus Angst vor Ärger kein Mann mehr anbietet, den schweren Koffer aus dem Gepäckfach zu hieven.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Kommentare

Brigitte Miller

18.08.2019|15:03 Uhr

Man bleibt sprachlos ob so viel Dummheit und Kurzsichtigkeit. Statt Baldrian empfehle ich Haldol.

Martin J. Fischer

18.08.2019|09:56 Uhr

Ich bin seit je auch bei höflichem Verhalten Männern gegenüber öfters auf Unverständnis und merkwürdige Reaktionen gestossen, habe mich jedoch dadurch nie beirren lassen, sondern jeweils nur gedacht: «Armes Schwein.» Oder Arme Sau. Was letzteres nunmehr vielleicht auf die weibliche Variante anzuwenden wäre. Ich werde es weiterhin mit der Courtoisie und Freundlichkeit – auch Unbekannten gegenüber – halten, auf das Risiko hin, damit anzubrennen, und dann halt mit den Schultern zu zucken; denn sie sind das Öl im Zusammenleben, und darauf zu verzichten wäre eine Bankrotterklärung vor der Barbarei.

Marco B

17.08.2019|20:59 Uhr

Frau will gar nicht geholfen werden, das Angebot dafür alleine genügt ihr. Mann macht ihr aus Höflichkeit gerne diesen Gefallen, was beiderseits zur Glückshormonausschüttung und kurzfristigen (aber kumulativen) Steigerung des Selbstwertgefühls führt. Also alles in Butter? Fast. Mann muss einfach damit rechnen, dass ca. jede zehnte Frau zu der Gruppe gehört, die sich bei jeder noch so entfernten Anbahnung von Sexualität angegriffen fühlt. Und so ein Hilfeangebot genügt in deren Empfinden bereits als "Anbahnung". Was dann ebenfalls beiderseits zur Hormonausschüttung führt; aber Adrenalin.

Markus Spycher

16.08.2019|11:48 Uhr

Ähnlich verhält es sich beim Helfen mit Kinderwagen bei Hindernissen. Nach der Frage "Soll ich helfen?" warte ich vorerst ab. Entweder kommt ein "Ja, gerne" - in den allermeisten Fällen mit einem Lächeln begleitet - oder aber ein "Danke, es geht", weil die Frau beweisen will, dass sie ihr Wägelchen mit links aus einem alten Züri-Tram hinaus hieven kann. Auch dann ziehe ich den Hut.

Normann Hillesheim

15.08.2019|15:27 Uhr

«Er hat ungefragt mit der ‹Ausführung› begonnen, da würde ich auch allergisch reagieren.» Das habe ich sinngemäß auch in dem Thread geschrieben, bin aber selber männlich, weiß und hetero. ;-) Natürlich ist ein Hilfsangebot immer nett. Trotzdem sollte man abwarten ob der oder die Angesprochene das überhaupt will. Das hat der Herr im vorliegenden Fall aber nicht getan, sondern gleich den Koffer genommen und genau darauf bezog sich die Kritik.

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