Diese Frauen machen die Schweiz reicher

Sie leiten den riesigen Apparat einer Grossbank, trotzen amerikanischen Wirtschaftssanktionen, vertreten beargwöhnte Firmen aus der Tabak- oder Rohstoffindustrie oder bauen pionierhafte Start-ups im Neuland der umstrittenen Kryptowährungen auf: Das sind die mutigsten Managerinnen der Schweiz.

Viel wird über die mangelnde weibliche Vertretung in den Führungszirkeln der helvetischen Wirtschaft gesagt und geschrieben. Die Politik will den Frauen jetzt sogar mit einer weichen Quote für Verwaltungsräte auf die Sprünge helfen. Dabei gibt es sie doch, die tüchtigen Managerinnen, die höchst effektiv in anspruchsvollen Schlüsselpositionen von Corporate Switzerland tätig sind. Geräuschlos tragen sie zum Wohlstand des Landes bei – ohne Aufheben um ihr Frausein zu machen.

Shannon Thyme Klinger, Group General Counsel, Novartis - Von den Verträgen, die sie aushandelt, hängen Milliarden ab: Die amerikanische Anwältin Shannon Thyme Klinger ist Chefjuristin beim Pharmariesen Novartis. Bei Rechtsstreitigkeiten hat sie das letzte Wort über die juristische Strategie. Sieg und Niederlage entscheiden über gewaltige Summen. Thyme Klinger hat ihre ganze Karriere als Juristin in der Pharmabranche absolviert. Zunächst als Spezialistin bei amerikanischen Wirtschaftskanzleien und später bei pharmazeutischen Unternehmen. Seit dem Jahr 2011 ist sie bei Novartis, zunächst als Chefjuristin der Novartis-Tochter Sandoz in Nordamerika. Im vergangenen Jahr rückte sie in die Konzernleitung auf, nachdem ihr Vorgänger Felix Ehrat wegen eines umstrittenen Vertrags mit Ex-Trump-Anwalt Michael Cohen seinen Platz geräumt hat. Thyme Klinger hat in ihrer Zeit als Chief Ethics and Compliance Officer einen neuen, konzernweit gültigen Handlungsleitfaden für sämtliche Mitarbeiter erarbeitet, der das Risiko von justiziablem Fehlverhalten reduzieren soll.

 

Franziska Tschudi Sauber, Inhaberin und CEO, Weidmann Holding - Die Weidmann Holding (früher Wicor Holding) in Rapperswil ist als Industrieunternehmen eine klassische Männerdomäne. Auch das Produkt, auf dem die Firma ihren seit 140 Jahren andauernden, weltumspannenden Erfolg aufgebaut hat, mutet nicht besonders feminin an: Isolationsmaterial für Transformatoren. Seit fast zwanzig Jahren leitet Franziska Tschudi Sauber das Familienunternehmen, an dem ihre Familie 90 Prozent der Anteile hält. Die Firma beschäftigt weltweit über 3000 Mitarbeiter und schreibt einen Umsatz von gut 350 Millionen Franken. Gefordert hat Tschudi in dieser Zeit besonders die Frankenstärke. 2014 verkaufte die Firma ihre Automobilzuliefersparte. Derzeit ist sie dabei, mit dem Bereich Fiber Technology ein neues Segment aufzubauen, welches organische Alternativen zu Kunststoffen entwickelt.

 

Scilla Huang Sun, Head Equities, Group Asset Management, Swiss Re - Im globalen Durchschnitt sind neun von zehn Fondsmanagern männlich. Zehn Jahre lang gehörte Scilla Huang Sun zu den anderen 10 Prozent: Von 2008 bis 2019 managte sie bei der Zürcher Asset-Management-Boutique Gam sehr erfolgreich Aktienfonds im Luxusgütersegment. Seit vergangenem April hat sie eine neue Funktion: Für den Rückversicherungsgiganten Swiss Re steuert Huang Sun das rund drei Milliarden Franken schwere Aktienportfolio. Ihre Karriere begann die Schweizerin mit taiwanesischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre bei der Investmentbank JP Morgan in Zürich und New York. Danach machte sie sich einen Namen als Expertin für die Luxusbranche bei der später von der Credit Suisse aufgekauften Privatbank Clariden Leu.

 

Natasja Sommer, Direktorin Corporate Affairs and Communications, JTI Schweiz - Im Bereich der Interessenvertretung (Public Affairs) ist es einer der härtesten Jobs, den die Schweiz zu bieten hat: Lobbyistin für Japan Tobacco International (JTI), eine der weltweit führenden Tabakfirmen mit eigener Produktion in der Schweiz. Diese Funktion versieht Natasja Sommer als Mitglied der Geschäftsleitung seit über fünf Jahren. Die in den Niederlanden aufgewachsene Betriebsökonomin aus Basel, die zuvor unter anderem in der Telekom-Industrie tätig war, kennt sich bestens mit den Feinheiten der Schweizer Politik aus. In Branchenkreisen wird ihr ein massgeblicher Anteil am Entscheid des Parlaments vor drei Jahren nachgesagt, das rabiate neue Tabakproduktegesetz von Gesundheitsminister Alain Berset (SP) an den Bundesrat zurückzuweisen.

Anna Krutikov, Head of Sustainable Development, Glencore - Die Schweizer Rohstoffbranche steht unter verschärfter Beobachtung seitens Öffentlichkeit, Politik und Behörden. Fragen nach den Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit auf Gesellschaft und Umwelt beschäftigen auch die börsenkotierte Glencore in Baar ZG, eines der grössten Rohstoffunternehmen der Welt. Bei Glencore ist die in New York aufgewachsene, russischstämmige Anna Krutikov dafür verantwortlich, dass das Unternehmen seinen hohen Standards in Sachen Nachhaltigkeit nachlebt. Und zwar weltweit in über fünfzig Ländern mit teilweise sehr anspruchsvollen Rahmenbedingungen. Dabei steht Glencore einer grossen Zahl von Nichtregierungsorganisationen gegenüber, die dem Konzern in manchen Fällen kritisch bis feindschaftlich gesinnt sind. Bevor sie zu Xstrata wechselte, die 2013 mit Glencore fusionierte, war Krutikov zehn Jahre lang Bergbau-Finanzanalystin mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit beim Londoner Vermögensverwalter F & C Investments.

Annett Viehweg, CEO, Sberbank Schweiz - Die Sberbank ist eine Art russische Postfinance: Ein teilstaatlicher Finanzgigant mit ausgedehntem Filialnetz. Die Zürcher Dépendence des Instituts bedient schwerpunktmässig die Finanzierungsbedürfnisse von internatioanlen Handelsfirmen im Zusammenhang mit Russland und den GUS-Staaten. Das Umfeld gestaltet sich in Anbetracht der amerikanischen Sanktionen schwierig. Seit zwei Jahren befindet sich die Sberbank Schweiz unter der Führung von Annett Viehweg. Die in der ehemaligen DDR aufgewachsene und teils in Russland, teils in Saarbrücken ausgebildete Ökonomin steuert hier eine stattliche Belegschaft von über hundert Mitarbeitern und eine Bilanz von etwa 1,5 Milliarden Franken. Annett Viehweg blickt auf einen eindrücklichen Werdegang bei der Deutschen Bank zurück, wo sie bis zum CEO der Russland-Einheit aufstieg.

Nadia von Veltheim, Chief Real Estate Officer, Lidl Schweiz - Der Schweizer Detailhandel ist fest in der Hand der Grossisten Migros und Coop. Die Rolle des Angreifers kommt hier der deutschen Lidl zu, die mit zunehmendem Erfolg den Platzhirschen Marktanteile abtrotzt. Letztes Jahr hat das Unternehmen die Milliardengrenze beim Umsatz überschritten. Seit dem Markteintritt vor zehn Jahren verzeichnet Lidl Schweiz zweistellige Wachstumsraten. Die erfolgreiche Jagdstrategie hat Nadia von Veltheim mitzuverantworten. Die aus Norddeutschland stammende Betriebsökonomin pflegt in ihrer Freizeit eine Leidenschaft fürs Springreiten. Im Jahr 2005, direkt nach ihrem Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, fing sie bei Lidl Schweiz unter dem vielsagenden Titel «Projektleiterin Expansion» an, wo sie bis 2011 blieb. Nach einem Intermezzo beim Konkurrenten Migros kehrte sie 2015 zu Lidl zurück und rückte 2017 als Leiterin des Bereichs Bau und Expansion in die Geschäftsleitung auf.

Sabine Keller-Busse, Chief Operating Officer, UBS Group - Nur weniges gibt es auf der Welt, das es in Sachen Komplexität mit dem internen Apparat einer Grossbank aufnehmen kann. An der Spitze dieses Apparats steht im Fall der UBS eine Frau: die ehemalige McKinsey-Beraterin Sabine Keller-Busse. Sie ist damit unter anderem für die zwei Themen zuständig, welche für den zukünftigen Erfolg der Bank massgeblich mitentscheidend sind: die Digitalisierung und das Personalwesen. Bei der Digitalisierung sehen sich die etablierten Banken mit ihren in die Jahre gekommenen Informatiksystemen der bohrenden Konkurrenz von Fintech-Unternehmen ausgesetzt. Und beim Personal geht es darum, sicherzustellen, dass die Bank – unter den in den letzten zehn Jahren radikal veränderten Vorzeichen – die besten Leute anziehen kann, welche das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen können.

Lidia Bolla, CEO Vision& - Alles deutete auf eine klassische Finance-Karriere hin: Nach dem BWL-Studium an der Universität St. Gallen (Abschluss: Master in «Banking and Finance») absolvierte Lidia Bolla zunächst ein Praktikum bei JP Morgan in Zürich. Sie war über ein Jahr lang im Asset Management von Swiss Re tätig und doktorierte berufsbegleitend, bevor sie Managing Partner bei einer Pensionskassenberatung wurde. Anfang 2017 machte sie sich mit Vision& selbständig, einem Vermögensverwalter, der Blockchain-Investitionen vermittelt. Ihr Unternehmen wurde zum ersten regulierten Vermögensverwalter, der sich auf diesen Bereich spezialisiert. Die grosse Herausforderung dabei: konservativen Investoren die neuen Möglichkeiten von Kryptowährungen und Blockchain schmackhaft zu machen. Seit diesem Jahr verantwortet Lidia Bolla die Vermarktung von Crowdlitoken, einem Blockchain-basierten Immobilienprodukt.

Suzanne Thoma, CEO, BKW - Jeder sechste Schweizer bezieht seinen Strom von Suzanne Thomas’ BKW. Die früher beschauliche Branche befindet sich im Umbruch, seit Deutschland die europäischen Märkte im Sommer mit subventioniertem Strom aus Wind- und Sonnenkraft überschwemmt. Suzanne Thoma reagiert auf das schwierige Umfeld mit mutigen strategischen Entscheidungen: Kurz nachdem sie Anfang 2013 den Chefsessel bestiegen hat, nimmt sie das Kernkraftwerk Mühleberg frühzeitig vom Netz und baut das Geschäft mit Ingenieur-Dienstleistungen aus. Die Investoren honorieren es: Anders als bei der Konkurrentin Alpiq, welche an der Börse seit 2013 drastisch verloren hat, hat sich der Börsenwert der BKW unter Suzanne Thoma mehr als verdoppelt.

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