Durchgeknallt

Weil sie keine Hoden enthaaren, müssen sich Frauen in Kanada vor Gericht gegen den Vorwurf der Transphobie verteidigen. Sind wir jetzt alle gaga?

Ein Fall in Kanada schlägt hohe Wellen. Eine Transgender-Frau, sie besitzt Penis und Hoden, zerrt Kosmetikerinnen vor Gericht, weil die sich weigern, ihre Intimzone zu wachsen. Jessica Yaniv hat sechzehn Beschwerden gegen Frauen am Gerichtshof für Menschenrechte in British Columbia eingereicht, wie die Online-Ausgabe von The Spectator jüngst berichtete. Yaniv argumentiert, dass die Kosmetikerinnen die Menschenrechte verletzten und transphob seien. Die betroffenen Geschäfte sind Damensalons – dafür, Intimzonen von Männern zu enthaaren, sind die Mitarbeiterinnen gar nicht geschult. Man stelle sich vor: Frauen müssen nun vor Gericht kämpfen, weil sie keine Penisse und Hoden anfassen wollen. Irre Welt.

Wer die Transgender-Frau kritisiert, gilt unter Gender-Aktivisten als transphob. Das wurde auch dem britischen Comedian Ricky Gervais unterstellt, nachdem er sich via Twitter in die Debatte einmischte: «Wie kamen wir an den Punkt, wo Frauen für ihr Recht kämpfen müssen, zu entscheiden, ob sie einen ‹big old hairy› Penis und Hoden wachsen wollen oder nicht? Es ist kein Menschenrecht, seine Eier poliert zu bekommen.»

Das Bittere daran ist, dass es hier keine Gewinner gibt. Eine der Kosmetikerinnen hat schon ihren Job verloren. Und die allermeisten Transgender würden Frauen nie in diese Lage bringen – die Community wird wegen solcher Leute aber pauschal in der Öffentlichkeit so wahrgenommen und leidet darunter. Im Zuge der Berichterstattung sind weitere Dinge ans Licht gekommen: Anscheinend wollte Yaniv mit Kindern einen «Oben ohne»-Schwimm-Event organisieren, bei dem die Eltern nicht dabei sein sollten; Daily Mail schreibt, dass Yaniv des unangemessenen Verhaltens mit einem vierzehnjährigen Mädchen beschuldigt wird. Transgender-Frau Blaire White, eine US-Youtuberin, die ich sehr schätze, sagt in ihrem Video: «Diese Person ist die Verkörperung dessen, was Leuten Angst macht, wenn es um Transgender geht. Es ist eine gefährliche Person, die die Trans-Community in ein schlechtes Licht rückt.» Yaniv habe ganz klar medizinisch keine Umwandlung vollzogen, darum glaube White, dass sie sich nur als transgender ausgibt: «Trans-Frauen – besonders vor ihrer Operation – fühlen sich unbehaglich mit dem Teil da unten, sie zwingen sich nicht bei Frauen in Salons auf und wollen auch nicht an der Stelle berührt werden.»

Beim Thema Geschlechtsidentitätswechsel bin ich hin- und hergerissen. Einerseits ist unbestritten: Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren, soll ein Identitätswechsel nicht unnötig schwergemacht werden. Auch wie sich eine Person selbst sieht, ist jedem seine Sache; ich spreche jeden so an, wie er/sie es möchte. Und die meisten Transgender denken ja nicht: «So, heute bin ich mal eine Frau und morgen ein Mann», sondern sie fühlen, dass etwas nicht stimmt und sie nicht im richtigen Körper sind.

Andererseits offenbaren Fälle wie dieser, dass die Transgender-Ideologie, laut der jeder sein Geschlecht selbst bestimmen und seine eigene Wahrheit gemäss seinem emotionalen Selbstverständnis kreieren kann, nicht zu Ende gedacht wurde. Die Gesetzeslage in Kanada besagt, dass man eine Person mit jenem Geschlecht anerkennen und ansprechen muss, mit dem sie sich identifiziert, und man schon nur für das Infragestellen eines Geschlechts, egal, ob ein medizinisches Attest vorliegt, rechtlich belangt werden kann. In der Schweiz leben schätzungsweise zwischen 100 und 200 Menschen mit einer Trans-Identität, laut US-Studien liegt der Bevölkerungsanteil insgesamt bei ein bis zwei Prozent. Auch bei uns ist es Ziel des Bundesrates, dass Trans-menschen künftig ihr Geschlecht «unbürokratisch» mittels einer einfachen Erklärung gegenüber dem Zivilstandsbeamten ändern können, ohne dass eine vorgängige medizinische Untersuchung notwendig ist. Der Bundesrat wird die Botschaft zur Änderung des Zivilgesetzbuches voraussichtlich noch 2019 verabschieden.

 

Wie realistisch aber ist es, Geschlechtsidentitätswechsel ohne äusserliche Merkmale einer Umwandlung und vor allem ohne medizinische Bescheinigung gesetzlich zu fördern und zu begünstigen? Welche gesellschaftlichen Folgen hat es, wenn wir alle unser biologisches Geschlecht so leicht ändern können? Spinnt man es weiter, könnten ja Jobsuchende je nach Stellenbeschrieb einfach ihre Identität anpassen. Oder erfolglose Profiboxer ein Comeback bei den Damen geben. Wie geht man mit der vermehrt eintretenden, absurden Situation um, dass Transgender nach ihrer Transformation vom Mann zur Frau in sportlichen Wettkämpfen wie beim Gewichtheben gegen Frauen antreten, haushoch gewinnen und die biologisch weiblichen Athletinnen keine Chance gegen sie haben, weil deren körperliche Überlegenheit trotz Hormonbehandlung vorhanden ist?

Ist es nicht auch Diskriminierung, wenn eine Person per Gesetz mit der Transphob-Keule niedergestreckt werden kann, weil sie sich weigert, Hoden zu wachsen? Oder das Geschlecht eines Mitarbeiters hinterfragt? Auf ihrem Standpunkt besteht, dass ein biologischer Mann immer ein Mann ist? Jeder soll so leben können, wie er möchte, aber andere, wie im Fall Yaniv, zu Handlungen zu zwingen, die sie nicht wollen, das hat dann auch nichts mehr mit Toleranz zu tun und sollte nicht von fragwürdigen Gesetzen gestützt werden.

"Abonnieren Sie die Weltwoche und bilden Sie sich weiter"

Alex Baur, Redaktor

Lesen Sie auch

Bitcoins zweiter Frühling

In den letzten Monaten ist der Preis von 4000 auf rund 10 000 Franke...

Von Florian Schwab
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Hans Georg Lips

14.08.2019|08:39 Uhr

Mist.

Marco B

13.08.2019|21:11 Uhr

Hoden lassen sich nicht enthaaren, Frau Wernli, es ist der Sack. Nach diesem kurzen Anatomie-Diskurs noch die Antwort auf die Frage, ob "wir jetzt alle Gaga" sind: Jap. Aber schon die Tatsache, dass Sie es merken, sollte Ihnen Hoffnung darauf machen, nicht dazuzugehören. Bei einigen dauert es etwas länger, bis die Erkenntnis reift. Nur wird, wenn die Erkenntnis, Gaga geworden zu sein, breitere Bevölkerungskreise erreicht, das Ausmass der Ratlosigkeit so ungeheuerlich geworden sein, dass das mitunter zum grösseren Problem werden wird, als die Gaga-Gesellschaft selbst.

Ernst Jeker

12.08.2019|17:27 Uhr

Richtig wohltuend, die jeweiligen Berichte von Tamara Wernli, die immer den normalen, gesunden Menschenverstand zeigen. Gaga sind doch all jene Politiker, die das absolut stupide Gender-Studienfach an den Unis überhaupt ermöglichten. Dass die Gender-Aktivisten und mit diesen auch die Gender-Dozenten am verblöden sind, zeigt sich je länger je mehr. Warum können die angeblichen Gender-Gurus an den Unis und Gender-Aktivisten die 60 verschiedenen Geschlechter bei Menschen nicht schwarz auf weiss aufzeigen bzw. darstellen?

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier