Paranoia überall

Der Wirbel um den geistesgestörten Eritreer, der in Frankfurt ein Kind und dessen Mutter vor einen einfahrenden Schnellzug stiess, zeugt von einer erschreckenden Verblödung unserer Politkultur.

Spätestens als der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU), vom Magazin Der Spiegel als «Instinktpolitiker» charakterisiert, am Wochenende «intelligente Kontrollen» an der Schweizer Grenze forderte, wurde die Tragödie definitiv zur Farce. Den Anlass gab der Tod eines achtjährigen Buben. Fünf Tage zuvor, am 29. Juli, kurz vor zehn Uhr morgens, hatte der Eritreer Habte A. das Kind zusammen mit seiner Mutter im Hauptbahnhof Frankfurt ohne ersichtlichen Anlass vor einen einfahrenden ICE-Zug gestossen. Die Mutter konnte sich auf das gegenüberliegende Perron retten, der Junge überlebte die heimtückische Attacke nicht. Überlebt hat auch ein drittes Zufallsopfer, eine 78-jährige Frau, die der Täter erfolglos vor den Zug zu stossen versuchte. Tagelang beherrschte die Tragödie die Schlagzeilen.

So viel dürfte inzwischen allgemein bekannt sein: Der vierzigjährige Habte A. reiste 2006 illegal in die Schweiz ein und bekam zwei Jahre später Asyl; seither lebt er im Weiler Tanne bei Wädenswil ZH; er ist Vater von drei Kindern im Vorschulalter; vier Tage vor der Bluttat in Frankfurt sperrte er seine Frau und seine Kinder zu Hause ein; eine Nachbarin, die den Unglücklichen zu Hilfe geeilt war und die Habte A. mit einem Messer bedroht hatte, alarmierte die Polizei; diese schrieb den Eritreer zur Verhaftung aus, allerdings nur national.

Panik vor Handystrahlen

Mutmasslich noch am gleichen Tag setzte sich Habte A. in Richtung Deutschland ab. Ein Handy, über das man ihn allenfalls hätte lokalisieren können, trug der Mann zumindest bei seiner Verhaftung nicht auf sich.

Alle Indizien weisen darauf hin, dass Habte A. von einem Wahn getrieben war, als er zu seinem amokartigen Todeslauf auf dem Bahnsteig in Frankfurt ansetzte. Das Verbrechen, wie immer man es auch drehen mag, wäre kaum zu verhindern gewesen.

Bis zum letzten Januar hatte der Eritreer bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) gearbeitet, dann wurde er wegen paranoider Anfälle krankgeschrieben. Ein Freund berichtet, diffuse Verfolgungsängste hätten den Mann schon einige Monate vorher geplagt. Er habe sich vor Handystrahlen gefürchtet und Menschenansammlungen gemieden. Im Weiler Tanne galt er als Eigenbrötler, der Passanten nicht grüsste, wie es auf dem Land üblich ist und wie es auch von einem Eritreer zu erwarten gewesen wäre, der immerhin schon seit über zehn Jahren dort wohnte. Das alles mag seltsam gewesen sein, aber nicht alarmierend.

Dass eine akute psychotische Störung oder Schizophrenie erst im Alter von vierzig Jahren ausbricht, ist selten. Aber es kommt eben doch vor, unabhängig von Herkunft und Rasse. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass ein von Wahnvorstellungen besessener Geisteskranker wildfremde Menschen anfällt und vor einen einfahrenden Zug stösst. Dass Habte A. bei der Flucht das erstbeste Mittel wählte, nämlich den Zug in die erstbeste Grossstadt, nach Frankfurt, spricht gegen ein geplantes Vorgehen. Gemäss dem Spiegel sollen dort Landsleute den Fremdling beobachtet haben, wie er verstört und ziellos durch die Stadt streifte. Mutmasslich nächtigte er im Freien.

Man könnte sich allenfalls fragen, ob es nicht angezeigt gewesen wäre, Habte A. in eine geschlossene psychiatrische Klinik einzuweisen, bevor es zur Katastrophe kam. Eine medikamentöse Behandlung schwerer Geisteskrankheiten bedarf in der Regel wenigstens in der Anfangsphase einer strikten ärztlichen Kontrolle. Bevor man den Stab über die Ärzte bricht, müsste man allerdings das Krankheitsbild kennen. Ähnliches gilt für die polizeiliche Fahndung. Allein im Kanton Zürich rückt die Polizei durchschnittlich neunmal am Tag wegen häuslicher Gewalt aus. Jedes Mal eine internationale Grossfahndung auszulösen, wäre weder sinnvoll noch verhältnismässig.

Ein Handy, das man – das richterliche Plazet vorausgesetzt – hätte anpeilen können, führte Habte A. offenbar nicht mit. Gemäss Polizeiangaben soll seine Ehefrau von der plötzlichen Eskalation selber überrascht gewesen sein. Offenbar lagen auch keine Akten vor, die Anlass zur Befürchtung gegeben hätten, dass Habte A. ausserhalb des vermeintlich familiären Konflikts gefährlich werden könnte. Der Familienvater hatte bis zu seiner gesundheitsbedingten Freistellung im letzten Januar normal gearbeitet, er war nicht vorbestraft.

Auf Videoaufnahmen, welche die Bild -Zeitung auf ihrem Onlineportal veröffentlichte, sieht man Habte A. – schwarze Hose, grauer Pulli, weisse Sneaker –, wie er nach der Tat im lockeren Joggingschritt zum Ende des Bahnsteigs rennt. Passanten und ein zufällig anwesender Polizist in Zivil folgten dem Flüchtenden, der sich schliesslich über die Gleise absetzte. Zwei Strassenblocks vom Bahnhof entfernt wurde Habte A. überwältigt und verhaftet. Auch die Flucht passt nicht zu einer geplanten Tat. Sie rundet vielmehr das Bild eines von einem Wahn getriebenen Täters ab.

Sinnvollerweise gibt es Überwachungskameras, die helfen, solche Verbrechen aufzuklären und die Täter zu überführen. Es gibt sogar Computerprogramme, die verdächtige Bewegungen erkennen und Alarm schlagen, wenn es etwa zu einer Schlägerei kommt. Gesuchte können auf Kamerabildern automatisch identifiziert werden. Doch verhindern lässt sich ein derartiges Verbrechen damit nicht. In diesem Fall hätte Seehofers «intelligente Kontrolle» an der Schweizer Grenze nicht weitergeholfen. Habte A. verfügt über eine C-Bewilligung, die ihm die Einreise nach Deutschland erlaubt.

Zürcher SVP zwitschert sich ins Abseits

So erschütternd der Tod des Achtjährigen, der mit seiner Mutter in den Urlaub verreisen wollte, auch ist – so unsinnig muten die politischen Reaktionen auf das Verbrechen an. Es hat natürlich damit zu tun, dass es sich beim Täter um einen Eritreer handelt. Um einen Flüchtling! Es ist, als hätten sie alle sehnsüchtig auf die Tragödie gewartet: die einen, weil sie Habte A. als Beleg für eine verantwortungslose Zuwanderungspolitik betrachten – und die andern, weil ihnen genau diese Reaktion den ultimativen Beweis für die rassistischen Motive der Zuwanderungskritiker liefert.

Das eine ist so verlogen wie das andere. Rechtskonservative disqualifizieren sich selber, wenn sie von einem einzigen geisteskranken Zuwanderer irgendwelche Schlüsse auf andere Immigranten ziehen. Als im letzten März eine paranoide 75-jährige Schweizerin in Basel ohne ersichtlichen Anlass einen ihr nicht bekannten siebenjährigen Knaben aus dem Kosovo mit Messerstichen tötete, kam es auch niemandem in den Sinn, alle Senioren für die Tragödie verantwortlich zu machen. Ebenso abstossend ist es jedoch, wenn die Fremdenfreunde nun gleich alle Migrationsskeptiker für jede vorsätzliche oder auch bloss unbedarfte verbale Entgleisung in den sozialen Medien mitverantwortlich machen.

Mit Argusaugen lauern in den sozialen Netzwerken die Sprachpolizisten beider Lager auf verfängliche Zitate, die dann, in der Regel aus dem Zusammenhang gerissen, genüsslich weiterverbreitet und ausgeschlachtet werden. AfD-Politikerin Verena Hartmann liess sich nicht zweimal bitten; sie lastete den Mord von Frankfurt per Twitter gleich Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich an. Auch die Zürcher SVP lieferte ihren Gegnern brav den Stoff, nach dem diese gieren, und zwitscherte sich mit nebulösen Phrasen über «lasche Asylpolitik gegenüber den Eritreern» und «nicht integrierbare Gewalttäter» ins Abseits. Doch ausgerechnet jene, die nun am lautesten «rechte Hetze» und «Nazi» jaulten, haben ihrerseits kaum Hemmungen, jedes rechtsextreme Verbrechen in Deutschland der AfD unterzujubeln und jede Schiesserei in den USA dem bösartigen Donald Trump.

Die in den sozialen Medien kultivierte Verblödung setzt sich in der Politik fort, und sie beschränkt sich keineswegs auf die Zuwanderung. Dieselben Leute, die im kalten Winter noch mahnten, man sollte das Wetter nicht mit dem Klima verwechseln, nutzen jede Hitzewelle, wie sie im Sommer halt bisweilen vorkommt, für die Verkündigung des CO2-Weltuntergangs. Im Gender-Krieg fallen die Hemmungen erst recht. Kein logischer Kurzschluss, keine hysterische Überdrehung scheint zu billig in Zeiten von #MeToo, Klimanotstand und Captain Rackete.

Propaganda gegen Propaganda

Ist das Publikum wirklich so blöd, wie Netzwerker, Politiker und Medienschaffende meinen? Lassen sich die imaginären Massen so einfach manipulieren? Führen die superschlauen rhetorischen Tricklein nicht zum Verlust der Glaubwürdigkeit, also in jenes Chaos, das zu verhindern man vorgibt? Zweifellos lenken sie von den realen Problemen ab.

Das Misstrauen ist gross, in alle Richtungen. Gerade in Deutschland war die Kriminalität von Zuwanderern im Asylbereich lange mit einem Tabu belegt. Doch auf die Dauer lässt sich die unbequeme Realität nicht schönreden.

Das Lagebild 2018 des Bundeskriminalamts (BKA) fördert erschreckende Zahlen an den Tag: Die «neuen Zuwanderer» aus dem Asylbereich sind für 15 Prozent aller Tötungsdelikte, 12 Prozent aller Vergewaltigungen und 11 Prozent aller Vermögensdelikte in Deutschland verantwortlich, was ihren Anteil an der Bevölkerung um ein Mehrfaches übersteigt. Im letzten Jahr fielen 230 Deutsche einem Tötungs- und 3261 einem Sexualdelikt zum Opfer, an dem mindestens ein «Zuwanderer» beteiligt war. Umgekehrt fielen 33 Asylbewerber einem Tötungs- und 89 einem Sexualdelikt zum Opfer, an dem ein Deutscher beteiligt war. Begrenzt man das Raster auf Täter aus muslimischen Ländern, wird das Missverhältnis noch krasser.

Die Eritreer fielen zwar nie wegen einer besonders hohen Kriminalitätsrate auf. Doch namentlich in der Schweiz gelten sie mit einer Sozialhilfequote von über 50 Prozent als kaum integrierbar. Unter diesen Vorzeichen mag es nachvollziehbar erscheinen, dass der Amoklauf des Habte A. auf dem Bahnsteig von Frankfurt für Höchstspannung auf allen Kanälen sorgte. Nur taugt der paranoide Familienvater aus Tanne bei Wädenswil weder als Anschauungsbeispiel für importierte Kriminalität noch für mangelnde Integration. Der Mann, 2017 in einer Broschüre des Arbeiterhilfswerks noch als Musterflüchtling porträtiert, war um ein redliches Einkommen bemüht. Er fiel auch nie durch Gewalttätigkeit auf, bis er unvermittelt von einer geistigen Umnachtung erfasst wurde.

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Kommentare

Richard Müller

12.08.2019|18:06 Uhr

Alex Baur zeigt wieder einmal eindrücklich, wie guter Journalismus aussieht. Gute Politik würde ebenfalls mit Augenmass, Sachkenntnis und Unvoreingenommenheit brillieren. Das Beispiel von Habte A. zeigt plakativ, in welche propagandistischen Abgründe sich Politik und Medien in den letzten Jahren manövriert haben. Bei so viel geistiger Finsternis darf man wohl nicht zu sehr auf die dringend nötige Erleuchtung hoffen.

Jürg Brechbühl

07.08.2019|19:33 Uhr

Offensichtlich ist bisher keine brauchbare medizinische Diagnose bekannt und man weiss nicht, was der Auslöser der Krankheit war, z.B. ob der Mann einen Hirntumor hat. -- Die ganze Berichterstattung in den Medien ist vollkommen dreist auf Sensation gemacht und überflüssig mit ihren Spekulationen. Von mir aus gesehen, sollten die Parteien ihren gewählten Politikern ein Verbot zum Gebrauch sogenannter "sozialer Medien" aufzwingen. Das Ganze dient nur der allgemeinen Verblödigung.

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