Männlich = schlecht

Wissenschaftler attackieren die traditionelle Männlichkeit. In gewissen Situationen ist sie aber erlaubt. So nach dem Motto: Männlichkeit an- und ausknipsen, je nach Bedarf.

Männer haben es nicht leicht dieser Tage. Im postfeministischen Zeitalter werden sie für ziemlich alles Schlechte verantwortlich gemacht. Sie sind schuld an den Harvey Weinsteins dieser Welt, an verpassten Chancen, unbefriedigenden Jobs, unerfüllten Träumen. In den sozialen Medien wurde das Hashtag «Men are trash» (Männer sind Abfall) verbreitet, das ihr verhasstes Dasein zusammenfassen sollte. Die Männlichkeit liegt da wie eine verbeulte Tomate, die in der Küche zu lange keine Verwendung gefunden hat.

Als wäre das alles nicht genug, gibt’s jetzt quasi das offizielle «männlich gleich schlecht»-Gütesiegel der Wissenschaft. Die American Psychological Association (APA) liess vergangene Woche verlauten: «Traditionelle Männlichkeit ist psychologisch schädlich.» Zu den traditionell männlichen Eigenschaften zählen laut der APA Stoizismus, Selbstaufopferung und Kompetitivität. Diese würden unter anderem die «psychologische Entwicklung von Männern limitieren» und negatives Verhalten und Gewalt fördern. Die APA hat darum Richtlinien für Psychologen veröffentlicht, die bei der Behandlung männlicher Wesen helfen sollen.

Die Gemüter sind erhitzt. Der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson schreibt auf Twitter, er sei «entsetzt», dass die APA im Namen der Psychologen spreche. «Es gibt keine Entschuldigung für das, was sie da geschrieben haben.» Die US-amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers kritisiert im Sender Fox: «Es ist eine politisierte Doktrin.» Die APA würde Männlichkeit als Pathologie behandeln, die Heilung benötige. «Das ist so, als müsse der durchschnittliche Mann umstrukturiert oder resozialisiert werden – gemäss den Bedingungen eines Genderstudies-Lehrbuchs aus den Siebzigern.» Es sei gefährlich, wenn Politik so sehr in die Wissenschaft eindringe.

Die Richtlinien lesen sich tatsächlich wie ein Feministen-Manifest. Der Report pflegt einen verschwenderischen Umgang mit Schlagwörtern wie «Privilegien», «dominant», «Unterdrückung» – allein das Wort «Gender» kommt in dem 36-seitigen Dokument 298 Mal vor, «Geschlechterrolle» 63 Mal. In Richtlinie eins wird behauptet, dass Männlichkeit konstruiert sei, «basierend auf sozialen, kulturellen und kontextuellen Normen». Weiter gebe es die binäre Kategorie männlich/weiblich heute nicht mehr, sondern: «Wenn wir die komplexe Rolle von Männlichkeit verstehen wollen [. . .], ist es entscheidend, anzuerkennen, dass das soziale Geschlecht ein non-binäres Konstrukt ist.» Ryon McDermott, Mitentwickler der APA-Richtlinien, räumt immerhin ein, dass es wichtig sei, «in gewissen Situationen» zu pro-sozialen Aspekten wie Stoizismus und Selbstaufopferung zu ermutigen.

 

Der Bericht legt den Schluss nahe, dass traditionelle Männlichkeit unterdrückt werden sollte – zumindest in Bereichen, wo Tapferkeit, Mut und Konkurrenzfähigkeit nicht gefragt sind. Dort, wo sie nützlich ist, darf sie bleiben. Wie generös. Und wie soll das Eindämmen vonstattengehen? Sollte vielleicht bei Buben, deren angeborene Eigenschaften ausgeprägter sind, Ritalin bereits in den Schoppen gefüllt werden? Man fragt sich, welchen Einflüssen Leute ausgesetzt sind, die sich solche Thesen ausdenken. Wie war ihre Kindheit? Vermutlich zählten die Verfasser früher zu jenen Kids, die im Turnen immer zuletzt ins Team gewählt wurden. Mit «gewissen Situationen» dürften vor allem die ungemütlichen, riskanten und gesundheitsschädigenden Jobs gemeint sein: Feuerwehr, Abfallentsorgung, Gruben- und Holzarbeit, Kanalreinigung, Kriegseinsätze – alles Bereiche im Übrigen, bei denen die Frauenvertretung überschaubar ist. In Zahlen: In den zwanzig gefährlichsten Jobs in den USA sind bis auf zwei Bereiche Männer mit 85 bis 99,9 Prozent vertreten (Quelle: Statistisches Amt für Arbeit, USA, 2015). Couragierte Männer ringen sich bei diesen Arbeiten durch, vielleicht, weil sie als Ernährer gebraucht werden. Vielleicht, weil sie einen Sinn im Leben suchen, als Retter und Beschützer gesehen werden wollen.

 

Ausgerechnet «kompetitiv» als psychologisch schädlich anzuführen, ist ziemlich verwegen. In unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft werden maskuline Grundeigenschaften gewiss weniger benötigt. Nur ist unser Wohlstand erst entstanden, weil sich unsere Vorfahren mit ebendieser traditionellen Männlichkeit im Konkurrenzkampf durchgesetzt und Wohlstand und «Wohlstandsberufe» wie zum Beispiel jene der Verfasser erkämpft haben. Apropos kämpfen: Ich kenne keine einzige Frau, die sich in einer dunklen Gasse den verständnisvollen, non-binären Stubentiger an ihrer Seite wünscht.

Natürlich ist ein zu hoher Grad an Eigenschaften wie Aggression sozial nicht verträglich – aber jeder Charakterzug, der ins Extreme abdriftet, kann sich negativ auswirken. Das Verhalten einzelner Individuen zu verallgemeinern und alles typisch Männliche pauschal zu stigmatisieren, ist der falsche Ansatz zum Lösen von Gewaltproblemen. Indem sie suggerieren, dass traditionelle Männlichkeit irgendwann zu Gewalt führte, vermengen die Wissenschaftler gelassene Männer mit Drecksäcken, dominante Kerle mit Unterdrückern und kompetitive Typen mit Gewalttätern.

Alles Männliche ersticken zu wollen, ist aber auch vom humoristischen Aspekt her problematisch: Wohin dann mit den ganzen Chuck-Norris-Witzen?

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt in Basel.

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Kommentare

Markus Spycher

18.01.2019|21:57 Uhr

Zum Glück brauchen Männer die Frauen nicht zu verstehen. Es reicht, wenn sie sie lieben.

Ursi Zweifel

17.01.2019|17:34 Uhr

Wernli, Du bist die Beste; ich liebe Dich; ja, ich will einen Mann, einen "richtigen Mann". Der Sänger von Rammstein wäre mir gerade recht, eigentlich? Jetzt traf ich vor einigen Monaten den Jonny Depp in Dübendorf zu einem kurzen Schwatz; habe mir eingebildet, der möchte vielleicht was von mir; der wäre mir ja unter Umständen auch recht und der hat Freunde in der Nähe von Zürich; wäre also OK dem das Emmental (und uns) schmackhaft zu machen; auch Arno DC wäre wohl mein Fall, aber was will ich denn eigentlich? Ehrlich gesagt etwas Spass und Humor wäre gut; oder doch Rammstein? keine Ahnung....

Inge Vetsch

17.01.2019|15:41 Uhr

Guter Text. Ich würde gerne mal wissen (Vorschlag für eine zukünftige Studie), ob die Autorinnen - wohl meistens Frauen -, die diesen anti-Männer-Genderschrott schreiben und geschrieben haben, selber Kinder haben? Jede Mutter, die einen Jungen aufzieht, weiss wohl mehr über Männer als die "non-binäre-Konstrukt"-Theoretiker. Sollte zumindest. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier.

Yvonne Flückiger

16.01.2019|23:05 Uhr

Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis das ganze männliche Geschlecht, resp. sein Verhalten als "krank und deviant" bezeichnet wird. Zugegeben, es hat da ja schon einige Auffälligkeiten, die schädlich in Erscheinung treten. Gewalt zum Beispiel. Trotzdem! Die diagnostizierten psychischen Auffälligkeiten haben ja für alle, (auch Frauen und Kinder) in den letzten 20 Jahren signifikant und extrem zugenommen. Den Therapeuten kann das nur Recht sein. Bringt Geld. Ausserdem verschiebt es den Fokus von gesellschaftlichen und politischen Miseren auf den Einzelnen. Wie entlastend.

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