In der selbstfliegenden Raumkapsel

Alle Welt spricht über das autonome Fahren. Doch damit hat die Revolution in der Mobilität gerade erst begonnen. Bereits nehmen die Hightech-Pioniere die Lüfte und das Weltall ins Visier – die Entwicklung schreitet in atemberaubender Geschwindigkeit voran.

Von A nach B zu kommen, kann nervenaufreibend sein, insbesondere im Silicon Valley. Für die rund fünfzig Kilometer, die meinen Wohnort San Francisco von meinem Büro in Palo Alto trennen, benötige ich auf dem Highway 101, einer fünfspurigen Autobahn, gut und gerne eineinhalb Stunden. Das einzige Rezept gegen den Stau ist extrem frühes Aufstehen, was für meine beruflichen Kontakte in die Schweiz aufgrund der Zeitverschiebung sowieso häufig erforderlich ist. Flüssig kommt man vor sechs Uhr Ortszeit durch – in Zürich ist es dann bereits fünfzehn Uhr.

Der öffentliche Verkehr in Kalifornien ist ziemlich unterentwickelt. Google und Facebook bewerkstelligen daher den Transport ihrer Mitarbeiter mit einer gigantischen Flotte von eigenen Bussen. Die ersten fahren um fünf Uhr morgens von San Francisco in Richtung Silicon Valley. Zwar gibt es parallel zum Highway 101 auch eine Bahnlinie, den sogenannten Caltrain, der dem beruflichen Pendler aber einiges abverlangt. Ein Sitzplatz ist alles andere als garantiert, geschweige denn Tische oder Steckdosen für die Arbeit am Notebook. Das Rollmaterial ist in die Jahre gekommen, die Lokomotiven werden mit Diesel betrieben, und für die Anschlüsse vom Bahnhof muss man dann doch wieder einen Uber-Wagen nehmen.

Immerhin, beim Bahnverkehr tut sich etwas. Derzeit wird die Caltrain-Linie umfassend elektrifiziert. In zwei Jahren werden die von den S-Bahnen der SBB her bekannten Doppeldeckerzüge von Stadler Rail durch das Silicon Valley rollen. Bei dieser Modernisierung des Rollmaterials flammte etwas vom Pioniergeist der Hightech-Metropole in Sachen Human-centered Design auf: Fragen wie die der Aussenfarbe und des Innenausbaus wurden in grossangelegten Online-Befragungen des Publikums entschieden. Dabei wurde unter anderem das Bedürfnis sichtbar, ein ganzes Stockwerk pro Zugkomposition für Velos zu reservieren.

Das zweite grosse Vorhaben für die Bahninfrastruktur ist die California High-Speed Rail, eine Hochgeschwindigkeitszug-Strecke, die die 1100 Kilometer von San Francisco nach Los Angeles abdecken soll. Das Projekt begann im Jahr 2000. Acht Jahre später wurde es in einer Volksabstimmung angenommen. Vor drei Jahren war Baubeginn, und 2033 soll der Ausbau abgeschlossen sein. Für die Zeitrechnung des Internetzeitalters ist das eine Ewigkeit.

Angesichts solcher jahrzehntelanger Entwicklungszyklen ist es kein Wunder, dass die führenden Denker und Unternehmer der Hightech-Metropole fieberhaft nach schnelleren Lösungen suchen. Warum ist die Mobilität eines ihrer Hauptthemen? Man muss fast hier leben und den chronischen Verkehrsinfarkt jeden Tag hautnah miterleben, um das zu verstehen. Innovation entsteht vor allem dort, wo es ein Problem zu lösen gibt.

Während noch alle Welt mit dem selbstfahrenden Auto beschäftigt ist, ist dieses für die innovativen Köpfe im Valley schon alter Käse. Die Technologie wird bereits eingesetzt. Auch in der Schweiz: 2016 experimentierte Postauto in Sion mit einem fahrerlosen Bus. Ein Jahr später nahmen in Marly FR die Freiburgischen Verkehrsbetriebe den ersten vollautomatischen Linienbus der Schweiz in Betrieb. Letztes Jahr starteten die SBB in der Stadt Zug ein Pilotprojekt mit selbstfahrenden Shuttles.

Während das autonome Fahren vor allem einen Zugewinn an Zeit und Lebensqualität verspricht, löst es aber das Problem der kollabierenden Infrastruktur nicht – im Gegenteil, es dürfte das Verkehrsaufkommen eher erhöhen. Der Verkehrsfluss wird zwar optimiert, aber die Individualität im Verkehr weiter gefördert. Im Silicon Valley ist man somit bereits mit den nächsten grossen Innovationen beschäftigt.

Die ETH im Hyperloop

Relativ bekannt ist das Projekt «Virgin Hyperloop One», eine Koproduktion des Hightech-Unternehmers Elon Musk (u. a. Tesla, SpaceX) und des Luftfahrtunternehmers Richard Branson. Ihr Ziel besteht darin, in Röhren unter Vakuumbedingungen und praktisch ohne Reibung sehr hohe Geschwindigkeiten zu erreichen. Städte können sich mit konkreten Projekten darum bewerben, zu den ersten Anwendern zu gehören. Die ETH Zürich hat die Denkarbeit für die Schweiz übernommen und beteiligt sich unter dem Namen «Swissloop» an den Wettbewerben. Parallel dazu will Elon Musk mit seiner Boring Company ein Tunnelsystem in L. A. bauen, das die Kapazität hat, sämtliche Einwohner der USA ohne Stau von A nach B zu bringen. Chicago hat einen ersten Auftrag in Form einer Konzeptstudie vergeben.

Schon relativ nahe an der Anwendung ist allerdings eine andere Technologie, die das Zeug dazu hat, unser Leben radikal zu verändern: die selbstfliegende Transportdrohne. Der Mobilitätskonzern Uber entwickelt mit seinem Projekt «Uber Elevate» ein System, mit Hilfe dessen der Fluggast sich von einer Drohne mit 150 bis 200 Meilen pro Stunde (240–320 Stundenkilometer) durch die Lüfte tragen lässt. Der Transport ist möglich zwischen den von dem Unternehmen betriebenen Skyports. Tests sind bereits nächstes Jahr in Texas geplant. Die kommerzielle Einführung soll 2023 in Los Angeles und Dallas erfolgen. Bereits 2021 will Uber die Essenslieferung via «Uber Eats» komplett von Drohnen bewerkstelligen lassen.

Einen leicht anderen Ansatz verfolgt das Luftfahrtunternehmen Airbus in Zusammenarbeit mit Audi. Hier kauft der Kunde seine persönliche mobile Kapsel, die er wahlweise auf einem fahrbaren Untersatz als Auto nutzt oder aber von Drohnen helikopterartig von A nach B fliegen lässt. Ein weiteres vielversprechendes Joint Venture besteht zwischen dem Chiphersteller Intel, der in der Softwareentwicklung für Drohnen führend ist, und dem Start-up Volocopter aus Deutschland. Das Ziel ist die Entwicklung einer Drohne mit Passagierkapsel.

Kalifornien–Zürich in 32 Minuten

Mit der Übertragung des individuellen Personenverkehrs in die Luft ist die Mobilitätsrevolution aber noch lange nicht abgeschlossen. Die Ambitionen reichen bis ins Weltall. Bekanntlich ist Elon Musks Unternehmen SpaceX mittlerweile ein führender (und profitabler) Raketenentwickler, bei dem sogar die Nasa Dienstleistungen bezieht. Musks Ingenieuren ist es gelungen, eine Rakete zu entwickeln, die zur Erde zurückkehren und dort landen kann. Damit wurde ein Grundproblem der Raumfahrt gelöst, da bis anhin jede Rakete nur einmal abgeschossen werden konnte und grösstenteils als Technikschrott im All landete. Mittelfristig soll die Technologie auch für «Erde–Erde»-Transporte nutzbar gemacht werden. Die Reisezeit Zürich–San Francisco betrüge mit der Musk-Rakete 32 Minuten. Damit wäre die Strecke von San Francisco nach Zürich schneller zu bewältigen als mein heutiger Arbeitsweg nach Palo Alto.

Ebenfalls ein grossangelegtes Weltraumprojekt verfolgt Amazon-Chef Jeff Bezos. Sein Vorhaben «Blue Origin» will die Ressourcen der Erde schonen, indem Rohstoffe aus dem Weltall nutzbar gemacht werden und industrielle Tätigkeiten von der Erde ins All ausgelagert werden. In dieser Gesamtvision stimmt Bezos mit Musk überein, der die Erde durch eine solche Verlagerung auf den Mars entlasten will. Eine erste bemannte Marsmission plant er im Jahr 2024. Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass wir die Anfänge einer Kolonialisierung des Mondes oder des Mars noch erleben, bevor der erste Hochgeschwindigkeitszug von San Francisco nach Los Angeles donnert.


Fünf Fragen

Simon Zwahlen Head Fintech U. S. und Vizepräsident Business Development & Innovation bei Swisscom in Palo Alto, Kalifornien

 

Welches sind die Gründe für den rasanten Entwicklungsschub beim Personentransport mit Drohnen?

Die grossen Fortschritte bei der Artificial Intelligence (AI) und der Rechenleistung: AI sorgt dafür, dass die Drohne sich selbst steuert. Dafür sind gewaltige Kapazitäten an Datenverarbeitung und Rechenleistung erforderlich.

Was braucht es an Infrastruktur?

Drohnen sind wie fliegende Smartphones. Via Mobilfunknetz beziehen sie beispielsweise Informationen über erlaubte Routen. Im Rahmen eines Pilotprojekts arbeitet die Swisscom mit dem Start-up Involi zusammen. Dessen Sensoren montieren wir auf unseren Broadcast-Masten, um ein Luftlagebild des bemannten Flugverkehrs für die Drohnen zu erfassen. Das löst das Problem, dass Drohnen je nach Situation «blind» sind.

Warum interessiert sich die Swisscom für Mobilität?

Wir wollen dazu beitragen, dass die Infrastruktur in der Schweiz die rasche Anwendung neuer Technologien ermöglicht. Das autonome Fahren ist zudem aus dem Blickwinkel des Entertainments interessant. Es ist mit einem grossen Zeitgewinn verbunden, dank dem neue Unterhaltungsangebote entstehen.

Wo sehen Sie in der Schweiz das grösste Potenzial im Bereich Mobilität?

Derzeit evaluieren wir verschiedene Einsatzmöglichkeiten für Smart Mobility und Smart Environment. Beispielsweise können wir anhand von Mobilfunkdaten Verkehrsbewegungen sichtbar machen und sie der Verkehrs- und Infrastrukturplanung zur Verfügung stellen – selbstverständlich anonymisiert. Beim ÖV sehe ich vor allem Potenzial in einer besseren Abstimmung der verschiedenen Angebote und bei der «letzten Meile» vom Bahnhof oder Busbahnhof nach Hause. Im Bereich Gütertransport ist der Drohneneinsatz sicher sehr vielversprechend.

Welches sind die grössten Hindernisse für die von Ihnen beschriebene Revolution?

Es stellen sich viele regulatorische Fragen.

Florian Schwab


Glossar

- Artificial Intelligence (AI): Künstliche Intelligenz steht für lernfähige Maschinen, die auf ihre Umgebung reagieren.

- Drohne: Luftfahrzeug, das entweder von einem Menschen fern- oder von einem integrierten oder ausgelagerten Computer gesteuert wird.

- Human-centered Design: Philosophie der Produktentwicklung. Im Vordergrund steht die Einbeziehung der menschlichen Perspektive in alle Problemlösungsschritte.

- Launch Pad: Start- und Landeplattform für bemannte Drohnen wie zum Beispiel die von Uber entwickelten Skyports.

- Smart City: Vision der Stadtentwicklung, deren Ziel darin besteht, mit Kommunikationstechnologie die Infrastruktur benutzerfreundlicher und effizienter zu machen.

- Smart Environment: Verweben der physischen und der digitalen Welt mit Sensoren, Displays und Computern.


Die Swisscom verfolgt weltweit das Geschehen in der digitalen Welt. Ihr Netzwerk reicht von Schanghai bis ins Silicon Valley. Einer ihrer führenden Spezialisten ist Simon Zwahlen. Aus erster Hand berichtet er monatlich für die Weltwoche über die neuesten Trends und faszinierendsten Entwicklungen.

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Kommentare

Jürg Lüthard

16.01.2019|22:43 Uhr

Alles schön und gut. Aber wer will hunderte von Drohnen in der Luft.Realistischer wäre, die Städte bauen Tram- und S-Bahn-Strecken.

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