Egomonster Klimaanlage

Wer die Klimaanlage als «sexistisch» verteufelt, hat eindeutig einen Sonnenstich. Nur sind die Männer nicht ganz unschuldig, wenn viele Frauen im Sommer frieren.

Die Klimaanlage ist ungesund, schlecht und sexistisch.» Den Tweet setzte jüngst eine US-Journalistin ab – und kassierte dafür, wenig überraschend, viel Applaus. Es liegt im Trend, alles, was einem nicht in den Kram passt, mit dem Reizwort «sexistisch» zu brandmarken. Der Kommentar bezog sich auf einen Artikel in der New York Times über Air-Conditioning. Unter anderem wird darin eine Studie erwähnt, die besagt, dass Gebäudetemperaturen, die einst für «die Komfortvorlieben von Männern in Anzügen der 1960er Ära» eingestellt wurden, den «Thermalkomfort» von weiblichen Mitarbeitern vernachlässigen.

Die Klimaanlage deswegen als patriarchalisches Unding zu verteufeln, ist natürlich Unsinn, mit dem Rest aber bin ich einverstanden: Die Klimaanlage ist ungesund, schlecht, und sie lässt viele Frauen im Sommer leiden. Es sind vor allem Männer, die eine traute Zuneigung zur Klimaanlage hegen. Man kann ihnen deswegen aber keinen Vorwurf machen. Denn obwohl die Temperatur des menschlichen Körpers bei Männern und Frauen bei permanenten 37 Grad liegt, frösteln Frauen schneller, das ist wissenschaftlich belegt. Wieder so ein verflixter biologischer Nachteil, aber wenigstens ist es einfacher, sich etwas überzuziehen als umgekehrt – ausziehen am Arbeitsplatz funktioniert halt nur begrenzt. Verantwortlich dafür, dass viele Frauen selbst im Hochsommer ein Jäckchen mitführen, ist die dünnere Haut, wir haben weniger Muskelmasse, eine andere Durchblutung, produzieren weniger Wärme.

In der Schweiz ist der Air-Conditioning-Hype zum Glück harmlos. In den USA, wo im Sommer in knapp 90 Prozent der Haushalte eine Klimaanlage surrt und Leute gekühlte Räume als eine Art Menschenrecht sehen, ist für uns ein Restaurant- oder Shopping-Mall-Besuch ohne Wintermantel und Fellstiefel kaum erträglich. Bloomingdale’s kühlt auf 21 Grad herunter, bei 28 Grad Aussentemperatur ist das wie der nahtlose Übergang von der Sauna ins Gefrierfach. Ich logierte einmal in einem Hotel auf den Bahamas. Im Freien war es 32 Grad warm, drinnen sackte die Temperatur auf 20 Grad ab – so stellt man sich einen Aufenthalt im Iglu im Sommerkleidchen vor. Zugegeben, die Garderobenfrage war denn auch mein grösstes Problem; statt im Restaurant in netten Outfits zu punkten, bin ich allabendlich mit lebhaft geröteter Nase und Hoodie eher durch Stilunsicherheit aufgefallen. Dass viele Hotelgäste den Platz direkt unter der Klimaanlage bevorzugen, obwohl sie dann während des gesamten Urlaubs davon in Anspruch genommen sind, unablässig den Schleim hochzuziehen und die Hotelapotheke aufzusuchen, ist ein ungeklärtes menschliches Phänomen.

Der US-amerikanische Wissenschaftler Stan Cox kritisiert in seinem Buch «Losing Our Cool», dass Air-Conditioning zu einem Teil des amerikanischen Lebensstils geworden ist. Klimaanlagen hält er nicht für sinnvoll. «Die meisten Klimaanlagen kühlen nicht Menschen, sondern Holz und Beton», sagte er in einem FAZ-Interview von 2011. «Wenn die Bewohner eines Hauses morgens in ihrem klimatisierten Auto in ihr gutgekühltes Büro fahren, läuft zu Hause die Anlage weiter. Ich schätze, dass 97 Prozent der Energie an das Haus verschwendet werden und nur 3 Prozent seinen Bewohnern zugutekommen.» Er schlägt die altmodische Art der Abkühlung vor: Ventilator an, viel Wasser trinken und nachts die Fenster öffnen.

Ein bisschen Kühlung geht ja in Ordnung. Auch ist sie an bestimmten Orten wie OP-Räumen nachvollziehbar, schwitzende Chirurgen möchte niemand über sich gebeugt haben. Auch ältere Menschen leben gekühlt gesünder. Nur ist es eben absoluter Irrsinn, wie künstliche Kälte vielerorts auf die Spitze getrieben wird. Es gibt keinen Grund, bei sommerlicher Hitze Räume in Kühlschränke zu verwandeln – oder wegen der Klimaanlage im geparkten Auto den Motor laufen zu lassen: der Öko-Unfug schlechthin. Das Problem an der Klimaanlage im Büro ist ja auch, dass sie ein oder aus ist, so ein bisschen Air-Conditioning gibt’s eigentlich nicht. Ein interessanter Aspekt ist zudem, dass die meisten Männer im Sommer die Klimaanlage mehr aufdrehen, die Frauen im Winter die Heizung, die Damen somit vermutlich im Winter klimaschädlicher sind und die Herren im Sommer.

Meistens ist es der Gebäudemanager, der Schuft, der eine Temperatur als angenehm definiert. Es gibt Studien, die besagen, dass sich Männer am Arbeitsplatz im Sommer bei 21 Grad wohl fühlen, Frauen mögen es 2,5 Grad wärmer, persönlich finde ich 26 Grad perfekt. Selbst bei einem Kompromiss von 23,5 Grad würde es also der eine noch immer als warm empfinden, der andere als kühl – und beide wären gleichermassen sauer. Natürlich ist es schwierig, die passende Temperatur für jeden zu finden, und Hauswarte gehen wohl ohne böse Absicht vom eigenen Gutdünken aus – oder drücken aufs Knöpfchen, sobald sich aus der Männerriege einer über Hitze beklagt.

Bei der Temperatur denkt eben jeder an sich selbst. Vielleicht können wir ja kollektiv einsehen, dass es nicht immer für alle aufgeht. Anstatt Frauen im Büro permanentem Frösteln auszusetzen, wieso nicht die Kleidervorschriften im Hochsommer etwas lockern, Krawatten- und Anzugspflicht kippen? Das wäre nicht nur ökologisch sinnvoller, sondern auch gesünder. Ansonsten, ja, im Sommer ist es heiss: Kommt damit klar.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel. Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Kommentare

Hans Baiker

21.07.2019|16:02 Uhr

Weshalb sollen sich die Frauen nicht etwas "anständiger" kleiden. Den grössten Vorteil sehe ich darin, dass sich die Gemütslage der jungen Männer beruhigt und sie so mehr auf die Arbeit konzentrieren können.

Walter Mittelholzer

19.07.2019|19:19 Uhr

Warum Klimaanlagen "sexistisch" sein sollen, ist mir ein Rätsel. Wohne aktuell nahe am Äquator und ohne Klimaanlage im Schlafzimmer wäre es sehr ungemütlich, da die Temperatur auch in der Nacht selten unter 25 Grad fällt, das ganze Jahr über. In der Schweiz allerdings sehe ich keinen Bedarf an Klimaanlagen, weder im Büro noch zuhause. Nur wegen der paar Wochen Sommerwärme.

Patrick Greter

19.07.2019|13:04 Uhr

Na ja, bei uns im Büro ist bei heissem Wetter leider über 30 Grad im Büro. Altes Gebäude, Glas/Blechfassade???? Und Kleidervorschriften gibt es auch noch. Leider keine Klimaanlage ... Da leidet unter dem Strich die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Die Weibchen haben allerdings den Vorteil, dass sie leicht bekleidet arbeiten dürfen. Es wird Zeit, dass sich die Männer emanzipieren (zwinker zwinker hahaha).

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