Sag mir, wo du stehst

Ja, es gibt einen menschengemachten Klimawandel. Und nein, nicht jedes tägliche Wetter ist klimawandelbedingt.

Sag mir, wo du stehst / Sag mir, wo du stehst / Sag mir, wo du stehst / Und welchen Weg du gehst! / Wir haben ein Recht darauf dich zu erkennen / Auch nickende Masken nützen uns nichts / Ich will beim richtigen Namen dich nennen / Und darum zeig mir dein wahres Gesicht.

Es war 1967 in der DDR, als der Oktoberklub dieses Lied sang. Der Kalte Krieg war in vollem Gang, und die Botschaft war klar: Entweder gehörst du zu denen oder zu uns. Es gibt nichts dazwischen.

Vierzig Jahre lang hatte ich den Eindruck, dass es bei fast allen wichtigen Themen die ganze Bandbreite von Positionen gab. Selbst bei der Armeeabschaffungsinitiative gab es die, die schon ein bitzli dafür waren, aber wer kommt dann beim Hochwasser und Lauberhornrennen? Bis heute. Es gibt nun wieder ein Entweder-oder. Und nichts dazwischen.

Die Weltwoche ist zwar traditionell bei solchen Themen in der Entweder-Fraktion, aber der Köppel hat es immer ausgehalten, dass ihm Leute die Meinung sagen. Er hat zwar schon zu Klimadingen ausgemachten Blödsinn gesagt und geschrieben, aber er bleibt interessiert. Debatten sind wichtig, wir müssen sie führen, mit Argumenten und ohne den religiösen Furor, der heute von den beiden Seiten praktiziert wird.

Niemand wird das Klima leugnen

Wie im Lied von 1967 gibt es zwei unversöhnliche Lager mit Unfehlbarkeits-Hybris, und man hat als Mensch nur die Wahl, entweder der einen oder der anderen Seite zuzugehören. Die eine Seite: die sogenannten «Klimaleugner», was an sich ein bireweicher Begriff ist, weil niemand das Klima leugnen wird. Es umschreibt grob die, die nicht glauben, dass der Mensch einen relevanten Einfluss auf das Klima habe.

Auf der anderen Seite sind die «Klimahysteriker», wie sie von den «Klimaleugnern» genannt werden. Sag mir, wo du stehst! Es gibt heute nur noch diese zwei Wahlmöglichkeiten. Die einen, meist hässige alte Männer, deren Schulbesuch oft schon etwas länger zurückliegt und die gerne Schaubilder von Facebook-Accounts der deutschen AfD mit vielen Stellen nach dem Komma zeigen und daraus (fälschlicherweise) ablesen, dass es sowieso keinen Rugel spiele, was die Menschen so machen.

Die anderen, meist hässige junge Menschen, deren Schulbesuch noch im Gang ist oder nicht allzu lang zurückliegt und den Nachteil hat, dass die naturwissenschaftlichen Fächer in Deutschland fast vollständig, anderswo zunehmend, entkernt werden, weil es anstrengt und besonders bildungsferne Länder es als Erfolg sehen, wenn möglichst viele Leute studieren, statt handwerkliche Berufe und andere Nichtstudienzweige als emanzipierte und gleichwertige Option zu stützen. Diese Menschen brauchen keine Schaubilder, aber das gottgleiche Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, weshalb man es mit Fakten nicht so genau nehmen muss.

Beide Seiten haben eine äquidistante Position zur wissenschaftlichen Realität und mithin beide meist keine Ahnung von der Materie, aber dies mit Stolz und Selbstbewusstsein. Eine Position in der Mitte, wie ich sie für mich sehe (mit dem Professor Knutti als wissenschaftlichem Leuchtturm), bedeutet, von beiden Seiten gleichermassen beleidigt und angegriffen zu werden. Die hässigen alten Männer drohen im grossen Kanton gerne mit dem Volksgericht, wenn man anerkennt, dass es eindeutig immer heisser wird, die Gletscher wegtauen und es keine andere sinnvolle Erklärung dafür gibt ausser die Sau, die wir rauslassen.

Reformiert oder katholisch?

Die erleuchteten jungen Gretins, die nach Jahren des ununterbrochenen Blicks nach unten ins Telefon neuerdings zum Himmel blicken, sehen dort viele Dinge zum ersten Mal und sind entsprechend sehr beunruhigt, schreiben einen Waldbrand der Hitze zu, als ob es eine Selbstentzündung gäbe, und sind so sehr sicher, dass nun jedes Einzelwetter nur noch klimawandelbedingt sei. Wenn man zu bedenken gibt, dass zwar bei der Temperatur glasklar sei, was passiert, aber bei Hagel, Tornados und Ähnlichem noch viel Forschung notwendig sei für definitive Erkenntnisse, ahnt man den Furor der heiligen Inquisition, wenn man im E-Mail-Fach oder über Twitter erfährt, dass man den Häretiker beizeiten «zur Rechenschaft ziehen wird für die Verbrechen an unserer Zukunft». Sag mir, wo du stehst.

Zwischen Stühlen und Bänken. Denn ja, es gibt einen menschengemachten Klimawandel. Und nein, nicht jedes tägliche Wetter ist klimawandelbedingt. Nicht jedes Gewitter. Nicht jede Kälte. Nicht jeder Regen. Manchmal schifft es auch einfach nur so, weil es schiffen kann und es das früher auch schon mal gemacht hat. «Wetter ist kein Klima» gilt in beide Richtungen: Wenn es mal kalt ist, kommen die einen Deppen und fragen, wo denn nun der Klimawandel sei. Und leider kommen auch die anderen genauso schnell und deklarieren inzwischen fast jedes Einzelereignis als «klimawandelbedingt».

Abweichungen von der jeweiligen Lehre werden nicht toleriert. Wie damals in den 60ern. Die Frage war nur: Reformiert oder katholisch? Heute verhindert die göifernde Militanz beider Seiten eine ernsthafte Debatte über Prioritäten. Die grünen und die braunen Würstli versuchen, für ihren politischen Vorteil diejenigen in der Bevölkerung zu rekrutieren, die übers Thema eine grosse Meinung, aber davon keine Ahnung haben.

Es wird Zeit, dass der Rest an die Arbeit geht.

 

Jörg Kachelmann ist Unternehmer und Meteorologe www.kachelmannwetter.com

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Kommentare

Thomas Staub

07.08.2019|03:55 Uhr

Kachelmann wieder einmal brillant. Immer mehr wird mir klar, warum man diesen Spieler rausnehmen wollte. Mit falschen Anschuldigungen. Weil er als populäre Figur dem links-grünen Narrativ widersprochen hat. Gebt dem Mann wieder eine Plattform, gerade in der WW.

Juerg von Burg

12.07.2019|09:23 Uhr

Etwas schräg der Artikel. "Eine Position in der Mitte, wie ich sie für mich sehe (mit dem Professor Knutti als wissenschaftlichem Leuchtturm)". Das soll die Mitte sein?In den exakten Wissenschaften gibt es keine Leuchttürme! Das ist ein Kennzeichen von Nichtwissenschaften, da gibt es dann Freudianer, Jungianer mit Freud und Jung als Leuchttürme. Ich glaube nicht, dass Meteorologen mehr vom Klima (physikalisch gesehen) verstehen, als alle anderen, die kein tiefgreifendes physikalisches Wissen haben. Genauso muss man als Meteorologe vorsichtig sein, wenn man Experte in Biologie spielt!

Jürg Brechbühl

10.07.2019|22:09 Uhr

Zitat: "schreiben einen Waldbrand der Hitze zu, als ob es eine Selbstentzündung gäbe" -->> In Sachen Waldbrände gibt es aus Kalifornien Beobachtungen über Selbstentzündungen in Beständen der Pinus contorta (lodgepole pine). Bei sonnigem Wetter verdampfen sie grosse Mengen Kohlenwasserstoffe als zündfähiges Gemisch. Diese Föhrenart ist für die Verjüngung auf Waldbrände angewiesen. Die Zapfen sind mit Harz verklebt, das im Waldbrand schmilzt und die Samen freigibt. Dank der Waldbrände kann die Föhre andere, konkurrenzstärkere Baumarten ausschalten. Jürg Brechbühl, Eggiwil, Diplombiologe Uni Bern

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