Fehlalarm um die Eisbären

In Bezug auf die Arktis haben sich die wissenschaftlichen Auguren gleich doppelt geirrt: Das Eis schmilzt viel schneller als erwartet, doch den Eisbären geht es trotzdem besser denn je.

Vielleicht liegt es daran, dass der Eisbär die erste Art war, die weltweit als vom Aussterben bedroht eingestuft wurde. Bereits 1973 wurde das Tier international unter Schutz gestellt, die Jagd wurde eingeschränkt. Das Programm war ein Erfolg. 1993 wurden weltweit wieder etwa rund 25 000 Exemplare gezählt. Drei Jahre später wurde der Eisbär von der Roten Liste der bedrohten und gefährdeten Arten der IUCN (International Union for Conservation of Nature) gestrichen. Der Eisbär war, so schien es, gerettet.

Im Jahr 2005 jedoch wurden plötzlich neue Bedenken laut. Grundlage dafür war ein prognostizierter Verlust von arktischem Meereis, den man einer vom Menschen verursachten globalen Erwärmung zuschrieb. Auf dieser Grundlage stufte der United States Fish and Wildlife Service (USFWS) 2008 die Eisbären erneut als bedrohte Spezies ein.

Gemäss den Computermodellen sollte sich die globale Zahl der Eisbären bis Mitte des Jahrhunderts um 67 Prozent reduzieren. Die Forscher gingen damals von einer weltweiten Population von 24 500 Tieren aus, von denen bis zum Jahr 2050 nur noch 8100 überlebt haben würden. Bis zum Ende des Jahrhunderts, so die Prognose, sollten die Eisbären fast ausgestorben sein. Die Prognostiker haben sich jedoch geirrt, und zwar doppelt. Erstens: Der dramatische Rückgang des sommerlichen Meereises kam viel früher als erwartet. Bis 2007 war er bereits in vollem Gange. Der Rückgang des Eises um den Nordpol, den man bis 2050 prognostiziert hatte, ist heute schon Realität, Sommer für Sommer. Doch die Eisbären haben daran keinen messbaren Schaden genommen. Ihr Bestand scheint vielmehr zu wachsen.

Die jüngste Erhebung für die Rote Liste der IUCN im Jahr 2015 ergab eine Schätzung von 26 000 Eisbären. Gemäss Umfragen, die seitdem durchgeführt wurden, soll sich die weltweite Gesamtzahl inzwischen auf rund 28 500 erhöht haben. Dies entspräche einer Steigerung von etwa 16 Prozent. Gewiss, diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, da es sich um Hochrechnungen mit einem erheblichen Streubereich handelt.

Doch selbst wenn wir die konservativste Interpretation heranziehen, müssen wir davon ausgehen, dass sich die Population der Eisbären trotz dramatischen Rückgangs des Sommereises nicht verändert hat. Wider Erwarten musste man sogar zur Kenntnis nehmen, dass es den Eisbären in Regionen, in denen der Eisverlust am grössten war – in der Barents- und in der Tschuktschensee –, besser geht denn je. Sie sind reichlich vorhanden, gut in Form, und sie reproduzieren sich gut.

Dagegen ist in der südlichen Beaufortsee vor Alaska seit 2007 ein statistisch signifikanter Rückgang der Eisbärenzahlen zu verzeichnen. Diese Region weist jedoch einzigartige Merkmale auf: Ungefähr alle zehn Jahre wurde im Frühling während zwei bis drei Jahren eine ungewöhnlich dicke Eisdecke registriert. Diese scheint den Eisbären nicht gut zu bekommen.

Den Fehler wiederholt

Der Grund: Das mächtige und verdichtete Eis vertreibt trächtige Robben, bevor die Jungen zur Welt kommen. Dies führt zu Futtermangel für Eisbären. Konkret gab es in den Jahren 1974 bis 1976 und 2004 bis 2006 eine besonders dicke Decke von Frühlingseis, die kurzfristig mit einem markanten Rückgang der Eisbärenzahlen einherging. Das ist kein Zufall. Der Zusammenhang zwischen dem Überleben von Eisbären und der Häufigkeit von Robben in der Beaufortsee ist in der wissenschaftlichen Literatur gut dokumentiert.

Die vorhersehbaren und verheerenden Auswirkungen der dicken Eisdecke im Frühling während der Jahre 2004 bis 2006 wurden jedoch nicht berücksichtigt, als im südlichen Beaufort-Gebiet 2007 die Zahl der Eisbären erhoben wurde. Den genau gleichen Fehler wiederholten die Forscher 2015. Statt das aussergewöhnlich mächtige Frühlingseis zu berücksichtigen, machten sie kurzerhand den sommerlichen Meereisverlust für den dokumentierten Hunger und das schlechte Überleben der Bären verantwortlich.

In Bezug auf die gesamte Arktis ergibt sich ein klares Bild: Trotz einer Reduktion des Sommereises auf fast die Hälfte weist nichts auf einen Rückgang der Bären hin. Viele Bewohner der Arktis klagen vielmehr, dass es mehr Eisbären gibt – und dass diese zusehends ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung darstellen.

 

Dr. Susan Crockford ist Zoologin an der Universität von Victoria (British Columbia, Kanada); sie ist spezialisiert auf holozäne Säugetiere, darunter Eisbären und Walrosse. Ihr neues Buch, «The Polar Bear Catastrophe That Never Happened», ist auf Amazon erhältlich.

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Kommentare

Jürg Brechbühl

15.07.2019|19:03 Uhr

Im Watson gegen diesen Artikel und Susan Crockford: "Falsche Eisbären-Expertin und «Breitbart»-Journalist in der Klima-Beilage der «Weltwoche»" -- Frau Crockford wird infrage gestellt, weil sie nicht selber Eisbären erforsche, von der Erdöllobby gekauft sei und weil sie ein Blog hat. Als wissenschaftliche Quelle nennt Watson eine Publikation, die beschreibt, wie man Klimaskeptiker fertigmachen kann. Man könnte auch einfach schauen, was die Eisbären-Spezialisten aktuell publizieren: Hamilton & Derocher (2018): Assessment of global polar bear abundance and vulnerability (open access).

Jürg Brechbühl

10.07.2019|20:31 Uhr

Ein Lehrbeispiel, was eine gute Ökologin von schlechten Wissenschaftlern unterscheidet: Sie filtert die relevanten Einflussfaktoren heraus. Dazu muss die Biologin die Naturkunde der untersuchten Organismen im Detail kennen (auf Englisch "she knows the natural history") -- An der Uni Bern wurden wir Pflanzenökologen von den Physikern als Phil-Anderthalb verspottet (im Unterschied zu Phil 1 für Geisteswissenschaften und Phil 2 für Naturwissenschaften). Am Ende sind dann diese Physiker die Trottel, die an den natürlichen Systemen scheitern. Jürg Brechbühl, Eggiwil, Diplombiologe Uni Bern

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