Es gibt wichtigere Sorgen

Die Umsetzung des Pariser Abkommens würde jährlich eine Billion Dollar oder mehr kosten und kaum etwas bringen. Mit einem Zehntel des Geldes kann man die wirklichen Probleme der Menschheit angehen, der Nutzen wäre tausendmal höher.

Dieses Jahr werden nach Angaben der Internationalen Energieagentur weltweit 162 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien gesteckt. Es werden also ineffiziente Industrien subventioniert und private Hauseigentümer finanziell gefördert, damit sie Solaranlagen installieren. Darüber hinaus wird uns das Pariser Klimaabkommen bis 2030 jährlich 1 Billion Dollar oder mehr kosten.

Wir müssen den Klimawandel wirkungsvoll angehen, sollten aber berücksichtigen, dass es für die Menschen noch viele andere Probleme gibt, die sie noch dringender gelöst haben möchten. Eine grossangelegte Befragung der Uno unter fast zehn Millionen Menschen hat ergeben, dass ihnen der Klimawandel von allen sechzehn genannten Herausforderungen am wenigsten vordringlich erscheint. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen, kaum überraschend, Anliegen wie bessere Bildung, bessere Gesundheitsversorgung und Zugang zu guter Ernährung.

Würde es voll umgesetzt, würde das Pariser Abkommen – errechnet aufgrund der tonangebenden klimaökonomischen Modelle – das Wirtschaftswachstum jedes Jahr um eine Billion Dollar oder mehr verringern und damit etwa halbieren. Unsere Antwort auf den Klimawandel kostet derart viel, weil alternative Energiequellen in den meisten Szenarien noch immer sehr hohe Preise haben und ineffizient sind. Die Abkehr von fossilen Energieträgern ist weiterhin sehr teuer – und so werden Unsummen in Subventionen gesteckt, die unter dem Strich wenig bringen.

Obwohl das Pariser Abkommen ein Vermögen kostet, wird es praktisch keine Auswirkungen auf die globalen Temperaturen haben. Nach Schätzungen der Uno-Klimarahmenkonvention würden, selbst wenn jedes Land die vorgesehenen CO2-Einsparungen vollumfänglich umsetzte, die CO2-Emissionen nur um 1 Prozent der Menge reduziert, die nötig wäre, um den Temperaturanstieg unter 2 Grad Celsius zu halten.

Gibt es bessere Wege? Als 27 der renommiertesten Klimaökonomen und drei Nobelpreisträger seinerzeit im Rahmen des «Copenhagen Consensus» die ganze Palette der möglichen Klimalösungen unter die Lupe nahmen, kamen sie zum Schluss, dass die gegenwärtige Politik, fossile Energieträger möglichst teuer zu machen, sehr ineffizient ist. Sie wird sehr wahrscheinlich auch scheitern, denn die Bürger in den meisten Ländern sind nicht bereit, die durch diese Politik hervorgerufene Explosion der Energiepreise zu akzeptieren. Die Protestaktionen der Gelbwesten in Frankreich oder die Wahlen in den Philippinen, in Amerika und Australien, wo Politiker an die Macht kamen, die eine solche Politik vehement ablehnen, zeigen bereits, dass die Menschen aufbegehren.

Investitionen in grüne Energieträger

Eine sinnvolle Klimapolitik würde Indien und China mit an Bord holen und die Entwicklung von grüner Energie vorantreiben. Das würden die Wähler akzeptieren. Wir müssen erreichen, dass emissionsfreie Energieträger billiger werden als fossile Brennstoffe. Auf diese Weise könnte jedes Land der Welt sich die Umstellung leisten und diese auch in Angriff nehmen. Dafür ist eine gewaltige Steigerung der Forschungsinvestitionen erforderlich. Am Rand des Pariser Klimagipfels 2015 versprachen zwanzig Staats- und Regierungschefs, die Ausgaben für die Entwicklung grüner Energieträger bis 2020 auf 30 Milliarden Dollar zu verdoppeln. Daten der Internationalen Energieagentur zeigen jedoch, dass die reichen OECD-Staaten ihre Ausgaben nicht erhöht haben – sie liegen zurzeit bei knapp 16 Milliarden Dollar.

Die Politiker sollten sich zu einem Anstieg der Forschungsausgaben um 84 Milliarden Dollar pro Jahr verpflichten. Damit liessen sich all jene Umwelttechnologien entwickeln, die die fossilen Brennstoffe dann wirklich aus dem Markt drängen können. Zudem stünde daneben aber auch mehr Geld zur Verfügung, um all die anderen Probleme zu lösen, die für die Menschen noch viel wichtiger sind.

Mein Think-Tank, das Copenhagen Consensus Center, hat sich mit den Teams von fünfzig namhaften Ökonomen und mehreren Nobelpreisträgern zusammengesetzt, um die «Sustainable Development Goals», die Nachhaltigkeitsziele der Uno für 2030, zu durchleuchten und zu ermitteln, welche davon am hilfreichsten sind. Das Ergebnis war klar: Statt sämtliche Ressourcen für eine wirkungslose Klimapolitik zu verpulvern, müssen wir den Klimawandel mit viel effizienteren Methoden angehen und daneben mit dem Geld, das wir so sparen, die vielen anderen Probleme zu lösen versuchen. Welche sind das?

Zu den besten Investitionen, die man tätigen kann, zählt der Zugang zu Verhütung und Familienplanung. Heutzutage können 215 Millionen Frauen nicht selber entscheiden, wann und in welchem Abstand sie wie viele Kinder bekommen. Das ist von enormer Tragweite, weil ungewollte Schwangerschaften für junge Mütter riskant sind. Bessere Familienplanung heisst sodann, dass Eltern mehr in jedes einzelne Kind investieren können, dass die Kindersterblichkeit sinkt und die Kinder eine bessere Bildung erhalten. Und wenn weniger Kinder pro Jahr geboren werden, wird jedes Kind Zugang zu mehr Kapital haben, was wiederum das Wirtschaftswachstum stärkt.

Bessere Ernährung

Ein praktisch uneingeschränkter Zugang zu Verhütungsmitteln würde jährlich 3,6 Milliarden Dollar kosten, aber wenn Frauen ihre Schwangerschaften selber bestimmen könnten, würden 150 000 Mütter weniger im Kindbett sterben und es gäbe 600 000 weniger Waisen pro Jahr. Diese «demografische Dividende» würde das Wirtschaftswachstum anregen, jeder ausgegebene Franken hätte einen sozialen Nutzen im Wert von 120 Franken.

Ein weiteres Gebiet, auf dem man mit geringen Beträgen besonders grosse und dauerhafte Wirkungen erzielen kann, ist die Ernährung. Seit den 1980er Jahren nimmt der Westen das Problem Hunger nur dann wahr, wenn die Medien in Regionen einfallen, die von katastrophalen Hungersnöten heimgesucht werden. Fotos von wartenden Geiern neben einem unterernährten Kind führen dazu, dass wir Lebensmittel schicken, oft viel zu spät. Derlei Aktionen nützen jedoch wenig, weil es sehr teuer ist, Menschen dauerhaft mit Lebensmitteln zu versorgen, und weil die Ursache des Übels nicht beseitigt wird. Sinnvoller wäre es, den Fokus auf zwei essenzielle Dinge zu richten.

Erstens sollten wir uns auf Schwangere und Kleinkinder in den ersten tausend Lebenstagen konzentrieren, also auf die entscheidende Phase von deren geistiger Entwicklung. Eine bahnbrechende Studie, die in Guatemala in den 1960er Jahren durchgeführt wurde, zeigt, dass Investitionen in bessere Ernährung in dieser Frühphase ein ganz anderes Leben ermöglichen – sie führen zu besserer Bildung, besseren Jobs, ja sogar zu stabileren Ehen. Mit nur 100 Dollar kann man erreichen, dass ein Kind kräftiger und klüger wird, dass es länger in die Schule geht und letztlich ein produktiveres Mitglied der Gesellschaft wird. Solche Kinder können ein um 60 Prozent höheres Lebenseinkommen erzielen. Der Nutzen aus dieser Investition entspricht durchschnittlich dem 45-fachen der Kosten. Dafür sind insgesamt 10 Milliarden Dollar pro Jahr nötig.

Zweitens muss, um die Ernährung der Menschheit nachhaltig zu verbessern, mehr in die Agrarforschung investiert werden, damit Bauern wertvollere und robustere Nahrungsmittel anbauen können, besonders in Entwicklungsländern und fragilen Gebieten. Diese Investitionen können zu höheren Ernteerträgen führen, auch durch verstärkten Einsatz von besserem (zum Teil genetisch verändertem) Saatgut, das Bauern in die Lage versetzt, besser mit den Klimaveränderungen zurechtzukommen. Auf diese Weise bekämpfen wir auch den Hunger unter den Ärmsten. Mit einem Aufwand von 2,5 Milliarden Dollar jährlich lassen sich Vorteile im Wert von 85 Milliarden Dollar erzielen. Der soziale Nutzen eines jeden ausgegebenen Frankens für mehr Ernährungssicherheit, sinkende Nahrungsmittelpreise und andere Vorteile beliefe sich auf 35 Franken.

Die gefährlichste Infektionskrankheit ist nicht Aids oder Malaria, sondern Tuberkulose (Tbc). Früher war Tbc in wohlhabenden Ländern eine verbreitete Erscheinung, in den vergangenen 200 Jahren fielen ihr eine Milliarde Menschen zum Opfer. Doch seit einem Jahrhundert ist Tbc in den entwickelten Ländern weitgehend ausgerottet. Deshalb interessiert sich heutzutage kaum jemand für diese Krankheit, und zu ihrer Bekämpfung werden nur schlappe 1,7 Milliarden Dollar jährlich bereitgestellt, 4,6 Prozent der Entwicklungshilfe im Gesundheitssektor. Es ist eine Krankheit, die man erkennen und behandeln kann – und wir wissen, dass viele Tuberkulosekranke therapiert und Todesfälle oder jahrelange Beeinträchtigungen verhindert werden können. Eine Reduktion von Tbc-Todesfällen um 90 Prozent würde jährlich 8 Milliarden Dollar kosten, aber 1,3 Millionen Menschen das Leben retten. Der soziale Nutzen pro eingesetzten Franken beliefe sich auf 43 Franken.

Das wirkungsvollste Instrument indessen, mit dem Regierungen das Leben der Menschen verbessern können, würde praktisch nichts kosten – freier Handel. In den vergangenen 25 Jahren hat China durch Handel 680 Millionen Menschen vom Hunger befreit, und vergleichbare Entwicklungen sind aus Indonesien, Chile und anderen Ländern bekannt.

Echter globaler Freihandel böte Vorteile für jedes einzelne Land. Der Abbau von Handelsschranken ist der beste Weg, extreme Armut zu verringern, weit wirkungsvoller als Hilfsgelder aus dem reichen Westen. Laut einer Studie des Copenhagen Consensus würde ein vollständig umgesetztes Welthandelsabkommen die Welt bis 2030 um 11 Billionen Dollar reicher machen. Davon würden vor allem die Ärmsten der Welt profitieren. In den Entwicklungsländern entspräche dieser Zuwachs an Reichtum dem Betrag von jährlich 1000 Dollar pro Person bis 2030. Allein dadurch könnte die Zahl der Menschen, die in Armut leben, in nur elf Jahren um 145 Millionen verringert werden. Die jährlichen Kosten würden sich auf 20 Milliarden Dollar an Entschädigungszahlungen für solche Sektoren belaufen, die auf der Verliererseite stünden und sich gegen ein Welthandelsabkommen sperren – etwa Bauern in reichen Ländern.

Die Liste liesse sich fortsetzen: Mit 500 Millionen Dollar jährlich für verbesserte Präventionsmassnahmen könnte man die Zahl der Malariainfektionen halbieren, für 6 Milliarden Dollar könnte man dreimal mehr Kindern in Afrika Zugang zu einem Kindergarten ermöglichen, und für 9 Milliarden Dollar könnten wir jedem afrikanischen Kind den Besuch einer Primarschule ermöglichen. Für weniger als 3 Milliarden Dollar liesse sich der Rückgang der weltweiten Korallenriffe auf die Hälfte reduzieren. Und für 14 Milliarden Dollar könnten wir zwei Millionen Babys jährlich vor dem Tod bewahren, wenn Schwangere wichtige Nährstoffe erhalten, Vorsorgeangebote nutzen, unter hygienischen Verhältnissen entbinden und für die Kinder anschliessend die bestmögliche Gesundheitsversorgung erhalten würden.

In Panik Unsummen ausgeben

All diese Massnahmen zusammen würden insgesamt 78 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Zusammen mit den 84 Milliarden Dollar für die Entwicklung grüner Energieträger ergibt das einen Gesamtbetrag von 162 Milliarden Dollar – genau die Summe, die wir dieses Jahr fürs Subventionieren ineffizienter erneuerbarer Energien ausgeben.Insgesamt beliefe sich der Nutzen der vorgeschlagenen Massnahmen auf etwa 42 Billionen Dollar. Das entspräche einer Steigerung des globalen Durchschnittseinkommens um 50 Prozent, und davon würden vor allem die Ärmsten der Welt profitieren. Klar, man kann das bleiben lassen und dafür das Zehnfache ausgeben für ein Pariser Abkommen, das durch geringfügig verringerte Temperaturen etwa einen Tausendstel des Nutzens der obigen Massnahmen bringt.

Die Sache ist völlig klar: Wollen wir als die Generation in die Geschichte eingehen, die panisch reagierte und Unsummen ausgab, um sich gut zu fühlen, tatsächlich aber wenig bewirkte, ineffiziente Solaranlagen subventionierte und eine geringfügige Reduzierung von CO2-Emissionen versprach – oder als diejenige, die neben dem Klimawandel auch all die anderen Herausforderungen der Menschheit entschlossen anpackte?

 

Bjørn Lomborg ist ein dänischer Politikwissenschaftler und Statistiker sowie Direktor des Think-Tank Copenhagen Consensus Center.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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Kommentare

Günther Tropschuh

13.07.2019|18:09 Uhr

Wir wollen mit unserem Klimaschutz die Welt retten. Wir sollten aufhören, die Entwicklungsländer zu hofieren. Und den Gesang der Besucher an der UNO und den Klimakonferenzen zu stoppen. Wer sagt diesen Profiteuren, was sie machen müssen. Wer bringt die jungen - offensichtlich intelligenten Asylanten zur Arbeit. Günther Tropschuh, Seengen

Yvonne Flückiger

11.07.2019|20:23 Uhr

@ Heidi Cervantes, das ist natürlich richtig, was sie sagen. Die Mentalität und die Altersversorgung gehen jedoch Hand in Hand mit höherer Bildung. Auch bei Männern. Vielleicht braucht es halt mancherorts noch 1 - 2 Generationen. Trotzdem sind die Überlegungen von Herrn Lomborg richtig und überdenkenswert und sicher besser für die Menschen, die Umwelt und S'Klima, als die panischen Schnellschüsse und Geldverteilungen im Namen der Klimarettung. Bekanntlich spielt alles zusammen. Klima, Mensch, Umwelt, Bildung, Hunger und Handel.

Heidi Cervantes

11.07.2019|07:55 Uhr

Allein schon die Aussage "Ein praktisch uneingeschränkter Zugang zu Verhütungsmitteln würde jährlich 3,6 Milliarden Dollar kosten, aber wenn Frauen ihre Schwangerschaften selber bestimmen könnten..." ist reichlich unrealistisch. Selbst wenn sie die Verhütungsmittel hätten, könnten die Frauen, auf die es ankommt, ihre Schwangerschaften nicht selbst bestimmen! Da müssten sich gleichzeitig gewisse Mentalitäten ändern und eine Altersvorsorge existieren. Aber der Freihandel wird wohl auch dieses Problem richten, zumindest in Thintanker Lomborgs Vorstellungen.

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