Alt, weiss und weise

Politisch inkorrekte Komik ist in einer von Überempfindlichkeit geprägten Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss. Harald Schmidt hat das längst erkannt.

Keine Frage, als politisch inkorrekter, zynischer alter weisser Mann ist Harald Schmidt für das zeitgenössische Empörten-Milieu der Oberwiderling. Und dieses Image hat der Entertainer vergangene Woche im Interview auf ORF 3 bei «Kultur Heute» gebührend zementiert. Über die neue Männerrolle meinte er: «Man ist eigentlich in Deutschland verpflichtet, zu sagen: Der grösste Moment in meinem Leben war, als ich bei der Geburt meines Kindes dabei war. Das ist Pflicht.» Über sein Rollenverständnis als fünffacher Familienvater: «Sehr traditionell. Um es klar zu formulieren: Ich habe mich nie zum Familientrottel machen lassen. Oder wie ich es nenne: Kategorie Daddy Weichei.» Der «Mitt- bis Enddreissiger mit Struwwelpudelmütze» krieche dem «vollgekotzten Baby im Hip-Café auf allen vieren hinterher». Das sei nicht seine Welt. Die Zeitung Der Standard hat darüber berichtet.

Schmidts gepflegte Arroganz – man muss sie nicht mögen. Persönlich bin ich kein ausgewiesener Schmidt-Fan, aber seine damaligen Late-Night-Shows habe ich gerne geschaut. «Familientrottel»: Anhand der Reaktionen bei Twitter liess sich feststellen, dass bei dem Wort eine Trigger-Warnung wichtig gewesen wäre. Die Truppe der schnell Beleidigten (darunter Familienväter, aber auch andere) fühlte sich angesprochen und äusserte ihr Verdikt umgehend und in routinierter Oberlehrer-Manier: Das sei nicht politisch unkorrekt, sondern das sei unsolidarisch, unfair, man habe Mitleid mit Schmidt, der so viel Schönes verpasst habe, und auch mit seiner Frau, für die das alles furchtbar belastend gewesen sein muss.

«Mit den heutigen Massstäben, auch der Political Correctness, der Sprachpolizei und des linksliberalen Mainstreams hätte ich meine Show nach einer Woche abgenommen bekommen», sagte Schmidt in dem Interview weiter. Natürlich hat er längst erkannt, dass sich, gerade für seinen Berufsstand, vieles auf Kosten von künstlerischer Freiheit, Humor und Spontaneität verändert hat und man sprachlich bedeutend eingeschränkter ist. Vermutlich empfindet er eine gewisse Genugtuung darüber, seine besten Comedy-Jahre hinter sich und sich satirisch ausgetobt zu haben, in einer Zeit, da Humor einfach nur als Humor verstanden wurde und Witze nicht aufs kollektiv gekränkte Nervensystem gedrückt haben. Dass in den USA und Grossbritannien Comedians heute mancherorts vor einem Gig eine «Verhaltens-Vereinbarung» unterschreiben müssen, die sie verpflichtet, keine Witze über Dinge wie Religion zu machen und ihre Sprüche «respektvoll und nett» zu formulieren (kein Scherz), muss für ihn der reinste Hohn sein.

Von Chris Rock bis Jerry Seinfeld, viele Star-Comedians sind der Meinung, dass politische Korrektheit Comedy zerstört. Der Brite John Cleese (Monty Python) sagte einmal im Interview mit Bill Maher, dass er aufgehört habe, rassenbezogene Witze zu machen, nachdem das Publikum wegen Scherzen über Mexikaner wütend geworden war: «Du kannst Witze machen über Schweden, Deutsche, Franzosen, Engländer, Kanadier und Amerikaner – warum können wir keine Witze über Mexikaner machen? Ist es, weil sie so schwach sind und nicht selbst auf sich aufpassen können? Das ist sehr, sehr herablassend.» Amy Schumer, Dieter Nuhr, Birgit Steinegger und Michael Elsener, allen wurde schon Rassismus vorgeworfen, Letzterem, weil er Secondos aus dem Balkan parodierte. Ricky Gervais lässt sich seinen britischen Humor trotz teilweise harter Kritik nicht beschränken. Auf Twitter schrieb er: «Hört auf, zu sagen, man könne nicht mehr über alles Witze machen. Man kann über alles Witze reissen. Einige Leute werden es nicht mögen, und sie werden es dir sagen. Und dann ist es an dir, ob du einen f*** gibst oder nicht. Es ist ein gutes System.»

 

Wer die Kritik aushält, macht eben weiter, die anderen passen ihre Show dem sensibleren Publikum an. Das Problem ist halt: Wenn Witze über Frauen oder Minderheitengruppen höchstens noch in gezähmter Form möglich sind und weil sich heute praktisch jeder zu irgendeiner diskriminierten Minderheitengruppe zählt, bleibt nur der weisse Hetero-Mann übrig – die Comedy der Zukunft ist also so prickelnd wie ein Nature-Jogurt.

Auch dürfte das Gag-Schreiben mit Rassismus/Sexismus-Warnsystem im Hinterkopf nicht allzu befriedigend sein. Neil deGrasse Tyson, Astrophysiker und populärer Debattenredner, erklärt in einem Youtube-Video, wie man mit überempfindlichen Menschen in einem Publikum umgehen sollte: «Wenn man Worte oder Aussagen benützt, die jemand als kränkend empfinden könnte, sollte man Sätze darum bilden und sie auf eine Art formen, dass sie kugelsicher sind gegen Missverständnisse oder Missbrauch.» Die Empfehlung ist zwar nicht auf Comedy bezogen, offenbart aber das Dilemma.

Damit sich also kein einziger Zuschauer beleidigt fühlt, sollte ein Komiker eine Pointe heute etwa so aufgleisen: «Mit meinem nächsten Witz möchte ich keinesfalls Frauen herabwürdigen. Ich möchte sie auch nicht auf die gleiche Stufe setzen mit Terroristen. Es sind wertvolle Gesprächspartner, von denen man reichlich lernen kann. Wir sollten Frauen viel mehr zuhören. Und hier der Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einer Frau, die ihre Tage hat? – Mit einem Terroristen kann man noch verhandeln.»

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel. Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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