Trump-Story ohne Brisanz

Wem soll man glauben? Die Frage stellt sich jedes Mal, wenn Frauen prominenten und mächtigen Männern sexuelle Übergriffe vorwerfen. Aber spielt es überhaupt eine Rolle?

Viele Anhänger der #MeToo-Bewegung fordern, dass man Erzählungen von Frauen über sexuellen Missbrauch anstandslos glauben und keine Fragen stellen sollte. Sie gehen davon aus, dass Menschen – nein, falsch, sie wollen davon ausgehen, dass Frauen stets die Wahrheit sagen. Das tun sie selbstverständlich nicht. Frauen können, genau wie Männer, lügen, täuschen, manipulieren, verschlagen und grausam sein.

Wenn Vorfälle viele Jahre zurückliegen, gibt es kaum mehr Spuren oder Zeugen. Dass Opfer von sexualisierter Gewalt manchmal Jahre über einen Vorfall schweigen, ist nachvollziehbar. Lady Gaga hat einmal in der «Late Show» mit Stephen Colbert gesagt: «Das Hirn ändert sich. Es nimmt das Trauma, stellt es in eine Kiste und sperrt es weg, so dass wir den Schmerz überleben können.» Irgendwann könne man durch ein Ereignis getriggert werden und dadurch sein Schweigen brechen.

Ob und wodurch E. Jean Carroll getriggert wurde, ist nicht bekannt. Jetzt aber spricht sie, nach über zwei Jahrzehnten – und könnte sie nur einen reellen Beweis für ihre Geschichte liefern, besässe sie Sprengkraft. So aber ist es irgendwie halt einfach eine Story mehr, leider. Leute stumpfen ab. Es tritt das Gegenteil ein von dem, was #MeToo bewirken sollte: Jeder neuen, unbewiesenen Anschuldigung, die vor langer Zeit stattgefunden hat, zu einem bestimmten Zeitpunkt an die Öffentlichkeit getragen wird und aus Mangel an Beweisen wohl ungeklärt bleiben wird, schenken weniger Menschen Gehör. Die Bereitschaft hinzuhören hat sich irgendwann erschöpft, die Anteilnahme schlägt bei manchen sogar um in Antipathie.

Die 75-Jährige sagt, Donald Trump habe sie vor 23 oder 24 Jahren, sie weiss es nicht mehr genau, sexuell missbraucht. Es sei in einem Kaufhaus geschehen, sie habe ihn bei einem Body beraten, habe scherzhaft gemeint, er solle das Teil selbst anprobieren, sie waren in einer Umkleidekabine, in die sie mit ihm freiwillig hineingegangen sei. Trump habe sie dann gegen die Wand gedrückt, ihre Strumpfhosen heruntergezogen und «seine Finger in meine private Zone gedrängt, seinen Penis halb eingestossen – oder ganz, ich bin mir nicht sicher» (New York Times). Sie konnte fliehen. Carroll erzählt von dem Vorfall in verschiedenen US-Shows, auf dem Cover des New York-Magazins ist sie abgebildet, wie sie sagt, in demselben Mantel, den sie bei dem Angriff getragen habe. Trump weist die Vorwürfe zurück.

Ich bin kein Trump-Fan. Ich halte ihn für einen selbstbesessenen, teilweise rücksichtslosen, auch gespenstischen Zeitgenossen. Sein «Grab them by the pussy» ist Beweis genug für eine despektierliche Haltung gegenüber Frauen, und schon alleine deswegen scheint die Vorstellung eines Donald Trump, der vor zwei Jahrzehnten gewaltsam Sex erzwingen wollte, nicht völlig unrealistisch. Es ist allemal einfacher, diesen Mann als Täter zu sehen, als die Aussagen der Frau anzuzweifeln. Und trotzdem: Ich weiss nicht, ob ich ihren Anschuldigungen glauben soll.

Carroll ist eine Art Ratgeber-Ikone aus den Neunzigern, seit 1993 schreibt sie bei Elle eine Kolumne. Tausende Frauen haben ihre Texte gelesen, sie um Rat gefragt. «Wenn immer möglich, ringe dich durch und melde es sofort der Polizei. Egal, wie schwierig es in dem Moment ist, später wird alles noch schwieriger.» Wahrscheinlich wäre das die Empfehlung, die sie jemandem nach einem sexuellen Übergriff geben würde – meine wäre es. Die gewiefte Schreiberin aber ging nach dem Vorfall nicht zur Polizei, schloss sich vor zwei Jahren auch nicht den Frauen an, die Trump damals öffentlich des sexuellen Übergriffs bezichtigten. Stattdessen schrieb sie ein Buch: «What Do We Need Men For?» Rein zufällig kommt es Anfang Juli auf den Markt.

Als eine CNN-Moderatorin sie fragte, was genau sie mit ihrer Geschichte erreichen wolle, da sie ja «offenbar daran interessiert sei, Bücher zu verkaufen», fällt ihr Carroll ins Wort: «Ich will die Kultur ändern.» Die Art, wie wir Frauen sähen. Im CNN-Interview mit Anderson Cooper sagt sie über diese Kultur etwas ziemlich Verworrenes: «I think, most people think of rape as being sexy» – die meisten Leute denken, Vergewaltigung sei sexy. Laut der US-Website Newsbusters haben die Sender ABC, CBS und NBC in ihrer Berichterstattung über besagtes Cooper-Interview diese Bemerkung von Carroll, die nicht wirklich zu ihrer Glaubwürdigkeit beiträgt, ausgelassen. Verwunderlich ist das nicht, Anti-Trumpness gehört zum guten Ton; die üblichen Trump-Hater wie Schauspielerin Rosie O’Donnell verdammen den US-Präsidenten mit dem ekelhaften Hashtag #Trumprapes via Twitter.

Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs müssen ernst genommen werden. Und es ist legitim, sich auch ohne Beweise eine Meinung zu bilden – es liegt in unserer Natur, dass wir von emotionsgeladener Parteilichkeit ergriffen sind und Dinge glauben, die uns als sehr wahrscheinlich erscheinen – oder einfach, weil wir sie glauben wollen. Nur hat eben auch eine verhasste Person das Recht auf Anhörung und einen Prozess – und ich bin überzeugt, dass es möglich ist, einem mutmasslichen Opfer zuzuhören und gleichzeitig Beweise abzuwarten –, bevor man sich öffentlich zum Scharfrichter erhebt. Anteilnahme und Zweifel schliessen sich nicht per se aus. Bei diesem Fall kann man nur auf eine Untersuchung hoffen.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

Lesen Sie auch

Faust im Nacken

Wahlkampf: Favorit Biden ist angezählt. Ein neuer Star trumpft auf....

Von Amy Holmes
Jetzt anmelden & lesen

Chantage

En Europe, on tire de nouveau à balles réelles. Sur la Suisse...

De Roger Köppel

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier